Obwohl Yoga weltweit eine grössere Akzeptanz findet als Tantra, muss man zugleich wissen,
dass Yoga ein Nebenzweig, ein Teil von Tantra ist. Wir können deshalb erkennen dass viele
Komponenten des Tantra, wie etwa Mantra und die Konzentration auf ein Yantra, Bestandteil
der yogischen Tradition sind. Die Definition von Yoga ist, die Einheit von Körper, Verstand und
Geist zu erfahren. Diese drei Erfahrungszustände sind ein integraler Bestandteil der
menschlichen Entwicklung.
Die gesamte Struktur des Yogas ist unermesslich. Sie ermöglicht uns ein Verständnis dafür, wie
der physische Körper funktioniert und wie wir die Energien aktiv in unserer physischen Dimen
sion leiten können. Das ist das Wissen um Annamaya und Pranamaya Kosha. Sie ermöglicht
uns ein Verständnis der Energien und der Funktionen der verschiedenen Eigenschaften des
Verstandes; das ist das Wissen um Manomaya Kosha. Sie ermöglicht uns ein Verständnis über
das menschliche Bewusstsein, nicht nur in seiner begrenzten Form, sondern auch in seiner
kosmischen, universellen Form; das ist das Wissen um Vijnanamaya Kosha. Und sie ermöglicht
uns die Erkenntnis, dass unsere wahre, essentielle Natur nicht auf die weltliche, sensorische
und sinnliche Erfahrung beschränkt ist, sondern, dass es über die Sinne hinaus eine Dimension
gibt, in der wir die optimale, homogene und integrative Form des menschlichen Bewusstsein
erfahren. Eine Dimension, in der Schmerz und Leid, entstehend im Zusammenhang mit der
Dimension von Namen, Formen und Ideen, nicht existiert, sondern Einsicht, Erfahrung und
gelebte Glückseligkeit herrscht; das ist das Wissen um Anandamaya Kosha.
Um eine Einsicht in diese verschiedenen Dimensionen der menschlichen Erfahrung zu ermögli
chen, nutzt Yoga unterschiedliche Techniken. Gewisse sind eigene Techniken, andere kommen
aus dem übergeordneten Wissenskörper, dem Tantra, wieder andere aus den Traditionen des
Vedanta und Samkhya. Tatsächlich ist Yoga der Faden, der die verschiedenen Gedanken
systeme, Traditionen und Philosophien zusammenbringt. Eine Mala besteht aus einzelnen
Perlen, doch sind diese mit einem Faden zusammengebunden. Genauso wie Tantra, Samkhya,
Vedanta und andere Philosophien als individuell und eigenständig angesehen werden. Was sie
für die menschliche Verwendbarkeit sinnvoll macht, ist das Element Yoga, das sie zusammen
bringt und ein klares Bild der Vorstellungen, Philosophien, Techniken und Prinzipien dieser
verschiedenen Gedankensysteme schafft. Zu denken, dass Yoga ein unabhängiges und indivi
duelles Glaubenssystem oder Philosophie ist, ist deshalb unangebracht und wird dem Ziel und
Zweck des Yogas nicht gerecht.
Mantra
Die Aufgabe des Mantras ist es, die geistige Dimension von ihrem selbst erschaffenen Zwang
zu befreien. Das ist die Definition des Wortes Mantra. Mantra ist die Kraft, die den Geist von der
Macht der Illusion und Ignoranz befreien kann und den Horizont erweitert, um seine wahre
Natur erfahrbar zu machen. In diesem Zusammenhang wird das Mantra mit der Verwirklichung
von Manomaya Kosha verbunden. Es sind nicht nur Klänge und Worte mit Kraft, die mit ver
schiedenen Gottheiten in Verbindung gebracht werden. Mantras haben verschiedene Bedeu
tungen; manche sind yogische Mantras, andere sind universelle Mantras, wieder andere sind
religiöse Mantras. Wir erschufen diese unterschiedlichen Assoziationen zu einer bestimmten
Person, einem Konzept oder einem Glauben, doch existierten diese Mantras schon bevor wir
dazu in der Lage waren, unsere eigenen Assoziationen zu schaffen.
Mantras wurden in jeder Kultur und Tradition, sei es Hinduismus, Islam, Christentum, Vedanta
oder Samkhya, anerkannt. So lautet es im christlichen Gedanken: „Am Anfang war das Wort
und das Wort war mit Gott.“ Das Wort ist das Mantra. Gemäß des Upanishadischen Gedankens
ist es das „Om“. Die Mandukyopanishad stellt in ihrem ersten Vers fest:
Omityetatadaksharamidam Sarvam Tasyopavyaakhyaanam
Bhootam Bhavadbhavishyaditi Sarvamonkaara Eva,
was folgendes bedeutet: „Das Wort Om, der uranfängliche Klang, repräsentiert Vergangenheit,
Gegenwart, Zukunft und Unendlichkeit.“ Das sind einige Eigenschaften des Klanges Om. Auf
diese Weise wirst du feststellen, wenn du die verschiedenen Traditionen betrachtest, dass das
Konzept von Mantra schon existierte bevor die menschlichen Wesen auf diesem Planeten
erschaffen wurden.
Mantra stellt die göttliche, kosmische Energie, die transformierende, übermenschliche Kraft
dar. Wörter übermitteln immer eine Bedeutung. Klänge übermitteln immer eine Bedeutung; sie
haben eine bestimmt Höhe, Frequenz und Vibration. Diese Höhe, Frequenz und Vibration wird
vom menschlichen Geist verstanden, nicht nur intellektuell sondern auch psychisch. Die
Menschen haben den Fehler gemacht zu versuchen, alles mit Hilfe des Intellekts zu rationali
sieren. Das ist der größte Fehler, den ein Mensch machen kann. Der Intellekt ist nur ein
Bestandteil des Geistes. Es gibt viele Bestandteile und Eigenschaften des Geistes, welche die
vom Individuum aufgenommen Informationen in Form von Wörtern, Vibrationen und in der Form
der bestehenden Umwelt, empfangen, filtern und verarbeiten. So, der Punkt der hervorgehoben
werden muss ist, dass das Mantra ein kraftvolles, transformatives Werkzeug ist.
Yantras
Yantras sind ebenfalls mächtige Symbole des tiefen Unbewussten; sie sind Symbole der
psychischen Persönlichkeit. So wie wir mit unserem Wachbewusstsein Bilder mit Objekten in
unserer Welt in Verbindung bringen können, genauso repräsentieren Yantras Symbole, die in
der Schöpfung enthalten sind, die Archetypen des menschlichen Bewusstseins sind und das
Wachstum des menschlichen Geistes repräsentieren. Es wurde noch nicht viel Aufwand
betrieben um die wirkliche Bedeutung von Yantras zu verstehen, weil unser gegenwärtiger
Verstand limitiert ist. Yantras sind die eigentlichen Symbole, die das Individuum mit dem
wahrhaftigen Bewusstsein verbinden. Yantras sind Werkzeuge, mit dem du das transzendente
Bewusstsein erfahren kannst. Die Verwendung von Yantra im Yoga ist dazu da, die
Verwirklichung von Vijnanamaya Kosha zu ermöglichen.
Tantra ist definitiv der Vater von Yoga, doch unglücklicherweise wird Tantra im heutigen,
sozialen System und der heutigen Glaubensstruktur falsch verstanden. Es gab einen Zerfall
unserer Glaubensstruktur und das gilt für alle Bereiche unseres Lebens. Wir sind nicht fähig,
die Essenz von Religion oder die Essenz von Philosophie zu erkennen, wir sind nicht einmal in
der Lage zu wissen, was normale menschliche Beziehungen sind. Unsere Glaubensstruktur
dreht sich um das menschliche Individuum – was „ICH“ als wahr ansehe – das ist alles. Es gibt
keine Anerkennung mehr dafür, was wirklich und universell anwendbar ist, es gibt nur
Akzeptanz für das, was „ICH“ für mich als angemessen finde, und nichts darüber hinaus. In
Folge von selbst geschaffenem Ungleichgewicht, Disharmonie und Egoismus sind wir nicht in
der Lage, die Wahrheit hinter dem Schein zu sehen.
Das geschah mit Tantra. Viele Leute denken heute, dass Tantra eine Praxis sei, die Wein
trinken, Fleisch essen, Geschlechtsverkehr und die Anwendung von Mantra und Yantra um
andere zu kontrollieren und manipulieren, beinhalte. Leute verbinden Tantra mit Magie – gute
und schlechte – je nach dem wie man Gebrauch davon macht. Wie auch immer, Tantra hat drei
Aspekte: sattwisch, rajasisch und tamasisch. Tamasisches Tantra kann mit Manipulation und
Macht verbunden werden. Rajasisches Tantra wird mit persönlichen Projektionen assoziiert.
Sattwisches Tantra ist einzig alleine ein Werkzeug, um die eigenen Beschränkungen zu
transzendieren. Unglücklicherweise wird in der Welt heute nur tamasisches Tantra als Tantra
wahrgenommen. Sattwisches Tantra ist das lohnenswerte, doch nur wenige Menschen wissen
davon.
Trotzdem ist Yoga ein Teil von Tantra. Tatsächlich gibt es ein System im Tantra, das als
Yogachara, auf die yogische Weise leben, bekannt ist. Alle Yogapraktiken, sei es Hatha Yoga,
Raja Yoga, Patanjalis Yoga, Sivanadas Yoga, das Satyananda oder Iyengar Yoga System, alle
fallen unter die Kategorie von Yogachara. Im Laufe der Zeit, wenn das Bewusstsein der
Menschen steigt, wird vielleicht die wahre Lehre des Tantra wieder ans Licht kommen. Bis
dahin solltest du dein Verständnis von Yoga vervollkommnen.