Category: Artikel von Swami Satyananda

  • Tantra

    Heute erleben wir das Wiedererwachen einer sehr alten Menschheitskultur. Das Ziel und die
    Basis dieser Kultur war, das individuelle Bewusstsein aus den Fesseln der weltlichen oder
    menschlichen Begrenzungen zu befreien und weiterzuentwickeln. Sie stammt aus einer
    vergangenen Zivilisation, die sich den tiefer liegenden Mysterien des Menschseins bewusster
    war. Statt die Geheimnisse der Materie zu entdecken, bevorzugten sie es, die Mysterien des
    Geistes und des Bewusstseins zu ergründen. Jahrhundertelang führten unsere Vorfahren
    dieses Wissen in ruhmreicher Tradition fort. In den letzten Jahrhunderten jedoch hat ein
    dunkles Zeitalter die Menschheit überschattet, in dem wir die materielle Seite des Lebens und
    der Gesellschaft entwickelten, dafür aber den spirituellen oder wichtigeren Teil unseres Lebens
    vollkommen vernachlässigt haben.

    Tantra und der Geist
    Diese alte Kultur basierte auf Tantra, jener Wissenschaft, die sich mit der Ausdehnung des
    Bewusstseins und der Loslösung dieses Bewusstseins von der Materie beschäftigt. So wie der
    Wissenschaftler durch einen Prozess der Spaltung und Verschmelzung Energie von Materie
    trennt, kann der Geist in Tantra durch den Prozess von Spaltung und Verschmelzung verfeinert
    werden. Die tantrischen Lehrer haben den Geist nie als „Gedanken“ definiert, haben ihn
    niemals als „Emotionen“ definiert; der Geist ist weder Gedächtnis noch Emotionen oder
    Gedanken, keine Kalpas oder Sankalpas, Gedanke und Gegengedanke. Der Geist ist nur
    Bewusstsein. Die Emotionen, das Gedächtnis, usw. und die sich verändernden Projektionen
    des Geistes sind nicht der Geist selbst.

    Es gibt zwei große Kräfte, die der menschlichen Existenz zugrunde liegen. Eine ist der Geist,
    die andere ist das Prana. Dieser Geist ist das zentrale Thema von Tantra. Es ist wichtig, dass
    der Geist, der die Eindrücke, das Wissen, die Samskaras etc. in sich trägt, befreit wird, um in
    seiner wahren Natur scheinen zu können. Durch den Weg der tantrischen Meditation können
    wir den Geist auf diese Weise erfahren. Die meisten von uns, die schon mal etwas über den
    Geist gelesen haben, haben eine gewisse Vorstellung von ihm, aber es ist keine Erfahrung, es
    ist nur ein intellektuelles Konzept. Die Yogis jedoch, die den Geist erlebt haben, konnten die
    Kraft erfahren.

    Gehen wir zurück zu Tantra. Die zwei Kräfte, die der menschlichen Existenz zugrunde liegen,
    sind als Shiva und Shakti bekannt. Shiva ist Bewusstsein und Shakti ist Energie. Bewusstsein
    plus Energie ist Existenz. Wenn Bewusstsein und Energie in Kontakt kommen und eine
    Interaktion zwischen ihnen stattfindet, beginnt die Schöpfung. Der tantrische Yogi versucht
    diese beiden Prinzipien, durch das Üben von Dhyana Yoga, aufzuspalten, und auf diese Weise
    ist er in der Lage, Kraft, Wissen und Erfahrung zu erschaffen.

    Natürlich sind Geist und Prana kosmische Kräfte, die in jedem menschlichen Wesen vorhanden
    sind. Sie sind verantwortlich, für das ganze Leben, Handeln und Wissen. Wenn nun Geist und
    Prana nicht ausgeglichen sind, dann ist das ganze Leben im Ungleichgewicht. Deshalb
    werden in Tantra zuallererst die reinigenden Übungen des Hatha Yoga betont und deshalb
    werden sie auch so klar in den tantrischen Schriften aufgeführt. Die Harmonisierung dieser zwei
    Prinzipien und deren Ausgleich, ist als das Gleichgewicht zwischen Ida und Pingala bekannt.
    Lasst mich die Bedeutung von Tantra den Schriften gemäß erklären. Das Wort Tantra ist die
    Kombination von den zwei Begriffen „Ausdehnung“ und „Befreiung“. Wenn wir über die
    Ausdehnung des Geistes sprechen, dann sprechen wir nur von der Ausdehnung des Geistes
    vom äußeren Horizont in die innere Welt. Wenn wir den Geist nach außen, zu den Objekten um
    uns herum, mit der Hilfe der Sinne ausdehnen, erlangen wir ein bestimmtes Wissen, das jedoch
    begrenzt ist. Es gibt andere Dimensionen unserer Existenz, das sind die inneren Ebenen, und
    diese sollten erfahren werden. Aus diesem Grund müssen wir unseren Geist ausweiten, wir
    müssen unsere Aufmerksamkeit für äußere Objekte zu innerer Bewusstheit ausdehnen. Dann
    kommt die Befreiung. Das Wort „Befreiung“ sollte nicht im religiösen Sinne verstanden werden,
    sondern als Befreiung von Energie. So, wie du zunächst in einem subtilen physikalischen
    Prozess Energie von der Materie trennst, auf die gleiche Weise befreist du in Tantra, nach der
    Ausdehnung des Bewusstseins, den Geist. Wenn der Geist von den Fesseln seiner
    Verbindungen mit der Materie befreit ist, wird er homogen. Dann arbeitet er nicht mehr nur
    durch das Medium der Sinne, sondern ist in der Lage, unabhängig und eigenständig zu
    agieren. Mit diesem homogenen Geist wirst du im Erkenntnisprozess weiterschreiten bis zum
    Erkennen der grenzenlosen Realität. Das Ziel von Tantra ist es, den Suchenden zu befähigen,
    die Realität zu erfahren. Es führt uns dabei an den Verwirrung des Intellekts vorbei, und
    berücksichtigt die praktischen Schwierigkeiten des Aspiranten.

    Die Nadis – der Weg zur vollständigen Erfahrung
    Die Nadis sind das Medium für den Bewusstseinsstrom in der physischen Struktur des
    Menschen. Die geistige Energie, die pranische Energie und die spirituelle Energie durchfließen
    den Körper mittels des Mediums der Nadis. Die Nadis sind keine Nerven, wortgetreu bedeutet
    Nadi „Fließen“, so wie Strom durch Kabel fließt. So wie negative und positive elektrische
    Energie durch komplexe Kabelsysteme strömt, in der gleichen Art und Weise fließen Prana
    Shakti und mentale Shakti (Manas Shakti) durch die als Nadi bekannten Medien in alle Teile
    des Körpers. Von den 72’000 Nadis im Körper werden drei als die Wichtigsten betrachtet.
    Diese drei Nadis sind bekannt als Ida, Pingala und Sushumna. Das Ida-System ist
    verantwortlich für den Geist, Pingala ist der Kanal für den Pranafluss und Sushumna ist der
    Kanal durch den das spirituelle Bewusstsein erwacht. Nun wird das Bild klarer. Prana Shakti
    fliesst durch Pingala, Manas Shakti durch Ida und Atma Shakti durch Sushumna. Oder in
    anderen Worten: pranische Kraft, geistige Kraft und spirituelle Kraft. Diese drei sind die
    Grundbe-standteile unserer Existenz. Der Mensch ist nichts über diese drei hinaus. Wenn der
    Mensch sich selbst erkennen möchte, dann benötigt er Erkenntnisse über diese drei. Die Nadis
    werden durch den Prozess von Hatha Yoga gereinigt. In diesem Prozess reinigen wir die
    Prana-Kanäle und die Kanäle der geistigen Shakti. Zusätzlich reinigen wir durch das Üben von
    Asanas und Pranayam nicht nur die Nadis sondern auch die Drüsen.

    Es ist sehr einfach über die Verwirklichung des Absoluten zu sprechen, doch wir werden auf
    dem Weg mit so vielen Hürden konfrontiert. Mit der Reinigung der Nadis, der Drüsen und der
    ganzen physischen Struktur, leistet Hatha Yoga einen wesentlichen Beitrag um diese Aspekte
    zu erleichtern. Durch das Üben von Mudras und Bandhas sind wir in der Lage, eine
    Möglichkeit oder einen Raum zu schaffen, um die in uns innewohnende Kraft und
    Glückseligkeit zu erwecken. Lasst mich über ein oder zwei Mudras sprechen. Vipareeta Karani
    Mudra: Es ist sehr wichtig, dass wir in der Lage sind, die Shakti in uns zu sublimieren
    (umzuleiten). Gewöhnlich fließt die Shakti vom „Mond“ (Bindu Chakra) zur „Sonne“ (Manipura
    Chakra) wo sie aufgebraucht wird. Wenn wir aber durch die Übung von Vipareeta Karani
    Mudra fähig sind, den Fluss der Shakti umzukehren und zurück zu halten, sind wir in der Lage
    ein gesundes Leben zu führen und zu meditieren.

    In der Hatha Yoga Form von Khechari Mudra wird das Häutchen unter der Zunge tatsächlich
    durchgetrennt und die Zunge verlängert, damit sie in den Nasenrachen eingeführt werden
    kann. Dort stimuliert sie Lalana Chakra, eine Drüse, die sich in diesem Bereich befindet. Diese
    Drüse gibt eine Flüssigkeit ab, die als Amrit (Nektar) bekannt ist. Sie ist verantwortlich dafür,
    den Abbaustoffwechsel im Körper aufzuhalten um den Stoffwechselprozess zu verbessern. In
    Raja Yoga und in Tantra wird die Wurzel der Zunge nicht eingeschnitten. Die Zunge wird
    zurück an den weichen Gaumen gelegt, so dass sie langsam, mit der Zeit, die Drüse erreicht.
    Auch in tantrischen Meditationen, wenn das Bewusstsein erwacht, wird diese Drüse
    augenblicklich aktiviert, was denselben Effekt erzeugt.

    Wenn der Nektar zu fließen beginnt, tritt der Yogi in einen Zustand, der Unmani genannt wird,
    ein. In diesem besonderen Geisteszustand ist er sich weder des äußeren Bewusstseins gewahr
    noch schläft er. Er befindet sich in einem Zwischenzustand, in unvergänglicher Glückseligkeit.
    Der Nektar und der erzeugte „Rausch“ ist das erste Element im Tantra. In den modernen
    tantrischen Texten wird dieses besondere Element mit „Wein” übersetzt, obwohl es im Sanskrit
    nicht diese Bedeutung hat. Der Begriff Madya benennt alles, was in der Lage ist einen
    rauschähnlichen Geisteszustand zu erzeugen.

    Die Vereinigung von Shiva und Shakti
    Nach der Reinigung der Nadis durch den vollständigen Prozess von Hatha Yoga sollte man
    den Bereich von Kriya Yoga betreten. Ich persönlich finde, dass es keine bedeutendere
    spirituelle Übung gibt als Kriya Yoga. Du konfrontierst nicht nur psychische Probleme durch
    das Halten einer stabilen Körperhaltung, sondern mit jeder einzelnen Kriya Yoga Übung
    erweckst und stimulierst du gleichzeitig das tiefste Bewusstsein in dir. Kriya Yoga fällt unter die
    Kategorie von Kundalini Yoga, der Wissenschaft, die auf die Befreiung von Energie zielt.
    Wo ist diese Energie und welcher ist ihr Weg? Und was passiert, wenn sie erwacht? Gibt es
    überhaupt irgendeine Energie in diesem Körper? Oder ist dieser Körper bloß ein Bündel aus
    Fleisch, Knochen, Mark und Muskeln? Kundalini Yoga sagt, dass die Shakti schläft und dass ihr
    Sitz in Moolahara Chakra liegt. Aber sie schlummert nur durch unsere Ignoranz, weil der
    Mensch seinen instinktiven Karmas und Samskaras ausgeliefert ist. Sie kann erweckt werden
    und durch den Sushumna Kanal ins Sahasrara Chakra aufsteigen. Shakti residiert in
    Mooladhara, Shiva in Sahasrara Chakra. Shakti reist in Sushumna nach oben als würde sie eine
    Leiter erklimmen und vereint sich mit Shiva in Sahasrara. Das ist das Konzept von Maithuna,
    dem zweiten Element von Tantra. Es wird als sexuelle Paarung übersetzt und deshalb denken
    viele Leute, dass Tantra sexueller Yoga ist. In Sanskrit aber kommt das Wort „maithuna“ vom
    Wort „mithuna“, welches die Idee der Einheit von Zweien in Einem ausdrückt.

    Das Aufsteigen von Kundalini
    Die Shakti fließt durch die Wirbelsäule, entlang der Sushumna von Mooladhara direkt nach
    oben zu Ajna. Der zentrale Kanal enthält einen grauen Durchgang sowie die sechs Chakras,
    die sechs psychischen Zentren, die damit verwoben sind.

    Das Ereignis des Erwachens von Kundalini in Mooladhara ist keine Erfindung! Sehr viele
    Wissenschaftler arbeiten an diesem Thema. Ein Wissenschaftler, Dr. Motoyama aus Japan, hat
    ein kleines Gerät entwickelt, mit dem er in der Lage ist, die Wellen der Strömungen, die
    während des Erwachen von Kundalini in Mooladhara entstehen, zu messen.

    Kundalini ist die Shakti und das Erwachen der Kundalini bewirkt eine Veränderung in der
    Struktur des menschlichen Bewusstseins. Wenn die Natur des Geistes sich verändert,
    geschieht Mediation spontan. Meditation ist nichts, das man durch das Üben von Techniken
    erreichen kann, es ist einfach nur ein Entfalten dessen, was du wirklich bist. Die Natur des
    erkannten Bewusstseins ist Meditation. Ablenkungen werden uns aufgedrängt, Frustrationen
    werden uns aufgebürdet, Schizophrenie wird uns auferlegt. Sie sind nicht Teil unsere Natur, sie
    werden unserer Natur von Aussen aufgezwungen. Die wirkliche Natur unseres Geistes ist
    glückselig und ständige Meditation. Und es ist möglich, dies durch das Erwachen von
    Kundalini zu entfalten. Deshalb erreichen wir durch die Übungen von Hatha Yoga, Asanas,
    Pranayama und Kriya Yoga indirekt eine vollkommene Verwandlung der Struktur des Geistes.
    Es gibt viele niedrige Erscheinungsformen des Geistes, die verworfen werden müssen. Obwohl
    es viele niedere Ausdrücke und Erscheinungsformen des Geistes gibt, sollten wir auf gar
    keinen Fall dagegen ankämpfen, sondern diese transzendieren. Wenn du deine Augen schließt
    und versuchst, den Geist zu konzentrieren und gegen diese Tendenzen, Eindrücke und
    Samskaras anzukämpfen, wirst du damit wahrscheinlich dein ganzes Leben verbringen. Und
    viele haben genau das gemacht. In Tantra sagen wir, wenn gewisse Lebenssituationen den
    Geist rastlos machen können, dann können gewisse Situationen auch Samadhi herbeiführen.
    Es ist nur ein Frage, wie du die Probleme des Geistes angehst.

    Mit dem Geist kämpfen – was für ein seltsames Problem! Wenn du versuchst, gegen deinen
    Geist durch Konzentration anzukämpfen, dann bekämpft der eine Aspekt des Geistes einen
    Anderen. So spaltest du den Geist. Eine Spaltung erfolgt auf der mentalen Ebene, und wenn
    diese sich krankhaft entwickelt entsteht Schizophrenie. Die Art und Weise wie viele Menschen
    die Probleme des Geistes angehen, erzeugen noch mehr mentale Probleme. Aber Tantra ist
    damit sehr klar. Der Weg ist es die Kundalini Shakti zu erwecken, so wird dies zu einem
    wichtigen Geschehnis im Leben eines spirituellen Aspiranten.

    Die pranische Energie lenken
    Eine der Übungen im Tantra ist als Prana Vidya bekannt, das Wissen über Prana Shakti. So wie
    du in der Lage bist, deine Hand zu bewegen und deinen Körper zu bewegen, so solltest du in
    der Lage sein, Prana zu erhöhen, wenn er zu schwach ist und zu reduzieren, wenn er zu stark
    ist. Oder ihn zu dem Körperteil zu leiten, der krank ist. Prana ist eine Kraft, sie ist die Grundlage
    des Lebens und in Wirklichkeit ist der gesamte Körper ein Wunderwerk aus Prana.

    Ich werde nie das Wort „magnetische Kraft” für Prana verwenden. Ich versuchte es auf diese
    Weise zu übersetzen, habe dabei aber versagt. Einige nennen ihn Energie, andere nennen ihn
    Vitalität, doch im Yoga ist es Prana. Prana kann durch verschiedene Wege erhöht werden und
    dadurch unser Bewusstsein beeinflussen. Pranayama ist ein Weg, Prana zu erhöhen. Er wird
    gestärkt, indem mehr Ionen in den Körper eingeatmet werden. Die Yogis lieben es im Himalaya
    Pranayama zu üben weil im Gebirge, neben Flüssen, diese Ionen reichlich vorhanden sind.
    Und wenn du Pranayama dort übst, atmest du sie ein. Und es wurde beobachtet, dass das
    menschliche Bewusstsein auch durch eine andere Pranayama-Übung beinflußt wird. Diese
    Übung ist das Zurückhalten des Atems. Allerdings sollte diese Übung von einem Meister
    gelernt werden, weil sie das Erwachen von Kundalini stark beeinflusst.

    Wie du sehen kannst, ist Shakti in Tantra äußerst wichtig und alle Übungen, die in Tantra
    beschrieben wurden, nutzen diese Shakti um den Geist zu befähigen, die übergeordnete
    Realität zu verstehen.

    Ich spreche heute Abend über Tantra mit einer klaren Absicht und ich schäme mich nicht zu
    sagen, dass ich Tantra unterrichte. Tantra ist Yoga und Yoga ist Tantra, und jeder Yogalehrer
    lehrt auch Tantra. Um Tantra zu unterrichten, musst du deine Schüler nicht lehren, zu Trinken,
    Geschlechtsverkehr zu haben oder Fleisch und Fisch zu essen. Jeder kann das machen, wenn
    er das möchte, es ist sein Leben, aber es hat mit Tantra nichts zu tun. Tantra ist eine
    Wissenschaft durch die du in der Lage bist, deine Beschränkungen zu überwinden, und seit
    Jahrhunderten hat der Mensch genau das versucht. Er benötigt keine Wissenschaft für das
    Trinken, er benötigt keine Wissenschaft für Geschlechtsverkehr und wir benötigen keine
    Metaphysik um Fleisch zu essen. Dies ist einfache Logik. Was wir jedoch brauchen ist eine
    Wissenschaft, durch die wir das, was für uns bisher unerreichbar war, kultivieren können.
    Der Geist ist sich immer Raum und Zeit bewusst und wir wollen uns dem Absoluten zuwenden.
    Der Geist ist sich ständig Aktivität bewusst und wir wollen das Höchste erfahren. Seit Anbruch
    der Schöpfung ist dies das Problem des Menschen, doch heutzutage ist das Bedürfnis
    dringend. Aus diesem Grund ist Tantra die Wissenschaft unseres Zeitalters.

    Mantra – der Klang der Befreiung
    Ein wichtiger Aspekt von Tantra sollte nicht vergessen werden, und das ist Mantra. Tantra ist
    Mantra und Mantra ist Tantra. Ohne Mantra würde es kein Tantra geben. Tantra bedeutet ein
    Prozess von Ausdehnung und Befreiung. Mantra bedeutet ein Prozess von Einkehr und
    Befreiung.

    Mantras sind nicht die Namen von Göttern und Göttinnen. Sie sind in eine bestimmte Struktur
    gesetzte Klänge, Worte und Vibrationen. Sie sind subtiler als die eigentlichen physischen
    Wellen, subtiler als irgendeine Art von Wellen, die die Wissenschaft heute kennt. Mantra kennt
    keine Einschränkung, der Geist ist das Fundament von Mantra und Mantra kann durch den
    Geist freigesetzt werden. Das Hauptmantra, das des Höchsten, ist Aum. Es ist das
    ursprüngliche Mantra, der erste Samen der Schöpfung.

    Bitte denkt daran, ich spreche hier nicht über Hinduismus, ich spreche nur über Tantra. Aber
    während ich über Tantra spreche, spreche ich auch über das Fundament des Hinduismus.
    Tatsächlich kommen alle Religionen, die ganze Bandbreite an Philosophien der Vergangenheit,
    sowie jeder Aspekt von Metaphysik aus dem Tantra. Deshalb, wenn ich euch von Aum erzähle,
    dann spreche ich über die erste Schwingung, die verantwortlich für die gesamte Schöpfung ist.
    Wir wissen nicht genau, was der Klang Aum ist, aber von unseren Lehrern und Gurus haben wir
    erfahren, dass es eine spezielle Art von Vibration ist. Wenn dieses Aum von uns erzeugt wird,
    dann hallt es durch unsere physische, astrale und spirituelle Existenz. Es beeinflußt nicht nur
    die Alphawellen des Gehirns, es reinigt nicht nur die Nadis, es beinflußt nicht nur die mikro
    kosmische Struktur unseres Körpers, sondern es lädt auch die ganze Atmosphäre um uns
    herum auf. Und wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem wir gute wissenschaftliche
    Erkenntnisse dazu vorliegen haben.

    Konzentriere dich auf Aum, verwandle dein Bewusstsein in Aum und dann übertrage die
    Vibration und die Strömung von Aum. Dein Sohn, deine Frau oder Mann im Raum nebenan
    werden es direkt empfangen, wenn sie dazu bereit sind. Die Kraft von Mantra ist größer als die
    Kraft einer nuklearen Waffe. Es gibt keinen Vergleich, denn die Kraft von Mantra ist eine
    konstruktive Kraft und durch das wiederholen von Mantra erwecken wir ungesehene Kräfte in
    uns. Diese Kräfte sind unendlich.
    Aum ist ein Mantra, und es gibt eine riesige Auswahl an Mantras. Die wichtigsten sind die Bija
    Mantras, die Samen Mantras. Wenn ein Yogi ein sehr hohes Bewusstsein erreicht, wenn er das
    physische Bewusstsein überwunden hat und auch das astrale Wesen, und wenn er die
    Schranken des Unbewußten durchbrochen hat, dann beginnt er die als Bija Mantras bekannten
    Klänge zu hören.
    Egal ob ein Mensch an einen persönlichen Gott glaubt oder nicht, ob er Theist oder Atheist ist,
    falls er einen gesunden Menschenverstand oder eine wissenschaftliche Auffassung hat, sollte
    er das richtige Mantra für sich auswählen. Die Wissenschaft von Tantra dreht sich um Mantra.

    Dann gibt es noch Yantra und Mandala, die andere Aspekte dieser Wissenschaft sind und ich
    werde diese ein anderes Mal besprechen. Erinnere dich an Mantra, Yantra und Mandala. Das
    sind die drei Pfeiler von Tantra, und Yoga ist die praktische Anwendung von Tantra im Leben.
    Tantra ist die Wissenschaft, die unsere weisen Ahnen lehrten und durch die sie sich der
    übergeordneten Realität und unendlichen Existenz bewusst wurden. Es ist eine ewige
    Wissenschaft, es ist die kraftvollste Wissenschaft und sie ist allumfassend. Tantra ist mit
    Sicherheit die Wissenschaft für das neue Zeitalter.

     

    Du findest das Original im Yogamag

  • Raja Yoga Sutras

    Aus Teachings of Swami Satyananda Saraswati, Volume III

    Ich habe eine Vision, wie Yoga in unser gegenwärtiges Leben integriert werden kann. Obwohl
    behauptet wird, dass ursprünglich Yoga in den Bergen, in Abgeschiedenheit von Entsagenden
    und von Sannyasins geübt wurde, glaube ich irgendwie, dass es erst später dazu kam, und
    nicht zur Zeit als Yoga von weisen Menschen entdeckt und entwickelt wurde. Denn gemäß
    dem, was uns Yoga sagt und zeigt, scheint er für die Menschen zu sein, die sehr zerstreut,
    ruhelos und emotional unausgeglichen sind. Deshalb glaube ich nicht, dass Yoga in einer
    Kultur der Stille in einem friedvollen Umfeld entstanden ist.

    Es gibt viele Ärzte auf der Welt, weil es viele Krankheiten gibt. Ohne Krankheiten gäbe es keine
    Ärzte. Es gibt die Polizei, weil es so viele Diebe, Banditen und Kriminelle gibt. Glaubst du, dass
    es ohne Diebe, Banditen und Kriminelle ein Scotland Yard und so viele andere polizeiliche
    Organisationen gäbe? Auf ähnliche Weise lässt die Philosophie des Yoga auf eine zerstreute,
    ruhelose, ehrgeizige und zerrissene Kultur schließen.

    Schau dir die Raja Yoga Sutras von Patanjali an, die Bhakti Yoga Sutras von Narada and
    Shandhilya, die Jnana Yoga Sutras von Maharishi Badarayana oder die Samkhya
    Sutras der Bhagavad Gita, die Karma Yoga beschreiben und erklären. Diese Schriften sind
    klare Hinweise dafür, dass die Menschen, an die sich Yoga richtete, nicht unbedingt weise und
    fromme Menschen waren. Deshalb ist es völlig falsch zu behaupten, dass Yoga eine Kultur
    einer monastischen Zivilisation war, oder eine Kultur der Berge und Klöster. Warum brauchen
    Mönche Yoga? Ich brauche kein Yoga. Ich habe keine Spannungen, keinen Stress, keinen
    Druck. Ich kann weggehen, zu jeder Zeit, wohin auch immer. Auch wenn mir etwas zustößt,
    erleidet niemand einen Verlust, denn ich bin allein. Ich habe keine Frau, keine Familie, keine
    Kinder, keine Gesellschaft, Religion oder Kultur.

    In unserer Gesellschaft hingegen, wenn eine Person an mentalen oder körperlichen Problemen
    leidet, dann leidet auch ihr ganzes soziales Umfeld. Deshalb kam ich zu dem Schluss, dass
    Yoga für Menschen ist, die inmitten von Verzweiflung stehen und mentalen und körperlichen
    Zusammenbrüchen ausgesetzt sind. Das ist auch genau das Thema der Bhagavad Gita,
    dessen erstes Kapitel „Yoga der nervösen Depression“ oder des Nervenzusammenbruchs
    heisst.

    Den unruhigen Geist beruhigen
    Yoga beginnt, wenn der Geist aus dem Gleichgewicht geraten ist und wenn dir die völlige
    Kontrolle über dich selbst fehlt, du aber gleichzeitig versuchst, wieder ins Gleichgewicht zu
    kommen. Es ist in diesem Sinn und mit diesem Hintergrund, dass ich dir ein wenig über
    die Raja Yoga Sutras von Patanjali erzähle.

    Patanjali war ein grosser Gelehrter und Seher, der vor etwa 2500 Jahren ein Zeitgenosse
    Buddhas war. Es gab auch andere großartige Zeitgenossen von Buddha, aber im Moment be
    schäftigen wir uns nicht mit ihnen. Patanjali kodifizierte Raja Yoga in der Form von Aphorismen,
    die Sutras genannt werden. Das Wort Sutra bedeutet in Sanskrit „Faden“, und so wie ein Faden
    die 108 Perlen einer Mala (Rosenkranz) verbindet, so gibt es in den Yoga Sutras von Patanjali
    ein zentrales Thema, welches all die verschiedenen Ideen verbindet.

    Vor der Zeit von Patanjali existierte bereits eine Philosophie in Indien, die Buddha und die
    Buddhisten stark beeinflusste. Dieser philosophische Zweig, einer der sechs Systeme der
    indischen Philosophie, ist bekannt als die Samkhya Lehre.

    In Samkhya wird erklärt, was der Geist ist, welche seine Komponenten sind, was Bewusstsein
    und was Materie ist, und was dafür verantwortlich ist, dass Materie im Verlauf der
    Schöpfung an Bewegungsimpulsen gewinnt. Samkhya setzt sich mit dem Bewusstsein und
    seinen verschiedenen Stufen auseinander, angefangen bei seinem primitiven Zustand in
    Gesteinen, dann bei dem in der Fauna und Flora bis hin zu dem im Menschen. Dieses
    Bewusstsein wird Chitta genannt.

    Chitta scheint sich durch Materie in verschiedenen Stufen zu manifestieren. Auf einer Stufe ist
    dieses Chitta reine Existenz und es gibt keine Bewegung. In uns hingegen nimmt dieses Chitta
    Muster an, die Vrittis genannt werden. Diese Vrittis sind die Bewegungen des Bewusstseins,
    und es ist Chitta, in der Kombination mit den Vrittis, die Wissen und Erfahrung hervorbringen.
    Hier ein Beispiel: Du bist dir meiner Gegenwart jetzt bewusst, und ich bin mir deiner Gegenwart
    bewusst, jeder auf seine eigene Art und Weise. Dies ist eines der Muster deines Bewusstseins
    und wird objektives Erkennen genannt. Auf ähnliche Weise erkennst du eine Blume – einen
    Geruch, ein Bild, eine Berührung und so weiter. Diese objektive Form des Erkennens ist eine
    Qualität von Chitta.

    Insgesamt gibt es fünf Muster, durch die der Geist Wissen erlangt. Im Yoga werden sie die fünf
    Vrittis genannt. Vritti heisst „Muster“; es kommt von dem Wort Vritta, das „Kreis“ bedeutet. Wenn
    du einen Kieselstein in einen See wirfst, entstehen konzentrische kreisförmige Wellenmuster,
    die sich immer weiter nach außen bewegen. Auf diese Weise bewegen sich auch die Muster im
    Geist. Die fünf Vritties sind i) objektive Bewusstheit, ii) subjektive Bewusstheit, iii) illusionäre
    Bewusstheit, iv) Bewusstheit von Vergangenem, und v) nicht vorhandene, abwesende
    Bewusstheit.

    Kaivalya
    Diese fünf Muster (Chitta Vrittis) sind wichtig, da Patanjali sagte: “Yoga ist ein Prozess, bei dem
    du diese Muster ausschaltest.” Es bedeutet, dass unsere Yogaübungen wie Asana, Prana
    yama, Meditation und so weiter, die fünffachen Vrittis aus dem Geist löschen sollten. Wenn
    dann die objektive, subjektive, eingebildete, auf das Vergangene gerichtete und abwesende
    Bewusstheit aufgehoben sind, entsteht eine Erfahrung, die frei von Beschränkung ist. Diese
    Erfahrung wird Kaivalya genannt.

    Das Wort Kaivalya kommt von dem Wort Kevala, das „einzig“ oder „absolut“ bedeutet, als
    Hinweis auf Nicht-Dualität. Wenn alle Vrittis entfernt sind, bleiben nur ICH, das Selbst, Purusha,
    das Bewusstsein, derjenige, der erfährt. Ich möchte betonen, dass derjenige, der erfährt, nicht
    der Geist ist. Derjenige, der erfährt, ist Purusha. Du magst es Selbst nennen; du magst es
    Bewusstsein nennen; du magst es das innere Wesen/Sein nennen. Du kannst es benennen wie
    du willst, denn es hat keinen Namen. Der Purusha erfährt die Dualität, die Vielfältigkeit, die
    Verschiedenheit der Materie durch den Geist, und dieser Geist ist wie eine Reflexionsfläche.
    Somit erlebt das Selbst die Materie durch diese Reflexionsfläche, die Chitta Vritti genannt wird.
    Aus diesem Grund wird zu Beginn der Yoga Sutras von Patanjali gesagt, Yoga Chitta Vritti
    Nirodhah – Yoga ist das Ausschalten von Chitta Vritti. Du hebst die subjektive Bewusstheit, die
    objektive Bewusstheit, die illusionäre Bewusstheit, die auf Vergangenes gerichtete Bewusstheit
    und das Unbewusste auf, und wenn all diese fünf entfernt sind, dann erfährt das Selbst sich
    selbst. Es erfährt nichts anderes. Dieser Zustand heisst Kaivalya, und du kannst dir bestimmt
    vorstellen, wie schwierig er zu erreichen ist.

     

    Du findest das Original im Yogamag. 

  • Patanjalis Raja Yoga

    Patanjalis Yoga ist ein in der Menschheitsgeschichte einzigartiges System. Es ist äußerst klar
    und strukturiert. Religiöse Erfahrungen und Rituale werden nicht thematisiert. Patanjali dringt
    sofort zum Kern der Problematik durch. Die Anleitungen in seinem Raja Yoga System sind
    konfessionsungebunden, wissenschaftlich und vollkommen spirituell, darüber besteht kein
    Zweifel. Es spielt keine Rolle, ob man Hindu, Moslem, Parse, Christ oder Atheist ist, die Lehren
    von Patanjali beschäftigen sich ausschließlich mit der Frage, wie die höheren, strahlenderen
    Dimensionen unseres Bewusstseins erfahren werden können.

    In der Samkhya Philosophie hat Rishi Kapila deutlich gemacht, dass das Bewusstsein
    entsprechend der verschiedenen Graden seiner Manifestation, eigene Grenzen hat. Aus Sicht
    der Physik verfügt Materie über Grenzen unterschiedlicher Ausprägung, bis sie schliesslich, in
    kleinste Teilchen umgewandelt, Energie freisetzt. Diese Energie löst sich in der Unendlichkeit
    auf, die ausserhalb unseres Vorstellungsvermögens liegt. Vergleichbar zeigt Patanjali den
    spirituellen Entwicklungsprozess von endlich zu unendlich auf.

    Gemäss Patanjali ist die höchste Stufe von Achtsamkeit oder Bewusstsein reine Erfahrung.
    Diese Erfahrung ist weder psychischer Natur, noch ist sie die Erfahrung einer Göttin (Devi) oder
    eines Gottes (Devata). Sie ist auch nicht Sonne oder Mond oder Dämonen. Nein! Sie ist nicht
    kategorisierbar, sondern einfach eine Erfahrung an sich, frei von Bildern oder Konzepten.
    Desweiteren kann dieser Zustand von Anubhav nicht durch den Geist erfahren werden. Der
    Geist hat seinen ihm eigentümlichen und ihn einschränkenden Charakter. Der Geist ist nicht
    absolut, sondern hat seine eigenen Gesetze und seine eigene Bestimmtheit.

    Anubhav, die ultimative spirituelle Erfahrung, unterliegt keiner Gesetzmässigkeit. Die Gesetze
    der Bestimmtheit und Unbestimmtheit müssen korrekt verstanden werden. Da Natur und
    Ursprung der Erfahrung von Anubhav nicht mit herkömmlicher Sprache oder Logik erklärt
    werden können, stellt sich die Frage: „Wer war denn der Erfahrende?“. Ich sage, niemand. Und
    doch, wenn wir von Erfahrung sprechen, implizieren wir Dualität, namentlich der Erfahrende
    und die Erfahrung. Da Dualität im Bereich von Anubhav nicht existieren kann, entsteht hier ein
    Konflikt zweier unterschiedlicher Standpunkte. Im Zustand von Samadhi können die Regeln der
    Logik nicht gelten. Das Raja Yoga Sadhana ist also nicht dazu bestimmt, den Zweck einer
    logischen, puritanischen Philosophie oder einer religiösen Norm oder Moral zu erfüllen.

    Yama und Niyama
    Yama (soziale Richtlinie) und Niyama (persönliche Richtlinie) sind die ersten zwei Stufen, das
    Fundament von Raja Yoga. Man möchte als erstes dazu tendieren, sie mit religiösen
    Verpflichtungen zu assoziieren. Satyam zum Beispiel, was Wahrheit bedeutet, ist ein Yama.
    Wahrheit wird in allen Religionen gelehrt. So könnte man sich die Frage stellen, wenn es im
    Raja Yoga so wichtig ist, in Wahrheit zu leben, dann muss hier doch ein religiöses Befolgen
    gemeint sein? Auf dieser Annahme beruhend, lehnen viele Menschen, die Religion ablehnen,
    auch gleichzeitig Raja Yoga sofort ab. Das ist aber falsch.

    Yama umfasst Ahimsa (Gewaltlosigkeit), Satya (Wahrhaftigkeit), Asteya (Ehrlichkeit),
    Brahmacharya (sinnliche Enthaltsamkeit) und Aparigraha (keine Bereicherung). Niyama
    beinhaltet Saucha (Reinlichkeit), Santosha (Zufriedenheit), Tapas (Entbehrung), Swadhyaya
    (Selbststudium) und Ishwara Pranidhana (Vertrauen in Gott). Diese fünf Yamas und Niyamas
    sind in erster Linie dazu da, die Probleme des Geistes – die negativen Beeinflussungen auf der
    emotionalen, psychischen und mentalen Ebene – aufzulösen. Die negativen Samskaras, welche
    in den hintersten Winkeln des Bewusstseins eingebettet liegen und uns daran hindern höhere
    Meditationszuständen zu erreichen, werden durch sie beseitigt.

    Samskaras können auf negative oder positive Art und Weise beseitigt werden. Mit der positiven
    Methode werden all die mentalen, emotionalen und physischen Qualitäten gefördert, welche
    den Geist mit Sattva Guna (perfektes Gleichgewicht) erfüllen. Diese Qualitäten sind Maitri
    (Freundlichkeit), Karuna (Mitgefühl), Mudita (Freude), Upeksha (Gleichmut). Diese positiven
    Qualitäten können in der allgemeine Struktur unserer Persönlichkeit hervorgerufen werden.
    Denke an eine Person, deren Persönlichkeit im Licht von Freundlichkeit, Mitgefühl, Freude und
    Gleichmut strahlt. Diese Person wird im Zustand von Dhyana Yoga sicher weniger Probleme
    haben, als eine Person, welche eifersüchtig, voller gewalttätiger, melancholischer und hitziger
    Gedanken und mit sich und der Welt unglücklich ist. Solch eine Person wird in der Meditation
    mit vielen psychotischen Erfahrungen zu kämpfen haben. Sie kann von Angst und Schrecken
    befallen werden und in Tränen ausbrechen oder heulen wie ein Hund.

    Yama und Niyama halten den allgemeinen Raum des Bewusstseins rein, so als würde man
    einen staubigen Ort sauber halten, in dem man die Türen und Fenster des Hauses geschlossen
    hält. Bloss kann man die Türen vor den Vasanas, den Wünschen, Verlangen und Anhaftungen,
    nicht schliessen. Jeder spirituell Suchende muss seine Schwächen oder Einschränkungen im
    Umgang mit Yama und Niyama, entsprechend seiner eigenen Persönlichkeit, erkennen und
    definieren. Für die einen führt die Befolgung aller Yamas und Niyamas in tiefe Meditation, für
    andere jedoch in Hysterie oder psychotische Anfälle. Demzufolge muss Adhikara eingehalten
    werden, d.h. die eigenen persönlichen Voraussetzungen müssen berücksichtigt werden. Um
    die geistige Gesundheit zu erhalten, beachte, dass alles, was den Geist und das Bewusstsein
    krank macht, den Yamas und Niyamas entgegengesetzt ist. Genauso ist alles, was dein
    Bewusstsein und deinen Geist unterdrücken und einengen kann und Rastlosigkeit und
    Depression in einer Persönlichkeit hervorruft, den Yamas und Niyamas entgegengesetzt.

    Wie man Mantra Yoga übt.
    Die Erfahrung sollte angenehm und natürlich sein. Wenn bei der Anwendung von Yama und
    Niyama Anspannung entsteht, was wird dann im Zustand von Pratyahara geschehen, oder erst
    im Zustand der Meditation? Aus diesem Grund sollte die Anwendung von Yama und Niyama
    mit Mantra Yoga unterstützt werden. Ein Mantra ist ein Wort, eine Schwingung, welche den
    Geist von Samskaras befreit, genauso wie Energie aus Materie freigesetzt wird. Dies ist die
    etymologische Bedeutung von Mantra. Mantra hat nur ein Ziel: geistige und spirituelle
    Befreiung (Moksha).

    Laut Nada Yoga besteht die Struktur von Materie aus Millionen von Klängen, sowohl bekannter
    wie unbekannter Art. Jedes Objekt besteht aus einer dichten Komposition von Klangpartikeln.
    Die Gesamtsumme dieser Partikel wird von den Yogis in Form eines Klanges oder Mantras
    wahrgenommen. So arbeitest du durch das Rezitieren des Mantras tatsächlich an Problemen
    deiner Achtsamkeit und deines Geistes. Dies ist eine äusserst kraftvolle Übung.

    Nehmen wir z.B. das Mantra OM. Dieses besteht aus zwei Klängen, O und M und kann auf vier
    verschiedene Arten wiederholt werden: hörbar, geflüstert, mental oder spontan. Schlussendlich
    wird es Teil unseres Bewusstseins. Wie eine Leinwand, auf der ein Künstler ein wunderschönes
    Gemälde malt, so wird auf dieselbe Art das Mantra in die allgemeine Bewusstseinsstrukur
    eingearbeitet.

    Das Mantra soll in vier Stufen geübt werden: Zuerst gut hörbar, entweder als Ommmmmm oder
    Ooooomm, damit der Klang durch das Gehirn absorbiert wird, welches dadurch seine
    Wellenstruktur ändert, und Frieden im Geist und Pratyahara spontan entstehen können. Nach
    ein paar Monaten soll das Mantra geflüstert, dann gedanklich und schlussendlich im Einklang
    mit der Atmung rezitiert werden. Pratyahara wird erfolgreich, wenn Mantra zur Grundlage des
    Sadhanas wird.

    Pratyahara
    Im Zustand von Pratyahara ist die Bewusstheit temporär von den Sinnesnerven und den
    motorischen Nerven getrennt. Impulse, die in Richtung Karmendriyas (Sinnesfunktionen, die
    sich auf Handlungen beziehen) und Gyanendriyas (Sinnesfunktionen, die sich auf Wahrnehmen
    und Aneignen von Wissen beziehen) fliessen, werden zurückgezogen. In der Folge ist die
    Bewusstheit von der Wahrnehmung äusserer Stimuli isoliert. Im Inneren jedoch nimmt man
    andere Aspekte wahr, die Samskaras.

    Wenn der übliche Fluss von Erfahrungen unterbrochen ist, widmet sich der Geist den im
    inneren angesammelten Eindrücken vorangegangener Geburten und denjenigen, die in den
    letzten zwanzig bis sechzig Lebensjahren entstanden sind. Mit jedem Eindruck, der an die
    Oberfläche kommt, ereignet sich eine mentale Explosion. Normalerweise, wenn du z.B. im
    Supermarkt bist oder Fernsehen schaust, ist der Geist ruhig und es gibt kein Problem. Aber in
    dem Moment, wo du die Mala zur Hand nimmst und mit Mantra Japa beginnst und dich auf den
    Atem oder eines der Chakras konzentrierst, beginnt die Unruhe.

    Ist dies gut oder notwendig? Auf jeden Fall! Diese Störungen oder Vikshepas müssen sich in
    den Anfangsstadien von Pratyahara zeigen, sonst musst du ihnen im Zustand von Dharana,
    Dhyana oder sogar in Savikalpa Samadhi begegnen. Wenn du eine Magenverstimmung hast,
    macht es keinen Unterschied, ob du nach Kalkutta, Bombay oder Munger reist. Sie muss
    irgendwo behandelt werden, je früher desto besser. Die Reinigung des gesamten Bewusstseins
    ist im Zustand von Pratyahara einfacher. Lass alles rauskommen! Wenn Sadhakas Pranayama
    üben und mit Angst, Leidenschaft oder Sorgen konfrontiert werden, denken sie, ihr Sadhana
    sei falsch. Das ist ein Fehler. Glückseligkeit kann dich nicht sofort erreichen. Um eine Mahlzeit
    in vollen Zügen zu geniessen, muss zuerst der Magen in Ordnung sein. Genauso muss, um
    das Glück von Dhyana zu geniessen, der Geist zuerst geklärt werden. Dieser Reinigungs
    prozess ist zwangsläufig schmerzhaft und unangenehm.

    Dharana
    Stell dir eine brennende Kerze auf einem kleinen Tisch in einem Raum vor. Das Fenster ist offen
    und die Flamme flackert. Wenn du nun den Ventilator anstellst, geht die Flamme ganz aus.
    Wenn du aber das Fenster schliesst und den Ventilator abstellst, wird die Flamme ruhig. Deine
    Achtsamkeit ist wie diese Flamme. Sie muss beständig werden, indem du die Fenster der
    Sinnesorgane schliesst. Dann wirst du mühelos Dharana oder Konzentration erfahren. Dann
    wirst du einfach nur deine Augen schliessen und ohne einen mentalen Druck das Objekt
    wahrnehmen.

    Angenommen, du versuchst eine Kerzenflamme zu visualisieren. Im Zustand von Pratyahara
    kannst du deinen Geist nicht genug stabilisieren, um das Bild zu halten. In Dharana allerdings
    erscheint das Bild der Kerzenflamme sofort, jedoch durchsetzt von Gedanken, da der Geist
    abgelenkt ist. Grundsätzlich wird das Symbol in Dharana strahlend und stabil. Um dies zu
    erreichen, sind folgende Techniken wichtig.

    Die erste ist Trataka. Bei dieser Übung richtest du deinen Blick stetig auf einen Punkt, wie z.B.
    auf eine Kerzenflamme. Die schnellen Augenbewegungen (R.E.M. – Rapid Eye Movements),
    die während Dharana auftreten, unterbrechen zeitweise deine Konzentration und das Muster
    deines Symbols verschwindet. Du siehst die Flamme, dann verschwindet sie. Dies passiert, da
    die vom Gehirn unterstützte Struktur des Bewusstseins, durch die Bewegung der Augen
    beeinflusst wird. Die Konzentration auf einen bestimmten Punkt während Trataka gibt den
    Augen die nötigte Stabilität. Danach wirst du fähig sein, deine Konzentration mit geschlossenen
    Augen 3 bis 5 Minuten zu halten, ohne dass R.E.M. entsteht.

    Bei der zweiten Technik, Shambhavi Mudra, fokussiert man beide Augen auf den Raum
    zwischen den Augenbrauen.

    Bei der dritten Technik, Nasikagra Drishti, wird auf die Nasenspitze geschaut. Diese Übung
    stärkt die Fähigkeit R.E.M. zu kontrollieren und hilft, Stabilität beim Visualisieren des Symbols zu
    erlangen.

    Chaitanya
    Die gesamten Übungen des Raja Yoga Systems von Patanjali sind notwendig, um das
    Bewusstsein neu zu gestalten. Wie ein Bildhauer mit Hammer und Meißel aus einem rohen
    Stein ein wunderschönes Meisterwerk erschafft, so muss die grobe und noch urwüchsige
    Persönlichkeit eines Individuums bearbeitet und gereinigt werden. Die tamasischen und
    rajasischen Qualitäten müssen beseitigt werden. Nachdem man von unnötigen alten Karmas
    befreit ist, ist die Achtsamkeit vollständig isoliert, und das Bewusstsein kann sich selbst
    erfahren.

    Das Bewusstsein, als Chaitanya bekannt, findet auf vier verschiedenen Ebenen statt. In Jagriti,
    im Wachzustand, funktioniert das Bewusstsein mittels der Sinnesorgane und dem Geist.
    In Swapna, dem Schlafzustand, wirkt es auf der Ebene der Träume. Sushupti, bekannt als
    traumloser Schlaf, geschieht, wenn alle Stimuli entfernt sind und das Bewusstsein kein anderes
    Objekt, keine Erfahrung oder Vision wahrnimmt. Im vierten Zustand, Turiya genannt, ist das
    Bewusstsein frei von allen Eindrücken, alle Kanäle sind geschlossen und es erfährt sich selbst
    in seiner reinen Form. „Ich weiss, dass ich bin.“ Wenn dieses Wissen eintritt, haben wir das Ziel
    von Yoga erreicht – die Evolution menschlichen Lebens.

    Yoga in der heutigen Zeit
    In seiner Unwissenheit erfährt der Mensch die Schrecken seiner eigenen Persönlichkeit. Er
    kreiert Probleme, und in seinem Bemühen diese zu lösen, kreiert er weitere. Es ist so, als würde
    jemand eine Toilette mit seinen eigenen Fäkalien reinigen wollen. Wie können Probleme je
    Probleme lösen? Wie kann ein Geist, der schwach und unfähig ist, solche Turbulenzen
    beseitigen? Man kann das Dilemma des Konflikts nicht mit dem Geist lösen. Viele Menschen
    aus Ost und West, die wichtige Qualifikationen im Studium des Geistes und der Psyche
    vorweisen können, sind unfähig ihre eigenen Probleme zu lösen. Die Lösung liegt darin, den
    eigenen Geist zu transzendieren. Wenn man mentalen Stress, Psychosen oder Neurosen hat,
    muss man lernen, seinen Geist zu bewältigen. Es genügt nicht nur die Zusammensetzung des
    Geistes zu kennen. Dieses Ziel kann nicht durch religiöse Praxis, oder indem man sich einfach
    einem puritanischen Lebens aussetzt, erreicht werden.

    So, wie es Anleitungen zum Erlernen des Autofahrens und der Instandhaltung des Autos gibt,
    existiert eine Wissenschaft, durch die erlernt werden kann, wie dieses Vehikel, das Leben, am
    besten gehandhabt wird. Yoga ist die Wissenschaft, welche dich lehrt das Steuerrad richtig zu
    halten, wie und wann die Bremsen zu benutzen sind, wie dieses Leben mit unterschiedlichen
    Gängen zu befahren ist, sodass es in Harmonie fliessen und dich dorthin tragen kann, wo auch
    immer du hin möchtest.

    Der Körper und der Geist sind Fahrzeuge. Emotionen, Verlangen und Gedanken sind Vrittis,
    Modifikationen des Geistes, sie sind jedoch nicht der Geist. Der Geist ist weder gut noch
    schlecht, weder böse noch göttlich. Der Geist ist Nirguna, durch Brahman geboren. Seine
    Shakti ist jenseits aller Vorstellungen. So, wie Licht, das durch den Spalt einer Türe scheint,
    dich Dinge sehen lässt, so kann die höchste Macht durch den Geist strömen, und das ist die
    Erfahrung von Achtsamkeit und Bewusstsein.

    Der Geist ist kein boshaftes Bündel von Gewohnheiten. Er ist nicht sündig oder mit religiösem
    Dogma behaftet. Er ist das Leck im Bewusstsein und der Sinne, durch welches die trans
    zendente Realität dringt. Mit diesem kleinen Licht des Geistes kannst du wirklich sehen und
    bewusst sein. Dieses kleine Licht kann noch mehr zum Strahlen gebracht werden, sodass der
    Kosmos und das Allmächtige erfahren werden können. Das Raja Yoga System von Patanjali
    kann den Geist zu unendlichem Ausmass entwickeln. Es ist derart gestaltet, dass eine Vielzahl
    von Menschen in der Welt, welche eine brennende Sehnsucht nach der Erlösung von
    Schmerzen haben, den Weg begehen und Kaivalya – den höchsten Zustand der
    Selbstverwirklichung – erreichen können.

     

    Du findest das Original im Yogamag

  • Den Geist vorbereiten

    Yoga bedeutet Karma Yoga, Bhakti Yoga, Raja Yoga und Jnana Yoga, und jeder Yoga hat etwas
    in deinem Leben zu vervollständigen. Bhakti Yoga kanalisiert deine Emotionen. Er sollte vor
    oder mit Raja Yoga geübt werden. Karma Yoga hilft dir, die Unreinheiten und Zerstreuungen
    des Geistes auszugleichen. Wenn du die Yogawege systematisch übst, wirst du nie auf
    Probleme stoßen, die dein Geist oder deine Emotionen während der Meditationspraxis
    erzeugen.

    Da wir den Geist nicht durch Bhakti Yoga und Karma Yoga vorbereiten, werden wir mit ihm
    während dem Meditieren konfrontiert. Im Yoga wird Meditation als das Höchste angesehen.
    Dennoch denke ich, dass in modernen Ländern Meditation überbetont und falsch bewertet
    wird. Meditation ist eine sehr hohe Übungsstufe und braucht daher viel Vorbereitung. Wenn du
    keine anderen Formen des Yoga praktizierst, wirst du während der Meditation Schwierigkeiten
    begegnen.

    Karma Yoga und Bhakti Yoga
    Karma Yoga ist die Philosophie deiner Beziehung mit dem Leben. Was ist deine Beziehung mit
    allem um dich herum und was sollte deine Haltung zu deiner Arbeit, Familie, Kinder,
    Problemen, Feinden und allem übrigen sein? Und wie solltest du bei Erfolg und Mißerfolg,
    Liebe und Hass, Sieg und Niederlage reagieren? Das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Karma
    Yoga ist die Philosophie, die deine Beziehung mit allem anderen in der Welt auf solche Weise
    regelt, dass nichts deinen Geist stört, zu keiner Zeit, egal was geschieht.

    Gleichermaßen ist Bhakti Yoga so wichtig, dass du ohne ihn deine Emotionen nicht richtig
    ausgleichen kannst. Daher müssen wir herausfinden, wen wir lieben sollen, wer für unsere
    ganze Liebe offen ist und nicht auf unangemessene Weise reagieren wird. Und genauso darf
    es uns dabei nicht langweilig werden. Die meisten Probleme, unter denen wir Menschen heute
    leiden, sind Probleme, die aufgrund von Liebe oder durch das Fehlen von Liebe entstehen.
    Genauso wie du deinen Geist ausbildests, ist es unerlässlich deine Emotionen zu schulen. Ob
    Geist, Emotionen oder Autofahrer, sind sie nicht geschult, verursachen sie Unfälle. Aus diesem
    Grund lernen wir durch Bhakti Yoga die Emotionen auf das Göttliche zu richten. Wir richten sie
    zu Gott, auf die Form einer Gottheit oder die Form des Gurus.

    Wenn du Karma Yoga und Bhakti Yoga geübt hast und dich Raja Yoga, oder sagen wir Yoga
    allgemein, hingibst, wird der Geist automatisch ruhig. Weil du weder Bhakti Yoga noch Karma
    Yoga übst, gibt es in der Meditation emotionale und mentale Probleme. Diese Probleme musst
    du annehmen, laß sie kommen, blockiere sie nicht. Sie zu blockieren wäre die größte
    Katastrophe.

     

    Du findest das Original findest im Yogamag

  • Brief an Swami Satyabrat

    Gesegnetes Selbst!
    Ein Zuhause in dem wechselseitiger Frieden herrscht, wo Ehemann und Ehefrau sich nicht
    streiten, wo bitterer Spott und harte Wörter vollkommen verboten sind, wo Mann und Frau sich
    gegenseitig in jeder Phase ihres Lebens respektieren, wo alle Familienmitglieder es verstehen,
    sich zu vergeben und zu vergessen, wo jede Angelegenheit in spirituellem Licht betrachtet und
    entsprechend behandelt wird, solch ein Zuhause ist wahrlich ein Himmel auf Erden, ein
    lieblicher, heiliger Garten voller schöner Blumen, die ewig duften.

    Bringe Frieden in dein Zuhause. Pflege deine Familie wie einen Garten, der immer grün und
    duftend ist. Organisiere die zerfahrenen Muster deines Zuhauses neu. Erbaue dein Haus neu
    auf das starke Fundament von Liebe, Frieden, Einheit und Stärke. Lass jeden von euch auf
    einer anderen Flöte spielen, aber lasse sie alle gleich gestimmt sein. Wenn alle anfangen in
    verschiedenen Tonlagen zu spielen, wird schnell ein Chaos entstehen. Ihr beide solltet im
    Leben ein gemeinsames Ziel haben und Euch in dessen Erfüllung gegenseitig unterstützen.
    Versucht den anderen zu verstehen. Tauscht niemals grobe Worte miteinander aus. Keine
    Kugel kann einen Menschen so verletzen wie die Zunge es vermag.

    Gott ist grenzenlos gnädig. Er vergibt uns unzählige Male. Selbst ein Dieb kann zum Heiligen
    werden, wenn er sein Leben gründlich umkrempelt. Eine Prostituierte kann zu ihm finden, wenn
    sie ihm ihr gesamtes Wesen offenbart und zu Füßen legt. Es gibt zu viele solcher Fälle, als dass
    sie hier alle genannt werden könnten.

    Messe der Vorgeschichte eines Heiligen kein Gewicht bei. Sieh was er dir jetzt sagt. Es ist sehr
    schwer ihn zu verstehen. Wir Sterblichen haben die schlechte Angewohnheit hauptsächlich die
    Fehler in anderen zu finden. Wir selbst machen den ersten Fehler indem wir das Wichtige
    ignorieren.

    Wir können unser Leben verändern indem wir die Art unseres Denkens ändern. Wie du denkst,
    so wirst du. Was immer du jetzt bist ist was du gestern gedacht hast; und was du morgen sein
    wirst ist das was du heute denkst. Ein Mensch gelangt zu wahrer Größe allein durch sein
    Handeln (Karma) und seinen Charakter (swabhava).

    3. Juli 1956, Delhi, Indien

    *Swami Satyabrat Saraswati war der Ehemann von Swami Dharmashakti Saraswati. Sie sind die
    Eltern von Swami Niranjanananda Saraswati.

     

    Du findest das Original im Yogamag

  • Essay von Swami Satyananada

    Swami Satyananda schrieb Anfang 1954 folgenden Essay. Die Sannyasa Ideale waren sein
    ganzes Leben lang die inspirierenden Kräfte seiner Persönlichkeit. Der Text ist im Buch Mere
    Aradhya (dt. Ausgabe Seiten 363-367) abgedruckt.

    Ich bin ein Sannyasin

    Der Mensch hat den Weltraum erobert, die riesigen Ozeane durchquert, die ungeheuren
    Weiten des Universums vermessen. Er hat die Tiefen der Ozeane erforscht, Myriaden von
    Geheimnissen der Natur entlockt, hat verschiedenste Philosophien erdacht und Religionen
    gegründet. Hat sein Leid und seinen Schmerz unterdrückt, hat die beiden Ufer von Geburt und
    Tod mit dem Leben zusammengeführt, das Göttliche entdeckt und ist sich bewusst geworden,
    dass es jenseits, als Urgrund von allem, ewiges Leben gibt. Er hat alles erreicht, alles verloren,
    alles gesehen. Trotzdem ist der Mensch unvollständig. Sehnsüchte sind unerfüllt und ständig
    wird er von dem gequält, was ihm fehlt. Der Tod ist das Ende und die Geburt der Anfang der
    Entdeckungsreise, die sich Leben nennt.

    Der Tod vollendet das Leben und das Leben vollendet den Tod. Weder Dharma noch Karma,
    Yoga, Mantra oder Tantra können das Leben vervollständigen und abrunden. Selbst die durch
    ein yogisches und spirituelles Leben gepriesene Vollkommenheit ist so echt wie der gebildete
    und wohlhabende Sohn einer unfruchtbaren Frau (d.h. nicht vorhanden).

    Dieses Problem besteht bis heute. Niemand hat es bislang zu lösen vermocht. Yogis, Jnanis,
    Mahatmas, Asketen und Wissenschaftler – alle haben sich daran versucht und sind
    gescheitert. Wir haben uns entweder in unserem individuellen Bemühen verloren, die
    Bedeutung des Lebens zu erkennen, oder wir sind in den Versuchungen der materiellen Welt
    versunken, oder haben alles vergessen in den flüchtigen Augenblicken spiritueller
    Glückseligkeit. Der Eine hat nach Atman gesucht, der Andere nach Paramatman. Einer hat Gott
    verwirklicht, ein Anderer ist im Glitzern des Weltlichen untergegangen. Einer schickte sich an,
    den unendlichen Kosmos zu entdecken, ein Anderer ist tief getaucht, um die Geheimnisse der
    Ozeane zu lüften und ein Weiterer griff nach den Sternen. Der Eine sehnte sich nach Frieden,
    während der Andere einen Sturm entfachte. Keinem Einzigen ist es bisher gelungen, ein
    umfassendes und alles einschließendes Konzept des Lebens zu realisieren.

    Die Entwicklung des Lebens blieb auf einige wenige Bereiche beschränkt. Ein Hindu konnte
    kein Muslim werden und genauso wenig konnte ein Muslim ein Hindu werden. Ein Grihastha
    konnte kein Sannyasin sein und ein Sannyasin kein Grihastha. Der Eine hat gesagt, die Welt sei
    real, ein Anderer bestand darauf, sie sei nicht real. Einer sagte „Alles ist Eins“, ein Anderer
    sagte „Vieles“, während ein Dritter sagte „Am Anfang war Leere“. Je mehr wir suchten, desto
    verwirrter wurden wir. Je mehr Wissen wir erlangten, desto unwissender wurden wir. Eine
    Galaxie von Yogis, Jnanis, Heiligen und Mahatmas hat Jahrtausende lang gesucht – und
    trotzdem konnte das Geheimnis des Lebens nicht entschlüsselt werden. Genau diese
    Verwirrung aufzulösen ist heute unsere Aufgabe.

    Wir haben verstanden, dass das Leben heilig ist. Es ist weder ein Fluch noch eine Sünde,
    vielmehr ist es ein wunderbares Geschenk. Die Yogis und Bhaktas, die Menschen der
    Wissenschaft und der Philosophie und alle Meisterinnen und Meister haben versucht, die
    Lebensqualität zu verbessern. Aber was ist dabei herausgekommen? Ist es nicht so, dass bei
    Allem die wahre Natur des Lebens verschleiert wurde? Wir müssen die Schleier auflösen, die
    durch die religiösen Dogmen und Gebote der Schriften, der wahren Natur des Lebens
    aufgedrückt wurden. Wir müssen die Farbschichten, die seit unvordenklicher Zeit dem Leben
    aufgetragen worden sind, abwaschen. Das Leben ist einfach und rein, heilig und vollkommen.
    Ob im Unendlichen oder im Winzigen, überall ist Leben. Es ist real und allgegenwärtig. Das
    Kleid, das dem Leben umgehängt wurde, ist Prunk und Show, nichts anderes.

    Lasst mein Leben weitergehen wie bisher, in die Richtung, in die es sich sehnt. Behaltet euer
    Wissen, eure Philosophie, eure Spiritualität, eure Wissenschaft, euren sozialen Umgang, eure
    Religion bei euch. Lasst mein Leben prächtig fließen, wie das eines Kindes. Lasst mich, frei von
    Sorgen, fliegen wie die Vögel. Lasst mich unschuldig und unwissend bleiben. Ich will euer
    Wissen und eure Kenntnisse nicht. Eure Bildung und eure Bücher brauche ich nicht. Ich
    möchte in den Wäldern und Gebirgen umherstreifen. Lasst mich zusammen mit den Vögeln
    singen, bringt mich nicht zum Schweigen. Lasst mich auf Pfaden gehen, die mit trockenen
    Blättern bedeckt sind und dabei das Rascheln fühlen. Steht mir nicht im Weg. Lasst mich die
    wunderbaren Naturschauspiele bestaunen, die sich bei Sonnenaufgang zeigen. Lasst mich im
    Wald auf den Blättern ausruhen, in den Wassern der Flüsse baden und die himmlischen Lüfte
    einatmen. Behaltet eure Zivilisation, euren Stolz, euren Ruhm und eure Religion. Steht mir nicht
    im Weg. Ich will gehen, wohin ich will. Fesselt mich nicht mit euren Vorschriften und Gesetzen,
    bringt mich mit eurem religiösen Glauben nicht vom Weg ab, besiegt mich nicht mit euren
    wissenschaftlichen Argumenten. Führt mich nicht in die Irre.

    Ich bin ein Vogel des freien Himmels
    Ich bin der ständige Fluss des Nektars
    Ich bin die ruhige, ewigwährende Glückseligkeit
    Ich bin der leuchtende Stern der Freuden.
    Vergeht, Tränen, Kummer und Sorgen
    Das Gefängnis des Schmerzes wurde zerstört.
    Wo jetzt noch Dornen den Pfad säumen,
    Wird mein Weg mit Blumen geschmückt sein.
    Ich bin ein Sannyasin, ich bin ein Sannyasin …

    Link zum Yogamag (September 2021) auf der BSY Website

  • Was ich will

    Kein Mensch verdient alles ganz allein, er verdient es durch die Gesellschaft. Wenn es diese
    Gesellschaft nicht gäbe, dann könnte er auch nichts verdienen. Wir alle stehen in der Schuld
    der Gesellschaft. Alles, was wir heute besitzen, gehört eigentlich der Gesellschaft. Die
    Gesellschaft hat genauso viel Recht darauf wie du. Dieser Gedanke ist mir hier gekommen, und
    allmählich ist er klarer geworden. Deshalb versammle ich nur solche Menschen um mich, die
    für andere leben werden. Es ist mir egal, ob du Sannyasin bist oder in der Gesellschaft lebst,
    verheiratet oder unverheiratet, jung oder alt bist. Lebe ganz einfach für andere. Iss zweimal am
    Tag und arbeite für andere. Ich habe keine zusätzlichen Anforderungen. Ich will keine
    Anhänger. Ich will eine Person, die nicht für sich selbst, sondern für andere leben kann.

     

    Link zum Yogamag (Dezember 2021)

  • Eine vernünftige Mischung

    Wenn deine Lehrerin oder dein Lehrer dich manchmal nicht zufrieden stellen können, solltest
    du das nicht beachten. Vielleicht sind sie nicht effizient oder vielleicht hast du ein grosses Ego.
    Es kann das Eine oder Andere sein oder beides, denn oft hält ein Mensch mit einem fetten Ego
    den anderen für idiotisch. Du musst also einen Kompromiss finden zwischen dir und deiner
    Akzeptanz. Was kannst du nun tun, wenn du scheinbar automatisch annimmst, dass deine
    Lehrerin oder dein Lehrer ineffizient sind und du gleichzeitig erkennst, dass du ein grosses Ego
    hast? Denke lieber Folgendes, denn es ist sicherer: “Ich bin egoistisch und sie sind nicht
    ineffizient.”

    Das ist der Ansatz zu rationaler Demut. Alle, die behaupten, rational zu sein, sollten auch
    wissen, wie man demütig ist. Durch einen rationalen Prozess kannst du Demut in dir erzeugen.
    Demut ist nicht Minderwertigkeit. Ich wiederhole es, Demut hat nichts mit Minderwertigkeit zu
    tun. Insbesondere die rationale Demut, sie ist eine noble Eigenschaft. Wenn ein Mensch
    denken und analysieren kann, ist er fähig, sich seiner rationalen Grenzen bewusst zu werden.
    Er kann dann auch akzeptieren, dass er rationale Grenzen hat. Wenn er akzeptieren kann,
    wenn er glauben kann, dass auch er rationale Grenzen hat, kann er demütig werden. “Ich kann
    sehr gut denken, ich weiß viele Dinge”, das ist eine Möglichkeit, die man rationale
    Überzeugung nennt. “Aber ich weiß nicht alles – es gibt viele Dinge, die ich nicht weiß”, das
    nennt man rationale Demut. Rationale Überzeugung und rationale Demut müssen
    verschmelzen, dann wirst du weicher und flexibler.
    16. Mai 1984, Satsang im Hotel Nepheli, Thessaloniki, publiziert in ‘History of Satyananda Yoga
    in Greece’, Band 1

    Link zum Yogamag (Dezember 2021)

  • Tapasya, Karma und Titiksha

    Welchen Platz nehmen Tapas und Titiksha in der modernen Welt ein?
    Wir haben eine Schneidemaschine im Ashram, ihr Name ist Tapasya. Und als ich eine größere kaufte, nannten
    wir sie Titiksha. Ohne Schneidemaschine erhalten die Bücher keine schöne Form. Genauso
    musst du deine Persönlichkeit auf die richtige Form «zuschneiden», und das erreichst du durch
    Tapasya. Als Individuum sollte man sein Karma auflösen, sonst bist du deinem Schicksal
    ausgeliefert. Du musst die Verpflichtungen des Schicksals wahrnehmen, es gibt keinen
    anderen Weg. Wenn du Titiksha, Ausdauer und Geduld und Tapasya, Entsagung übst, wirst du
    eine Menge an Karmas erschöpfen und auflösen.

    Tapasya
    Oft magst du darüber nachdenken, ob du etwas loswerden kannst oder dich ihm zwingend
    stellen musst. Oder ob es ein unvermeidlicher Teil deines Schicksals ist, es zu ertragen. Du
    musst die Konsequenzen des Guten und des Schlechten ertragen. Das ist das erste Gesetz
    von Karma. Durch das Üben von Tapasya kannst du es meistern und ein Großteil von deinem
    schlechten Karma auflösen. Tapasya bedeutet, den Prozess des Leidens spontan und
    willentlich zu durchlaufen. Wenn du dich diesem Prozess des Leidens nicht freiwillig
    unterziehst, dann zwingt dich die Natur dazu.

    Wenn du Verstopfung hast, wirst du entweder Durchfall kriegen oder aber es entstehen
    Hämorrhoiden oder eine andere Krankheit. Wenn du freiwillig Shankhaprakshalana übst, wird
    es für ein oder zwei Stunden anstrengend sein, aber es befreit dich von allen Folgen des
    Karmas der Verstopfung. Andernfalls leidest du Monate oder Jahre, anstatt anderthalb
    Stunden.

    Nach der Reinkarnationstheorie ist Tapasya die Verkürzung der Leidenszeit des Menschen.
    Des Leidens, welches auf sein Karma zurückzuführen ist.
    —27. März 1980, Ganga Darshan

    Karma
    Wenn du sagst, dass Reinkarnation nicht existiert, besitzt du dennoch Karma in der Sukshma,
    der subtilen Form, das du von deinen Eltern geerbt hast. In der Wissenschaft nennt man das
    die molekulare Vererbung, die DNA-Moleküle. Wenn mein Vater oder Großvater eine Krankheit
    hatte, erbe ich diese Voraussetzung. Karma bezeichnet nicht nur das, was du in deinem
    früheren Leben geschaffen hast. Karma ist die Gesamtheit von dem, was du übernommen hast:
    das Erbe aus früheren Leben, früherer Generationen und der Umwelt.

    Dieses Karma beeinflusst nicht nur den Verlauf deines Schicksals, es steuert jede einzelne
    Bewegung, jedes Zwinkern, Niesen und jeden Schmerz im Körper. Es ist so schwierig, diese
    Wahrheit allen näher zu bringen. Jeder einzelne Gedanke, der dir in den Sinn kommt, ist dir in
    den letzten zwanzig, dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren in deinen Sinn gekommen. Wie ist er
    entstanden? Woher kommt er? Woher kommt elektrischer Strom? Aus meiner Steckdose? Nein.
    Aus dem Elektrizitätswerk in Munger? Nein. Wer treibt den Geist an und kontrolliert den Körper?
    Wer verursacht und lindert den Schmerz? Du leidest und lebst in deiner Art und Weise, weil
    dich Karma dazu zwingt, und dieses Karma ist sehr schwierig zu bewältigen.

    Große Denker sind verwirrt darüber, was Karma und was Akarma ist. Die Bewegung und das
    Verhalten von Karma liegen vollständig jenseits des Verständnisses des Menschen. Um den
    karmischen Druck in unserem Leben zu verringern, wurden zwei Methoden auf dem Pfad der
    Sadhana oder Sadhana Marga vorgeschlagen. Die eine ist die Moderate für die Allgemeinheit,
    genannt Tapasya und die andere ist Titiksha.

    Titiksha
    Titiksha bedeutet Hitze und Kälte ertragen zu können. Es bedeutet in einem ausgeglichenen
    Geisteszustand zu leben, ob du nun gelobt, beleidigt oder getreten wirst. Und genauso bleibst
    du ausgeglichen, wenn dich jemand in eine hohe Position erhebt. Halte deinen Geist im
    Gleichgewicht, egal ob du Sukha oder Dukha, Gewinn oder Verlust, Sieg oder Niederlage
    erfährst. Danach musst du zu kämpfen beginnen. Du solltest darauf vorbereitet sein, auf dem
    Schlachtfeld des Lebens zu kämpfen, sobald du deinen Geist in den verschiedenen Paaren
    von Gegensätzen ausgeglichen hast. Das nennt man Titiksha – widerstehen und tolerieren,
    wenn der Geist in die Extreme des Lebens geworfen wird. Wenn du in den Nahen Osten reist,
    ist es dermassen heiß. Wenn du in arktische Länder reist, ist es unglaublich kalt. Wenn dein
    Körper extremem Klima und dein Geist extremen Situationen ausgesetzt ist, solltest du in der
    Lage sein, dies irgendwie auszugleichen. Das nennt man Titiksha.

    Tapasya bedeutet, jeden einzelnen Teil des Körpers durch einen bestimmten Prozess zu klären.
    Wie reinigt man Gold? Man gibt es ins Feuer. Das wird Tapas genannt. Wie klärt man sich
    selbst, sein Karma? Indem du dich bestimmten Situationen aussetzt. Wenn dich ein Mensch
    kritisiert, halte ihn in deiner Nähe, stoss ihn nicht fort. Er klärt deine Seele, ohne Wasser oder
    Seife. Jeden Tag klärt er dich. Gautama Buddha, der Erleuchtete, hatte einen Neffen,
    Devadatta, der ein Schurke war. Er lebte in derselben Sangha mit Buddha und seinen Schülern
    und redete die ganze Zeit schlecht über Buddha. Diejenigen, die an Buddha glaubten,
    kritisierten ihn, aber Buddha behielt ihn die ganze Zeit über in der Sangha. Devadatta zettelte
    sogar eine Verschwörung an, Buddha zu töten, als Buddha auf dem Höhepunkt seines Ruhmes
    war und die Könige sich vor ihm verneigten. Diese Haltung Buddhas, sich dem Widersacher in
    ständigem Gleichmut zu stellen, wird Tapas genannt.

    In der Bhagavad Gita gibt es verschiedene Formen von Tapasya, körperliche, mentale und
    emotionale Entsagungen. Eine Entsagung, die die Sprache betrifft, ist beispielsweise: «Äussere
    nicht Worte, die den Geist anderer Menschen irritieren». Die verschiedenen Arten von Tapasya
    zielen darauf ab, deine Gewohnheiten, deine Natur und deine gesamte Persönlichkeit zu
    reinigen, bis deine Seele so weit geklärt ist, dass du frei von den karmischen Zwängen wirst.

    Link zum Yogamag (März 2022)

  • Der spirituelle Aspekt des Lebens

    Es ist weder meine Absicht noch ist es möglich, euch den wahren Wert eines überragenden
    Themas zu vermitteln, welches von euren Rishis vor vielen tausend Jahren entdeckt wurde und
    erst seit wenigen Jahrzehnten die Menschen des technischen Zeitalters erstaunen lässt. Wo die
    moderne Medizin nicht zu helfen vermochte und die moderne Psychologie und Psychotherapie
    versagten, hat diese Wissenschaft den Weg in jedes Land gefunden und hat sämtliche
    Schranken von Nationalität, Kultur, Glaube und Religion, einschließlich des Agnostizismus,
    durchbrochen. Es ist ein sehr wichtiges Thema für euch alle, das ihr kennen und dem ihr euch
    praktisch widmen solltet.

    Ich bin nicht hierher gekommen, um euch zu belehren, nicht einmal, um euch zu inspirieren,
    sondern um daran zu erinnern, dass euer Land zuallererst wahre Bürgerinnen und Bürger
    braucht und dann alles übrige. Um eine gute Staatsbürgerin oder ein guter Staatsbürger zu
    sein, braucht es die Qualität des Geistes. Der Mensch entspricht dem Geist, den er hat. Du
    projizierst deinen Geist in dein tägliches Leben, und das ist es, was deine Gesellschaft prägt.
    Während der letzten paar tausend Jahre wurde keine andere Wissenschaft entwickelt, um den
    Verstand und die Persönlichkeit neu zu strukturieren. Die westlichen Länder haben ihr Bestes
    getan, um die Persönlichkeit zu entwickeln, aber alle Wissenschaften haben versagt. Wir setzen
    unsere Hoffnung auf Yoga. Er wird dir und deiner Gemeinschaft definitiv etwas Gutes tun.
    Es ist nicht nur eine Reihe von Übungen, die du vielleicht als Yogasana oder Hatha Yoga
    kennst, die geübt werden sollten. Dies ist nur ein Zweig des Yoga, nicht der ganze Yoga. Wenn
    ich von Yoga spreche, meine ich einen integralen Ansatz, ein integrales System. All diese
    Aspekte des Yoga, die sich um Körper, Geist, Emotionen und das spirituelle Leben kümmern,
    sind die Techniken, die um das herum gewebt sind, was du Dhyana Yoga, Meditation, nennst.
    Das ist das Zentrum, der Fokus. Durch die Meditation beginnst du, eine Veränderung in der
    Qualität deiner Gefühle und Reaktionen herbeizuführen.

    Wenn wir über Dhyana Yoga sprechen, meinen wir den gesamten Yoga. Yoga Haltungen,
    Asanas, Mudra, Bandha, Pranayama sind alles Schritte zum Yoga. Diese sollten nicht deshalb
    geübt werden, weil es sich um Techniken handelt, die eine Menge Dynamik verleihen, sondern
    weil sie eine Veränderung der Hormon- und Drüsenaktivität im Körper bewirken. Es wäre auf
    jeden Fall falsch, Yoga als ein körperliches Training zu verstehen, bei dem man Bizeps und
    Trizeps aufbaut. Yoga Asanas und Sport Übungen sind zwei verschiedene Schulen und
    Zweige.

    Asanas haben unmittelbare Auswirkungen auf das Nervensystem und die endokrinen Drüsen
    und verändern dadurch emotionale Muster, Furcht und Ängste und manchmal auch physische
    Erkrankungen. Diejenigen von euch, die vielleicht im Studium Herausforderungen begegnen,
    persönliche emotionale Schwierigkeiten oder eine Art Krise in ihrem persönlichen Charakter
    haben, sollten daran denken, dass eine Art Ungleichgewicht in den endokrinen Drüsen
    sekretionen vorliegen könnte. Ein Zuviel an Schilddrüsenhormonen, Adrenalin oder ein
    Überschuss an Sekreten aus dem hinteren Lappen der Hypophyse könnte deine Persönlichkeit
    völlig verändern und dich vielleicht zu einem Kriminellen oder einer Terroristin machen. Deine
    Unfähigkeit, dich auf das Studium zu konzentrieren oder dein terroristisches, schüchternes
    oder feiges Wesen könnten also unter anderem eine Folge des Ungleichgewichts im
    endokrinen System sein.

    Wie kann man das korrigieren? Bisherige Untersuchungen haben gezeigt, dass man durch das
    Üben von Yoga Asanas dieses Ungleichgewicht beseitigen kann. Sarvangasana kann die
    Inaktivität der Schilddrüse aufwecken. Shashankasana verbessert die Nebennierensekretion
    und dadurch werden beispielsweise Störungen wie Angst vor Dunkelheit oder Atemprobleme
    geheilt.

    Was ist beim Dhyana Yoga wichtig? Es geht nicht nur darum, sich still hinzusetzen oder alles
    um sich herum zu vergessen. Wenn du versuchst, zu meditieren oder Dhyana zu üben, muss
    das Bewusstsein für das Objekt, die Idee und die Form ständig aufrechterhalten werden. Achte
    darauf, dass es keine Unterbrechung gibt. Wenn es nur eine Idee, ein Objekt gibt, nennt man
    das Ekagrata, ‘Einsgerichtetsein’. Wenn sich von Zeit zu Zeit verschiedene Ideen im Geist
    abwechseln, nennt man das Vikshepa, Ablenkung. Wenn der Geist überhaupt nicht bei einer
    Idee bleibt, sondern ständig von einer Idee zur nächsten springt und nie zur ersten Idee
    zurückkehrt, könnte man das ‘Schizophrenie’ nennen. Das wird die Krankheit eures
    Jahrhunderts sein. Um den kranken Geist zu heilen, muss man die Qualität des Denkens, des
    Fühlens, der Intelligenz und des Gedächtnisses verbessern. Du musst für dich selbst ein
    Objekt auswählen und mit diesem Objekt solltest du dann jeden Tag mindestens zehn Minuten
    lang Konzentration üben.
    —4. Februar 1982, Sourashtra College, Madurai, Tamil Nadu

    Wenn du Probleme hast, deinen Geist auf ein Objekt zu konzentrieren – was für uns oft
    schwierig ist – dann kämpfe nicht mit dir, sondern führe Pranayama durch. Der Geist wandert
    umher wie ein wilder Hund oder Affe, man kann ihn nicht kontrollieren. Wenn du versuchst, ihn
    zu kontrollieren, bekommst du Kopfschmerzen, wirst deprimiert oder bist voller Anspannungen.
    In solchen Momenten musst du versuchen, Pranayama zu üben. Pranayama ist eine Methode,
    bei der man mit Hilfe der Atmung bestimmte Einflüsse auf das Gehirn erzeugt.

    Pranayama ist eine Atemtechnik, die etwas mit der Lunge und dem Herz zu tun zu haben
    scheint, aber mehr als das, hat sie Einfluss auf das Gehirn. Der Atem, der durch das linke
    Nasenloch strömt, und der Atem, der durch das rechte Nasenloch fliesst, während man ein-
    und ausatmet, erzeugt bestimmte Bewegungen und Vibrationen im Gehirn. Die Techniken der
    Atmung sind eine Art Übung für dein Gehirn, so wie du Übungen für Bizeps und Trizeps
    machst. Die «Muskeln» des Gehirns müssen auch in irgendeiner Form trainiert werden und das
    geschieht durch Pranayama.

    Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die Atmung durch das linke Nasenloch die
    rechte Hemisphäre und die Atmung durch das rechte Nasenloch die linke Hemisphäre des
    Gehirns beeinflusst. Dies ist nur ein kleiner Einblick, den ich dir gebe, wie Pranayama dein
    Gehirn ins Gleichgewicht bringen kann, und durch dieses Gleichgewicht kannst du jeden Tag
    meditieren.

    Ich bin nur hierher gekommen, um dir eine kurze Mitteilung zu machen. Ich bin in den letzten
    Jahren viel um die Welt gereist. Ich ziehe jeden Tag weiter, das ist mein Leben. Ich habe das
    Gefühl, dass die Welt ohne die Wissenschaft des Yoga unvollständig ist. Die moderne Welt, hat
    den «äußeren Menschen», den materiellen Aspekt des Lebens entwickelt, aber den spirituellen
    oder inneren Aspekt des Lebens vernachlässigt. Die Menschen haben das Vertrauen in viele
    gute Dinge verloren, wie z.B. in die Moral, weil sie letztendlich glauben, dass es sich nicht
    lohnt. In dieser Zeit, in der die gesamte Gesellschaft in jedem Land und in jeder Religion in
    einer Krise steckt, gibt es eine Sache, die eine Erneuerung bringen kann – das ist Yoga.
    Menschen aus Wissenschaft, Medizin, Pädagogik und Sozialreform sprechen überall über Yoga
    und sagen, dass die Zeit gekommen ist, in der Yoga in unser tägliches Leben eingeführt
    werden muss. Für die Aufklärung auf nationaler Ebene müsst ihr den Weg zur Vermittlung
    dieses Wissens finden. Es ist die Pflicht der Ältesten und Weisen des Landes, den Menschen
    offen zu sagen: “Seht her, wenn ihr als Mensch überleben wollt, wenn ihr wollt, dass eure
    Gesellschaft oder eure Nation überlebt, dann müsst ihr Yoga üben.”
    Yoga sollte nicht mit Entsagung in Verbindung gebracht werden. Es gibt keine Entsagung als
    solche. Swami Vivekananda übte Verzicht, aber er arbeitete viel mehr als jeder Professor,
    Lehrer, Arzt oder Manager. Die Menschen, die scheinbar der Welt entsagt haben, haben in
    Wirklichkeit ihrem persönlichen, belanglosen Leben entsagt. Sie haben sich der vollkommenen
    Arbeit, dem Karma Yoga, gewidmet. Yoga ist also für eine soziale und kulturelle Erneuerung
    gedacht.

    Ich übe TM (Transzendentale Meditation) und habe kürzlich ihr Siddhi Program für
    Fortgeschrittene absolviert. Ich bin mir aber immer noch der äusseren Geräusche
    bewusst.

    Wenn wir meditieren, befassen wir uns mit der Beziehung zwischen drei Punkten der
    Persönlichkeit: der Funktion der Sinne, dem Verstand und dem Geist oder der Bewusstheit.
    Zuerst muss der Geist von den Sinneskanälen losgelöst und isoliert werden, was Pratyahara
    genannt wird. Wenn Pratyahara etabliert ist und wenn Chitta oder Chetana isoliert sind und
    äußere Faktoren die Bewusstheit nicht mehr stören, dann muss er auf einen Punkt konzentriert
    werden.

    Wenn du den Geist auf einen Punkt konzentrierst, entsteht dreifache Bewusstheit bezüglich: dir,
    dem Akt der Konzentration und dem Objekt der Konzentration. Bald darauf schwindet dieses
    dreifache Gewahrsein. Aber von Zeit zu Zeit gibt es ein Objekt und ein Gewahrsein von dir
    selbst, und dieser Zustand begleitet dich sehr lange. Ansonsten bleibt die Bewussheit für ein
    einziges Objekt oder das Einsgerichtetsein, Ekagrata, bestehen.

    Dieses Ekagrata, die Einsgerichtetheit, setzt sich für eine gewisse Zeit fort, dann wird auch das
    Objekt zurückgezogen. Du verlierst das Gewahrsein des Objekts und beginnst, deinem Selbst
    bewusst zu werden. Nicht als Form, nicht als diese Person im Verhältnis zu Zeit und Raum. Man
    kann es “Aham” nennen. Aham bedeutet kosmisches Bewusstsein oder Atmanubhuti, es hat
    viele oder keinen Namen.

    Es ist besser, sich bis zu dem Punkt zu bemühen, an dem die Einsgerichtetheit eintritt. Wenn du
    dich auf das Licht einer Kerze konzentrierst, darf nur das Licht der Kerze existieren und alles
    andere, sogar die sehende Person, muss sich auflösen. Du musst dich auflösen – das
    Gewahrsein, dass du der Zeuge bist, muss sich auflösen. Später verschwindet auch das Licht,
    nur die reine Bewusstheit bleibt. Dieses Gewahrsein wird formloses Gewahrsein genannt,
    Nirguna Chaitanya. Was ist formloses Gewahrsein? Wenn ich sitze, bin ich bewusst, aber ich
    bin in Bezug auf meinen Körper, auf Zeit und Raum bewusst. Das wird formbezogenes
    Gewahrsein genannt..

    Sollte man sich bei der Meditation konzentrieren oder den Gedanken freien Lauf lassen?
    Die westlichen Ländern haben weder eine Kultur noch eine Tradition der Meditation. Ihre Kultur
    basiert darauf, das zu tun, was der Verstand vorgibt. Dieses Land hat eine sehr alte Kultur aus
    der Zeit der Veden, vielleicht vor fünfunddreißig- oder vierzigtausend Jahren. Du wirst in eine
    Kultur eingeweiht, die auf Selbstkontrolle in jedem Augenblick beruht. Ich spreche nicht von
    der Überlegenheit oder Unterlegenheit einer Kultur. Es ist keine Frage der Überlegenheit,
    sondern eine Frage des Umgangs mit dem Verstand.

    Vernünftig zu sein, ist ein weiterer Punkt, der mir in den Sinn kommt. Wenn die Sonnenstrahlen
    durch ein Vergrößerungsglas gebündelt werden, haben sie die Kraft, alles zu verbrennen.
    Heutzutage gibt es nicht nur Vergrößerungsgläser, sondern so viele andere Möglichkeiten.
    Laserstrahlen werden erzeugt und wenn man Energie konzentriert, wird sie sehr kraftvoll. Der
    Geist ist Energie. Er ist keine psychologische Substanz. Wie Energie, ist er positiv und negativ
    geladen, hat Spannung, Frequenz, Stromstärke und Schwingung. Diese Energie kann
    konzentriert werden. Wenn man den Geist als psychologische Substanz betrachtet, beruhend
    auf der Definition der westlichen Psychologie, dann darf man ihn nicht unterdrücken. Wenn der
    Geist positive und negative Energie ist, Shakti, beinhaltet er Fliesskraft. Dieser Energiestrom
    kann sich aus dem Geist heraus im Raum bewegen. Er hat ein Gebiet, ein Feld, vergleichbar
    mit einem elektrischen, magnetischen oder radioaktiven Feld. Der Geist hat ein Feld wie ein
    Magnet. Du kannst diesen Geist konzentrieren und ihn stark machen. Du kannst ihn stärken, so
    wie du die Sonnenstrahlen intensivierst oder so wie wenn du Wasser kanalisierst. Wenn du
    Wasser aus verschiedenen Kanälen sammelst, kann es so stark werden, dass du
    hydroelektrische Generatoren betreiben kannst.

    Der Geist sollte niemals als Gedanke verstanden werden. Ein Gedanke, ob gut oder schlecht,
    ist nicht Geist, Emotion ist nicht Geist, Leidenschaft ist nicht Geist, Erinnerung ist nicht Geist.
    Sie sind Manifestationen von Energie. Dieser Ventilator und dieses Mikrofon sind keine
    Elektrizität. Elektrizität ist der Strom, der in all diesen Objekten fließt. Der Geist ist die Energie,
    hingegen die Sprache, der Gedanke, die Wahrnehmung, der Geruch, das Gehör, das Wissen
    und auch die Konzentration sind Produkte dieser Energie. Manchmal, wenn Störungen und
    Schwierigkeiten auftauchen, reicht es, wenn du dich entspannst und das Grübeln loslässt. Aber
    es gibt noch viele andere Methoden wie z.B. Pranayama. Wenn Pranayama dir nicht hilft, übe
    Asanas. Wenn Asanas dir nicht helfen, mach Kriya Yoga. Wenn Kriya Yoga nicht hilft, singe
    Kirtan oder rezitiere oder singe Mantras.

    Link zum Yogamag (Mai 2022)