Category: Artikel von Swami Sivananda

  • Wie man Tugenden entwickelt

    Über den Geist – dessen Geheimnisse und wie man ihn beherrscht
    Untersuche deinen Charakter gründlich. Wähle einen herausstehenden Aspekt, den du als
    Schwäche empfindest. Finde dann das Gegenteil dieser Schwäche. Sagen wir, du leidest unter
    Gereiztheit. Das Gegenteil von Gereiztheit ist Geduld. Versuche nun diese Qualität, durch das
    Meditieren über die allgemeine Tugend von Geduld, zu entwickeln.

    Setze dich regelmässig, jeden Morgen um 4 Uhr früh, für eine halbe Stunde in einen abge
    legenen Raum, in Padmasana oder Siddhasana und beginne über Geduld nachzusinnen.
    Reflektiere deren Wert und wie man Geduld übt, wenn man provoziert wird. Nimm dir jeden Tag
    einen Aspekt vor, am nächsten Tag einen anderen. Entwickle dabei eine gleichmütige und stete
    Art des Denkens und rufe den Geist jeweils zurück, wenn er beginnt wegzudriften.
    Stelle dich dir mit perfekter Geduld vor, wie ein Vorbild für Geduld und beende dann die
    Meditation mit Entschluss: “Diese Geduld ist mein wahres Selbst, ich fühle und lebe sie ab dem
    heutigen Tag.”

    Zunächst wird sich für einige Tage wahrscheinlich keine Veränderung zeigen. Du wirst dich
    weiterhin gereizt fühlen und mit Gereiztheit reagieren. Fahre nichtsdestotrotz stetig mit dem
    morgendlichen Üben fort. In Momenten, in denen du gereizt etwas äußerst, wird ein Gedanke
    ungefragt in deinem Geist auftauchen: ”Ich hätte mich in Geduld üben sollen.” Fahre weiter fort
    mit dem Üben.

    Schon bald wird der Gedanke an Geduld zusammen mit dem gereizten Impuls auftauchen und
    dein Ausdruck, die äussere Manifestation, wird überprüft. Fahre weiterhin mit dem Üben fort.
    Der Impuls, der dich reizt und ärgert, wird von Mal zu Mal schwächer und schwächer bis zu
    dem Punkt, an dem du feststellst, dass die Gereiztheit verschwunden ist und Geduld deine
    normale Haltung gegenüber Ärgernissen geworden ist.

    Auf diese Art und Weise kannst du eine Vielzahl von Tugenden wie zum Beispiel Mitgefühl,
    Selbstbeherrschung, Reinheit, Demut, Wohlwollen, Gutherzigkeit und Grosszügigkeit
    entwickeln.

     

    Du findest das Original im Yogamag

     

  • Sivanandas Worte an Satyam

    Du wirst ursprünglich aus dem Schoß deiner Mutter geboren.
    Das ist die Geburt des physischen Babys. Das bist du und das bin ich.
    Dann wirst du aus dem Schoß der Erkenntnis geboren, Jnana.
    In dieser Phase wird der Guru zum Werkzeug, zum Instrument.
    Und heute bist du als Sannyasin geboren. Als Sannyasin wirst du durch den Guru geboren.
    Es ist die spirituelle Geburt und nun hast du mit deinen früheren Geburten nichts mehr zu tun.

    – Swami Sivananda Saraswati

     

    Link zum Yogamag (März 2023)

  • Pranayama

    Technik: Setze dich bequem auf einen Stuhl oder in einen bequemen Sessel. Atme durch beide
    Nasenlöcher ein, so lange wie es dir angenehm ist. Halte danach den Atem so lange wie
    möglich an und wiederhole dein Ishta-Mantra oder Aum. Atme dann so lange aus, wie es
    angenehm ist. Einatmung, Ausatmung und Atemstillstand müssen in keinem bestimmten
    Verhältnis stehen. Lasse die Ein- und Ausatmung einfach tief und voll sein.

    Nutzen: Die positive Wirkung dieses Pranayamas ist unermesslich. Alle Muskeln entspannen
    sich, die Nerven werden gestärkt und die Durchblutung wird gefördert. Es entsteht und es
    festigt sich ein Rhythmus und eine Harmonie im gesamten Wesen. Der Geist wird ruhig und ein
    unbeschreibliches Gefühl des Friedens und der Glückseligkeit entsteht.

    Du kannst diese Technik morgens, während du noch im Bett liegst, üben. Dein Geist wird
    dadurch wach und bereit, um mit Japa und Dhyana zu beginnen. Oder führe diese Atemübung
    aus, wenn der Geist im Begriff ist, sein Gleichgewicht zu verlieren, weil Begierde, Zorn oder
    andere irritierende Vrittis auftauchen. Eine grosse Kraft wird deinen Geist durchströmen, die
    verhindert, dass die negativen Vrittis Störungen verursachen.

    Du kannst diese Technik einsetzen, kurz bevor du mit dem Studium des Lernstoffs beginnst.
    Der Geist lässt sich schneller konzentrieren und was du lernst, wird dauerhaft in deinen Geist
    eingeprägt. Du kannst sie während deiner Arbeit im Büro ausführen, denn durch sie wirst du
    neue Kraft bekommen und nie müde sein. Wenn du von der Arbeit nach Hause kommst, kannst
    du diesen Pranayama üben, um dich wieder mit frischer Energie aufzutanken.

    Der größte Vorteil ist, dass du diesen Pranayama, wenn du einmal damit angefangen hast, sehr
    oft anwenden wirst. Dein Geist wird niemals eine Ausrede dafür finden, diese einfache und
    bequeme Atemtechnik nicht auszuüben. Sie hat alle Vorteile von Pranayama, ohne dass du
    dabei auf bestimmte “Regeln und Vorschriften” achten musst. Mache sie von nun an unbedingt
    regelmässig.

     

    Link zum Yogamag (Oktober 2020) auf der BSY Website

  • Glück

    Die Strahlendste der Sonnen scheint immer in dir, aber deine blinden Augen können sie nicht
    sehen. Der ewige Klang ist in dir, aber deine tauben Ohren können ihn nicht hören.
    Sei immer fröhlich, lache und lächle. Versuche immer glücklich zu sein. Halte den Geist in
    mildem, massvollen Zustand. Lass keine Exzesse zu. Der Verstand bewegt sich ständig
    entweder zu extremer Depression oder extremer Freude hin. Extreme bewirken eine Reaktion.
    Der Geist kann in übermäßiger Freude niemals ruhig sein. Lass den Geist fröhlich, aber ruhig
    sein.
    Glück kommt von geistigem Frieden. Echtes Glück findest du in dir. Es ist im Atman. Glück ist
    deine wahre Natur.

     

    Link zum Yogamag (November 2021)

  • Eine positive Einstellung bewahren

    Versuche die Kraft zu entwickeln, alle schädlichen oder unerwünschten Einflüssen von dir abzuwehren, indem du dich selbst positiv stimmst. Auf diese Weise wirst du empfänglich für alle höheren, inneren Impulse der Seele und für alle höheren Kräfte und Einflüsse von außen. Mach dir selbst folgenden Vorsatz: «Ich verhalte mich allen irdischen Dingen gegenüber positiv und bin empfänglich für alle höheren Einflüsse.» Indem du diese Haltung immer wieder bewusst einnimmst, wird sie bald zur Gewohnheit.

    Im Verstand gibt es sowohl Zweifel als auch das Reale. Wenn ein Zweifel aufkommt, ob es Gott gibt oder nicht, ob die Selbstverwirklichung gelingen wird oder nicht, sollte er durch Affirmationen wie die folgende beseitigt werden: «Ich werde mit Bestimmtheit erfolgreich sein. Daran besteht kein Zweifel.» Autosuggestion besteht aus kraftvollen Beteuerungen. Die Formulierung, «ich werde in jeder Hinsicht jeden Tag besser und besser», wird dir Gesundheit und Erfolg bescheren. Wiederhole dies mental während dem Tag. Beschäftige dich ständig damit. Du wirst zu dem werden, was du denkst. Der Geist hat die Fähigkeit, aus dem Himmel die Hölle zu machen und aus der Hölle den Himmel. Er ist die Ursache von Himmel und Hölle, von Befreiung und Gefangenschaft. Möge Gott dir die Kraft geben, deinen Geist zu erobern und ewigen Frieden und ewige Glückseligkeit zu genießen!

    Du findest das Original auf: http://www.yogamag.net/archives/2016/bfeb16/prat.shtml 

  • Pratyahara

    Wenn der Geist sich von den Wahrnehmungs- und Handlungsorganen (Indriyas) löst, erleben
    wir mentale Abstraktion. Wenn die Indriyas die Objekte loslassen, verwandeln sie sich in die
    Materie des Geistes und nehmen dessen Form an. Sie werden in die Bereiche des Geistes
    zurückgezogen. Dies wird als Pratyahara oder Abstraktion bezeichnet. Wenn die Indriyas den
    zugehörigen Objekten entzogen werden, ist es Indriya-Pratyahara.

    Pratyahara ist ein weitgefasster, allgemeiner Begriff, der die Komponente Dama enthält. Dama
    bewirkt das Zurückziehen der Indriyas. Diese Wirkung wird als Pratyahara bezeichnet. Wenn
    du durch Yoga bewusst und willentlich Pratyahara erzeugst, wenn du den Geist bewusst mit
    den Sinneswahrnehmungen verbinden oder ihn von diesen lösen kannst, dann hast du eine
    wirklich grosse Regulierungsfähigkeit bezüglich des Geistes erlangt. Du kannst dann jederzeit
    die nach aussen gerichteten Tendenzen oder die nach aussen strebenden Kräfte des Geistes
    überprüfen. Pratyahara ist das Sprungbrett zum inneren spirituellen Leben. Jene, welche
    Pratyahara meistern, können ihren Geist ziemlich bereitwillig für einen längeren Zeitraum
    fokussieren. Wenn Pratyahara gemeistert wird, folgen automatisch Dharana und Dhyana.
    Ein Yoga Aspirant muss hart dafür arbeiten, Pratyahara zu meistern. Dafür ist vollkommenes
    Vairagya unabdingbar. Dies kann dir nach Jahren des stetigen und unermüdlichen Bemühens
    gelingen. Im Yoga Sutra des Weisen Patanjali steht geschrieben (2:55):

    Tatah parama vasyatendriyanam

    Durch Pratyahara erlangt man die höchste Meisterschaft über die Sinnesorgane.

    Was getan und was gelassen werden sollte

    Ist Pratyahara gemeistert, sind alle Organe unter perfekter Kontrolle. Während einer Phase des
    Sadhana ist es wichtig die fünf folgenden Punkte mit Sorgfalt einzuhalten: gehe nicht viel unter
    Menschen, spreche nicht viel, gehe nicht viel herum, esse nicht viel, schlafe nicht viel.

    Wenn du dich viel unter Menschen begibst, wird der Geist aufgewühlt. Häufiges Reden
    zerstreut den Geist. Übermässiges Herumgehen verursacht Erschöpfung und Schwäche.
    Zuviel Essen bewirkt alasyaand tandri, Faulheit und Schläfrigkeit.

    Wenn du die Zügel der Pferde unter Kontrolle hast, wird die Reise sicher sein. Die Indriyas sind
    die Pferde. Wenn du die Sinne effizient unter Kontrolle hast, kannst du auf dem Weg hin zu
    Moksha eine sichere Reise erleben. Indriyas sind ohne die Hilfe des Geistes wirkungslos. Der
    Geist ist ihr Herr und Gebieter.

    Du findest das Original auf: http://www.yogamag.net/archives/2016/bfeb16/prat.shtml