Category: Satsangs von Swami Niranjanananda

  • Jenseits des Körpers

    Im Hatha Yoga sind sieben Bhumikas, Bedingungen oder Ebenen definiert. Die erste ist Shodhanam, was Reinigung oder Entgiftung bedeutet. Welche Übung auch immer du machst, selbst wenn es Pawanmuktasana ist, das erste Ergebnis ist Entgiftung und Reinigung. Egal, ob es sich um das Üben von Asana oder um Shatkarma handelt, es führt zuerst zur Reinigung der Körpersysteme und zum Ausgleich der drei Wirkprinzipien: Pitta, Kapha und Vata – Galle, Schleim und Gas.

    Nach Reinigung und Gleichgewicht kommt die zweite Bedingung: Sthairyam, Stille. In den Yoga Sutras wird Sthairyam als Sthiram Sukham Asanam dargestellt. Stille des Körpers bedeutet, dass du in der Lage bist, die Bewegung und Aktivität der Sinne zu meistern. Die Beherrschung der Sinnesaktivitäten führt zur Stille. Solange die Sinnesaktivitäten hyperaktiv sind, wirst du keine Stille erfahren. Selbst wenn du deine Augen schliesst, können sich deine Augäpfel noch immer rasch bewegen, so dass du unruhig, verwirrt und definitiv nicht fokussiert bist. Jede Aktivität der Sinnesorgane unterbricht den Zustand der Stille und des Gleichgewichts, der sowohl physisch als auch psychologisch ist.

    Die dritte Bedingung ist Drirhata, Festigkeit. Wir haben die Übung durchgeführt, bei der du dir vorstellst auf einem Dreieck zu sitzen und dann den Körper in eine Pyramide einhüllst. Zu diesem Zeitpunkt wurdest du unbeweglich. Der Körper war still und fest. Kein einziger Körperteil bewegte sich und du fühltest dich wohl in diesem Zustand. Beständigkeit bedeutet ein unveränderlicher Zustand des Wohlbefindens: absolutes und totales Wohlbefinden, keine Ablenkung oder Störung jeglicher Art.

    Die vierte Bedingung ist Dhairyam, Geduld. Aus Beständigkeit entsteht Geduld. Hier findet ein Übergang statt vom Körper zum Geist, denn Geduld ist eine Eigenschaft des Geistes, während Beständigkeit eine Eigenschaft der Sinne ist. Wenn der Geist ruhig ist, besteht Geduld. Der aufgewühlte Geist ist ungeduldig. Geduld ist ein Zustand und eine Bedingung des Geistes. In diesem Zustand wirst du durch nichts gestört und bist in der Lage, ganz bequem darin zu verweilen.

    Es fällt den Menschen schwer, einen friedvollen und ruhigen Geist zu ertragen. Obwohl alle nach Frieden streben, kann niemand damit umgehen. Geduld ist ein Zustand, der sich im Geist einstellt, wenn es keine Ablenkung durch sinnliche Aktivitäten, durch die Karmendriyas und Jnanendriyas, gibt. Dieser Zustand beeinflusst den Geist und er wird ruhig und friedvoll. Sobald die Sinne und der Geist still und ruhig werden, wird die fünfte Stufe Laghavam oder Leichtigkeit des Körpers, erfahren.

    Sobald die Sinne und der Geist still und ruhig werden, wird die fünfte Stufe Laghavam oder Leichtigkeit des Körpers, erfahren.

    In alten Zeiten gingen Mönche auf Reispapier, um ihre Konzentrationsfähigkeit und die Kontrolle über ihre Sinne zu testen. Wenn sie ohne einen Abdruck zu hinterlassen darüber gehen konnten, wurde davon ausgegangen, dass sie die Sinne beherrschten und die Leichtigkeit des Körpers erlangt hatten. Dies ist eine der Prüfungen in den Shaolin Kampfkünsten, denn die Kontrolle des Pranas macht den Körper leicht. Je fokussierter du bist, desto leichter wird dein Körper.

    Laghavam oder Leichtigkeit des Körpers wird als natürliches Ergebnis der Harmonie zwischen den Sinnen und dem mentalen Verhalten betrachtet. Die Aktivität der Sinne steht für die pranische Aktivität und die Geduld für die mentale Aktivität. Leichtigkeit wird also erfahren, wenn mentale Aktivität und pranische Aktivität im Gleichgewicht sind.

    Aus der Leichtigkeit entsteht Pratyaksham. Es ist der Zustand, in dem es dir gelingt, dich damit zu identifizieren, was du erfährst. In der Morgenklasse wurdest du gebeten wahrzunehmen, wie bewusst du in jeder der fünf Komponenten der Asana Übung warst. Wenn du deine Bewusstheit in jeder Komponente hundertprozentig entwickelst, ist das Pratyaksham: vollständige Absorption und Identifikation mit dem, was du tust und erlebst. Du wirst eins mit der Bewegung, du wirst eins mit der Erfahrung von Prana, du wirst eins mit dem Atem, du wirst eins mit der Visualisierung, du wirst eins mit dem Chakra, du wirst eins mit dem Mantra. Dieser Klang schwingt in dir – er ist nicht nur eine mentale Wiederholung, er wird zu einer lebendigen Erfahrung. Visualisierung, Atem, Prana, sie alle werden zu lebendigen Erfahrungen. Es kann geschehen und wird geschehen, wenn du dir Zeit gibst. Pratyaksham bedeutet also, eine Erfahrung zu leben.

    Pratyaksham führt zur siebten Bedingung, Nirlipta, einem Zustand der mentalen Unbeteiligtheit. Du bist nicht involviert, du bist einfach die beobachtende Person, Drashta. Du bist nicht Bhokta, der Genießer oder die Erfahrende. Sobald du fähig bist, deine eigenen Erfahrungen zu beobachten, wirst du Nirlipta. Du kultivierst die Fähigkeit zu sehen, die beobachtende Person zu werden.

    Diese sieben Zustände oder Bedingungen müssen sich mit der Übung von körperlichem Yoga entwickeln. Sobald sie gemeistert sind, gehst du zum mentalen Yoga über. Ob es Shatkarma, Asana, Pranayama, Mudra, Bandha oder irgendeine andere körperliche Übung ist, sie wird dich durch diese sieben Zustände führen, was den Fortschritt in deinem Sadhana anzeigt. Sie repräsentieren das Ergebnis der körperlichen Übung. Wenn du Shatkarma ausführst, erlangst du Shodhanam, wenn du Asana und Pranayama übst, werden Sthairyam und Dhairyam erreicht. Wenn du Pranayama perfektionierst, erfährst du Laghavam. Auf diese Weise wird dich jede Übung zu einem Zustand führen und auf eine weitere Ebene bringen, denn das ist Ziel und Zweck der Übung.

    Yama und Niyama
    Während du die körperliche Übung ausführst, gibt es noch einen weiteren Aspekt, den du berücksichtigen solltest: die mentale Bewusstheit, die Einstellung oder den Zustand, den du schaffst, um den Fortschritt deines Sadhanas zu unterstützen. Die Übung ist körperlich und die innere Haltung ist mental. Diese Haltung wurde als Yama und Niyama bezeichnet.

    Yama und Niyama wurden als Ethik, Moral und Disziplinen des Yoga ins Deutsche übersetzt. Damit wird man ihrer Bedeutung nicht gerecht. Yama bedeutet „aufrechterhalten“, einen Zustand aufrechterhalten, den du erlangt hast. Wenn du einen Zustand erlangt hast und ihn aufrechterhältst erlebst du ein Yama. Es ist ein Zeichen dafür, dass du einen negativen Zustand durchlaufen hast und zu etwas Positivem geworden bist. Yama bedeutet also, das Positive im Auge zu behalten, die Erfahrung des Positiven im Leben zu werden.

    Es gibt zwei Felder, auf denen du dich bewegst. Das eine ist das Feld der Positivität, der Hoffnung und der Freude. Das andere ist das Feld der Negativität, der Verzweiflung und des Leidens. Es ist deine Wahl, in welchem Feld du dich bewegen willst. Die dem Leben innewohnende Tendenz ist, sich dem Negativen zuzuwenden, während du auf das Positive hoffst und danach strebst. Während du auf das Positive hoffst und danach strebst, sind alle Antworten und Reaktionen in deinem Alltag negativ eingefärbt. Deine Aggression, dein Ärger, deine Frustration, deine Gier, dein Ego sind negativ gefärbt. Und das ist es, was du lebst. Es zeigt, dass dich die natürliche Anziehungskraft im Leben in Richtung des dunkleren Feldes bewegt.

    Deine Richtung muss sich ändern. Du musst dich mit dem helleren, strahlenden und positiven Feld verbinden. Das ist der Punkt, an dem die innere Haltung ins Spiel kommt. Mit Hilfe der Bewusstheit kannst du das Negative deiner Einstellung in etwas Positives umwandeln und eine andere innere Haltung schaffen. Das ist das Pratipaksha Bhavana, welches Swami Sivananda verkündete. Pratipaksha Bhavana ist nichts anderes als die Kultivierung verschiedener Yamas, also positiver Eigenschaften im Leben. Yamas sind nicht nur diejenigen, welche in den Yoga Sutras erwähnt werden. Yamas sind all jene Qualitäten, die das kreative und positive Du zum Vorschein bringen. Swami Sivananda zeigte dies auf, als er sagte: „Verwandle stets das Negative in das Positive, einen schlechten Gedanken in einen positiven Gedanken.“ Doch es ist schwierig. Der Geist strebt immer nach dem Negativen und den Nachteilen, er sucht nicht nach dem Positiven und Optimistischen. Die größte Herausforderung im Yoga ist der Umgang mit dem Geist.

    Raja Yoga klingt sehr schön, aber hat er bei dir funktioniert? Du meditierst schon so lange. Hat sich in deinem Leben etwas verbessert? Du musst evaluieren, was mit dir geschehen ist, was du durch deine Übung gewonnen hast.

    In der physischen Dimension von Yoga gibt es zwanzig Yamas und zwanzig Niyamas. Es sind Gedankenmuster, welche die Reaktionen des Geistes verbessern. Wenn du einer dieser Ideen bis zu ihrem Ende folgst, wird sie das Wesen des Geistes verwandeln. Wenn du ein schmutziges Tuch zusammen mit Waschpulver in die Waschmaschine gibst, ist das Tuch nach einiger Zeit sauber. Genauso kann „die Seife von Positivität“ den Geist allmählich von negativem Schmutz befreien. Und dann kann sich schliesslich der strahlende Geist zeigen. Das ist das Ergebnis von Yama und Niyama. Yamas fördern die Bewusstheit für deine Reaktionen und ob du positiv, konstruktiv und kreativ reagierst oder nicht. Es ist die Feinabstimmung des Geistes durch die Kultivierung von Gedanken, Samskaras und Ideen, die positiv und erhebend sind.

    Niyamas sind Bedingungen, die den Lebensstil regulieren und eine gewisse Ordnung, ein System, eine Abfolge und ein Fortschreiten in deine Routine bringen. So wird die Feinabstimmung der täglichen Routine durch dein Üben dazu führen, die sieben Zustände und Bedingungen zu erlangen und die Feinabstimmung der inneren Haltung wird das menschliche Wesen verbessern.

    — Veröffentlicht in: „Progressive Yoga Vidya Training, Serie 5, Yoga Vidya verstehen“
    Das Original findest du im Yoga Magazin vom August 2021.

  • Das höchste Sadhana

    Wie können wir in schmerzlichen und widrigen Situationen ruhig und ausgeglichen
    bleiben?
    Der einzige Weg, in den meisten widrigen Situationen ruhig und gelassen zu bleiben, ist durch
    Weisheit. Weisheit ist angewandtes Wissen, angewandtes Verstehen. Wenn du dein Wissen
    anwendest, zeigt es sich als Weisheit. Durch Weisheit kannst du die Bereiche deines Geistes,
    deiner Emotionen und Gefühle, die dir die Erfahrung von Schmerz oder Freude vermitteln,
    beobachten.

    Es braucht viel Zeit, diese Art von Weisheit zu entwickeln. Doch schließlich, wenn du fähig bist,
    eine Situation durch das Anwenden deiner Weisheit zu verstehen, kannst du Schmerz und Leid
    überwinden und deinen Gleichmut, deine Ruhe und deine Ausgeglichenheit aufrechterhalten.
    Das ist eines der höchsten Sadhanas, die eine Person im Leben haben kann.

     

    Du findest das Original im Yogamag

  • Das schwierigste Sadhana

    Wie wichtig ist es, eine positive Haltung zu pflegen?
    Swami Niranjanananda: Yoga hat schon immer darauf hingewiesen, dass man Positivität
    aufrechterhalten und vor negativen Einflüssen schützen muss. Genauso wie man seinen Garten
    vor Nagetieren und Insekten schützt, muss man das Gute, das man im Leben zu kultivieren
    versucht, vor den schädlichen, negativen Einflüssen schützen, die einen umgeben. Man muss
    aufmerksam sein und die negativen Dingen im Leben erkennen. Ein fauler Apfel kann den
    ganzen Korb verderben. Hingegen kann ein frischer Apfel keinen faulen wieder gutmachen.
    Aus demselben Grund muss man negative, schädliche Einflüsse immer beobachten und
    versuchen, Optimismus und Positivität zu bewahren und ständig zu lernen. Man sollte sich
    keine Sorgen über Fehler machen, jeder macht sie. Menschen, die keine Fehler machen,
    haben nie etwas Neues ausprobiert. Menschen, die Fehler machen, probieren immer wieder
    neue Dinge aus.
    Aus der Buchserie Gespräche über die Wissenschaft des Yoga:
    Bhakti Yoga Buch 4 – In der Gegenwart von Bhakti

    Was ist das schwierigste Sadhana im Leben?
    Swami Niranjanananda: Eine positive und ausgeglichene Einstellung aufrechtzuerhalten, ist
    eine wichtige Bemühung, die unternommen werden muss. Es ist möglicherweise die
    schwierigste Übung, da wir unterschiedlichen Arten von Stress ausgesetzt sind. Stress trennt
    uns von innerer Harmonie, Stärke, Optimismus, Klarheit, Kreativität und der konstruktiven
    Teilnahme am Leben. Eine positive Perspektive aufrechtzuerhalten ist das Schwierigste, was
    man sich im Leben aneignen kann. Man muss sich regelmässig einen Moment Zeit nehmen,
    um zu analysieren und zu sehen, ob sich die eigene Natur optimistisch oder pessimistisch
    verhält. Entsteht die Erfahrung von Glück oder Depression im Angesicht von Herausforderungen?
    Welche Art von Geisteshaltung ist im jetzigen Moment vorherrschend?

    Positiv zu bleiben ist das härteste Sadhana des Lebens. Der Aspirant muss versuchen, die
    Komponenten der Achtsamkeit und der Positivität zu verstehen, die kultiviert werden sollten. So
    wie Salz der Nahrung Geschmack verleiht, so verleiht Achtsamkeit den geistigen Ausdrücken
    und Erfahrungen Geschmack. Man kann nur dann positiv sein, wenn ständige Bewusstheit

    Was sind einige der Übungen, die einem helfen können, positiv zu bleiben?
    Swami Niranjanananda: Positives Denken in allen Situationen und sich mit den eigenen inneren
    Stärken verbinden und identifizieren, Sadvichara, ist ein Sadhana des Bhakti Yoga. Wenn man
    irgendwelche Schwierigkeiten erlebt oder leidet, dann betet man zu Gott, damit er einem hilft,
    Schwächen und Not zu überwinden. Man erlebt im Inneren Schmerz und Leid, und es gelingt
    einem nicht sich mit der Quelle der Kraft zu verbinden. Also betet man zu einer äußeren Figur,
    zu Gott, um Hilfe.

    Ein anderer Ansatz ist, die eigene Stärke zu erkennen und positiv zu bleiben. Es ist schwierig,
    in allen Situationen eine ausgeglichene Haltung zu bewahren. Arroganz muss unter Kontrolle
    gehalten werden. Ist man arrogant, sieht man das Negative in allem, was gesagt und getan
    wird und reagiert darauf. In dem Moment, in dem man in der Lage ist, das Ego unter Kontrolle
    zu halten und man Demut lernt, wird man positiver und mit Demut entdeckt man die innere
    Kraft. Während eines Sturmes kann ein Banyan-Baum durch die Kraft des Windes entwurzelt
    werden. Ein bescheidener Grashalm hingegen biegt sich einfach und steht wieder aufrecht,
    sobald der Wind vorbei ist. Wenn man unflexibel bleibt, wird man umgeworfen. Zu denken,
    dass man so stark ist, dass einen nichts erschüttern kann, ist in Wirklichkeit eine Schwäche.
    Wenn man jedoch beginnt, flexibel zu sein, wird diese Demut und Akzeptanz einen positiv
    stimmen. Das gibt einem die vollständige Kontrolle über die eigenen Stärken, denn es erlaubt
    einem, bescheiden zu sein und Situationen mit einer positiven Geisteshaltung zu begegnen.

    Der Aspirant sollte im Jetzt leben, immer eine positive Einstellung aufrechterhalten und sich mit
    Menschen umgeben, die ebenfalls immer positiv sind. Verkehrt man mit Menschen, die sich
    negativ über andere äußern, werden auch die eigenen Gedanken nicht positiv bleiben. Sri
    Rama legte dar, dass es keine Falschheit oder Unehrlichkeit im Leben geben sollte. Es ist der
    Prozess, der zu Rechtschaffenheit, einem von Perversität freien Geist und absoluter
    Zufriedenheit führt. In der Gegenwart leben, bedeutet zufrieden zu sein. Wenn man in der
    Vergangenheit oder in der Zukunft lebt, entsteht Unzufriedenheit.

     

    Link zum Yogamag (Oktober 2019)

  • Umgang mit dem Ego

    Was sind die wichtigsten Ausdrucksformen des Egos?
    Swami Niranjanananda: Es gibt vier Ausdrucksformen des Egos. Das Ego ist mit den
    abschweifenden Tendenzen von Avidya, Abhinivesha, Maya und Asmita verbunden und ihnen
    unterworfen. Avidya bedeutet Unwissenheit, und eine der Handlungen des Egos ist es, Wissen
    zu unterdrücken. Wenn Wissen unterdrückt wird, kann sich Jnana, Weisheit, nicht
    manifestieren; vielmehr wird Ajnana, die Abwesenheit von Wissen, zum Zustand des Lebens.
    Menschen, die arrogant und egoistisch sind, haben die Türen ihres Lernens verschlossen. Sie
    sind nicht bereit, diese Türen zu öffnen, um eine andere Realität jenseits ihrer konditionierten
    Wahrnehmung zu verstehen oder zu schätzen.

    Avidya beeinflusst das Ego-Verhalten und die Ego-Wahrnehmung. Im Zustand von Avidya gibt
    es kein Licht und kein inneres Strahlen, alles erscheint undurchsichtig, nichts ist klar. Das Ego
    wird von Maya, der Illusion, geleitet und identifiziert sich mit ihr. Das Ego wird beeinflusst von
    Abhinivesha, der Unsicherheit und der Angst, die eigene Identität zu verlieren, der Angst vor
    dem Loslassen, vor dem Sterben. Das Ego wird von Asmita, dem Wissen “Ich existiere”, “Ich
    bin”, geleitet und ist dafür verantwortlich. Das Ego manifestiert sich, um dieses Wissen von “Ich
    bin” zu bewahren. Wenn jemand ein paar böse Worte sagt, wird das Gefühl der Identität
    verletzt. Die Konflikte, die in der Familie, in der Gesellschaft oder in der Welt auftreten, werden
    Asmita zugeschrieben.

    Die Ausdrucksformen des Ichs existieren als inhärente Teile des Ich-Prinzips. Sie haben keinen
    Halt und keine Macht, wenn man mit der Quelle verbunden ist, werden aber zu einer mächtigen
    Kraft, wenn man mit der Welt, mit den Sinnesobjekten, mit Prakriti verbunden ist.

    Gibt es verschiedene Arten von Ego?
    Swami Niranjanananda: Das Ego ist nur die persönliche Identität. Es handelt sich um eine
    selbstbewusste Form des Lebens. Sie bezieht sich auf die Existenz des Körpers, auf das
    soziale Verhalten und die Mentalität des Menschen. Erleuchtete Wesen wie der heilige
    Augustinus im Christentum oder Ramana Maharshi und Buddha in Indien haben ein Ego, aber
    kein arrogantes. Ihr Ego ist das bescheidene Ego, das sie nur mit ihrem Körper verbunden hält.
    In normalen Situationen, aufgrund von Erfolg und Misserfolg, verändert sich das Ego eines
    Menschen. Es nimmt zu und wird schnell fett.

    Welche Methoden gibt es, um mit dem Ego umzugehen?
    Swami Niranjanananda: Der Ausdruck des Egos findet im Geist statt, und mit dem Ego zu
    kämpfen ist wie ein Kampf mit einem Elefanten. Es führt nur zu Schmerz. Es wird behauptet,
    man solle das Ego «töten», aber das ist nicht möglich, solange man in diesem Körper existiert
    und vom Genuss, den die Sinne geben, angezogen wird. Es ist das Ego, das einen an das
    Karma fesselt. Der Mensch hat sich selbst gefesselt aber möchte frei sein. Zuerst muss er sich
    von der Egozentrik befreien und dann wird er frei sein von Leiden, Schwierigkeiten und
    Verblendung, Maya.

    Das Ego ist wie der Schwanz eines Hundes, den man nie geradebiegen kann. Die einzige
    Möglichkeit ist, ihn mit einem Schlag zu kappen. Das Schwert, das das Ego zum Schweigen
    bringen kann, ist die Demut. Sobald die Aspirantin und der Aspirant Demut in ihrem Leben
    annehmen, wird ihr Ego ruhig werden und sie werden sich vor großen Schwierigkeiten
    bewahren. Indem sie Meditation üben, werden sie nicht in der Lage sein, sich selbst zu retten.
    Durch Meditation können sie Zeuge des Egos werden, seine Natur und Ursache sehen, aber
    sie können es nicht verändern.

    Um das Ego zu verändern, ist es notwendig, Demut anzunehmen. Wenn eine Person
    beschimpft wird, muss sie die Beschimpfung nicht akzeptieren. Lord Buddha sagte zu dem
    Mann, der ihn beschimpfte: “Ich gebe dir dein Geschenk zurück.” Man kann sich mit Würde
    zurückziehen und der Geist bleibt friedlich, ohne beeinträchtigt zu werden. Wenn man sich in
    einen Kampf begibt, um seine Macht zu demonstrieren, wird man verletzt werden und
    Schmerzen erleiden. Man sollte jedoch wissen, wann man standhaft bleiben und wann man
    sich zurückziehen muss. Aspirantinnen und Aspiranten sollten dazu genug
    Unterscheidungsvermögen besitzen.

    Wie kann das Ego zur Ruhe gebracht werden?
    Swami Niranjanananda: Das Ego kann durch Demut zur Ruhe gebracht werden. Demut ist
    keine Schwäche, sondern eine starke Kraft. Nur eine Kraft die stärker ist als das Ego, kann es
    zum Schweigen bringen. Demut ist eine Kraft die einen von den Folgen der Karmas befreien
    kann, die aufgrund des Ego begangen wurden. Das Ego ist eine negative Kraft und deshalb
    muss die Gegenkraft positiv und von größerer Stärke sein. Diese Kraft oder Qualität ist Demut.
    Das Ego erhebt den Kopf; in Demut neigen wir ihn.

    Wie kann man lernen, ohne Ego zu handeln?
    Swami Niranjanananda: Karma Yoga bedeutet, Handlungen mit meditativer Achtsamkeit
    auszuführen. Selbst wenn es sich um Aktivitäten zum Erhalt und der Pflege der Persönlichkeit,
    des Verstandes und der Emotionen handelt, müssen diese Aktivitäten beobachtet werden. Man
    muss überprüfen, ob die Handlungen egozentrisch sind oder ohne Ego erfolgen.
    Neunundneunzig Prozent der Handlungen sind egozentrisch. Diese Art von Handlungen ist
    unter dem Begriff «Sakaama Karma» bekannt – Handlungen, die mit einer Absicht oder einem
    Wunsch gemäss dem Ego-Prinzip ausgeführt werden. Ohne Ego zu sein, bedeutet, die Idee
    “ich leiste”, “ich erreiche”, “ich tue” beiseite zu lassen.

    Um eine Handlung ohne Ego zu erleben, muss eine Person zunächst die intellektuellen
    Fähigkeiten einsetzen, um die Situationen und Erfahrungen, die sie macht, zu analysieren.
    Schließlich versucht sie sich an einem Punkt zu stabilisieren, der nicht vom Ego beeinflusst ist.
    Im Karma Yoga ist nicht die oberflächliche Reaktion wichtig, sondern die subtile Reaktion, die
    betrachtet werden muss. Durch die Beobachtung der subtilen Reaktionen kann es möglich
    werden, die egozentrischen Handlungen in einen Ausdruck des eigenen Wesens
    umzuwandeln, in dem es kein Ego gibt.

    Es heißt im Yoga Vasishtha (4:33:70):
    Ahankaara anusandhaanavarjanaadeva raaghava;
    Paurushena prayatnaachcha teeryate bhavasaagarah

    Indem man die Natur von Ahamkara erforscht und der groben Selbstsucht entsagt, überquert
    man durch die eigenen Anstrengungen den Ozean der Welt.

    Ohne Ego zu sein bedeutet, dass man bescheiden, aufrichtig, zufrieden und wunschlos ist. Um
    «Egolosigkeit» zu kultivieren, sind diese wichtigen Qualitäten unerlässlich: Aufrichtigkeit im
    Engagement, im Ziel und in der Richtung, Einfachheit im Denken und Handeln und ein Zustand
    der Wunschlosigkeit.

     

    Link zum Yogamag (September 2021)

  • Exzellenz, in allem, was du tust

    “Wie geht man am besten damit um, wenn am Arbeitsplatz durch Konkurrenzkämpfe
    Negativität enststeht?“
    Ja, es gibt Konkurrenzkämpfe, es gibt Negativität, es gibt Verwirrung, es gibt
    Missverständnisse, es gibt Konflikte, es gibt Schwierigkeiten; all das passiert. Da
    Machtstrukturen und Machtspiele existieren, geschehen solche Dinge. Sie geschehen seit der
    Zeit von Adam und Eva, und sie werden bis zum Ende der Welt bestehen.

    Wie kann man nun mit einer solchen Situation oder einem solchen Zustand besser umgehen?
    Konzentriere dich darauf, hervorragend zu sein, das ist alles. Es braucht keine weitere
    Erklärung. Konzentriere dich auf Exzellenz und versuche in allem, was du tust, hervorragend zu
    sein. Mache dir keine Sorgen über andere oder dich selbst. Mach dir auch keine Sorgen über
    deine Wünsche, Anreize und Motivationen, denn sie werden sich immer wieder ändern. Der
    Antrieb, exzellent zu sein, in allem was du tust, wird sicher stellen, dass du im Leben Ziele
    erreichst und Erfolg hast.

     

    Link zum Yogamag auf der BSY Website
    Aus: On the Wings of the Swan, Band VII, Swami Niranjanananda Saraswati

  • Satsang am Sonntag (Q & A)

    Ist es möglich, ein Politiker oder ein Vertreter der Öffentlichkeit zu sein und gleichzeitig ein sattwisches Leben zu führen? Welchen Rat würden sie einer Person geben, die in die Politik einsteigt?
    Swami Niranjanananda: Politiker sind auch einfach nur Menschen, welche die Vorzüge des Yoga Übens erfahren wollen und dürfen. Politik ist ein Beruf, der weder gut noch schlecht ist. Heutzutage ist die Politik leider negativ behaftet. Die positiven Aspekte der Politik müssen hervorgehoben werden, indem Politiker rücksichtsvoller, bewusster und aktiver werden und an die Entwicklung und Verbesserung der menschlichen Kultur und Gesellschaft denken. Politik als Beruf wird vom Verstand geleitet und bedingt deshalb Klarheit des Denkens, der Absicht und der Richtung des eigenen Handelns. Dazu helfen Meditation, Reflexion, das Üben der SWAN Methode, Asana, Pranayama und Yoga Nidra. Werde deshalb ein übender Yogi während deiner Tätigkeit als Politiker und du wirst feststellen, dass diese Techniken dir dabei helfen, ein besserer Mensch und Politiker zu werden.

    Wie bleibt man in einem Zustand der Ausgeglichenheit, ohne Raga (Zuneigung) und Dwesha (Abneigung) und schafft es dennoch, alle Arbeiten aussergewöhnlich gut auszuführen? Wenn man frei von Leidenschaft ist, wie ist es dann möglich, hervorragende Leistungen zu erbringen?Swami Niranjanananda: Das eine ist erkennen und wissen, das andere ist entsprechend zu handeln. Du erkennst etwas, entscheidest dich aber die entsprechende Handlung auszulassen. Oder du weißt um etwas und entscheidest dich angemessen zu handeln. Was ist besser? Besser ist es, wenn du um etwas weisst und dich zur entsprechenden Handlung entschliesst. Wissen ist ein intellektueller Vorgang und Handeln ist die Manifestation dieses Wissens. Manche Menschen fragen, warum man handeln sollte, wo doch alles nicht real sei? Warum sollte man überhaupt Teil eines Karmas sein? Das ist eine verkehrte Haltung. Dieselben Menschen essen weiterhin, dieses Karma geben sie nicht auf. Sie hören auf zu kochen, mit der Begründung, dass Kochen nicht ihr Karma sei. Gleichzeitig akzeptieren sie, von jemandem abhängig zu sein, der für sie kocht. Menschen, die wissen und entsprechend handeln, folgen ihrem Dharma und Kartavya, und diese Haltung ist Teil der Yogischen und der Sanatana Kultur und Tradition. Es gibt keine Verneinung, Ablehnung, Entsagung, kein Zurückweisen und kein Abstossen, stattdessen gibt es nur Akzeptanz von Dharma und Kartavya. Was ich tun muss, tue ich. Ich esse, ich gehe auf die Toilette, ich spreche, ich mach mit allem weiter. Ich tue alles, worauf ich Lust habe, gleichzeitig entscheide ich mich aber gegen bestimmte Pflichten. Das ist falsch. Du blockierst damit dein eigenes Dharma und Kartavya. Erkennen und Wissen ist eine Sache und die Verwirklichung von Dharma und Kartavya eine andere. Wenn beide zusammenkommen, wird man zum Yogi. Wenn sie auseinanderdriften, ist man ein Bhogi.

    Gibt es etwas, das als spirituelle Sünde angesehen wird?
    Swami Niranjanananda: Im Yoga und dem indischen Glaubenssystem existiert Sünde nicht. Es gibt kein Wort für Sünde, und deshalb sind die Inder auch nicht mit dem Konzept der Sünde vertraut. Paap bedeutet nicht Sünde, sondern untugendhafte Tat. Punya ist Tugend und Paap ist Untugend. Gemäss Swami Sivananda sind beide Ausdruck deiner Natur. Wenn du tamasisch bist, dann werden deine Ausdrucksformen negativ und destruktiv sein, und das kann als Sünde betrachtet werden. Wenn du sattwisch bist, werden dein Verhalten, deine Handlungen und deine Leistungen hilfreich, rücksichtsvoll, gütig, mitfühlend und aufbauend sein, und das kann als tugendhaft angesehen werden. Dein Leben ist Ausdruck deines Geistes. Ist dein Geist negativ, dann erlebst du in allem, was du tust, Negativität. Wenn du denkst, dass du eine Sünde begehst, dann ist es eine Sünde und wenn du deswegen das Gefühl von Schuld mit dir herumträgst, dann wirst du dich auch schuldig fühlen. Auch aufgrund von Erziehung, Denkweise und kulturellen, sozialen und religiösen Hintergründen formen sich ganz unterschiedliche Gedankenmuster und Glaubenssysteme. Als Individuen sollten wir möglichst einfach und frei leben und das Positive in unserem Geist kultivieren, dann gibt es keine Sünde.

    Ist Erleuchtung möglich?
    Swami Niranjanananda: Es zählen die Bemühungen des Einzelnen und nicht die Unterweisungen des Lehrers, erinnere dich immer daran. Vidya ist Vidya, Wissen ist Wissen. Wie du es verstehst und anwendest, hängt von deiner mentalen Beschaffenheit ab, und diesen Aspekt musst du betrachten. Bezüglich Erleuchtung fragte einmal jemand Paramahamsaji: «Ist Selbsterkenntnis möglich?» Er sagte: «Nein.» Der Journalist fragte: «Wieso? Alle sagen, dass Selbsterkenntnis die Bestimmung der Menschheit sei. Sie hingegen sagen, dass Selbsterkenntnis nicht möglich ist. Bedeutet dies, dass all die Religionen, Schriften und Heiligen falsch liegen?» Paramahamsaji antwortete: «Hören Sie zu, Selbsterkenntnis ist eine transzendentale Erfahrung. Der Geist ist nicht transzendentaler Natur. Wie soll ein nicht-transzendentaler Geist einen transzendentalen Zustand erfahren? Das ist nicht möglich.» Deswegen ist Selbsterkenntnis für jemanden mit einem nicht-transzendentalen Geist unmöglich. Es gibt jedoch die Möglichkeit, den Geist vorzubereiten, indem wir seine mentalen Fähigkeiten und seine Reinheit steigern und die Erfahrungskapazität ausdehnen. Wenn du deinen Geist auf diese Weise förderst, wirst du von alleine Zugang zur transzendentalen Realität erhalten. Wenn du dich hingegen mit dem Gedanken: «Ich will Selbsterkenntnis erlangen.» zur Meditation hinsetzt, wird das nie geschehen.

    Was bedeutet «alles ist göttlich»?
    Swami Niranjanananda: Es heißt, dass alles im Leben göttlich sei. Das hängt von der Färbung der Brillengläser ab, durch die du die Welt betrachtest. Wenn du eine Brille mit roten Gläsern aufsetzt, dann erscheint alles in Rot. Wenn du hingegen schwarzgefärbte Brillengläser trägst, dann erscheint alles schwarz. Genauso ist alles göttlich, da alles aus Sternenstaub entstanden ist – der Körper, die Planeten, auch das Auto und das Fahrrad. Das Material für das Auto ist derselbe Sternenstaub, aus dem auch wir entstanden sind und deshalb ist das Auto kein Modell aus dem Jahr 1920, sondern ein Milliarden Jahre altes Auto, weil es aus dem gleichen Sternenstaub besteht. Der Vedanta und alle spirituellen Traditionen sagen, dass alles göttlich ist. Es ist eine kulturübergreifende Aussage, die du im Islam, Christentum, in chinesischen, indischen, afrikanischen, keltischen und druidischen Traditionen findest. In der Ishavasya-Upanischad (Mantra 1) heißt es:

    Ishaavaasyamidam sarvam yatkincha jagatyaam jagat;
    
Tena tyaktena bhunjeethaa maa gridhah kasyavid dhanam.

    “Alles, was in diesem sich ständig verändernden Universum existiert, ist der Wohnsitz des Herrn (in welchem der Herr wohnt). Genieße, was auch immer der Herr dir gibt. Begehre nicht, denn wem gehört der Reichtum tatsächlich?”

    Führe deshalb dein Leben in Würde. Wenn du das Haus des Premierministers oder Präsidenten besuchtest, dann würdest du dich respektvoll verhalten und alles Unanständige und Unrechtmäßige unterlassen. Warum lebst du nicht gleichermaßen in Würde auf dieser Erde und unterlässt alles Unanständige und Unrechte? Denn dies hier ist das Haus Gottes. Wenn du in den Ashram kommst, gilt es einer Disziplin zu folgen und genauso solltest du einer Disziplin folgen, wenn du im Haus Gottes lebst. Diese Welt ist gemäß der Aussage der Ishavasya-Upanishad das Haus Gottes.

    Was ist die größte Herausforderung im Leben?
    Swami Niranjanananda: Die größte Herausforderung im Leben eines jeden Menschen ist Negativität. Wenn du Negativität bewältigen kannst, dann ist der Weg zum spirituellen Leben offen. Wenn du deine Negativität nicht in den Griff bekommst, welchen Sinn hat dann das Leben? Der Sinn des Lebens ist das Positive zu erfahren. Das ist die Anstrengung, die du in jedem Augenblick aufbringen musst. Sich die Mühe zu machen, Positivität in jedem Moment zu leben, das ist Yoga von Augenblick zu Augenblick. Negativität muss überwunden werden, der Rest ist nur Ausdruck des Geistes. Ahara, Nidra, Bhaya und Maithuna sind die vier grundlegenden Instinkte. Ahara ist physisches und psychologisches Verlangen. Essen, Glück, Freude, alles, was dich glücklich und gesund hält und nach was du dich sehnst, ist Ahara. Nidra, Schlaf und Abgrenzung, ist der zweite Instinkt. Bhaya, Angst vor dem Unbekannten, ist der dritte und Maithuna, Sexualität und Fortpflanzung, ist der vierte Instinkt. Alle vier Instinkte müssen bewältigt werden, nicht nur Sexualität. Wenn Menschen einen hervorheben und die anderen verneinen, dann deutet das darauf hin, dass sie die Realität des Lebens, die von diesen vier Instinkten bestimmt wird, nicht erkennen. Diese vier müssen unter Kontrolle und ins Gleichgewicht gebracht werden. Versteh sie nicht als Hindernis, versteh sie als Sadhana. Genauso wie du an bestimmten Tagen als Sadhana fastest oder Angst überwindest als Teil deiner Entschlossenheit stark zu sein, in der gleichen Weise müssen Schlaf, Sexualität, Angst vor dem Unbekannten und Verlangen bewältigt werden. Du musst die Kontrolle über die Instinkte erlangen und sie lenken lernen. Nichts wird als Hindernis verstanden, denn dein Sadhana bringt die geeigneten und richtigen Fähigkeiten hervor, um die Instinkte am effektivsten, effizientesten und auf die beste Weise zu steuern. Daher ist die größte Herausforderung in der spirituellen Entwicklung die Negativität.

    Ich möchte wissen, warum ich hier in diesem Universum bin.
    Swami Niranjanananda: Diese Frage gibt es schon seit Ewigkeiten und jeder hat versucht, darauf eine Antwort zu geben oder eine befriedigende Antwort für sich selbst zu finden. Wenn es eine einfache Antwort darauf gäbe, dann würde diese eine Frage und Antwort für alle Zeiten genügen. Es scheint, dass die Frage «Wieso sind wir hier?» keine einfache ist. Die Menschen haben versucht, sie anhand von Karma, Schicksal, Gottes Willen oder Gottes Lila, dem göttlichen Spiel, zu beantworten. Was können wir tun, solange wir hier sind und welchen Sinn können wir unserem Leben geben? Die erleuchteten Menschen der Vergangenheit sagten, dass der Zweck, den wir unserem Leben geben können, darin besteht, Exzellenz zu erlangen, in allem was wir tun, ohne die Erwartung zu haben irgendwo ein Meister sein zu müssen. Sich in allem größte Mühe geben, ohne die Notwendigkeit ein Meister zu werden, das ist Exzellenz. Das ist das Ziel meines Lebens, in jedem Moment das Beste zu geben, ohne zu erwarten, ein Meister zu sein. Es bedeutet, dass ich in allem, was ich tue – ob ich spreche, laufe, fahre oder fliege – Exzellenz entwickle. Das ist mein Fokus und nicht Gott. Wenn mich heute jemand fragt: «Was ist dein Lebensfokus?», sage ich «Exzellenz» und nicht Gott oder spirituelle Erleuchtung. Ich bin mir sicher, dass ich, wenn ich in allem mein Bestmögliches gebe, schnell fortschreiten werde, denn das ist der Lernprozess – mich selbst zu beherrschen und meine schönsten Eigenschaften zum Ausdruck zu bringen. Ich glaube, dass ich deshalb hier bin. Wenn du einem anderen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern kannst, hast du den Zweck deines Lebens erfüllt.

    — 19. Januar 2020, Satsang für Yogic Studies Teilnehmer (Ganga Darshan, Munger)

    Das Original findest du im Yoga Magazin vom Juni 2020 auf der Website der Bihar School of Yoga.