Umgang mit dem Ego

Was sind die wichtigsten Ausdrucksformen des Egos?
Swami Niranjanananda: Es gibt vier Ausdrucksformen des Egos. Das Ego ist mit den
abschweifenden Tendenzen von Avidya, Abhinivesha, Maya und Asmita verbunden und ihnen
unterworfen. Avidya bedeutet Unwissenheit, und eine der Handlungen des Egos ist es, Wissen
zu unterdrücken. Wenn Wissen unterdrückt wird, kann sich Jnana, Weisheit, nicht
manifestieren; vielmehr wird Ajnana, die Abwesenheit von Wissen, zum Zustand des Lebens.
Menschen, die arrogant und egoistisch sind, haben die Türen ihres Lernens verschlossen. Sie
sind nicht bereit, diese Türen zu öffnen, um eine andere Realität jenseits ihrer konditionierten
Wahrnehmung zu verstehen oder zu schätzen.

Avidya beeinflusst das Ego-Verhalten und die Ego-Wahrnehmung. Im Zustand von Avidya gibt
es kein Licht und kein inneres Strahlen, alles erscheint undurchsichtig, nichts ist klar. Das Ego
wird von Maya, der Illusion, geleitet und identifiziert sich mit ihr. Das Ego wird beeinflusst von
Abhinivesha, der Unsicherheit und der Angst, die eigene Identität zu verlieren, der Angst vor
dem Loslassen, vor dem Sterben. Das Ego wird von Asmita, dem Wissen “Ich existiere”, “Ich
bin”, geleitet und ist dafür verantwortlich. Das Ego manifestiert sich, um dieses Wissen von “Ich
bin” zu bewahren. Wenn jemand ein paar böse Worte sagt, wird das Gefühl der Identität
verletzt. Die Konflikte, die in der Familie, in der Gesellschaft oder in der Welt auftreten, werden
Asmita zugeschrieben.

Die Ausdrucksformen des Ichs existieren als inhärente Teile des Ich-Prinzips. Sie haben keinen
Halt und keine Macht, wenn man mit der Quelle verbunden ist, werden aber zu einer mächtigen
Kraft, wenn man mit der Welt, mit den Sinnesobjekten, mit Prakriti verbunden ist.

Gibt es verschiedene Arten von Ego?
Swami Niranjanananda: Das Ego ist nur die persönliche Identität. Es handelt sich um eine
selbstbewusste Form des Lebens. Sie bezieht sich auf die Existenz des Körpers, auf das
soziale Verhalten und die Mentalität des Menschen. Erleuchtete Wesen wie der heilige
Augustinus im Christentum oder Ramana Maharshi und Buddha in Indien haben ein Ego, aber
kein arrogantes. Ihr Ego ist das bescheidene Ego, das sie nur mit ihrem Körper verbunden hält.
In normalen Situationen, aufgrund von Erfolg und Misserfolg, verändert sich das Ego eines
Menschen. Es nimmt zu und wird schnell fett.

Welche Methoden gibt es, um mit dem Ego umzugehen?
Swami Niranjanananda: Der Ausdruck des Egos findet im Geist statt, und mit dem Ego zu
kämpfen ist wie ein Kampf mit einem Elefanten. Es führt nur zu Schmerz. Es wird behauptet,
man solle das Ego «töten», aber das ist nicht möglich, solange man in diesem Körper existiert
und vom Genuss, den die Sinne geben, angezogen wird. Es ist das Ego, das einen an das
Karma fesselt. Der Mensch hat sich selbst gefesselt aber möchte frei sein. Zuerst muss er sich
von der Egozentrik befreien und dann wird er frei sein von Leiden, Schwierigkeiten und
Verblendung, Maya.

Das Ego ist wie der Schwanz eines Hundes, den man nie geradebiegen kann. Die einzige
Möglichkeit ist, ihn mit einem Schlag zu kappen. Das Schwert, das das Ego zum Schweigen
bringen kann, ist die Demut. Sobald die Aspirantin und der Aspirant Demut in ihrem Leben
annehmen, wird ihr Ego ruhig werden und sie werden sich vor großen Schwierigkeiten
bewahren. Indem sie Meditation üben, werden sie nicht in der Lage sein, sich selbst zu retten.
Durch Meditation können sie Zeuge des Egos werden, seine Natur und Ursache sehen, aber
sie können es nicht verändern.

Um das Ego zu verändern, ist es notwendig, Demut anzunehmen. Wenn eine Person
beschimpft wird, muss sie die Beschimpfung nicht akzeptieren. Lord Buddha sagte zu dem
Mann, der ihn beschimpfte: “Ich gebe dir dein Geschenk zurück.” Man kann sich mit Würde
zurückziehen und der Geist bleibt friedlich, ohne beeinträchtigt zu werden. Wenn man sich in
einen Kampf begibt, um seine Macht zu demonstrieren, wird man verletzt werden und
Schmerzen erleiden. Man sollte jedoch wissen, wann man standhaft bleiben und wann man
sich zurückziehen muss. Aspirantinnen und Aspiranten sollten dazu genug
Unterscheidungsvermögen besitzen.

Wie kann das Ego zur Ruhe gebracht werden?
Swami Niranjanananda: Das Ego kann durch Demut zur Ruhe gebracht werden. Demut ist
keine Schwäche, sondern eine starke Kraft. Nur eine Kraft die stärker ist als das Ego, kann es
zum Schweigen bringen. Demut ist eine Kraft die einen von den Folgen der Karmas befreien
kann, die aufgrund des Ego begangen wurden. Das Ego ist eine negative Kraft und deshalb
muss die Gegenkraft positiv und von größerer Stärke sein. Diese Kraft oder Qualität ist Demut.
Das Ego erhebt den Kopf; in Demut neigen wir ihn.

Wie kann man lernen, ohne Ego zu handeln?
Swami Niranjanananda: Karma Yoga bedeutet, Handlungen mit meditativer Achtsamkeit
auszuführen. Selbst wenn es sich um Aktivitäten zum Erhalt und der Pflege der Persönlichkeit,
des Verstandes und der Emotionen handelt, müssen diese Aktivitäten beobachtet werden. Man
muss überprüfen, ob die Handlungen egozentrisch sind oder ohne Ego erfolgen.
Neunundneunzig Prozent der Handlungen sind egozentrisch. Diese Art von Handlungen ist
unter dem Begriff «Sakaama Karma» bekannt – Handlungen, die mit einer Absicht oder einem
Wunsch gemäss dem Ego-Prinzip ausgeführt werden. Ohne Ego zu sein, bedeutet, die Idee
“ich leiste”, “ich erreiche”, “ich tue” beiseite zu lassen.

Um eine Handlung ohne Ego zu erleben, muss eine Person zunächst die intellektuellen
Fähigkeiten einsetzen, um die Situationen und Erfahrungen, die sie macht, zu analysieren.
Schließlich versucht sie sich an einem Punkt zu stabilisieren, der nicht vom Ego beeinflusst ist.
Im Karma Yoga ist nicht die oberflächliche Reaktion wichtig, sondern die subtile Reaktion, die
betrachtet werden muss. Durch die Beobachtung der subtilen Reaktionen kann es möglich
werden, die egozentrischen Handlungen in einen Ausdruck des eigenen Wesens
umzuwandeln, in dem es kein Ego gibt.

Es heißt im Yoga Vasishtha (4:33:70):
Ahankaara anusandhaanavarjanaadeva raaghava;
Paurushena prayatnaachcha teeryate bhavasaagarah

Indem man die Natur von Ahamkara erforscht und der groben Selbstsucht entsagt, überquert
man durch die eigenen Anstrengungen den Ozean der Welt.

Ohne Ego zu sein bedeutet, dass man bescheiden, aufrichtig, zufrieden und wunschlos ist. Um
«Egolosigkeit» zu kultivieren, sind diese wichtigen Qualitäten unerlässlich: Aufrichtigkeit im
Engagement, im Ziel und in der Richtung, Einfachheit im Denken und Handeln und ein Zustand
der Wunschlosigkeit.

 

Link zum Yogamag (September 2021)