Jenseits des Körpers

Im Hatha Yoga sind sieben Bhumikas, Bedingungen oder Ebenen definiert. Die erste ist Shodhanam, was Reinigung oder Entgiftung bedeutet. Welche Übung auch immer du machst, selbst wenn es Pawanmuktasana ist, das erste Ergebnis ist Entgiftung und Reinigung. Egal, ob es sich um das Üben von Asana oder um Shatkarma handelt, es führt zuerst zur Reinigung der Körpersysteme und zum Ausgleich der drei Wirkprinzipien: Pitta, Kapha und Vata – Galle, Schleim und Gas.

Nach Reinigung und Gleichgewicht kommt die zweite Bedingung: Sthairyam, Stille. In den Yoga Sutras wird Sthairyam als Sthiram Sukham Asanam dargestellt. Stille des Körpers bedeutet, dass du in der Lage bist, die Bewegung und Aktivität der Sinne zu meistern. Die Beherrschung der Sinnesaktivitäten führt zur Stille. Solange die Sinnesaktivitäten hyperaktiv sind, wirst du keine Stille erfahren. Selbst wenn du deine Augen schliesst, können sich deine Augäpfel noch immer rasch bewegen, so dass du unruhig, verwirrt und definitiv nicht fokussiert bist. Jede Aktivität der Sinnesorgane unterbricht den Zustand der Stille und des Gleichgewichts, der sowohl physisch als auch psychologisch ist.

Die dritte Bedingung ist Drirhata, Festigkeit. Wir haben die Übung durchgeführt, bei der du dir vorstellst auf einem Dreieck zu sitzen und dann den Körper in eine Pyramide einhüllst. Zu diesem Zeitpunkt wurdest du unbeweglich. Der Körper war still und fest. Kein einziger Körperteil bewegte sich und du fühltest dich wohl in diesem Zustand. Beständigkeit bedeutet ein unveränderlicher Zustand des Wohlbefindens: absolutes und totales Wohlbefinden, keine Ablenkung oder Störung jeglicher Art.

Die vierte Bedingung ist Dhairyam, Geduld. Aus Beständigkeit entsteht Geduld. Hier findet ein Übergang statt vom Körper zum Geist, denn Geduld ist eine Eigenschaft des Geistes, während Beständigkeit eine Eigenschaft der Sinne ist. Wenn der Geist ruhig ist, besteht Geduld. Der aufgewühlte Geist ist ungeduldig. Geduld ist ein Zustand und eine Bedingung des Geistes. In diesem Zustand wirst du durch nichts gestört und bist in der Lage, ganz bequem darin zu verweilen.

Es fällt den Menschen schwer, einen friedvollen und ruhigen Geist zu ertragen. Obwohl alle nach Frieden streben, kann niemand damit umgehen. Geduld ist ein Zustand, der sich im Geist einstellt, wenn es keine Ablenkung durch sinnliche Aktivitäten, durch die Karmendriyas und Jnanendriyas, gibt. Dieser Zustand beeinflusst den Geist und er wird ruhig und friedvoll. Sobald die Sinne und der Geist still und ruhig werden, wird die fünfte Stufe Laghavam oder Leichtigkeit des Körpers, erfahren.

Sobald die Sinne und der Geist still und ruhig werden, wird die fünfte Stufe Laghavam oder Leichtigkeit des Körpers, erfahren.

In alten Zeiten gingen Mönche auf Reispapier, um ihre Konzentrationsfähigkeit und die Kontrolle über ihre Sinne zu testen. Wenn sie ohne einen Abdruck zu hinterlassen darüber gehen konnten, wurde davon ausgegangen, dass sie die Sinne beherrschten und die Leichtigkeit des Körpers erlangt hatten. Dies ist eine der Prüfungen in den Shaolin Kampfkünsten, denn die Kontrolle des Pranas macht den Körper leicht. Je fokussierter du bist, desto leichter wird dein Körper.

Laghavam oder Leichtigkeit des Körpers wird als natürliches Ergebnis der Harmonie zwischen den Sinnen und dem mentalen Verhalten betrachtet. Die Aktivität der Sinne steht für die pranische Aktivität und die Geduld für die mentale Aktivität. Leichtigkeit wird also erfahren, wenn mentale Aktivität und pranische Aktivität im Gleichgewicht sind.

Aus der Leichtigkeit entsteht Pratyaksham. Es ist der Zustand, in dem es dir gelingt, dich damit zu identifizieren, was du erfährst. In der Morgenklasse wurdest du gebeten wahrzunehmen, wie bewusst du in jeder der fünf Komponenten der Asana Übung warst. Wenn du deine Bewusstheit in jeder Komponente hundertprozentig entwickelst, ist das Pratyaksham: vollständige Absorption und Identifikation mit dem, was du tust und erlebst. Du wirst eins mit der Bewegung, du wirst eins mit der Erfahrung von Prana, du wirst eins mit dem Atem, du wirst eins mit der Visualisierung, du wirst eins mit dem Chakra, du wirst eins mit dem Mantra. Dieser Klang schwingt in dir – er ist nicht nur eine mentale Wiederholung, er wird zu einer lebendigen Erfahrung. Visualisierung, Atem, Prana, sie alle werden zu lebendigen Erfahrungen. Es kann geschehen und wird geschehen, wenn du dir Zeit gibst. Pratyaksham bedeutet also, eine Erfahrung zu leben.

Pratyaksham führt zur siebten Bedingung, Nirlipta, einem Zustand der mentalen Unbeteiligtheit. Du bist nicht involviert, du bist einfach die beobachtende Person, Drashta. Du bist nicht Bhokta, der Genießer oder die Erfahrende. Sobald du fähig bist, deine eigenen Erfahrungen zu beobachten, wirst du Nirlipta. Du kultivierst die Fähigkeit zu sehen, die beobachtende Person zu werden.

Diese sieben Zustände oder Bedingungen müssen sich mit der Übung von körperlichem Yoga entwickeln. Sobald sie gemeistert sind, gehst du zum mentalen Yoga über. Ob es Shatkarma, Asana, Pranayama, Mudra, Bandha oder irgendeine andere körperliche Übung ist, sie wird dich durch diese sieben Zustände führen, was den Fortschritt in deinem Sadhana anzeigt. Sie repräsentieren das Ergebnis der körperlichen Übung. Wenn du Shatkarma ausführst, erlangst du Shodhanam, wenn du Asana und Pranayama übst, werden Sthairyam und Dhairyam erreicht. Wenn du Pranayama perfektionierst, erfährst du Laghavam. Auf diese Weise wird dich jede Übung zu einem Zustand führen und auf eine weitere Ebene bringen, denn das ist Ziel und Zweck der Übung.

Yama und Niyama
Während du die körperliche Übung ausführst, gibt es noch einen weiteren Aspekt, den du berücksichtigen solltest: die mentale Bewusstheit, die Einstellung oder den Zustand, den du schaffst, um den Fortschritt deines Sadhanas zu unterstützen. Die Übung ist körperlich und die innere Haltung ist mental. Diese Haltung wurde als Yama und Niyama bezeichnet.

Yama und Niyama wurden als Ethik, Moral und Disziplinen des Yoga ins Deutsche übersetzt. Damit wird man ihrer Bedeutung nicht gerecht. Yama bedeutet „aufrechterhalten“, einen Zustand aufrechterhalten, den du erlangt hast. Wenn du einen Zustand erlangt hast und ihn aufrechterhältst erlebst du ein Yama. Es ist ein Zeichen dafür, dass du einen negativen Zustand durchlaufen hast und zu etwas Positivem geworden bist. Yama bedeutet also, das Positive im Auge zu behalten, die Erfahrung des Positiven im Leben zu werden.

Es gibt zwei Felder, auf denen du dich bewegst. Das eine ist das Feld der Positivität, der Hoffnung und der Freude. Das andere ist das Feld der Negativität, der Verzweiflung und des Leidens. Es ist deine Wahl, in welchem Feld du dich bewegen willst. Die dem Leben innewohnende Tendenz ist, sich dem Negativen zuzuwenden, während du auf das Positive hoffst und danach strebst. Während du auf das Positive hoffst und danach strebst, sind alle Antworten und Reaktionen in deinem Alltag negativ eingefärbt. Deine Aggression, dein Ärger, deine Frustration, deine Gier, dein Ego sind negativ gefärbt. Und das ist es, was du lebst. Es zeigt, dass dich die natürliche Anziehungskraft im Leben in Richtung des dunkleren Feldes bewegt.

Deine Richtung muss sich ändern. Du musst dich mit dem helleren, strahlenden und positiven Feld verbinden. Das ist der Punkt, an dem die innere Haltung ins Spiel kommt. Mit Hilfe der Bewusstheit kannst du das Negative deiner Einstellung in etwas Positives umwandeln und eine andere innere Haltung schaffen. Das ist das Pratipaksha Bhavana, welches Swami Sivananda verkündete. Pratipaksha Bhavana ist nichts anderes als die Kultivierung verschiedener Yamas, also positiver Eigenschaften im Leben. Yamas sind nicht nur diejenigen, welche in den Yoga Sutras erwähnt werden. Yamas sind all jene Qualitäten, die das kreative und positive Du zum Vorschein bringen. Swami Sivananda zeigte dies auf, als er sagte: „Verwandle stets das Negative in das Positive, einen schlechten Gedanken in einen positiven Gedanken.“ Doch es ist schwierig. Der Geist strebt immer nach dem Negativen und den Nachteilen, er sucht nicht nach dem Positiven und Optimistischen. Die größte Herausforderung im Yoga ist der Umgang mit dem Geist.

Raja Yoga klingt sehr schön, aber hat er bei dir funktioniert? Du meditierst schon so lange. Hat sich in deinem Leben etwas verbessert? Du musst evaluieren, was mit dir geschehen ist, was du durch deine Übung gewonnen hast.

In der physischen Dimension von Yoga gibt es zwanzig Yamas und zwanzig Niyamas. Es sind Gedankenmuster, welche die Reaktionen des Geistes verbessern. Wenn du einer dieser Ideen bis zu ihrem Ende folgst, wird sie das Wesen des Geistes verwandeln. Wenn du ein schmutziges Tuch zusammen mit Waschpulver in die Waschmaschine gibst, ist das Tuch nach einiger Zeit sauber. Genauso kann „die Seife von Positivität“ den Geist allmählich von negativem Schmutz befreien. Und dann kann sich schliesslich der strahlende Geist zeigen. Das ist das Ergebnis von Yama und Niyama. Yamas fördern die Bewusstheit für deine Reaktionen und ob du positiv, konstruktiv und kreativ reagierst oder nicht. Es ist die Feinabstimmung des Geistes durch die Kultivierung von Gedanken, Samskaras und Ideen, die positiv und erhebend sind.

Niyamas sind Bedingungen, die den Lebensstil regulieren und eine gewisse Ordnung, ein System, eine Abfolge und ein Fortschreiten in deine Routine bringen. So wird die Feinabstimmung der täglichen Routine durch dein Üben dazu führen, die sieben Zustände und Bedingungen zu erlangen und die Feinabstimmung der inneren Haltung wird das menschliche Wesen verbessern.

— Veröffentlicht in: „Progressive Yoga Vidya Training, Serie 5, Yoga Vidya verstehen“
Das Original findest du im Yoga Magazin vom August 2021.