Bhakti Yoga

Bhakti ist ein Geisteszustand. Eine Definition von Bhakti lautet: „Das, was dich mit dem Göttlichen vereint“. Eine zweite Definition sagt: „Das, was deine Gefühle zart, tugendhaft und rein macht“. Die Religion übernahm Bhakti in Form der Verehrung des Göttlichen und Yoga übernahm Bhakti in Form der emotionalen Klärung.

Der Kristall

Sri Swami Satyananda pflegte zu fragen: „Welche Farbe hat ein Kristall?“ Er hat keine Farbe. Er ist transparent und klar. Legt man diesen Kristall jedoch auf ein buntes Tuch, kann man die Farbe des Tuchs im Kristall sehen. Legt man diesen Kristall auf ein rotes Tuch, sieht man darin Rot. Legt man den Kristall auf ein schwarzes Tuch, sieht man im Kristall Schwarz. Welche Farbe auch immer sich hinter dem Kristall befindet, wird im Kristall sichtbar. Das bedeutet nicht, dass dies die Farbe des Steins ist. Der Kristall bleibt immer klar und transparent, er reflektiert jedoch die Farbe und Form dessen, womit er in Kontakt kommt.

Das Gleiche geschieht in deinem Leben mit deiner Emotion. Auch sie ist transparent wie ein Kristall. Sie ist klar. Wenn deine Emotion jedoch mit Objekten, welche durch die Sinne wahrgenommen werden, in Kontakt kommt, wird die Farbe des Sinnesobjekts in der Emotion sichtbar. Wenn du beim Spazieren ein Bündel Geldscheine auf der Strasse liegen siehst, dann entsteht Gier in deinem Geist. Der Gedanke „da liegt ein Bündel Geldscheine“, der im Geist auftaucht, färbt deine Emotionen ein. Durch die Emotionen manifestiert sich Gier und motiviert dich, das Bündel Geldscheine aufzuheben und mitzunehmen.

Ähnlich verhält es sich, wenn du dein Kind siehst – es entsteht Zuneigung in deiner Emotion. Wenn du deinen Feind siehst, entsteht Feindseligkeit in deiner Emotion. Wenn du jemanden siehst, der erfolgreicher ist als du, manifestiert sich Eifersucht in deiner Emotion. Gedanken entstehen und verstärken die Emotionen, die dann die Gedanken sogar noch weiter nähren.

Sri Swamiji pflegte zu sagen: „Gier, Hass, Abneigung und so weiter manifestieren sich in dem Moment, in dem die Emotion des Herzens zur Welt und ihren Sinnesobjekten hin fliesst und sich damit verbindet. Wenn sich dieselbe Emotion von der Welt löst und auf die innere Seele gerichtet wird, nimmt sie die Form von Bhakti an. Solange die Emotion zur äusseren Welt fliesst, ist ihre Form die der Weltlichkeit. Doch wenn die Emotion beginnt, zur inneren Seele zu fliessen, wenn ihre Umleitung stattfindet, ist ihre Form die von Bhakti. Daher bedeutet Bhakti, die Emotionen aus der materiellen Welt zurückzuziehen und sie auf die innere Seele zu richten. Das ist Bhakti.

Sri Krishna’s Lehre

Die beiden Definitionen von Bhakti lassen sich in religiöse Verehrung und innere Klärung einteilen. Aus religiöser Sicht bedeutet Bhakti, sich mit Gott zu vereinen. Im Yoga wird Bhakti als Zustand innerer Klärung beschrieben. Zwischen diesen beiden Definitionen besteht ein Unterschied. Trotz dieses Unterschieds sind beide ein und dasselbe.

Wenn Sri Krishna in der Bhagavad Gita Bhakti definiert und erklärt, was sagt er dann im zwölften Kapitel? Im zwölften Kapitel gibt es zwanzig Verse. Vom dreizehnten bis zum zwanzigsten Vers definiert und erklärt Sri Krishna Bhakti. Er sagt, dass die innere Seele unbeeinflusst ist von den Sinnesobjekten der Welt, genauso ist sie frei vom Einfluss der materiellen Welt und dass in ihr Ruhe und Gelassenheit herrschen.

Das ist wunderschön und wurde in den acht Versen erörtert. Das erste Merkmal eines Bhaktas, von dem Sri Krishna spricht, ist: „Nicht diejenige Person, die Gottes Namen singt, nicht diejenige, die rezitiert, nicht diejenige die Kirtan übt. Und auch nicht diejenige, die nur über Mich nachsinnt.“ Das ist ein Gedankengang im Kommentar von Sri Krishna. Wenn Krishna über Bhakti und Bhakta spricht, sagt er ganz klar: Adweshtaa sarvabhootaanaam – „Diejenige Person, die in allem das Göttliche sieht. Diejenige, die in allen Menschen nur die eine Seele sieht“. Bist du in der Lage, das Göttliche in allen Wesen zu sehen? Die Antwort lautet: nein. Maitrah karuna eva cha – „Diejenige, die allen mit Freundschaft begegnet, die freundlich und mitfühlend zu allen ist“. Diejenige Person, die frei ist von Anhaftung, Egoismus und der Vorstellung von „ich, mir und mein“. Diejenige, die frei von Selbstsucht ist. Diejenige, die weder Heuchelei noch Arroganz kennt. Diejenige, die in Freude und Leid stets ausgeglichen bleibt. Die sich in Zeiten der Freude und des Leids weder glücklich noch traurig fühlt, sondern in beiden Zuständen stets ausgeglichen bleibt. Und schliesslich diejenige, in deren Leben sich Mitgefühl in Verhalten und Charakter ausdrückt – ein solches Wesen, ein solcher Anhänger, eine solche Anhängerin, ist Mir lieb.

Auf diese Weise erklärt Sri Krishna in diesen acht Versen, wie Bhakti umgesetzt werden sollte. Die Verehrung Gottes ist in der religiösen Tradition eine Form von Bhakti. Der Zustand innerer Klärung ist ebenfalls wahr, denn nur durch sie kann man die Emotionen in Richtung Seele und zum Göttlichen im Inneren lenken.

Wenn man eine solche Beschreibung von Bhakti in der Bhagavad Gita liest und Sri Krishnas Stimme lauscht, entsteht der Eindruck, dass Bhakti nicht darin besteht, den Namen Gottes zu singen und zu preisen. Vielmehr ist es der Prozess von Atma Shuddhi, der inneren Klärung und des Ausgleichs der Emotionen. Das ist die Bedeutung von Bhakti im Yoga.

– Aus „On the Wings of the Swan“ – Volume VI

 

Das Original findest du im Yogamag vom Mai 2015.

 

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