Patanjalis Yoga ist ein in der Menschheitsgeschichte einzigartiges System. Es ist äußerst klar
und strukturiert. Religiöse Erfahrungen und Rituale werden nicht thematisiert. Patanjali dringt
sofort zum Kern der Problematik durch. Die Anleitungen in seinem Raja Yoga System sind
konfessionsungebunden, wissenschaftlich und vollkommen spirituell, darüber besteht kein
Zweifel. Es spielt keine Rolle, ob man Hindu, Moslem, Parse, Christ oder Atheist ist, die Lehren
von Patanjali beschäftigen sich ausschließlich mit der Frage, wie die höheren, strahlenderen
Dimensionen unseres Bewusstseins erfahren werden können.
In der Samkhya Philosophie hat Rishi Kapila deutlich gemacht, dass das Bewusstsein
entsprechend der verschiedenen Graden seiner Manifestation, eigene Grenzen hat. Aus Sicht
der Physik verfügt Materie über Grenzen unterschiedlicher Ausprägung, bis sie schliesslich, in
kleinste Teilchen umgewandelt, Energie freisetzt. Diese Energie löst sich in der Unendlichkeit
auf, die ausserhalb unseres Vorstellungsvermögens liegt. Vergleichbar zeigt Patanjali den
spirituellen Entwicklungsprozess von endlich zu unendlich auf.
Gemäss Patanjali ist die höchste Stufe von Achtsamkeit oder Bewusstsein reine Erfahrung.
Diese Erfahrung ist weder psychischer Natur, noch ist sie die Erfahrung einer Göttin (Devi) oder
eines Gottes (Devata). Sie ist auch nicht Sonne oder Mond oder Dämonen. Nein! Sie ist nicht
kategorisierbar, sondern einfach eine Erfahrung an sich, frei von Bildern oder Konzepten.
Desweiteren kann dieser Zustand von Anubhav nicht durch den Geist erfahren werden. Der
Geist hat seinen ihm eigentümlichen und ihn einschränkenden Charakter. Der Geist ist nicht
absolut, sondern hat seine eigenen Gesetze und seine eigene Bestimmtheit.
Anubhav, die ultimative spirituelle Erfahrung, unterliegt keiner Gesetzmässigkeit. Die Gesetze
der Bestimmtheit und Unbestimmtheit müssen korrekt verstanden werden. Da Natur und
Ursprung der Erfahrung von Anubhav nicht mit herkömmlicher Sprache oder Logik erklärt
werden können, stellt sich die Frage: „Wer war denn der Erfahrende?“. Ich sage, niemand. Und
doch, wenn wir von Erfahrung sprechen, implizieren wir Dualität, namentlich der Erfahrende
und die Erfahrung. Da Dualität im Bereich von Anubhav nicht existieren kann, entsteht hier ein
Konflikt zweier unterschiedlicher Standpunkte. Im Zustand von Samadhi können die Regeln der
Logik nicht gelten. Das Raja Yoga Sadhana ist also nicht dazu bestimmt, den Zweck einer
logischen, puritanischen Philosophie oder einer religiösen Norm oder Moral zu erfüllen.
Yama und Niyama
Yama (soziale Richtlinie) und Niyama (persönliche Richtlinie) sind die ersten zwei Stufen, das
Fundament von Raja Yoga. Man möchte als erstes dazu tendieren, sie mit religiösen
Verpflichtungen zu assoziieren. Satyam zum Beispiel, was Wahrheit bedeutet, ist ein Yama.
Wahrheit wird in allen Religionen gelehrt. So könnte man sich die Frage stellen, wenn es im
Raja Yoga so wichtig ist, in Wahrheit zu leben, dann muss hier doch ein religiöses Befolgen
gemeint sein? Auf dieser Annahme beruhend, lehnen viele Menschen, die Religion ablehnen,
auch gleichzeitig Raja Yoga sofort ab. Das ist aber falsch.
Yama umfasst Ahimsa (Gewaltlosigkeit), Satya (Wahrhaftigkeit), Asteya (Ehrlichkeit),
Brahmacharya (sinnliche Enthaltsamkeit) und Aparigraha (keine Bereicherung). Niyama
beinhaltet Saucha (Reinlichkeit), Santosha (Zufriedenheit), Tapas (Entbehrung), Swadhyaya
(Selbststudium) und Ishwara Pranidhana (Vertrauen in Gott). Diese fünf Yamas und Niyamas
sind in erster Linie dazu da, die Probleme des Geistes – die negativen Beeinflussungen auf der
emotionalen, psychischen und mentalen Ebene – aufzulösen. Die negativen Samskaras, welche
in den hintersten Winkeln des Bewusstseins eingebettet liegen und uns daran hindern höhere
Meditationszuständen zu erreichen, werden durch sie beseitigt.
Samskaras können auf negative oder positive Art und Weise beseitigt werden. Mit der positiven
Methode werden all die mentalen, emotionalen und physischen Qualitäten gefördert, welche
den Geist mit Sattva Guna (perfektes Gleichgewicht) erfüllen. Diese Qualitäten sind Maitri
(Freundlichkeit), Karuna (Mitgefühl), Mudita (Freude), Upeksha (Gleichmut). Diese positiven
Qualitäten können in der allgemeine Struktur unserer Persönlichkeit hervorgerufen werden.
Denke an eine Person, deren Persönlichkeit im Licht von Freundlichkeit, Mitgefühl, Freude und
Gleichmut strahlt. Diese Person wird im Zustand von Dhyana Yoga sicher weniger Probleme
haben, als eine Person, welche eifersüchtig, voller gewalttätiger, melancholischer und hitziger
Gedanken und mit sich und der Welt unglücklich ist. Solch eine Person wird in der Meditation
mit vielen psychotischen Erfahrungen zu kämpfen haben. Sie kann von Angst und Schrecken
befallen werden und in Tränen ausbrechen oder heulen wie ein Hund.
Yama und Niyama halten den allgemeinen Raum des Bewusstseins rein, so als würde man
einen staubigen Ort sauber halten, in dem man die Türen und Fenster des Hauses geschlossen
hält. Bloss kann man die Türen vor den Vasanas, den Wünschen, Verlangen und Anhaftungen,
nicht schliessen. Jeder spirituell Suchende muss seine Schwächen oder Einschränkungen im
Umgang mit Yama und Niyama, entsprechend seiner eigenen Persönlichkeit, erkennen und
definieren. Für die einen führt die Befolgung aller Yamas und Niyamas in tiefe Meditation, für
andere jedoch in Hysterie oder psychotische Anfälle. Demzufolge muss Adhikara eingehalten
werden, d.h. die eigenen persönlichen Voraussetzungen müssen berücksichtigt werden. Um
die geistige Gesundheit zu erhalten, beachte, dass alles, was den Geist und das Bewusstsein
krank macht, den Yamas und Niyamas entgegengesetzt ist. Genauso ist alles, was dein
Bewusstsein und deinen Geist unterdrücken und einengen kann und Rastlosigkeit und
Depression in einer Persönlichkeit hervorruft, den Yamas und Niyamas entgegengesetzt.
Wie man Mantra Yoga übt.
Die Erfahrung sollte angenehm und natürlich sein. Wenn bei der Anwendung von Yama und
Niyama Anspannung entsteht, was wird dann im Zustand von Pratyahara geschehen, oder erst
im Zustand der Meditation? Aus diesem Grund sollte die Anwendung von Yama und Niyama
mit Mantra Yoga unterstützt werden. Ein Mantra ist ein Wort, eine Schwingung, welche den
Geist von Samskaras befreit, genauso wie Energie aus Materie freigesetzt wird. Dies ist die
etymologische Bedeutung von Mantra. Mantra hat nur ein Ziel: geistige und spirituelle
Befreiung (Moksha).
Laut Nada Yoga besteht die Struktur von Materie aus Millionen von Klängen, sowohl bekannter
wie unbekannter Art. Jedes Objekt besteht aus einer dichten Komposition von Klangpartikeln.
Die Gesamtsumme dieser Partikel wird von den Yogis in Form eines Klanges oder Mantras
wahrgenommen. So arbeitest du durch das Rezitieren des Mantras tatsächlich an Problemen
deiner Achtsamkeit und deines Geistes. Dies ist eine äusserst kraftvolle Übung.
Nehmen wir z.B. das Mantra OM. Dieses besteht aus zwei Klängen, O und M und kann auf vier
verschiedene Arten wiederholt werden: hörbar, geflüstert, mental oder spontan. Schlussendlich
wird es Teil unseres Bewusstseins. Wie eine Leinwand, auf der ein Künstler ein wunderschönes
Gemälde malt, so wird auf dieselbe Art das Mantra in die allgemeine Bewusstseinsstrukur
eingearbeitet.
Das Mantra soll in vier Stufen geübt werden: Zuerst gut hörbar, entweder als Ommmmmm oder
Ooooomm, damit der Klang durch das Gehirn absorbiert wird, welches dadurch seine
Wellenstruktur ändert, und Frieden im Geist und Pratyahara spontan entstehen können. Nach
ein paar Monaten soll das Mantra geflüstert, dann gedanklich und schlussendlich im Einklang
mit der Atmung rezitiert werden. Pratyahara wird erfolgreich, wenn Mantra zur Grundlage des
Sadhanas wird.
Pratyahara
Im Zustand von Pratyahara ist die Bewusstheit temporär von den Sinnesnerven und den
motorischen Nerven getrennt. Impulse, die in Richtung Karmendriyas (Sinnesfunktionen, die
sich auf Handlungen beziehen) und Gyanendriyas (Sinnesfunktionen, die sich auf Wahrnehmen
und Aneignen von Wissen beziehen) fliessen, werden zurückgezogen. In der Folge ist die
Bewusstheit von der Wahrnehmung äusserer Stimuli isoliert. Im Inneren jedoch nimmt man
andere Aspekte wahr, die Samskaras.
Wenn der übliche Fluss von Erfahrungen unterbrochen ist, widmet sich der Geist den im
inneren angesammelten Eindrücken vorangegangener Geburten und denjenigen, die in den
letzten zwanzig bis sechzig Lebensjahren entstanden sind. Mit jedem Eindruck, der an die
Oberfläche kommt, ereignet sich eine mentale Explosion. Normalerweise, wenn du z.B. im
Supermarkt bist oder Fernsehen schaust, ist der Geist ruhig und es gibt kein Problem. Aber in
dem Moment, wo du die Mala zur Hand nimmst und mit Mantra Japa beginnst und dich auf den
Atem oder eines der Chakras konzentrierst, beginnt die Unruhe.
Ist dies gut oder notwendig? Auf jeden Fall! Diese Störungen oder Vikshepas müssen sich in
den Anfangsstadien von Pratyahara zeigen, sonst musst du ihnen im Zustand von Dharana,
Dhyana oder sogar in Savikalpa Samadhi begegnen. Wenn du eine Magenverstimmung hast,
macht es keinen Unterschied, ob du nach Kalkutta, Bombay oder Munger reist. Sie muss
irgendwo behandelt werden, je früher desto besser. Die Reinigung des gesamten Bewusstseins
ist im Zustand von Pratyahara einfacher. Lass alles rauskommen! Wenn Sadhakas Pranayama
üben und mit Angst, Leidenschaft oder Sorgen konfrontiert werden, denken sie, ihr Sadhana
sei falsch. Das ist ein Fehler. Glückseligkeit kann dich nicht sofort erreichen. Um eine Mahlzeit
in vollen Zügen zu geniessen, muss zuerst der Magen in Ordnung sein. Genauso muss, um
das Glück von Dhyana zu geniessen, der Geist zuerst geklärt werden. Dieser Reinigungs
prozess ist zwangsläufig schmerzhaft und unangenehm.
Dharana
Stell dir eine brennende Kerze auf einem kleinen Tisch in einem Raum vor. Das Fenster ist offen
und die Flamme flackert. Wenn du nun den Ventilator anstellst, geht die Flamme ganz aus.
Wenn du aber das Fenster schliesst und den Ventilator abstellst, wird die Flamme ruhig. Deine
Achtsamkeit ist wie diese Flamme. Sie muss beständig werden, indem du die Fenster der
Sinnesorgane schliesst. Dann wirst du mühelos Dharana oder Konzentration erfahren. Dann
wirst du einfach nur deine Augen schliessen und ohne einen mentalen Druck das Objekt
wahrnehmen.
Angenommen, du versuchst eine Kerzenflamme zu visualisieren. Im Zustand von Pratyahara
kannst du deinen Geist nicht genug stabilisieren, um das Bild zu halten. In Dharana allerdings
erscheint das Bild der Kerzenflamme sofort, jedoch durchsetzt von Gedanken, da der Geist
abgelenkt ist. Grundsätzlich wird das Symbol in Dharana strahlend und stabil. Um dies zu
erreichen, sind folgende Techniken wichtig.
Die erste ist Trataka. Bei dieser Übung richtest du deinen Blick stetig auf einen Punkt, wie z.B.
auf eine Kerzenflamme. Die schnellen Augenbewegungen (R.E.M. – Rapid Eye Movements),
die während Dharana auftreten, unterbrechen zeitweise deine Konzentration und das Muster
deines Symbols verschwindet. Du siehst die Flamme, dann verschwindet sie. Dies passiert, da
die vom Gehirn unterstützte Struktur des Bewusstseins, durch die Bewegung der Augen
beeinflusst wird. Die Konzentration auf einen bestimmten Punkt während Trataka gibt den
Augen die nötigte Stabilität. Danach wirst du fähig sein, deine Konzentration mit geschlossenen
Augen 3 bis 5 Minuten zu halten, ohne dass R.E.M. entsteht.
Bei der zweiten Technik, Shambhavi Mudra, fokussiert man beide Augen auf den Raum
zwischen den Augenbrauen.
Bei der dritten Technik, Nasikagra Drishti, wird auf die Nasenspitze geschaut. Diese Übung
stärkt die Fähigkeit R.E.M. zu kontrollieren und hilft, Stabilität beim Visualisieren des Symbols zu
erlangen.
Chaitanya
Die gesamten Übungen des Raja Yoga Systems von Patanjali sind notwendig, um das
Bewusstsein neu zu gestalten. Wie ein Bildhauer mit Hammer und Meißel aus einem rohen
Stein ein wunderschönes Meisterwerk erschafft, so muss die grobe und noch urwüchsige
Persönlichkeit eines Individuums bearbeitet und gereinigt werden. Die tamasischen und
rajasischen Qualitäten müssen beseitigt werden. Nachdem man von unnötigen alten Karmas
befreit ist, ist die Achtsamkeit vollständig isoliert, und das Bewusstsein kann sich selbst
erfahren.
Das Bewusstsein, als Chaitanya bekannt, findet auf vier verschiedenen Ebenen statt. In Jagriti,
im Wachzustand, funktioniert das Bewusstsein mittels der Sinnesorgane und dem Geist.
In Swapna, dem Schlafzustand, wirkt es auf der Ebene der Träume. Sushupti, bekannt als
traumloser Schlaf, geschieht, wenn alle Stimuli entfernt sind und das Bewusstsein kein anderes
Objekt, keine Erfahrung oder Vision wahrnimmt. Im vierten Zustand, Turiya genannt, ist das
Bewusstsein frei von allen Eindrücken, alle Kanäle sind geschlossen und es erfährt sich selbst
in seiner reinen Form. „Ich weiss, dass ich bin.“ Wenn dieses Wissen eintritt, haben wir das Ziel
von Yoga erreicht – die Evolution menschlichen Lebens.
Yoga in der heutigen Zeit
In seiner Unwissenheit erfährt der Mensch die Schrecken seiner eigenen Persönlichkeit. Er
kreiert Probleme, und in seinem Bemühen diese zu lösen, kreiert er weitere. Es ist so, als würde
jemand eine Toilette mit seinen eigenen Fäkalien reinigen wollen. Wie können Probleme je
Probleme lösen? Wie kann ein Geist, der schwach und unfähig ist, solche Turbulenzen
beseitigen? Man kann das Dilemma des Konflikts nicht mit dem Geist lösen. Viele Menschen
aus Ost und West, die wichtige Qualifikationen im Studium des Geistes und der Psyche
vorweisen können, sind unfähig ihre eigenen Probleme zu lösen. Die Lösung liegt darin, den
eigenen Geist zu transzendieren. Wenn man mentalen Stress, Psychosen oder Neurosen hat,
muss man lernen, seinen Geist zu bewältigen. Es genügt nicht nur die Zusammensetzung des
Geistes zu kennen. Dieses Ziel kann nicht durch religiöse Praxis, oder indem man sich einfach
einem puritanischen Lebens aussetzt, erreicht werden.
So, wie es Anleitungen zum Erlernen des Autofahrens und der Instandhaltung des Autos gibt,
existiert eine Wissenschaft, durch die erlernt werden kann, wie dieses Vehikel, das Leben, am
besten gehandhabt wird. Yoga ist die Wissenschaft, welche dich lehrt das Steuerrad richtig zu
halten, wie und wann die Bremsen zu benutzen sind, wie dieses Leben mit unterschiedlichen
Gängen zu befahren ist, sodass es in Harmonie fliessen und dich dorthin tragen kann, wo auch
immer du hin möchtest.
Der Körper und der Geist sind Fahrzeuge. Emotionen, Verlangen und Gedanken sind Vrittis,
Modifikationen des Geistes, sie sind jedoch nicht der Geist. Der Geist ist weder gut noch
schlecht, weder böse noch göttlich. Der Geist ist Nirguna, durch Brahman geboren. Seine
Shakti ist jenseits aller Vorstellungen. So, wie Licht, das durch den Spalt einer Türe scheint,
dich Dinge sehen lässt, so kann die höchste Macht durch den Geist strömen, und das ist die
Erfahrung von Achtsamkeit und Bewusstsein.
Der Geist ist kein boshaftes Bündel von Gewohnheiten. Er ist nicht sündig oder mit religiösem
Dogma behaftet. Er ist das Leck im Bewusstsein und der Sinne, durch welches die trans
zendente Realität dringt. Mit diesem kleinen Licht des Geistes kannst du wirklich sehen und
bewusst sein. Dieses kleine Licht kann noch mehr zum Strahlen gebracht werden, sodass der
Kosmos und das Allmächtige erfahren werden können. Das Raja Yoga System von Patanjali
kann den Geist zu unendlichem Ausmass entwickeln. Es ist derart gestaltet, dass eine Vielzahl
von Menschen in der Welt, welche eine brennende Sehnsucht nach der Erlösung von
Schmerzen haben, den Weg begehen und Kaivalya – den höchsten Zustand der
Selbstverwirklichung – erreichen können.
Du findest das Original im Yogamag.