In der modernen Gesellschaft bewegt sich der Mensch mit großer Geschwindigkeit, so wie ein Auto, das über die Straße rast. Solange das Auto in Ordnung ist, ist das nicht gefährlich, wenn aber mit dem Auto etwas schiefläuft, führt die Geschwindigkeit zu einer Katastrophe.
Die Menschen sind im Denken sehr schnell geworden und die Umwelt, die Atmosphäre und der allgemeine Trend der Weltzivilisation üben eine starke Kraft auf uns aus. Unser Geist steht gänzlich unter ihrem Einfluss. Daher ist es notwendig geworden, die Menschen zu lehren, wie man mit den mentalen Angelegenheiten umgeht.
In wohlhabenden Ländern gibt es erstaunlich viele Gesundheitsprobleme. Warum nur? In reichen Ländern, in denen es keine Armut gibt und in denen alles komfortabel ist, können die Menschen nicht ohne Schlaftabletten schlafen. Wenn es ein bequemes Bett, zentral beheizte und klimatisierte Räume gibt, warum sollte es dann Schlaflosigkeit geben?
Wir können sehr gut nachvollziehen, dass es in den Ländern, in denen die Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben, Angst geben sollte, aber warum in wohlhabenden Ländern? Wenn es nichts zu essen gibt, man keine soziale Sicherheit oder medizinische Versorgung hat, dann gibt es einen Grund für Angst. Aber wo ist der Grund zur Sorge, wenn alles vorhanden ist: soziale Sicherheit, ein etabliertes Sozialsystem, eine gut organisierte Regierung und hochentwickelte technische und medizinische Einrichtungen? Dennoch deuten Statistiken darauf hin, dass in wohlhabenden Ländern mehr Fälle von Angst registriert werden als in Ländern, die unterhalb der allgemeinen Armutsgrenze liegen.
Das bedeutet, dass der Kern des Problems im menschlichen Geist liegt. Ein Geist, der richtig denken kann, der eine eigene Philosophie hat und der in der Lage ist, in verschiedenen Lebenssituationen einen Ausgleich zu schaffen, kann mit Ängsten, Spannungen und Belastungen umgehen. Der Sinn des Projekts, Yoga Ashrams aufzubauen, besteht darin, eine Basis zu schaffen und Einrichtungen bereitzustellen, in denen der Mensch etwas mehr über seinen Geist, seinen Körper und sich selbst erfahren kann.
In den letzten dreihundert Jahren haben wir die industrielle Revolution erlebt. Es scheint so, als dass der Mensch in seinem hektischen Treiben sich selbst vergessen hat. Die Tragödie dabei ist, dass das Zentrum vergessen wurde und die Peripherie
geblieben ist. Der Mensch ist das Zentrum der Zivilisation. Die Zivilisation kann nicht das Zentrum der Menschen sein. Kultur ist nicht das Zentrum, sie ist die Peripherie. Die Gesellschaft ist nicht das Zentrum, sie ist die Peripherie. Der Mensch ist das Zentrum, weil er den Umfang geschaffen hat. Ich bin das Zentrum und ich bin der Kern, du bist der Kern. In den vergangenen Jahrhunderten hat der Mensch die Gesetze vernachlässigt, die den Körper und den Geist beherrschen. Es ist ihm nicht gelungen, eine für den Körper-Geist-Komplex geeignete Situation zu schaffen.
Es gab eine Zeit, während der die Wissenschaft des Yoga auf der ganzen Welt beliebt und anerkannt war. Die Geschichte besagt, dass es in lateinamerikanischen Ländern, in Südfrankreich, in Italien und Griechenland, im Nahen Osten und in Afghanistan, in Indien und weiter östlich von Indien bis nach Japan viele gab, die der Wissenschaft des Yoga folgten.
Manchmal sind die Menschen erstaunt darüber, wie Yoga in die materialistische Struktur der modernen westlichen Gesellschaft passen kann. Es gibt Menschen, die fragen, wie sich Yoga in die Struktur der abendländischen Gesellschaft einfügen kann. Du magst aus dem Okzident oder dem Orient kommen, materialistisch oder spirituell, Hindu oder Muslim, Christ oder Buddhist sein, aber in erster Linie bist du ein Mensch und dann all das andere. Du hast einen Körper und einen Geist und die Gesetze von Körper und Geist sind ähnlich. Ein Christ empfindet keinen christlichen Zorn und ein Hindu empfindet keinen hinduistischen Zorn. Leidenschaft ist keine christliche, hinduistische oder muslimische Leidenschaft. Sorge ist dasselbe. Angst ist dasselbe und Depression ist dasselbe, Neurose ist dasselbe. Die Ursachen sind dieselben und die Symptome sind dieselben.
Wenn jemand, der aus dem Orient oder dem Okzident kommt, ein Hindu, ein Muslim oder ein Christ seinen Lebensunterhalt verlieren würde, würden sie dann unterschiedlich reagieren? Nein. Verlust von Reichtum, Verlust von Kindern, Verlust des Ehemanns oder der Ehefrau, Verlust eines Freundes schafft Unglück. Und genauso schaffen die Errungenschaften dieser Menschen ihr Glück. Egal, woher du kommst, du kannst ein Grieche sein und ich kann ein Inder sein. Wenn ich eine Million Dollar bekomme, werde ich nicht unglücklich sein, und wenn du eine Million Dollar bekommst, wirst du nicht unglücklich sein. Es ist die natürliche Reaktion des Geistes auf Schmerz und Vergnügen, auf Anziehung und Abneigung, auf Wünsche und Frustrationen, auf Neurose und Psychose.
Daher hat Yoga weder mit orientalischer oder abendländischer Kultur zu tun, noch mit hinduistischer, christlicher oder muslimischer Kultur. Er hat auch nicht mit indischer, griechischer oder europäischer Kultur, oder mit Reich und Arm, oder mit Männern oder Frauen zu tun. Es geht im Wesentlichen um den gewöhnlichen Menschen, der einen Geist und eine Seele hat. Yoga ist die Kultur der gesamten Menschheit.
Als ich vor zwei Jahren in Russland war, fragte einer meiner Mitreisenden: „Brauche ich Yoga?“ Ich sagte: „Fühlst du dich manchmal unglücklich?“ Er sagte: „Ja, oft.“ Ich sagte: „Dann brauchst du Yoga auf jeden Fall.“ Er fragte nicht: „Brauche ich den Hinduismus?“ Hätte er es getan, hätte ich „Nein“ gesagt. Er hätte fragen können: „Swami Satyananda, soll ich Hindu werden?“ Ich hätte „Nein“ gesagt. Aber er fragte: „Brauche ich Yoga?“ Yoga überwindet die Grenzen von Religion, Kultur, Geschlecht und politischen Ideologien. Also sagte ich: „Ja.“
—19. August 1979, Yoga-Zentrum, Drosopoulou-Straße, Griechenland
Link zum Yogamag (April 2023)
