Ist Satsang eine einfache Frage- und Antwortrunde oder ist es eine Form der tieferen Kommunikation? Und kann er von allen Sannyasins durchgeführt werden oder nur von jenen, die in Sannyasa vervollkommnet sind?
Satsang ist eine Kombination von zwei Begriffen. Sang bedeutet «Verbindung» und Sat bedeutet «Realität oder Wahrheit». Unter Satsang versteht man jene Momente, immer dann, wenn du auf die Realität oder die Wahrheit in dir selbst oder im Außen eingestimmt bist. Es ist nicht unbedingt eine Sitzung mit Fragen und Antworten. In dir gibt es das niedere und das höhere Selbst – beide Persönlichkeiten. Das niedere Selbst ist ignorant und das höhere Selbst ist voller Wissen. Wenn in dir ein Zwiegespräch zwischen dem niederen und dem höheren Selbst stattfindet, dann ist das Satsang.
Es ist nicht allen möglich, das höhere Selbst zu erwecken. Die meisten Menschen befinden sich in einem Stadium des Selbst, das geprägt ist von Konflikten, Verwirrung und Unwissenheit. Zu diesem Zeitpunkt brauchen sie eine außenstehende Persönlichkeit, die ihr höheres Selbst repräsentiert. Da ich hier bin, um eure Fragen zu beantworten, repräsentiere ich euer höheres Selbst. Das ist der Sinn von Satsang. Erkenntnis kann auf zwei bekannte Arten erworben werden. Einer der Wege ist als Unterweisung bekannt, der andere als Intuition (Hinweise der Übersetzenden: im Engl.: Tuition und Intuition). Bei der Unterweisung repräsentiert eine externe Persönlichkeit dein höheres Selbst. Bei der Intuition wird dein höheres Selbst erweckt und dadurch erhältst du eine Antwort.
Nicht alle, die deine Fragen beantworten können, sind für Satsang qualifiziert. Du kannst dein höheres Selbst entwickelt und gefördert haben, oder falls es eine Person außerhalb von dir ist, sollte sie das höhere Bewusstsein repräsentieren. Nur durch den Intellekt am Satsang teilzunehmen, reicht nicht aus. Man muss eine Art von Kommunikation mit seinem höheren Selbst pflegen. Das höhere Selbst ist allwissend, allgegenwärtig und allmächtig. Es allein kann dir die richtige Antwort geben. Deshalb können nicht alle Sannyasins Satsang geben. Wenn sie aber ihr höheres Selbst erweckt und gefördert haben, dann können sie es mit Sicherheit.
Manifestieren sich bestimmte Fähigkeiten eines Chakras während dem Erwachen des spezifischen Zentrums oder erst dann, wenn das Chakra vollständig erweckt ist?
Das ist eine sehr wichtige Frage. Es gibt Missverständnisse im Bezug zum Erwachen. Erwachen ist ein allgemeiner Begriff. Das Erwachen der Chakras ist etwas komplett anderes als das Erwachen der Kundalini. Das Erwachen von Sushumna ist ebenfalls ein ganz anderes Ereignis. Auch das Erwachen von Mooladhara Chakra ist nicht das Erwachen der Kundalini. Beim systematischen Üben findet zuerst die Erweckung der Chakras statt. Damit Erwachen stattfinden kann, sollte es in jedem einzelnen Chakra, von Mooladhara bis hinauf zu Ajna, geschehen. Auch wenn das Erwachen in diesen Chakras stattfindet, entweder in einem oder in allen, bedeutet das noch nicht, dass die Kundalini erwacht ist.
Durch die Konzentration auf Bhrumadhya kannst du ein Chakra erwecken. Das Üben von Uddiyana Bandha kann ein anderes Chakra erwecken und durch die Rezitation deines persönlichen Mantras oder eines beliebigen Bija Mantras kannst du fast alle Chakras, eines nach dem anderen, erwecken. Als Resultat dieses Erwachens kannst du zudem sehr wertvolle psychische Erfahrungen machen. Das bedeutet aber keineswegs, dass du deine Kundalini erweckt hast. Mit dem von Inkarnation zu Inkarnation geübten Yoga, werden einige von uns die unteren Chakras vielleicht bereits in der letzten Inkarnation erweckt haben. Auch wenn wir versucht haben, Mooladhara, Swadhisthana oder irgendein anderes Chakra zu erwecken, ist es womöglich nicht notwendig, dass diese Chakras erweckt werden. Vielleicht haben wir uns aufgrund unserer Bemühungen in einem früheren Leben sogar über Manipura hinaus entwickelt. In jedem Fall ist es wichtig, dass alle unsere Chakras erwacht sind, bevor wir versuchen, Sushumna zu erwecken.
Diese Chakras sind eine Art Verbindugsstellen, von denen aus die Energie in verschiedene Bereiche des Körpers verteilt wird. Von hier aus werden die niedrigsten und die höchsten Energien verteilt. Nach dem Erwachen der Chakras musst du Sushumna erwecken. Sushumna ist die direkte Verbindung zwischen dem niederen Selbst des Bewusstseins und dem höchsten Bewusstsein. Sie befindet sich in einem schlummernden Zustand. Erst wenn Sushumna erwacht ist, sollte man versuchen, die Kundalini zu erwecken.
Während dem Erwachen der Kundalini bewegt diese sich durch Sushumna. Wenn sie sich durch verschiedene Chakras bewegt und auf kein Hindernis stösst, steigt sie weiter. Wenn sie in einem Chakra, das nicht erwacht ist, auf ein Hindernis trifft, bleibt sie entweder dort oder kehrt zurück. Wenn Kundalini erwacht und anfängt zu steigen, dann beginnen die verschiedenen Chakras ihre erhöhte Energie in die verschiedenen Bereiche des Körpers zu verteilen. Deshalb sollten wir versuchen alle Chakras zu erwecken.
Durch die praktische Erfahrung mit Yoga sind wir von seinem Nutzen überzeugt. Wie können wir ihn nun den Menschen näherbringen, indem wir ihre Vorstellungen respektieren und ohne sie zu bekehren?
Yoga ist eine lebensrettende Wissenschaft. Er ist keine Religion und braucht nicht aufgedrängt zu werden. Er braucht keine Organisation. Es braucht nur Lehrende. Er braucht vollkommen engagierte Lehrende, denn die Wissenschaft des Yoga ist sehr umfangreich. Die Lehrenden müssen ein allumfassendes Wissen über die äußeren und inneren Wissenschaften haben. Diese Frage wurde mir vor etwa zehn Jahren gestellt und ich habe sie richtig beantwortet. Ich brauche Yoga nicht zu propagieren. Die Menschen werden ihn brauchen und ich unterrichte ihn. Solange die Menschheit Yoga braucht, werden wir lehren. Wenn die Menschheit Yoga nicht mehr braucht, werden wir aufhören zu lehren. Wir werden nicht bekehren. Yoga bekehrt nicht und zwingt nicht. Es geht nicht darum, von einer Tradition in eine andere zu wechseln. Yoga ist ein System der Transformation des gesamten Bewusstseins des Menschen.
Wenn die Menschheit diese Transformation will, werden wir sie weitergeben. Wenn diese Transformation nicht mehr notwendig ist, können wir die Ashrams schließen. Wir machen uns keine Gedanken über die Verbreitung.
—26. Dezember 1981
Link zum Yogamag (Oktober 2022)
