Einführung

Hari Om
In den vergangenen drei Jahren, haben wir jeweils zu Beginn eines Monates eine Tugend (ITY) von Swami Sivananda, zusammen mit Fragen für das spirituelle Tagebuch, vorgestellt. Neu möchten wir uns den Leitsätzen widmen, die Swami Satyananda in seinem Klassiker ‘A Systematic Course in the Ancient Tantric Techniques of Yoga and Kriya’ definierte. Die Leitsätze dienen dazu, mentale Muster, die zu Konflikten und Verspannungen führen, mit positiven Einstellungen auszugleichen.

Die Wissenschaft und Kunst der Entspannung
Im ersten Kapitel des Buches (Thema 5) erklärt Swami Satyananda die yogische Sicht über Entspannung:

„Entspannung ist eine Kunst, für die es verschiedene Übungengibt, die man erlernen und nutzen kann, um Geist und Körper zu entspannen und dem Leben einen Ausdruck des Wohlbefindens zu verleihen. Entspannung ist aber auch eine Wissenschaft, weil sie auf soliden wissenschaftlichen Fakten basiert.
[…]
Entspannung ist im Leben von uns allen unentbehrlich. Mit Entspannung ist gemeint, Spannungen im Körper und Geist für eine bestimmte Dauer loszulassen um vollständige Erholung und Regeneration zu erlangen. Dies ist eigentlich die Aufgabe des Schlafes, aber wegen des spannungsgeladenen Lebens, das die meisten Menschen während des Tages führen, kann der Schlaf seine Aufgabe nicht mehr richtig erfüllen. Viele Menschen können sich selbst im Schlaf nicht entspannen – sie fahren fort, sich Sorgen zu machen und zu versuchen, ihre Probleme zu lösen. Dies führt nicht zur Erholung, die Körper und Geist benötigen. Sie wachen am Morgen auf, sind immer noch erschöpft und bleiben es auch während des Tages. Es ist ein heimtückischer Kreislauf – weil sie am Abend, immer wieder mit den angehäuften Spannungen des Tages und der Erschöpfung der vergangenen Nächte mit unzureichendem Schlaf, zu Bett gehen. Es ist kein Wunder, dass viele Menschen am Wochenende einen grossen Teil ihrer Zeit schlafend verbringen – sie benötigen es. Aus diesem Grund sollte der moderne Mensch systematische Techniken nutzen können, die Entspannung herbeiführen. Schlaf ist immer noch notwendig, aber er muss mit Techniken ergänzt werden, die schnell und wirksam Sorgen und Stress beseitigen.“

Wir alle kennen diese Techniken, es sind Yoga Nidra und Shavasana gemeint. Viele von uns führen sie regelmässig aus, vielleicht sogar täglich, und trotzdem erleben wir immer noch Verspannungen und die daraus resultierenden negativen Symptome in Körper und Geist. Swami Satyananda erklärt im selben Artikel weiter:

„Nun haben wir aber ein Problem. Während der beschriebenen Entspannungsübung hast du Stille erfahren und deinen Körper ausgeruht. Aber zehn Minuten später triffst du jemanden, den du überhaupt nicht magst. Deine Ruhe und dein Wohlbefinden lösen sich umgehend auf. Adrenalin wird ausgeschüttet. Du wirst wieder zu deinem verzerrten „normalen“ Selbst: depressiv, zornig, aggressiv und angespannt. Dein Geist ist darauf programmiert, in dieser Art und Weise zu reagieren. Du hast keine andere Wahl, als wütend zu werden, wenn du diese Person triffst.
[…]
Die Grundursache für Verspannungen liegt in unserem falschen Denken über unsere Mitmenschen und unsere Umgebung. Unsere Art zu denken harmoniert nicht mit unserem äusseren Umfeld. Dies resultiert in Interessenkonflikten zwischen uns und anderen Personen. Unser Innenleben stimmt nicht mit unserem tatsächlichen Existenzmuster überein. In anderen Worten: Wir leben wie ein Fisch ausserhalb des Wassers, ständig kämpfen wir gegen unsere Umgebung, anstatt mit dem Leben zu verschmelzen und zu fliessen.
[…]
Normalerweise kann ein Individuum nur beschränkt Einfluss auf seine Umgebung nehmen, daher muss die Veränderung, die Harmonie bringt, von innen kommen. Namentlich in der inneren Einstellung zum Leben und zu anderen Personen. Wenn du friedlich mit deiner Umgebung koexistierst und dich nicht länger absonderst, dann lösen sich Verspannungen auf, du beginnst dich zu entspannen.“

Die Grundursache von Anspannung
Im zweiten Kapitel des Buches (Thema 7) stellt Swami Satyananda eine Methode vor, um Denkmuster zu ändern und die innere Einstellung zu Lebenssituationen ins Positive zu wandeln, mit dem Ziel, längerfristig dauerhaftere Entspannung und Gleichmut im Leben zu erreichen. Er beschreibt sie wie folgt:

„Es ist eine Methode, die auf den ersten Blick wie ein moralischer Kodex oder eine Belehrung erscheint. Sie ist jedoch nur ein Mittel zum Zweck. Es ist ein Werkzeug, um etwas dauerhaftere Entspannung in das Leben eines Menschen zu bringen, so dass er schließlich damit beginnen kann, die innere Dimension seines Geistes zu erforschen und die eigentliche Ursache von Anspannung aufzulösen.
[…]
Die formulierten Leitsätze sind nicht belehrend gemeint. Sie sind ein Mittel zum Zweck. Um es nochmals zu betonen, es sind Vorschläge, mit denen du beginnen kannst, deine Einstellung zu Lebenssituationen bewusst zu ändern. Sie dienen dazu, dass du dich ausreichend entspannen kannst, um schließlich durch Meditationsübungen in deinen Geist einzutauchen und die tieferen, negativen Aspekte deiner mentalen Natur aufzulösen. Die Leitsätze sollen nicht deinen Lebensstil ändern, und wir raten dir davon ab, dass du sie dir ständig aufzwingst. Erinnere dich einfach in deinem Alltag an sie. Ihre Anwesenheit wird dich von innen, sozusagen aus deinen unterbewussten “Einstellungszentren”, unterstützen.“

Diese Leitsätze, zusammen mit Fragen für das spirituelle Tagebuch, werden wir euch Schritt für Schritt in den kommenden Monaten vorstellen.

Februar – Leitsatz 1
„Bemühe dich, andere Menschen vollständig zu akzeptieren. Versuche, sie nicht hauptsächlich als Objekte für deine eigenen Vorteile zu benutzen. Versuche, andere so zu akzeptieren wie sie sind, da auch sie entsprechend ihrer mentalen Konditionierung handeln. Was du siehst, ist nur eine äußere Manifestation ihres mentalen Programms. In dieser Hinsicht sind sie nicht anders als du selbst, es unterscheidet sich lediglich die Programmierung. Du bist dir jetzt deiner Abhängigkeit von deiner mentalen Konditionierung bewusst, und sie haben es vielleicht noch nicht wahrgenommen. Wenn du die Anderen besser akzeptieren kannst, dann werden wiederum sie beginnen, dich zu akzeptieren. Lache über dich selbst, über dein Verhalten und über deine Eskapaden.“

Fragen für das spirituelle Tagebuch
• Wie stark war heute deine Akzeptanz gegenüber anderen Menschen? Bestimme einen Wert von 1-10.
• Gab es eine bestimmte Situation mit einem Menschen, welche dich negativ, gereizt oder wütend gemacht hat?
• Bestimme das genaue Gefühl, das du erlebst, wenn du an diese Situation zurückdenkst.
• Was fällt dir als erstes ein, wenn du wieder an diesen Menschen denkst?
• Zähle nun von diesem Menschen alle positiven Qualitäten auf, die dir einfallen.
• Zum Abschluss kannst du einen Sankalpa machen, dich von nun an auf die positiven Qualitäten dieses Menschen zu konzentrieren.

 

Quelle: Das Buch ‘A Systematic Course in the Ancient Tantric Techniques of Yoga and Kriya’  findest du auf satyamyogaprasad.net – der Artikel ‘Die Wissenschaft und Kunst der Entspannung’ beginnt ab Seite 29 und der Artikel ‘Die Grundursache von Anspannung’ ab Seite 58.