Author: admin

  • Glück

    Die Strahlendste der Sonnen scheint immer in dir, aber deine blinden Augen können sie nicht
    sehen. Der ewige Klang ist in dir, aber deine tauben Ohren können ihn nicht hören.
    Sei immer fröhlich, lache und lächle. Versuche immer glücklich zu sein. Halte den Geist in
    mildem, massvollen Zustand. Lass keine Exzesse zu. Der Verstand bewegt sich ständig
    entweder zu extremer Depression oder extremer Freude hin. Extreme bewirken eine Reaktion.
    Der Geist kann in übermäßiger Freude niemals ruhig sein. Lass den Geist fröhlich, aber ruhig
    sein.
    Glück kommt von geistigem Frieden. Echtes Glück findest du in dir. Es ist im Atman. Glück ist
    deine wahre Natur.

     

    Link zum Yogamag (November 2021)

  • Essay von Swami Satyananada

    Swami Satyananda schrieb Anfang 1954 folgenden Essay. Die Sannyasa Ideale waren sein
    ganzes Leben lang die inspirierenden Kräfte seiner Persönlichkeit. Der Text ist im Buch Mere
    Aradhya (dt. Ausgabe Seiten 363-367) abgedruckt.

    Ich bin ein Sannyasin

    Der Mensch hat den Weltraum erobert, die riesigen Ozeane durchquert, die ungeheuren
    Weiten des Universums vermessen. Er hat die Tiefen der Ozeane erforscht, Myriaden von
    Geheimnissen der Natur entlockt, hat verschiedenste Philosophien erdacht und Religionen
    gegründet. Hat sein Leid und seinen Schmerz unterdrückt, hat die beiden Ufer von Geburt und
    Tod mit dem Leben zusammengeführt, das Göttliche entdeckt und ist sich bewusst geworden,
    dass es jenseits, als Urgrund von allem, ewiges Leben gibt. Er hat alles erreicht, alles verloren,
    alles gesehen. Trotzdem ist der Mensch unvollständig. Sehnsüchte sind unerfüllt und ständig
    wird er von dem gequält, was ihm fehlt. Der Tod ist das Ende und die Geburt der Anfang der
    Entdeckungsreise, die sich Leben nennt.

    Der Tod vollendet das Leben und das Leben vollendet den Tod. Weder Dharma noch Karma,
    Yoga, Mantra oder Tantra können das Leben vervollständigen und abrunden. Selbst die durch
    ein yogisches und spirituelles Leben gepriesene Vollkommenheit ist so echt wie der gebildete
    und wohlhabende Sohn einer unfruchtbaren Frau (d.h. nicht vorhanden).

    Dieses Problem besteht bis heute. Niemand hat es bislang zu lösen vermocht. Yogis, Jnanis,
    Mahatmas, Asketen und Wissenschaftler – alle haben sich daran versucht und sind
    gescheitert. Wir haben uns entweder in unserem individuellen Bemühen verloren, die
    Bedeutung des Lebens zu erkennen, oder wir sind in den Versuchungen der materiellen Welt
    versunken, oder haben alles vergessen in den flüchtigen Augenblicken spiritueller
    Glückseligkeit. Der Eine hat nach Atman gesucht, der Andere nach Paramatman. Einer hat Gott
    verwirklicht, ein Anderer ist im Glitzern des Weltlichen untergegangen. Einer schickte sich an,
    den unendlichen Kosmos zu entdecken, ein Anderer ist tief getaucht, um die Geheimnisse der
    Ozeane zu lüften und ein Weiterer griff nach den Sternen. Der Eine sehnte sich nach Frieden,
    während der Andere einen Sturm entfachte. Keinem Einzigen ist es bisher gelungen, ein
    umfassendes und alles einschließendes Konzept des Lebens zu realisieren.

    Die Entwicklung des Lebens blieb auf einige wenige Bereiche beschränkt. Ein Hindu konnte
    kein Muslim werden und genauso wenig konnte ein Muslim ein Hindu werden. Ein Grihastha
    konnte kein Sannyasin sein und ein Sannyasin kein Grihastha. Der Eine hat gesagt, die Welt sei
    real, ein Anderer bestand darauf, sie sei nicht real. Einer sagte „Alles ist Eins“, ein Anderer
    sagte „Vieles“, während ein Dritter sagte „Am Anfang war Leere“. Je mehr wir suchten, desto
    verwirrter wurden wir. Je mehr Wissen wir erlangten, desto unwissender wurden wir. Eine
    Galaxie von Yogis, Jnanis, Heiligen und Mahatmas hat Jahrtausende lang gesucht – und
    trotzdem konnte das Geheimnis des Lebens nicht entschlüsselt werden. Genau diese
    Verwirrung aufzulösen ist heute unsere Aufgabe.

    Wir haben verstanden, dass das Leben heilig ist. Es ist weder ein Fluch noch eine Sünde,
    vielmehr ist es ein wunderbares Geschenk. Die Yogis und Bhaktas, die Menschen der
    Wissenschaft und der Philosophie und alle Meisterinnen und Meister haben versucht, die
    Lebensqualität zu verbessern. Aber was ist dabei herausgekommen? Ist es nicht so, dass bei
    Allem die wahre Natur des Lebens verschleiert wurde? Wir müssen die Schleier auflösen, die
    durch die religiösen Dogmen und Gebote der Schriften, der wahren Natur des Lebens
    aufgedrückt wurden. Wir müssen die Farbschichten, die seit unvordenklicher Zeit dem Leben
    aufgetragen worden sind, abwaschen. Das Leben ist einfach und rein, heilig und vollkommen.
    Ob im Unendlichen oder im Winzigen, überall ist Leben. Es ist real und allgegenwärtig. Das
    Kleid, das dem Leben umgehängt wurde, ist Prunk und Show, nichts anderes.

    Lasst mein Leben weitergehen wie bisher, in die Richtung, in die es sich sehnt. Behaltet euer
    Wissen, eure Philosophie, eure Spiritualität, eure Wissenschaft, euren sozialen Umgang, eure
    Religion bei euch. Lasst mein Leben prächtig fließen, wie das eines Kindes. Lasst mich, frei von
    Sorgen, fliegen wie die Vögel. Lasst mich unschuldig und unwissend bleiben. Ich will euer
    Wissen und eure Kenntnisse nicht. Eure Bildung und eure Bücher brauche ich nicht. Ich
    möchte in den Wäldern und Gebirgen umherstreifen. Lasst mich zusammen mit den Vögeln
    singen, bringt mich nicht zum Schweigen. Lasst mich auf Pfaden gehen, die mit trockenen
    Blättern bedeckt sind und dabei das Rascheln fühlen. Steht mir nicht im Weg. Lasst mich die
    wunderbaren Naturschauspiele bestaunen, die sich bei Sonnenaufgang zeigen. Lasst mich im
    Wald auf den Blättern ausruhen, in den Wassern der Flüsse baden und die himmlischen Lüfte
    einatmen. Behaltet eure Zivilisation, euren Stolz, euren Ruhm und eure Religion. Steht mir nicht
    im Weg. Ich will gehen, wohin ich will. Fesselt mich nicht mit euren Vorschriften und Gesetzen,
    bringt mich mit eurem religiösen Glauben nicht vom Weg ab, besiegt mich nicht mit euren
    wissenschaftlichen Argumenten. Führt mich nicht in die Irre.

    Ich bin ein Vogel des freien Himmels
    Ich bin der ständige Fluss des Nektars
    Ich bin die ruhige, ewigwährende Glückseligkeit
    Ich bin der leuchtende Stern der Freuden.
    Vergeht, Tränen, Kummer und Sorgen
    Das Gefängnis des Schmerzes wurde zerstört.
    Wo jetzt noch Dornen den Pfad säumen,
    Wird mein Weg mit Blumen geschmückt sein.
    Ich bin ein Sannyasin, ich bin ein Sannyasin …

    Link zum Yogamag (September 2021) auf der BSY Website

  • Was ich will

    Kein Mensch verdient alles ganz allein, er verdient es durch die Gesellschaft. Wenn es diese
    Gesellschaft nicht gäbe, dann könnte er auch nichts verdienen. Wir alle stehen in der Schuld
    der Gesellschaft. Alles, was wir heute besitzen, gehört eigentlich der Gesellschaft. Die
    Gesellschaft hat genauso viel Recht darauf wie du. Dieser Gedanke ist mir hier gekommen, und
    allmählich ist er klarer geworden. Deshalb versammle ich nur solche Menschen um mich, die
    für andere leben werden. Es ist mir egal, ob du Sannyasin bist oder in der Gesellschaft lebst,
    verheiratet oder unverheiratet, jung oder alt bist. Lebe ganz einfach für andere. Iss zweimal am
    Tag und arbeite für andere. Ich habe keine zusätzlichen Anforderungen. Ich will keine
    Anhänger. Ich will eine Person, die nicht für sich selbst, sondern für andere leben kann.

     

    Link zum Yogamag (Dezember 2021)

  • Eine vernünftige Mischung

    Wenn deine Lehrerin oder dein Lehrer dich manchmal nicht zufrieden stellen können, solltest
    du das nicht beachten. Vielleicht sind sie nicht effizient oder vielleicht hast du ein grosses Ego.
    Es kann das Eine oder Andere sein oder beides, denn oft hält ein Mensch mit einem fetten Ego
    den anderen für idiotisch. Du musst also einen Kompromiss finden zwischen dir und deiner
    Akzeptanz. Was kannst du nun tun, wenn du scheinbar automatisch annimmst, dass deine
    Lehrerin oder dein Lehrer ineffizient sind und du gleichzeitig erkennst, dass du ein grosses Ego
    hast? Denke lieber Folgendes, denn es ist sicherer: “Ich bin egoistisch und sie sind nicht
    ineffizient.”

    Das ist der Ansatz zu rationaler Demut. Alle, die behaupten, rational zu sein, sollten auch
    wissen, wie man demütig ist. Durch einen rationalen Prozess kannst du Demut in dir erzeugen.
    Demut ist nicht Minderwertigkeit. Ich wiederhole es, Demut hat nichts mit Minderwertigkeit zu
    tun. Insbesondere die rationale Demut, sie ist eine noble Eigenschaft. Wenn ein Mensch
    denken und analysieren kann, ist er fähig, sich seiner rationalen Grenzen bewusst zu werden.
    Er kann dann auch akzeptieren, dass er rationale Grenzen hat. Wenn er akzeptieren kann,
    wenn er glauben kann, dass auch er rationale Grenzen hat, kann er demütig werden. “Ich kann
    sehr gut denken, ich weiß viele Dinge”, das ist eine Möglichkeit, die man rationale
    Überzeugung nennt. “Aber ich weiß nicht alles – es gibt viele Dinge, die ich nicht weiß”, das
    nennt man rationale Demut. Rationale Überzeugung und rationale Demut müssen
    verschmelzen, dann wirst du weicher und flexibler.
    16. Mai 1984, Satsang im Hotel Nepheli, Thessaloniki, publiziert in ‘History of Satyananda Yoga
    in Greece’, Band 1

    Link zum Yogamag (Dezember 2021)

  • Tapasya, Karma und Titiksha

    Welchen Platz nehmen Tapas und Titiksha in der modernen Welt ein?
    Wir haben eine Schneidemaschine im Ashram, ihr Name ist Tapasya. Und als ich eine größere kaufte, nannten
    wir sie Titiksha. Ohne Schneidemaschine erhalten die Bücher keine schöne Form. Genauso
    musst du deine Persönlichkeit auf die richtige Form «zuschneiden», und das erreichst du durch
    Tapasya. Als Individuum sollte man sein Karma auflösen, sonst bist du deinem Schicksal
    ausgeliefert. Du musst die Verpflichtungen des Schicksals wahrnehmen, es gibt keinen
    anderen Weg. Wenn du Titiksha, Ausdauer und Geduld und Tapasya, Entsagung übst, wirst du
    eine Menge an Karmas erschöpfen und auflösen.

    Tapasya
    Oft magst du darüber nachdenken, ob du etwas loswerden kannst oder dich ihm zwingend
    stellen musst. Oder ob es ein unvermeidlicher Teil deines Schicksals ist, es zu ertragen. Du
    musst die Konsequenzen des Guten und des Schlechten ertragen. Das ist das erste Gesetz
    von Karma. Durch das Üben von Tapasya kannst du es meistern und ein Großteil von deinem
    schlechten Karma auflösen. Tapasya bedeutet, den Prozess des Leidens spontan und
    willentlich zu durchlaufen. Wenn du dich diesem Prozess des Leidens nicht freiwillig
    unterziehst, dann zwingt dich die Natur dazu.

    Wenn du Verstopfung hast, wirst du entweder Durchfall kriegen oder aber es entstehen
    Hämorrhoiden oder eine andere Krankheit. Wenn du freiwillig Shankhaprakshalana übst, wird
    es für ein oder zwei Stunden anstrengend sein, aber es befreit dich von allen Folgen des
    Karmas der Verstopfung. Andernfalls leidest du Monate oder Jahre, anstatt anderthalb
    Stunden.

    Nach der Reinkarnationstheorie ist Tapasya die Verkürzung der Leidenszeit des Menschen.
    Des Leidens, welches auf sein Karma zurückzuführen ist.
    —27. März 1980, Ganga Darshan

    Karma
    Wenn du sagst, dass Reinkarnation nicht existiert, besitzt du dennoch Karma in der Sukshma,
    der subtilen Form, das du von deinen Eltern geerbt hast. In der Wissenschaft nennt man das
    die molekulare Vererbung, die DNA-Moleküle. Wenn mein Vater oder Großvater eine Krankheit
    hatte, erbe ich diese Voraussetzung. Karma bezeichnet nicht nur das, was du in deinem
    früheren Leben geschaffen hast. Karma ist die Gesamtheit von dem, was du übernommen hast:
    das Erbe aus früheren Leben, früherer Generationen und der Umwelt.

    Dieses Karma beeinflusst nicht nur den Verlauf deines Schicksals, es steuert jede einzelne
    Bewegung, jedes Zwinkern, Niesen und jeden Schmerz im Körper. Es ist so schwierig, diese
    Wahrheit allen näher zu bringen. Jeder einzelne Gedanke, der dir in den Sinn kommt, ist dir in
    den letzten zwanzig, dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren in deinen Sinn gekommen. Wie ist er
    entstanden? Woher kommt er? Woher kommt elektrischer Strom? Aus meiner Steckdose? Nein.
    Aus dem Elektrizitätswerk in Munger? Nein. Wer treibt den Geist an und kontrolliert den Körper?
    Wer verursacht und lindert den Schmerz? Du leidest und lebst in deiner Art und Weise, weil
    dich Karma dazu zwingt, und dieses Karma ist sehr schwierig zu bewältigen.

    Große Denker sind verwirrt darüber, was Karma und was Akarma ist. Die Bewegung und das
    Verhalten von Karma liegen vollständig jenseits des Verständnisses des Menschen. Um den
    karmischen Druck in unserem Leben zu verringern, wurden zwei Methoden auf dem Pfad der
    Sadhana oder Sadhana Marga vorgeschlagen. Die eine ist die Moderate für die Allgemeinheit,
    genannt Tapasya und die andere ist Titiksha.

    Titiksha
    Titiksha bedeutet Hitze und Kälte ertragen zu können. Es bedeutet in einem ausgeglichenen
    Geisteszustand zu leben, ob du nun gelobt, beleidigt oder getreten wirst. Und genauso bleibst
    du ausgeglichen, wenn dich jemand in eine hohe Position erhebt. Halte deinen Geist im
    Gleichgewicht, egal ob du Sukha oder Dukha, Gewinn oder Verlust, Sieg oder Niederlage
    erfährst. Danach musst du zu kämpfen beginnen. Du solltest darauf vorbereitet sein, auf dem
    Schlachtfeld des Lebens zu kämpfen, sobald du deinen Geist in den verschiedenen Paaren
    von Gegensätzen ausgeglichen hast. Das nennt man Titiksha – widerstehen und tolerieren,
    wenn der Geist in die Extreme des Lebens geworfen wird. Wenn du in den Nahen Osten reist,
    ist es dermassen heiß. Wenn du in arktische Länder reist, ist es unglaublich kalt. Wenn dein
    Körper extremem Klima und dein Geist extremen Situationen ausgesetzt ist, solltest du in der
    Lage sein, dies irgendwie auszugleichen. Das nennt man Titiksha.

    Tapasya bedeutet, jeden einzelnen Teil des Körpers durch einen bestimmten Prozess zu klären.
    Wie reinigt man Gold? Man gibt es ins Feuer. Das wird Tapas genannt. Wie klärt man sich
    selbst, sein Karma? Indem du dich bestimmten Situationen aussetzt. Wenn dich ein Mensch
    kritisiert, halte ihn in deiner Nähe, stoss ihn nicht fort. Er klärt deine Seele, ohne Wasser oder
    Seife. Jeden Tag klärt er dich. Gautama Buddha, der Erleuchtete, hatte einen Neffen,
    Devadatta, der ein Schurke war. Er lebte in derselben Sangha mit Buddha und seinen Schülern
    und redete die ganze Zeit schlecht über Buddha. Diejenigen, die an Buddha glaubten,
    kritisierten ihn, aber Buddha behielt ihn die ganze Zeit über in der Sangha. Devadatta zettelte
    sogar eine Verschwörung an, Buddha zu töten, als Buddha auf dem Höhepunkt seines Ruhmes
    war und die Könige sich vor ihm verneigten. Diese Haltung Buddhas, sich dem Widersacher in
    ständigem Gleichmut zu stellen, wird Tapas genannt.

    In der Bhagavad Gita gibt es verschiedene Formen von Tapasya, körperliche, mentale und
    emotionale Entsagungen. Eine Entsagung, die die Sprache betrifft, ist beispielsweise: «Äussere
    nicht Worte, die den Geist anderer Menschen irritieren». Die verschiedenen Arten von Tapasya
    zielen darauf ab, deine Gewohnheiten, deine Natur und deine gesamte Persönlichkeit zu
    reinigen, bis deine Seele so weit geklärt ist, dass du frei von den karmischen Zwängen wirst.

    Link zum Yogamag (März 2022)

  • Der spirituelle Aspekt des Lebens

    Es ist weder meine Absicht noch ist es möglich, euch den wahren Wert eines überragenden
    Themas zu vermitteln, welches von euren Rishis vor vielen tausend Jahren entdeckt wurde und
    erst seit wenigen Jahrzehnten die Menschen des technischen Zeitalters erstaunen lässt. Wo die
    moderne Medizin nicht zu helfen vermochte und die moderne Psychologie und Psychotherapie
    versagten, hat diese Wissenschaft den Weg in jedes Land gefunden und hat sämtliche
    Schranken von Nationalität, Kultur, Glaube und Religion, einschließlich des Agnostizismus,
    durchbrochen. Es ist ein sehr wichtiges Thema für euch alle, das ihr kennen und dem ihr euch
    praktisch widmen solltet.

    Ich bin nicht hierher gekommen, um euch zu belehren, nicht einmal, um euch zu inspirieren,
    sondern um daran zu erinnern, dass euer Land zuallererst wahre Bürgerinnen und Bürger
    braucht und dann alles übrige. Um eine gute Staatsbürgerin oder ein guter Staatsbürger zu
    sein, braucht es die Qualität des Geistes. Der Mensch entspricht dem Geist, den er hat. Du
    projizierst deinen Geist in dein tägliches Leben, und das ist es, was deine Gesellschaft prägt.
    Während der letzten paar tausend Jahre wurde keine andere Wissenschaft entwickelt, um den
    Verstand und die Persönlichkeit neu zu strukturieren. Die westlichen Länder haben ihr Bestes
    getan, um die Persönlichkeit zu entwickeln, aber alle Wissenschaften haben versagt. Wir setzen
    unsere Hoffnung auf Yoga. Er wird dir und deiner Gemeinschaft definitiv etwas Gutes tun.
    Es ist nicht nur eine Reihe von Übungen, die du vielleicht als Yogasana oder Hatha Yoga
    kennst, die geübt werden sollten. Dies ist nur ein Zweig des Yoga, nicht der ganze Yoga. Wenn
    ich von Yoga spreche, meine ich einen integralen Ansatz, ein integrales System. All diese
    Aspekte des Yoga, die sich um Körper, Geist, Emotionen und das spirituelle Leben kümmern,
    sind die Techniken, die um das herum gewebt sind, was du Dhyana Yoga, Meditation, nennst.
    Das ist das Zentrum, der Fokus. Durch die Meditation beginnst du, eine Veränderung in der
    Qualität deiner Gefühle und Reaktionen herbeizuführen.

    Wenn wir über Dhyana Yoga sprechen, meinen wir den gesamten Yoga. Yoga Haltungen,
    Asanas, Mudra, Bandha, Pranayama sind alles Schritte zum Yoga. Diese sollten nicht deshalb
    geübt werden, weil es sich um Techniken handelt, die eine Menge Dynamik verleihen, sondern
    weil sie eine Veränderung der Hormon- und Drüsenaktivität im Körper bewirken. Es wäre auf
    jeden Fall falsch, Yoga als ein körperliches Training zu verstehen, bei dem man Bizeps und
    Trizeps aufbaut. Yoga Asanas und Sport Übungen sind zwei verschiedene Schulen und
    Zweige.

    Asanas haben unmittelbare Auswirkungen auf das Nervensystem und die endokrinen Drüsen
    und verändern dadurch emotionale Muster, Furcht und Ängste und manchmal auch physische
    Erkrankungen. Diejenigen von euch, die vielleicht im Studium Herausforderungen begegnen,
    persönliche emotionale Schwierigkeiten oder eine Art Krise in ihrem persönlichen Charakter
    haben, sollten daran denken, dass eine Art Ungleichgewicht in den endokrinen Drüsen
    sekretionen vorliegen könnte. Ein Zuviel an Schilddrüsenhormonen, Adrenalin oder ein
    Überschuss an Sekreten aus dem hinteren Lappen der Hypophyse könnte deine Persönlichkeit
    völlig verändern und dich vielleicht zu einem Kriminellen oder einer Terroristin machen. Deine
    Unfähigkeit, dich auf das Studium zu konzentrieren oder dein terroristisches, schüchternes
    oder feiges Wesen könnten also unter anderem eine Folge des Ungleichgewichts im
    endokrinen System sein.

    Wie kann man das korrigieren? Bisherige Untersuchungen haben gezeigt, dass man durch das
    Üben von Yoga Asanas dieses Ungleichgewicht beseitigen kann. Sarvangasana kann die
    Inaktivität der Schilddrüse aufwecken. Shashankasana verbessert die Nebennierensekretion
    und dadurch werden beispielsweise Störungen wie Angst vor Dunkelheit oder Atemprobleme
    geheilt.

    Was ist beim Dhyana Yoga wichtig? Es geht nicht nur darum, sich still hinzusetzen oder alles
    um sich herum zu vergessen. Wenn du versuchst, zu meditieren oder Dhyana zu üben, muss
    das Bewusstsein für das Objekt, die Idee und die Form ständig aufrechterhalten werden. Achte
    darauf, dass es keine Unterbrechung gibt. Wenn es nur eine Idee, ein Objekt gibt, nennt man
    das Ekagrata, ‘Einsgerichtetsein’. Wenn sich von Zeit zu Zeit verschiedene Ideen im Geist
    abwechseln, nennt man das Vikshepa, Ablenkung. Wenn der Geist überhaupt nicht bei einer
    Idee bleibt, sondern ständig von einer Idee zur nächsten springt und nie zur ersten Idee
    zurückkehrt, könnte man das ‘Schizophrenie’ nennen. Das wird die Krankheit eures
    Jahrhunderts sein. Um den kranken Geist zu heilen, muss man die Qualität des Denkens, des
    Fühlens, der Intelligenz und des Gedächtnisses verbessern. Du musst für dich selbst ein
    Objekt auswählen und mit diesem Objekt solltest du dann jeden Tag mindestens zehn Minuten
    lang Konzentration üben.
    —4. Februar 1982, Sourashtra College, Madurai, Tamil Nadu

    Wenn du Probleme hast, deinen Geist auf ein Objekt zu konzentrieren – was für uns oft
    schwierig ist – dann kämpfe nicht mit dir, sondern führe Pranayama durch. Der Geist wandert
    umher wie ein wilder Hund oder Affe, man kann ihn nicht kontrollieren. Wenn du versuchst, ihn
    zu kontrollieren, bekommst du Kopfschmerzen, wirst deprimiert oder bist voller Anspannungen.
    In solchen Momenten musst du versuchen, Pranayama zu üben. Pranayama ist eine Methode,
    bei der man mit Hilfe der Atmung bestimmte Einflüsse auf das Gehirn erzeugt.

    Pranayama ist eine Atemtechnik, die etwas mit der Lunge und dem Herz zu tun zu haben
    scheint, aber mehr als das, hat sie Einfluss auf das Gehirn. Der Atem, der durch das linke
    Nasenloch strömt, und der Atem, der durch das rechte Nasenloch fliesst, während man ein-
    und ausatmet, erzeugt bestimmte Bewegungen und Vibrationen im Gehirn. Die Techniken der
    Atmung sind eine Art Übung für dein Gehirn, so wie du Übungen für Bizeps und Trizeps
    machst. Die «Muskeln» des Gehirns müssen auch in irgendeiner Form trainiert werden und das
    geschieht durch Pranayama.

    Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die Atmung durch das linke Nasenloch die
    rechte Hemisphäre und die Atmung durch das rechte Nasenloch die linke Hemisphäre des
    Gehirns beeinflusst. Dies ist nur ein kleiner Einblick, den ich dir gebe, wie Pranayama dein
    Gehirn ins Gleichgewicht bringen kann, und durch dieses Gleichgewicht kannst du jeden Tag
    meditieren.

    Ich bin nur hierher gekommen, um dir eine kurze Mitteilung zu machen. Ich bin in den letzten
    Jahren viel um die Welt gereist. Ich ziehe jeden Tag weiter, das ist mein Leben. Ich habe das
    Gefühl, dass die Welt ohne die Wissenschaft des Yoga unvollständig ist. Die moderne Welt, hat
    den «äußeren Menschen», den materiellen Aspekt des Lebens entwickelt, aber den spirituellen
    oder inneren Aspekt des Lebens vernachlässigt. Die Menschen haben das Vertrauen in viele
    gute Dinge verloren, wie z.B. in die Moral, weil sie letztendlich glauben, dass es sich nicht
    lohnt. In dieser Zeit, in der die gesamte Gesellschaft in jedem Land und in jeder Religion in
    einer Krise steckt, gibt es eine Sache, die eine Erneuerung bringen kann – das ist Yoga.
    Menschen aus Wissenschaft, Medizin, Pädagogik und Sozialreform sprechen überall über Yoga
    und sagen, dass die Zeit gekommen ist, in der Yoga in unser tägliches Leben eingeführt
    werden muss. Für die Aufklärung auf nationaler Ebene müsst ihr den Weg zur Vermittlung
    dieses Wissens finden. Es ist die Pflicht der Ältesten und Weisen des Landes, den Menschen
    offen zu sagen: “Seht her, wenn ihr als Mensch überleben wollt, wenn ihr wollt, dass eure
    Gesellschaft oder eure Nation überlebt, dann müsst ihr Yoga üben.”
    Yoga sollte nicht mit Entsagung in Verbindung gebracht werden. Es gibt keine Entsagung als
    solche. Swami Vivekananda übte Verzicht, aber er arbeitete viel mehr als jeder Professor,
    Lehrer, Arzt oder Manager. Die Menschen, die scheinbar der Welt entsagt haben, haben in
    Wirklichkeit ihrem persönlichen, belanglosen Leben entsagt. Sie haben sich der vollkommenen
    Arbeit, dem Karma Yoga, gewidmet. Yoga ist also für eine soziale und kulturelle Erneuerung
    gedacht.

    Ich übe TM (Transzendentale Meditation) und habe kürzlich ihr Siddhi Program für
    Fortgeschrittene absolviert. Ich bin mir aber immer noch der äusseren Geräusche
    bewusst.

    Wenn wir meditieren, befassen wir uns mit der Beziehung zwischen drei Punkten der
    Persönlichkeit: der Funktion der Sinne, dem Verstand und dem Geist oder der Bewusstheit.
    Zuerst muss der Geist von den Sinneskanälen losgelöst und isoliert werden, was Pratyahara
    genannt wird. Wenn Pratyahara etabliert ist und wenn Chitta oder Chetana isoliert sind und
    äußere Faktoren die Bewusstheit nicht mehr stören, dann muss er auf einen Punkt konzentriert
    werden.

    Wenn du den Geist auf einen Punkt konzentrierst, entsteht dreifache Bewusstheit bezüglich: dir,
    dem Akt der Konzentration und dem Objekt der Konzentration. Bald darauf schwindet dieses
    dreifache Gewahrsein. Aber von Zeit zu Zeit gibt es ein Objekt und ein Gewahrsein von dir
    selbst, und dieser Zustand begleitet dich sehr lange. Ansonsten bleibt die Bewussheit für ein
    einziges Objekt oder das Einsgerichtetsein, Ekagrata, bestehen.

    Dieses Ekagrata, die Einsgerichtetheit, setzt sich für eine gewisse Zeit fort, dann wird auch das
    Objekt zurückgezogen. Du verlierst das Gewahrsein des Objekts und beginnst, deinem Selbst
    bewusst zu werden. Nicht als Form, nicht als diese Person im Verhältnis zu Zeit und Raum. Man
    kann es “Aham” nennen. Aham bedeutet kosmisches Bewusstsein oder Atmanubhuti, es hat
    viele oder keinen Namen.

    Es ist besser, sich bis zu dem Punkt zu bemühen, an dem die Einsgerichtetheit eintritt. Wenn du
    dich auf das Licht einer Kerze konzentrierst, darf nur das Licht der Kerze existieren und alles
    andere, sogar die sehende Person, muss sich auflösen. Du musst dich auflösen – das
    Gewahrsein, dass du der Zeuge bist, muss sich auflösen. Später verschwindet auch das Licht,
    nur die reine Bewusstheit bleibt. Dieses Gewahrsein wird formloses Gewahrsein genannt,
    Nirguna Chaitanya. Was ist formloses Gewahrsein? Wenn ich sitze, bin ich bewusst, aber ich
    bin in Bezug auf meinen Körper, auf Zeit und Raum bewusst. Das wird formbezogenes
    Gewahrsein genannt..

    Sollte man sich bei der Meditation konzentrieren oder den Gedanken freien Lauf lassen?
    Die westlichen Ländern haben weder eine Kultur noch eine Tradition der Meditation. Ihre Kultur
    basiert darauf, das zu tun, was der Verstand vorgibt. Dieses Land hat eine sehr alte Kultur aus
    der Zeit der Veden, vielleicht vor fünfunddreißig- oder vierzigtausend Jahren. Du wirst in eine
    Kultur eingeweiht, die auf Selbstkontrolle in jedem Augenblick beruht. Ich spreche nicht von
    der Überlegenheit oder Unterlegenheit einer Kultur. Es ist keine Frage der Überlegenheit,
    sondern eine Frage des Umgangs mit dem Verstand.

    Vernünftig zu sein, ist ein weiterer Punkt, der mir in den Sinn kommt. Wenn die Sonnenstrahlen
    durch ein Vergrößerungsglas gebündelt werden, haben sie die Kraft, alles zu verbrennen.
    Heutzutage gibt es nicht nur Vergrößerungsgläser, sondern so viele andere Möglichkeiten.
    Laserstrahlen werden erzeugt und wenn man Energie konzentriert, wird sie sehr kraftvoll. Der
    Geist ist Energie. Er ist keine psychologische Substanz. Wie Energie, ist er positiv und negativ
    geladen, hat Spannung, Frequenz, Stromstärke und Schwingung. Diese Energie kann
    konzentriert werden. Wenn man den Geist als psychologische Substanz betrachtet, beruhend
    auf der Definition der westlichen Psychologie, dann darf man ihn nicht unterdrücken. Wenn der
    Geist positive und negative Energie ist, Shakti, beinhaltet er Fliesskraft. Dieser Energiestrom
    kann sich aus dem Geist heraus im Raum bewegen. Er hat ein Gebiet, ein Feld, vergleichbar
    mit einem elektrischen, magnetischen oder radioaktiven Feld. Der Geist hat ein Feld wie ein
    Magnet. Du kannst diesen Geist konzentrieren und ihn stark machen. Du kannst ihn stärken, so
    wie du die Sonnenstrahlen intensivierst oder so wie wenn du Wasser kanalisierst. Wenn du
    Wasser aus verschiedenen Kanälen sammelst, kann es so stark werden, dass du
    hydroelektrische Generatoren betreiben kannst.

    Der Geist sollte niemals als Gedanke verstanden werden. Ein Gedanke, ob gut oder schlecht,
    ist nicht Geist, Emotion ist nicht Geist, Leidenschaft ist nicht Geist, Erinnerung ist nicht Geist.
    Sie sind Manifestationen von Energie. Dieser Ventilator und dieses Mikrofon sind keine
    Elektrizität. Elektrizität ist der Strom, der in all diesen Objekten fließt. Der Geist ist die Energie,
    hingegen die Sprache, der Gedanke, die Wahrnehmung, der Geruch, das Gehör, das Wissen
    und auch die Konzentration sind Produkte dieser Energie. Manchmal, wenn Störungen und
    Schwierigkeiten auftauchen, reicht es, wenn du dich entspannst und das Grübeln loslässt. Aber
    es gibt noch viele andere Methoden wie z.B. Pranayama. Wenn Pranayama dir nicht hilft, übe
    Asanas. Wenn Asanas dir nicht helfen, mach Kriya Yoga. Wenn Kriya Yoga nicht hilft, singe
    Kirtan oder rezitiere oder singe Mantras.

    Link zum Yogamag (Mai 2022)

  • Satsang zu Sadhana

    Was kann jemand, der in der Gesellschaft lebt, für seine spirituelle Entwicklung tun?
    Wenn du in der Gesellschaft lebst, beginne mit Sadhana, während du deinen normalen,
    alltäglichen Verpflichtungen nachkommst. Du kannst im Laufe der Zeit die Dauer der Sadhana
    auf eine, zwei oder drei Stunden ausdehnen, gehe aber weiterhin ganz normal deinen
    Verpflichtungen nach. Du kannst auch deine ganze freie Zeit darauf verwenden, solange du die
    familiären Angelegenheiten gut organisieren kannst.
    Wenn du noch nicht verheiratet bist und diesbezüglich keine Verpflichtungen hast, dann geh
    für ein paar Jahre in einen Ashram, lebe dort und erfülle die natürlichen Pflichten in Form von
    Karma Yoga. Wenn du danach weiterziehen möchtest, gibt es viele schöne Orte in Indien, wo
    du deiner Sadhana nachgehen kannst.
    —12. Oktober 1982, Ganga Darshan

     

    Link zum Yogamag (Februar 2022)

  • Die Inspiration geht weiter

    Im Juni 1988 fand in Ganga Darshan ein einmonatiger Lehrer- und Lehrerinnen
    Ausbildungskurs (TTC Teacher Training Course) statt. Sri Swami Satyananda traf die
    Schülerinnen und Schüler im Satsang und beantwortete ihre Fragen.

    Dies war das letzte Mal, dass er in Ganga Darshan über Yoga sprach, denn am 8. August 1988
    verließ er den Ashram und begann seine Tirtha-Yatra (Pilgerreise), die ihn schließlich nach
    Rikhia führte.

    Sollte das Üben von Asanas immer mit Shavasana beginnen?
    Du kannst deine Asanas entweder mit Shavasana oder mit Kaya Sthairyam beginnen. Kaya
    Sthairyam bedeutet, in Siddhasana mit Chin Mudra zu sitzen oder in Padmasana mit Yoni
    Mudra. Halte den Körper drei Minuten lang bewegungslos. Halte deinen Geist auf die Passage
    zwischen Nabel und Kehle gerichtet und folge dem Atem auf und ab für 45 Runden. Dann
    kannst du mit den Asanas beginnen, die du magst.

    Unter welchen Bedingungen sollte man kein Yoga üben?
    Wenn du an einer akuten Krankheit leidest, wie z.B. akutem Typhus. Bei chronischen und
    konstitutionellen Krankheiten kann man üben, aber bei akuten Krankheiten sollte man das Üben
    vermeiden. Im Buch Asana Pranayama Mudra Bandha steht alles darüber und auch in der
    Hatha Yoga Pradipika, einem sehr alten Buch, das von Swatmarama, einem großen Yogi,
    geschrieben wurde.

    Wie wirkt sich Yoga auf junge und alte Menschen aus?
    Den jungen Menschen gibt er Energie, aktiver zu werden und ein erfolgreiches und nützliches
    Leben zu führen. Älteren Menschen kann er Frieden und innere Zentriertheit geben. Zudem
    kann er sie von vergangenheitsbezogenen Überlegungen wie auch von zukünftigen
    Erwartungen befreien. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988

    Welche Asanas können dem Geist helfen und welche sind für den Frieden geeignet?
    Nach der Hatha Yoga Pradipika und anderen yogischen Texten, sowie nach dem Yoga
    Darshan von Patanjali besteht der Hauptzweck von Asana darin, den Geist zu beruhigen. Die
    Menschen in Indien haben früher kein Yoga gegen Bluthochdruck praktiziert, weil sie keinen
    Bluthochdruck hatten. Sie lebten in einer reinen Atmosphäre, nahmen einfache Mahlzeiten zu
    sich, bewegten sich viel und arbeiteten den ganzen Tag. Sie setzten sich jeder strengen
    Lebenssituation aus und übten sich in Enthaltsamkeit, Tapasya. Sie praktizierten kein Yoga
    gegen Diabetes oder Herz-Kreislauf-Probleme. Wozu setzten sie dann Asanas ein?
    Die Definition von Asana lautet sthairyam sukham asanam – halte dich in einer stabilen und
    angenehmen Haltung und sitze still. Der Zweck aller Asanas, nicht nur von Padmasana oder
    Siddhasana, bestand also darin, den Geist zu beruhigen, ihn friedlich zu machen, so dass man
    sich auf spirituelle Kontemplation und philosophisches Denken einlassen konnte. Es ist sehr
    schwierig zu sagen, welche Asana Frieden und Stille des Geistes vermitteln kann – jede Asana!
    Das ist der Hauptzweck der Asana. Wenn du mehr darüber wissen willst, musst du die
    Konzepte von Patanjali im Yoga Sutra studieren, denn er sagt, dass die Asana, wenn du sie
    übst, den Einfluss der entgegengesetzten Kräfte im Körper ausgleicht (2:48):
    Tato dvandvanabhighatah
    Dadurch hört die Wirkung der Gegensatzpaare auf. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988

    Was ist der Unterschied zwischen Yoga und Sport?
    Yoga ist ein System, bei dem die Beanspruchung der Muskeln minimal ist. Im Gegensatz dazu
    ist Sport ein System, bei dem die Muskeln stark beansprucht werden. Bei allen Übungen, ob
    Aerobic oder andere Formen, werden die Verbrennungsprozesse in den Muskeln angeregt, sie
    werden trainiert. Im Yoga jedoch werden die Muskeln am wenigsten beansprucht. Yoga
    Übungen oder Asanas wirken auf die Nerven, die endokrinen Drüsen und auf die pranischen
    Kräfte im Körper. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988

    Was bedeutet es, wenn jemand im Yoga Nidra in den Tiefschlaf fällt?
    Es bedeutet, dass du voller Anspannungen bist. Deine Nerven sind erschöpft und aufgrund
    von Yoga Nidra und der intensiven Deltawellen im Gehirn sind sie in einen tiefen Zustand der
    Inaktivität übergegangen.

    Ist es ratsam, nach den Mahlzeiten irgendeine Art von Übung zu machen, wie zum
    Beispiel Bauch- oder yogische Atmung?
    Nach dem Mittag- und Abendessen, wenn der Magen voll oder halb voll ist, solltest du
    Vajrasana üben. Diejenigen, die an Rückenschmerzen leiden, können Makrasana üben, aber
    keine anderen Asanas.

    Was ist der Unterschied zwischen der Wirkung von Asana und Pranayama?
    Asanas bereiten den Körper vor und wenn er vorbereitet ist, können die Pranas jeden Nerv und
    jede Pore des Körpers durchdringen. Der Körper kann dann die pranischen Kräfte effizient
    aufnehmen. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988

    Kann Yoga Therapie die Sehkraft, insbesondere bei Weitsichtigkeit, verbessern? Wenn ja,
    wie wirksam ist sie?
    Es gibt bestimmte Erkrankungen, bei denen Yoga vielleicht nicht helfen kann. Wenn die Organe
    aber funktionieren, kann Yoga ihre Tätigkeit sicherlich verbessern. Wenn das Problem eine
    organische Ursache hat, ist es am besten sich entsprechend behandeln zu lassen.
    Auf jeden Fall kann man durch Yoga und durch Trataka die Sehkraft stärken. Zudem wirken sich
    Augenübungen, die Praxis von Neti Kriya oder manchmal sogar intensive stille Meditation,
    positive auf die Sehkraft aus. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 13. Juni 1988

    Was ist natürliche oder gewöhnliche Atmung? Bei der yogischen Atmung werden beide
    Lungenflügel vollständig mit Luft gefüllt, wie ist es bei der gewöhnlichen Atmung?
    Natürliches Atmen ist müheloses Atmen. Es geschieht dann, wenn du dem Atem einfach
    zuschaust. Wenn du dich beim Einatmen bemühst, und wenn du dich beim Ausatmen
    bemühst, nennt man es Pranayama. Übst du kein Pranayama, das heisst du bemühst dich
    nicht, nennt man es «müheloses Atmen» Sahaj Pranayama. Du hast das Gefühl zu wissen,
    dass du in der Nacht atmest. Aber bist du dir effektiv sicher, dass du atmest? Ja. Das nennt
    man gewöhnliche Atmung oder natürliche Atmung oder Sahaj Atmung. Der Punkt ist, dass du
    nur atmest aber nicht darauf achtest. Wenn du diese natürliche Atmung beobachten willst,
    bittest du abends ein Mitglied deiner Familie zu schlafen und du setzt dich hin und
    beobachtest. Du wirst feststellen, dass sie nicht die ganze Nacht über auf dieselbe monotone
    Weise atmen. Nein, sie ändern regelmässig ihr Atemmuster, nach zehn oder fünfzehn Minuten.
    Manchmal geht die Atmung rascher und manchmal bleibt sie für den Bruchteil einer Sekunde
    stehen oder für zwei, drei, vier, fünf Sekunden. Und wenn sie stehen bleibt, ist der Schlaf
    unterbrochen.
    Das automatische Aussetzen des Atmens für eine gewisse Zeit, ist einer der Gründe, weshalb
    man nachts aufwacht. Dieses Verhalten wird durch das autonome Nervensystem im Gehirn
    gesteuert. Es ist das, was wir in Ajapa Japa anstreben. Es ist das, was wir in Antar Mouna
    anstreben. Buddha hat Vipassana gelehrt, wo es um das dasselbe geht. Mahavir, der Jain
    Heilige, lehrte Preksha Dhyana und in den Upanishaden wurde Ajapa Japa gelehrt.
    Der Jiva, die individuelle Seele, wiederholt ständig So Ham, So Ham, So Ham… Du übst das So
    Ham Mantra Tag und Nacht – in vierundzwanzig Stunden 21’600 Mal. Fünfzehn Atemzüge pro
    Minute ist natürlich. Swami Goraknath hat gesagt, aisa jap japo mana layi, So Ham, So Ham
    surat gayi. Surata bedeutet «Bewusstsein», Api Ap bedeutet «Ajapa Japa». Banka nali main
    uge sur. Banka bedeutet «Lotus», Kamal und Nali bedeutet «Stamm/Lotusstamm», und Sur
    bedeutet «Sonne». Das heisst, dass sich in einem bestimmten Moment die ganze Wirbelsäule
    in eine Lichtsäule, ähnlich einer Leuchtstoffröhre, verwandelt. Der ganze Körper erzeugt einen
    melodiös-schwingenden Klang. Das geschieht, nachdem man es (Ajapa Japa) 21’600 mal
    geübt hat.
    Der Yogi versucht dies zu erlangen, weil in den Hatha Yoga Shastras beschrieben wird, dass
    die Anzahl Atemzüge begrenzt und festgelegt ist. In einem Leben wirst du nur eine bestimmte
    Anzahl Atemzüge machen. Die Anzahl dieser Atemzüge ist also festgelegt – fünfzehn pro
    Minute, 21’600 an einem Tag, zwei weitere Nullen in hundert Tagen, eine weitere Null in tausend
    Tagen, in hundert Jahren so viele Nullen.
    Wenn du die Anzahl Atemzüge pro Minute verändern willst, dann reduziere die Atemzüge von
    fünfzehn auf vierzehn auf dreizehn auf zwölf auf elf. Du kannst sie definitiv auf zehn Atemzüge
    pro Minute reduzieren. Am Anfang musst du dich anstrengen, später geschieht es natürlich.
    Alle atmen von Natur aus fünfzehn Atemzüge pro Minute, aber durch yogische Konzentration,
    yogische Übungen, kann man sie auf zehn pro Minute reduzieren. Die meisten Menschen
    können sie auf zwölf oder elf senken. Wenn du die Atemfrequenz auf zehn pro Minute
    herunterbringst, nimmt die Brillanz des Gehirns zu. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 14. Juni 1988

    Wenn wir Kindern Yoga Asanas und Pranayama beibringen wollen, was wäre das richtige
    Alter um zu beginnen?
    Kinder sind Kinder der Natur, es ist sehr wichtig, dass ihr das alle versteht. Sie folgen den
    natürlichen Gesetzen, ausser die Eltern greifen ein. Bis zum Alter von sieben Jahren nehmen
    Kinder alles in sich auf. Sie können mehr lernen als alle anderen. Wenn du Yoga übst, werden
    sie es in sich aufnehmen, du brauchst es ihnen nicht beizubringen. Nach dem siebten
    Lebensjahr beginnen die Übungen von Pranayama, Surya Namaskara und Mantra Singen – das
    sind die drei wichtigsten Übungen für ein Kind.
    Es ist wichtig zu verstehen, dass Kinder eine sehr wichtige Drüse in ihrem Körper haben,
    nämlich die Zirbeldrüse (Epiphyse). Sie befindet sich mitten im Gehirn. Diese Zirbeldrüse spielt
    eine wichtige Rolle für den adäquaten Ausdruck und die Bewältigung von Emotionen. Kurz
    gesagt, die Zirbeldrüse dient als Kontrollorgan für das ungezügelte Verhalten der
    Hirnanhangdrüse (Hypophyse). Die Hirnanhangdrüse ist eine weitere Drüse.
    Im Yoga wird die Zirbeldrüse (Epiphyse) als Ajna Chakra und die Hypophyse
    (Hirnanhangdrüse) als Sahasrara Chakra bezeichnet. Diese Hypophyse produziert wichtige
    Gruppen von Hormonen, besonders im Hinterlappen. Der Hinterlappen der Hypophyse
    produziert von Zeit zu Zeit eine Reihe von Hormonen, eigentlich chemische Sekrete, welche
    Emotionen, Leidenschaften und eine ganze Reihe von Dingen erzeugen. Werden diese
    chemischen Sekrete aus der Hypophyse nicht richtig von der Zirbeldrüse ausgeglichen, kann
    sich ein achtjähriges Kind wie ein 35-jähriger Mann fühlen. Stell dir vor, dieses acht oder zwölf
    jährige Kind denkt wie ein Erwachsener! Wird es dann in der Lage sein, das geistige
    Gleichgewicht zu halten? Nein. Ich bin sechsundsechzig. Würde ich zu fühlen beginnen, wie
    ich mit neunzehn Jahren empfand, kriegte ich einen Herzinfarkt.
    Daher hat die Natur, Prakriti, oder das Naturgesetz, ein System, das Prakriti Vidhan genannt
    wird. Dieses Naturgesetz ist unveränderlich. Gemäß dem vedischen Dharma kann man es nicht
    verändern. Gemäß dem Konzept der Wissenschaft von Mantra sind die Naturgesetze nicht
    veränderbar. Materie ändert ihre Eigenschaften nicht. Es kann eine chemische Reaktion geben,
    das ist alles. Aber davon ändern sich die Naturgesetze nicht. Deshalb steht der Körper eines
    Kindes im Alter von sieben oder acht Jahren unter der Kontrolle der Zirbeldrüse.
    Nach dem siebten Lebensjahr beginnt die Zirbeldrüse zu zerfallen und abzusterben. Wie
    zerfällt sie? Genauso wie die Geschlechtsdrüsen im Alter von fünfundvierzig bei den Männern
    und fünfzig Jahren bei Frauen zu zerfallen beginnen, wenn sie in die Wechseljahre kommen.
    Ab dem Alter von zweiundvierzig, dreiundvierzig, fünfundvierzig Jahren beginnen sie zu
    zerfallen und sterben schließlich ab. Es gibt keinen ovariellen Fluss mehr, die Eizellen reifen
    nicht mehr. Das ist vorbei. Das wird Zerfall genannt. Auf die gleiche Weise zerfällt auch die
    Zirbeldrüse. Es gibt keine Sekrete, keine Schwingungen, keine Impulse, keine Ausstrahlungen
    von der Zirbeldrüse. Wenn die Zirbeldrüse zerfällt, wird die Hypophyse unabhängig, frei,
    swatantra. Dann wird aus einem Kind ein Junge oder ein Mädchen. Solange die Zirbeldrüse
    lebt, ist ein Kind ein Kind, ob männlich oder weiblich. In dem Moment, in dem der
    Zirbeldrüsenkörper zerfällt, wird die Hypophyse, ohne jegliche Kontrolle durch den
    Zirbeldrüsenkörper, voll funktionsfähig. Die Gesundheit dieses Zirbeldrüsenkörpers sollte durch
    drei Übungen aufrechterhalten werden – Pranayama, Mantra und Surya Namaskara.
    Upanayam wurde zu einem religiösen Ritual. Was ist die Bedeutung eines Karma Kanda, eines
    Rituals, wenn es keinen Bezug zum Alltag hat und mit ihm verbunden ist? Wenn du deinem
    Kind nicht erklären kannst, was das Samskara bedeutet (Anmerk. des Übersetzer Teams: in
    diesem Kontext bedeutet Samskara “rituelle Handlung”), wird es das Samskara nicht befolgen.
    Warum sollte es sich den Kopf rasieren? Warum sollte es sich ein Chutiya, ein Haarbüschel,
    wachsen lassen? Warum sollte es die drei Fäden tragen? Dieses Upanayam bedeutet “das
    zweite oder zusätzliche Auge” – upa-Nayanam.
    Bis zum Alter von sieben Jahren sollte ein Kind vollkommen frei sein. Es kann spielen, es kann
    tun, was es will, es erhält keine Disziplinen oder Systeme. Es ist wild. Im Alter von sieben
    Jahren legt es ein Gelübde ab, ein Vrata – “jeden Morgen bringe ich der Sonne meinen Gruß
    dar”. Das ist sehr förderlich für die Gesundheit. Ich brauche das nicht zu beweisen. Zweites
    Gelübde: “Ich übe Pranayama”. Pranayama ist sehr gut für die Lunge, das Herz, das Gehirn
    und das Nervensystem. Das dritte Gelübde ist das Rezitieren von Mantra. Mantra klärt die
    Zunge, die Ohren, das Nervensystem und den Geist. Wenn man jemanden mit dem Namen
    Esel, Schwein oder Eule beschimpft, hat das seine Wirkung. Wenn du jemanden als Esel
    bezeichnest, wird weder er noch du glücklich sein. Du hast es im Zorn gesagt. Ein Wort kann
    positive, negative, abstoßende, anziehende, abscheuliche und rohe Emotionen hervorrufen,
    daran besteht kein Zweifel. Wenn du am Morgen Om Namah Shivaya wiederholst, macht das
    einen Unterschied. Das Mantra hat also eine klärende Wirkung: Mananat trayate iti mantrah.
    Mananat bedeutet “ständige Wiederholung”. Trayate bedeutet “das, was deinen Geist befreit”. Iti
    bedeutet “so ist es”.
    Wenn der Geist noch rein ist, sind dies die drei Übungen, die Kindern im Alter von sieben
    Jahren beigebracht werden sollten. Drängt sie nicht in Bhujangasana, Dhanurasana oder
    Vrishchikasana, bloss weil Kinder die Übungen schön ausführen können, da ihre Wirbelsäule
    so geschmeidig ist. Lasst ein Kind das tun, was sein Körper zulässt und was seinen Geist
    inspiriert. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988

    Bei einigen Übungen werden wir aufgefordert, uns selbst zu beobachten. Gibt es einen
    Unterschied zwischen dem Beobachtenden und dem Beobachteten? Sind sie nicht
    dasselbe?
    Letztendlich sind die beobachtende Person und das Objekt der Beobachtung dasselbe, aber
    das ist das höchste Ziel. Während der Sadhana gibt es diese Dualität zwischen der
    beobachtenden Person, Drashta, und dem Gesehenen, Drishya. Der Geist nimmt bestimmte
    Vrittis an. Wenn du dich selbst beobachtest, erschaffst du ein Muster in deinem Geist. Der
    Geist baut oder formt sich selbst in ein bestimmtes Vritti um. Das ist in Ordnung. Du solltest
    dich aber daran erinnern, dass der Geist in fünf Vrittis unterteilt ist: Pramana oder direktes
    Wissen, Viparyaya oder falsches Wissen, Vikalpa oder Fantasie und Einbildung, Nidra oder
    Schlaf und Smriti oder Erinnerung. Dies sind die fünf Vrittis gemäß dem klassischen Yoga:
    korrektes Erkennen, falsches Erkennen, Abwesenheit von Erkennen, Wissen über Vergangenes
    und verzerrtes, irrtümliches Wissen.
    Diese spezielle Vritti, die du ansprichst, wird Dhyana Vritti genannt. Um diese fünf Vrittis zu
    überwinden und zu bezwingen, musst du eine neue Vritti schaffen. In den Yoga Sutras werden
    verschiedene Wege erwähnt. Eine Möglichkeit wird im Sutra 1:35 beschrieben:
    Vishayavati pravrittihi utpanna mansaha sthiti nibandhani
    «Der Geist wird zur Ruhe gebracht, indem man ihn mit der Aktivität der Sinneserfahrung
    verbindet.»
    Diese Vritti kann alles und jedes sein. Du kannst dich auf einen großen Heiligen konzentrieren.
    Du kannst auf Licht oder über die Formen und Muster deines Geistes meditieren – es kann
    Leidenschaft, Ärger, Verlangen, Angst sein, es kann alles sein. Was machst du nun damit?
    Im Tantra geht man auf den Friedhof. Was geschieht dort? Du beobachtest, wie du Furcht
    erlebst. Furcht ist eine Vritti. Wenn dein Geist Furcht erlebt, ist das eine Vishayawati Pravritti.
    Leidenschaft und Angst sind ebenfalls Vishayawati Pavritti. Um die Aktivität des Geistes zu
    bewältigen, müssen im Tantra die Vishayawati Pavritti unter Kontrolle gebracht werden.
    Dadurch wird der Geist unter Kontrolle gebracht, was aber nicht der einzige Weg ist.
    Buddha, Mahavir und viele andere große Mahatmas lehrten andere Wege. Kabir Das und die
    Upanishaden sagten, konzentriere dich einfach auf deinen Atem, dann auf dein Mantra, dann
    auf die Passage in der Wirbelsäule, dann auf die Lotus, die Chakras, dann auf die Nadis, dann
    auf Sahasrara. Dies sind die Stufen und Schritte.
    Sich selbst während Ajapa Japa, Vipassana Meditation oder Preksha Meditation zu
    beobachten, ist eine verbreitete Übung. Es geht aber um viel mehr als das. Es geht um
    Selbstbeobachtung: Du beobachtest deine Finger, die Position deiner Arme, die Position
    deines Körpers. Du beobachtest, ob sich deine Augen bewegen, ob du dich konzentrierst oder
    nicht, ob du denkst oder nicht denkst, ob du nach Norden oder nach Süden schaust. Du
    beobachtest, ob du auf dem Boden oder auf einem Holzpodest sitzt, ob du einen Dhoti oder
    eine Hose trägst oder ein Hemd. Es gibt so viele Dinge, die du beobachten musst. Du
    beobachtest das Klopfen deines Herzens, dann beobachtest du die stille Vibration deines
    Körpers.
    Wenn du tiefer und tiefer gehst, stellst du fest, dass dein Körper nicht still ist. Du fühlst, dass er
    still ist, aber er ist es nicht. Der physische Körper vibriert mit gewaltiger Frequenz und du
    kannst es weder sehen noch fühlen. Nur durch scharfes, konstantes und tiefes Gewahrsein
    kannst du spüren, dass dein Körper vibriert. Du weisst nicht, dass sich deine Augen bewegen.
    Nur bei medizinischen Untersuchungen werden die REMs, (Rapid Eye Movements: schnelle
    Augenbewegungen) bemerkt. Nur während der tiefen Meditation in Samadhi Avastha,
    Savikalpa, haben die Augen keine REMs. Diese Augenbewegungen kontrollieren die
    Bewegung des Geistes.
    Der Geist ist nicht nur psychologisch, der Geist ist auch physiologisch – Mastishk oder Gehirn.
    Geist und Emotionen sind nicht nur psychologisch. Emotionen sind so real, wahr und greifbar
    wie eine chemische Reaktion, die Rauch oder Gas erzeugt. Ein Gedanke wird durch eine
    chemische Reaktion erzeugt. In unserem physischen Körper gibt es chemische und pranische
    Reaktionen. Wir haben zwei Energien in unserem Körper – Geist und Prana. Diese beiden
    grossartigen Kräfte hängen von der Chemie des Gehirns ab. Das gilt für alles. Man kann nicht
    einfach Elektrizität erzeugen. Es gibt chemische Reaktionen, chemische Verbindungen. Die
    Energie muss durch bestimmte chemische Strukturen oder Formationen fließen und so wird
    Energie, Elektrizität erzeugt.
    Ein Gedanke ist eine sehr komplexe Sache. Ein Gedanke wird nicht durch den Verstand allein
    erzeugt, sondern durch Verstand plus Prana plus die chemischen Reaktionen in deinem
    Körper. Um dich selbst zu beobachten, musst du dir eine Sache ganz klar vor Augen halten: du
    versuchst, jede einzelne Funktion des Körpers zu kontrollieren. Buddha pflegte seine Schüler
    zu belehren: «Bhiku, wenn deine Hand halb oben ist, solltest du es wissen. Wenn du deine
    Arme ganz hochgehoben hast, musst du es wissen. Wenn du dich an der Nase kratzt, solltest
    du es wissen. Wenn du dich zum dritten Mal gekratzt hast, ‘ja, ich habe mich zum dritten Mal
    gekratzt, zum vierten Mal, zum fünften Mal’.” Je mehr du dir deiner selbst bewusst wirst, desto
    tiefer gehst du in deinen Geist. Dein Bewusstsein erlangt dadurch Kontrolle über jede einzelne
    Emotion und chemische Reaktion. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988

    Wir sehen in der westlichen Welt vermehrt psychologische Probleme. Was ist der Grund
    für diese Frustration?
    Es ist nicht Frustration, es ist Desillusionierung. Wenn du den Gipfel erreicht hast, gibt es einen
    Prozess des Herunterkommens, eine Anti-Klimax. Die westliche Gesellschaft hat sehr hart für
    materiellen Wohlstand, industrielles Wachstum, wissenschaftliche und technische Perfektion
    und eine perfekte soziale Revolution gearbeitet. Die westliche Gesellschaft, die dem Weg des
    christlichen Glaubens gefolgt ist, hat sich genau gegen diesen Glauben aufgelehnt. Sie waren
    mit der Philosophie, der Theologie und den Systemen nicht zufrieden und auch nicht mit den
    religiösen Erklärungen über das Universum, die Seele, das Karma, die Tugend, die Beziehung
    zwischen Mensch und Gott. Sie waren ganz und gar nicht zufrieden und die Materialisten,
    zusammen mit den Wissenschaftern, schufen eine völlig neue Philosophie für ihre Gesellschaft.
    Sie wurden sehr reich und wohlhabend mit allen Annehmlichkeiten und Gelegenheiten zur
    Beschäftigung, zum Reisen, zur Forschung und zu sinnlichem Vergnügen, Bhoga.
    Wenn du mit allem vollgestopft bist, fragst du dich – was kommt als nächstes? Zuvor wolltest
    du ein Auto, jetzt hast du ein Auto. Du wolltest ein Haus, jetzt hast du ein Haus. Du wolltest
    Arbeit, jetzt hast du Arbeit. Du hattest den Wunsch mit deinem Bruder, der fünftausend Meilen
    entfernt lebt, zu sprechen, nun kannst du das tun. Verlangen ist ein Ergebnis von Knappheit.
    Verlangen erzeugt Verlangen. Trishna, Begierde, erzeugt Trishna, aber nur bis zu einem
    gewissen Grad. Es gibt einen Prozess. Begierden erzeugen Begierden, Verlangen erzeugt
    Verlangen. Nach einiger Zeit aber erzeugen Begierden Vairagya, Virakta,
    Leidenschaftslosigkeit. Das geschieht nicht gleich zu Beginn. Vielleicht dauert es während
    eines sozialen Prozesses sehr lange. Vielleicht dauert es länger als das Leben eines
    Individuums, aber es geschieht.
    Als du, ich oder irgendjemand im Alter von einundzwanzig Jahren Wünsche hatte, haben wir
    sie erfüllt. Ein anderes Verlangen kam, Verlangen erzeugte Verlangen, aber nach fünfzig ändert
    sich etwas. Es entsteht eine Art von Virakta, eine Art von Leidenschaftslosigkeit, die im Geist
    von allen erscheint. So wie es bei einem Individuum geschieht, geschieht es auch in der
    gesellschaftlichen Entwicklung. Eine Gesellschaft entwickelt sich durch die Intensität des
    Verlangens, der Begierde, der Leidenschaft und der Intensität der Vermehrung. So geht es
    weiter und weiter. Dann ändert sich die soziale Entwicklung, so wie sie sich im Westen
    geändert hat.
    Es ist nicht Frustration. Wenn ein Mensch sich um vergnügliche Dinge bemüht, was strebt er
    dann an? Worauf zielt er ab? Er strebt nach Paramsukha, nach totalem Glück. Er will nicht, dass
    das Glück endet. Param bedeutet «vollkommen», aber er stellt fest, dass dieses Sukha, das
    Glück, ihm nicht Paramananda, die vollkommene Glückseligkeit, gebracht hat. Deshalb ändert
    er sein Experiment. Wenn deine Partnerin, dein Partner, deine Kinder, dein Geld oder deine
    Möglichkeiten dir kein Paramananda geben, wirst du sie dann ständig weiter beanspruchen?
    Nein, du wirst nach einem anderen Weg suchen. So brachten die Menschen, die nach Indien,
    China, Japan und in die verschiedenen Teile der Welt reisten, die Botschaft der Spiritualität,
    Adhyatmikta, mit zurück.
    Jemand hat ein Buch geschrieben, Hindu Deva Sabha, das Pantheon des Hinduismus. Es ist
    ein sehr schönes Buch. In ähnlicher Weise wurden viele angemessene und unangemessene
    Bücher verfasst. Die Botschaft von Ramakrishna und des Vedanta wurde von Swami
    Vivekananda verbreitet. Die Botschaft des Karma Yoga wurde von Swami Sivananda verbreitet
    und die Botschaft des Kriya Yoga von Paramahamsa Yogananda. Dann wurde die Botschaft
    des Vedanta auch von Swami Ramatirtha verbreitet, um nur einige Erleuchtete zu nennen.
    Heute findet man in den westlichen Ländern, insbesondere in Amerika und Europa, alle
    Sampradayas, alle Sekten Indiens, insbesondere die hinduistischen Sampradayas des
    vedischen Dharma. Das Pantheon des vedischen Dharma ist in jedem Land durch die eine
    oder andere Person vertreten. Du wirst überall Schüler von Neem Karoli Baba und Baba
    Ramdas finden. Wenn du Paramananda erlangen willst und es dir nicht gelingt, wechselst du
    zu einer anderen Tradition, zu einem anderen Orden.
    Die christliche Religion ist eine sehr seriöse, nüchterne Religion. Es gibt viele große Heilige von
    geistiger Vollkommenheit. Diese Heiligen wurden von politischen Machthabern für ihre
    politischen Ziele ausgenutzt, sei es der Heilige Franz oder der Heilige Xaver, die Heilige Teresa
    oder der Heilige Johannes vom Kreuz. Die christliche Kirche glaubt nicht an Poonar Janma, die
    Reinkarnation, das ist ein Dogma. Die Kirche hat in Konstantinopel (Istanbul) beschlossen, die
    Seelenwanderung zum Dogma zu erklären. Zu diesem Zweck gab es einen großen Kongress.
    Aber man kann transzendentale Themen nicht durch einen Vorstand, durch Abstimmungen
    oder Wahlen entscheiden. Wenn wir alle beschließen, dass Rama kein Gott war, ist das
    Dummheit. Sie beschlossen, dass die Theorie der Seelenwanderung zum Dogma erklärt
    werden soll und deshalb spricht die Kirche nicht darüber, aber alle in den westlichen Ländern
    tun es
    Das Christentum hat den Geist der gewöhnlichen Abendländer auf gute Weise geformt und auf
    dieser geformten Persönlichkeit hat Yoga eine wunderbare Arbeit geleistet. Yoga hat sich in
    den christlichen Nationen und bei der jüdischen Bevölkerung vor allem dadurch durchgesetzt,
    weil ihre eigene Religion eine gute Wirkung auf die Persönlichkeit hat – auf das innere Leben.
    Alle Ausdrucksformen sind vorhanden. Wenn wir «inneres Leben» sagen, verstehen sie –
    Adhyatmik. Wenn wir «innere Stimme» sagen, verstehen sie, was wir damit meinen. Wenn wir
    «die Stimme der Stille» sagen, verstehen sie genau, was wir meinen, denn sie ist da, sie
    benutzen diese Worte – Stimme der Stille, innere Stimme, Paradies, Nektar, Ambrosia. Sie
    verstehen sogar die Chakras. Deshalb sollten wir niemals sagen, dass westliche Menschen
    frustriert sind. Sie sind desillusioniert. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988

    Was halten Sie von den Hippies?
    An der Hippie Bewegung ist nichts auszusetzen. Nein, das glaube ich nicht. Die Hippies waren
    die Ketzer und Ketzerinnen von Nordamerika. Wenn sich ein Kult verändern muss, eine
    Gesellschaft, eine Religion, wenn der gesamte gesellschaftliche Prozess eine totale
    Metamorphose durchlaufen muss, dann muss es eine solche Bewegung geben – jemand muss
    revoltieren. Wenn du im Smoking zum Abendessen gehst und ich sage: «Ich kann auch so in
    meinem Dhoti gehen», wenn du sagst: «Ich nehme Champagner und Scotch» und ich sage:
    «Ich rauche Ganja» und wenn du sagst: «Ich kann mit dieser jungen Frau im Nachtclub tanzen
    gehen», und ich sage: «Ich kann mit ihr Tantra üben» – dann ist das der revolutionäre Ton.
    Die Hippies haben die Erscheinung verändert, die so genannte «Show», die schicke Kleidung,
    das schicke Benehmen, die schicke Art zu reden, alles kalkuliert, alles getrimmt, ob es nun
    «Guten Morgen» oder «Hallo» oder «Danke schön» heißt. So wird es an Schulen und
    Hochschulen gelehrt, alles ist getrimmt und gestrafft. Die Hippies sagen, setz dich hin, wo
    immer du möchtest. Mach, was du wünschst und zieh dich an, wie du willst. Warum nur ein
    bestimmtes Instrument spielen, wenn man Gitarre und Sitar spielen kann.
    Die Hippie Kultur ist eine Übergangskultur. Was passiert, wenn in einer Gesellschaft, einer
    politischen Gesellschaft, eine Revolution ausbricht? Was geschah in Russland? Anhänger und
    Anhängerinnen von Nihilismus, Bolschewismus, Kommunismus. Das ist eine
    Übergangsgesellschaft und Übergangspolitik. Russland und China haben eine politische
    Übergangssituation durchlaufen, die nicht mehr lange anhalten wird, denn Kommunismus und
    Sozialismus liegen nicht in der Natur des Menschen. Der Mensch ist von Natur aus ein
    Kapitalist. In jeder religiösen Gesellschaft gibt es immer einen Übergangsmoment, und das war
    bei den Hippies der Fall. Ich denke nicht, dass das falsch ist. Ich glaube nicht einmal, dass es
    in den USA noch Hippies gibt. Das war eine bestimmte Zeit und die ist vorbei. Jetzt gibt es
    keine Hippies mehr, sondern Swamis, Schülerinnen und Schüler von Maharshi Mahesh Yogi,
    Rajneesh, Ramakrishna und von Vivekanandas Orden, Schülerinnen und Schüler von Swami
    Sivanandaji und von Sant Kripal Singh und der Bhakti Vedanta Bewegung. Es gibt so viele
    Schüler, und sie leisten eine gute Arbeit.
    Nicht wenige von ihnen sind meine Gurubhais. Swami Satchidanandaji ist mein Gurubhai. Er ist
    ein Tamilie aus Lanka. Jetzt ist er amerikanischer Staatsbürger und Dadaji, «Großvater», von
    jungen Amerikanern. Die Leute lieben ihn. Es gibt einen weiteren Yogiraj, Amrit Desai. Es gibt
    den Yogi Swami Rama, der einen Ashram hat, der wie eine Universität funktioniert, das
    Himalayan Institute, mit Fakultäten für Yoga. Es gibt dort viele Amerikaner und Amerikanerinnen
    und eine ganze Reihe von Inderinnen und Indern. Alle sind gut ausgebildetet. Sie sprechen
    über Yoga, Meditation, die Veden, Vedanta, Samkhya, Nyaya und der Ashram erstreckt sich
    über fünfhundert Hektar. Kann man in Indien einen Ashram auf fünfhundert Hektar gründen?
    Ich nehme nicht an, dass die indische Regierung dir das erlauben wird. Es wird auch in Indien
    passieren, denn Indien macht die gleiche Phase durch, die Amerika mit der Hippie Bewegung
    durchgemacht hat, einfach mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Auch da gibt es eine
    Hippie Bewegung, eine Übergangsbewegung und die meisten von euch haben einen Einblick
    in das Hippie Leben bekommen, vielleicht auch in eurem persönlichen Leben. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988

    Link zum Yogamag vom August 2022

  • Pranayama

    Was ist die wahre Bedeutung von Pranayama?
    Swami Satyananda: Pranayama ist ein oftmals missverstandener Begriff. Die Leute übersetzen
    ihn als «Atemübung». Tatsächlich verbessern die Übungen die Zufuhr von Sauerstoff im
    physischen Körper und den Ausstoß von Kohlendioxid. Daran gibt es keinen Zweifel und das
    bringt eigentlich schon wunderbare physiologische Vorteile mit sich. Aber Pranayama ist nicht
    nur einfach eine Atemübung oder Arbeit mit der Atmung. Pranayama bedeutet auch nicht, die
    Lebenskraft unter Kontrolle zu bringen.

    Was aber ist Pranayama dann? Pranayama bedeutet, die Lebenskraft in jeden Winkel und in
    jede Zelle des Körpers zu leiten. Eigentlich ist es ein Prozess, der das schlummernde Prana,
    die schlafende Lebensenergie im physischen Körper, erweckt. Es ist Teil eines Gesamtsystems
    der Reintegration, der Wiederherstellung des Gleichgewichts und der Reharmonisierung von
    Körper und Geist. Ein System, das reinigt und stärkt und dadurch körperliche und geistige
    Anspannung und Schwäche beseitigt. Gleichzeitig erweckt Pranayama die innere Bewusstheit.
    Die Übung von Pranayama lädt die Energie im Körper wieder auf, die dann durch die Nadis Ida
    und Pingala in Form von elektrischen Impulsen zu allen Teilen des Körpers, einschließlich des
    Gehirns, fließt. Wissenschaftler haben beobachtet, dass bei der Ausübung von Pranayama
    beide Gehirnhälften aktiv sind und es zu großen Veränderungen auf der Ebene der elektrischen
    Impulse im Gehirn kommt.

    Aus: “Conversations on the Science of Yoga – Hatha Yoga Book 5, Pranayama”

    Was ist die Bedeutung und was steck hinter dem Wort Pranayama?
    Swami Satyananda: Prana bedeutet viel mehr als Atem. «Prana» plus «ayama» ergibt «prana
    ayama». Ayama ist ein Sanskrit-Wort, das wie folgt definiert werden kann: Ausweiten,
    Verlängern, Zurückhalten, Ausdehnung (von Dimensionen in Zeit und Raum). Pranayama bedst
    die Bedeutung und was steck hinter dem Wort Pranayamaeigenen, herkömmlichen Grenzen
    auszudehnen und zu überwinden. Pranayama nutzt den Atemvorgang als Mittel zum Zweck um
    alle Formen von Prana, ob grob- oder feinstofflich, im menschlichen Körper zu manipulieren.
    Vor allem geht es aber um die Beeinflussung der feinstofflichen Formen von Prana. Pranayama
    ist die Methode, die es einem ermöglicht, höhere energetische Schwingungszustände zu
    erreichen. Mit anderen Worten, man ist in der Lage, das Prana im menschlichen Körper zu
    aktivieren und zu regulieren und wird dadurch sensibler für die Schwingungen des Kosmos
    und des eigenen Inneren.

    Pranayama ist eine Methode zur Verfeinerung des eigenen Pranakörpers, des physischen
    Körpers und auch des Geistes. Auf diese Weise ist es dem Yoga Übenden möglich, sich neuer
    Dimensionen der Existenz bewusst zu werden. Wenn der Geist ruhig und still wird, dann kann
    das Bewusstsein ohne Verzerrung durchscheinen.

    In der Yoga Chudamani Upanishad (V. 89) heißt es:
    Chale vaate chalo binduh nishchale bhavet;
    Yogee sthaanuttvamaapnoti tato vayum nirundhayet.
    Wenn sich das Prana bewegt, bewegt sich auch der Bindu
    (Bindu = Ursprungspunkt des individuellen Pranas und Bewusstseins).
    Wenn das Prana stabil bleibt, ist auch der Bindu stabil.
    So wird der Yogi unerschütterlich und fest.
    Deshalb sollte das Prana unter Kontrolle gebracht werden.

    Was sind die Hauptziele von Pranayama?
    Swami Satyananda: Das erste Ziel von Pranayama ist, dem Nervensystem Energie zuzuführen.
    Das Zweite ist, Kundalini zum Erwachen zu bringen. Das dritte Ziel von Pranayama besteht
    darin, die schlummernden Gehirnzentren zu erwecken. Es heißt, dass die Gedanken Prana
    beeinflussen und genauso beeinflusst Prana die Gedanken. Den yogischen Texten zufolge
    besteht der Zweck von Pranayama darin, den Geist unter Kontrolle zu bringen. Die Schriften
    über Yoga machen es deutlich – Geist und Prana stehen in Wechselwirkung. Wenn der Geist
    unruhig ist, wirkt sich das auf den Prana aus und wenn der Geist friedlich, ruhig und gelassen
    ist, herrscht automatisch auch ein Gleichgewicht auf pranischer Ebene. Umgekehrt verhält es
    sich genauso. Wenn die Pranas aufgewühlt sind, ist auch der Geist aufgewühlt. Wenn die
    Pranas unter Kontrolle stehen, steht auch der Geist unter Kontrolle.

    In den Yoga Sutras des
    Weisen Patanjali (2:53) heißt es:
    Dharanasu cha yogyata manasah.
    Und die geistige Fähigkeit zur Konzentration (entwickelt sich durch Pranayama).
    Wird Pranayama korrekt angewendet, können die höchsten Stufen des Yoga erreicht werden.

    Was haben wissenschaftliche Studien über die Auswirkungen des bewussten Atmens auf
    das Gehirn ergeben?
    Swami Satyananda: Das Gehirn besteht aus dem Frontalhirn und dem Hinterhirn. Das
    Hinterhirn ist das instinktive oder primitive Gehirn. Das Frontalhirn ist der Sitz des vollen
    Bewusstseins. Wenn man unbewusst atmet, wird der Atem im hinteren Teil des Gehirns
    registriert. Dies wird als unwillkürliche Atmung bezeichnet. Ist man sich der Atmung bewusst
    und beobachtet den ganzen Prozess aufmerksam, dann nennt man das die willkürliche
    Atmung. Diese wird vom bewussten Gehirn, dem Frontalhirn, registriert.

    Dieser Unterschied mag einfach erscheinen, aber seine Auswirkungen sind umfassend. Die
    meisten Menschen atmen ein Leben lang unbewusst, so wie es Tiere und Kinder tun. Einige
    wenige Menschen, jene die angefangen haben Yoga zu üben, sind die Ausnahme. In dem
    Moment, in dem man sich der Atmung bewusst wird und beginnt, den Atem in einer
    bestimmten Weise zu formen und zu kontrollieren, registriert das Frontalhirn unmittelbar die
    Einflussnahme. Diese Tatsache wurde durch wissenschaftliche Experimente nachgewiesen und
    hat zur Schlussfolgerung geführt, dass die bewusste Atmung eine vollkommen andere Wirkung
    auf das Gehirn hat, als die unbewusste. Durch die unbewusste Atmung wird zwar der ganze
    Körper mit Prana versorgt, aber diese Versorgung ist für seine Evolution und sein Wachstum
    unzureichend.

    Das bedeutet, dass Pranayama nicht nur eine Atemübung oder Atemkontrolle ist, sondern ein
    System, das die verschiedenen Zentren des Gehirns ausbildet. Ein Beispiel für bewusste
    Atmung ist die Wechselatmung. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass beim Atmen
    durch das linke Nasenloch, die Aktivität in der rechten Gehirnhälfte zunimmt und beim Atmen
    durch das rechte Nasenloch, die Aktivität in der linken Gehirnhälfte. Wenn der Atem angehalten
    wird, werden die beiden Gehirnhälften in Einklang gebracht.

    Ebenfalls wurde beobachtet, dass der Atem, der durch das linke Nasenloch fließt, eine etwas
    tiefere Temperatur hat, als der Atem, der durch das rechte Nasenloch fließt. Dies stimmt mit
    dem yogischen Verständnis überein, dass das linke Nasenloch mit Ida Nadi, dem Fluss der
    mentalen Energie, in Verbindung steht, während das rechte Nasenloch mit Pingala Nadi, dem
    Fluss der vitalen Energie, verbunden ist. Ida ist die lunare Kraft, die kühl ist, während Pingala
    die solare, die heisse Kraft ist.

    In wissenschaftlichen Experimenten zum Thema Stress werden EKG (Elektrokardiograph) und
    EEG (Elektroenzephalograph) zur Aufzeichnung des Herzrhythmus und der Gehirnströme
    sowie GSR (galvanische Hautreaktion) zur Messung der elektrischen Aktivität der Haut
    verwendet. Es wurde festgestellt, dass die Übung von Pranayama dazu führt, den Fluss von
    Alpha-, Delta- oder Thetawellen auszugleichen, was wiederum die Aktivität des Gehirns
    harmonisiert. Spannungen, die während Beta Aktivität aufgezeichnet wurden, nehmen ab,
    sobald Alpha, Theta oder Deltawellen, die Beta Aktivität ersetzen. Wenn sich Alphawellen im
    Gehirn manifestieren, werden Spannungen im Körper abgebaut und das Herz wird frei von
    stressbedingtem Druck.

    Artikel aus dem Yogamag (Oktober 2019) 

  • Happy Guru Poornima

    Plan für die Zukunft

    Bevor ich 1943 zu Swami Sivananda kam, hatte ich viele Gurus getroffen, aber als ich zu ihm
    kam, fand ich das Licht. Ich bin stolz darauf, dass ich bis 1956 mit ihm gelebt habe. Es war
    eine fantastische Zeit. Ich hatte schon oft über Christus gelesen, aber nie geglaubt, dass ein
    solcher Mensch in dieser Welt leben könnte. Mitgefühl, Liebe und Rücksichtnahme auf andere
    sind Qualitäten, die sehr schwer zu finden sind, aber in Swami Sivananda habe ich einen
    solchen Menschen gefunden.

    Er hatte keine Bindungen, aber er liebte alle. Er war großherzig und doch diszipliniert und sein
    Leben war eine ständige Aufopferung. Jeder, der ihn um irgendetwas bat, erhielt es. Er war
    sehr mächtig. Tausende kamen zu ihm, um von Krankheiten geheilt zu werden. Er heilte
    Millionen, tat dies aber nie kund. Als er starb, fragte ihn seine Schülerschaft: „Was ist deine
    Botschaft an die Menschheit?“ Er sprach nicht, sondern nahm einen Stift zur Hand und schrieb
    seine letzte Botschaft an die Menschheit: „Gott betet mit dir. Alles andere ist unwichtig.“
    In dieser kurzen Zeit kann ich euch nicht alles über ihn erzählen. Ich spreche sowieso nicht
    gerne viel über meinen Guru. Nun, ich liebe ihn, und das ist meine Sache, nicht eure. Du musst
    deinen eigenen Guru finden und die gleichen Gefühle für ihn hegen. Am Morgen des 19. März
    1956 rief er mich in sein Kutir und gab mir einen Auftrag. Ich sollte in die weite Welt gehen.
    Damals sagte er zu mir: „1923 wurdest du geboren; 1943 kamst du zu mir; 1963 wirst du
    beginnen selbst zu arbeiten. 1983 wird deine institutionelle Arbeit zu Ende gehen und danach
    wirst du dich auf der kosmischen Ebene befinden.“ Ich arbeite also nach seinen Anweisungen.
    Seit Swami Sivanandas Mahasamadhi habe ich seine Gegenwart oft deutlich wahrgenommen.
    Ich habe seine Stimme klar gehört, aber noch heute weiß ich nicht genau, wie ich mit ihm in
    Kontakt treten kann. Selbst wenn ich es möchte, kann ich es nicht. Aber wenn die Erfahrung
    kommt, ist sie sehr klar, angenehm, ruhig und still. Sie offenbart sich, wenn ich alles, was ich
    geschaffen habe, über Bord werfen will, wenn ich mit etwas aufhören möchte. Ich mag keine
    Ashrams. Im Grunde habe ich immer geglaubt, dass ein Swami eine andere Art von Leben
    führen sollte, kann es aber nicht umsetzen. Ich muss weitermachen, ob es mir gefällt oder
    nicht.

    Das letzte Mal als ich seine Gegenwart spürte, war im November 1982, als ich am Meer in
    Puerto Rico war und mich wegen des Wetters etwas matt und deprimiert fühlte. Er sagte zu mir:
    „Du bist jetzt frei von deinem Ashram Leben.“ und entließ mich damit. Etwa zehn Swamis aus
    Amerika, Kolumbien und Europa waren zu diesem Zeitpunkt bei mir, darunter auch Swami
    Niranjan. Ich rief ihn zu mir und sagte: „Jetzt ist mein Plan klar. Ich werde weder in der
    Verwaltung der Bihar School of Yoga noch in irgendeiner anderen Einrichtung arbeiten. Du
    sagst deine Programme in Amerika ab und kehrst sobald wie möglich nach Munger zurück.“
    Ich habe ihn ausgewählt, als er im Alter von vier Jahren zu mir kam und ihn ausgebildet, ohne
    ihm zu sagen, dass er mein Nachfolger werden würde. Jetzt wird er sich nach Kräften um die
    ganze Mission kümmern. Ob er es gut macht oder nicht, liegt an ihm. Ich habe damit jetzt
    nichts mehr zu tun. Ich gehöre dem Yoga an, nicht der Bihar School of Yoga. Eine Institution ist
    das Mittel, aber nicht der Zweck.

    Am Anfang ist die Bewegung das Mittel und die Philosophie der Zweck, aber später wird die
    Institution zum Zweck und die Philosophie zum Mittel. So geschieht es in allen Religionen, allen
    Institutionen. Wir leben nur, damit die Organisation oder Institution überlebt und ich glaube
    nicht, dass ich das jetzt in meinem Ruhestand tun werde. Von der Institution, die ich geschaffen
    und für die ich aufrichtig gearbeitet habe, ziehe ich mich zurück.

    Das bedeutet, dass ich mit dieser Institution als Institution nichts mehr zu tun haben werde.
    Nicht, dass ich gegen sie wäre oder es Schwierigkeiten gegeben hätte, aber ich werde mich
    jetzt nicht mehr auf Institutionen und Religionen beschränken. Ein Sannyasin sollte jenseits von
    Institutionen und Religionen stehen. Für ihn oder sie sind alle spirituellen Institutionen ein Teil
    seiner oder ihrer Seele. Jede Religion ist gleichermaßen wertvoll, wichtig und bedeutungsvoll.
    In den kommenden 20 Jahren werde ich ich mich für das Wohl der Menschheit und mein
    Sadhana einsetzen. Persönlich betrachte ich sogar Yoga eher als Mittel denn als Zweck. Ich
    denke schon seit vielen Jahren, dass Menschen, wenn sie Erfolg, Ansehen und Macht
    erlangen, den Zweck vergessen. Anstatt für die Menschheit zu arbeiten, arbeiten sie für sich
    selbst. Wir sollten nur so weit für Yoga arbeiten, wie wir die Menschen davon überzeugen
    können, dass es ihnen helfen kann. Wir sollten eine bestimmte Philosophie oder Wissenschaft
    nur in dem Maße verbreiten, wie die Menschen davon profitieren können – aber wenn wir
    vergessen, dass das Wohl der Menschheit im Allgemeinen das Ziel ist, und nicht die Lehre
    selbst, dann haben wir einen großen Fehler gemacht.

    Wenn du gründlich und klug darüber nachdenkst, wirst du feststellen, dass Institutionen
    stagnieren. Sie werden mächtig, weil tatkräftige Organisatoren und Beamte die Verfassung
    umschreiben, Seite um Seite hinzufügen, um das Überleben der Institution zu sichern und dann
    auch noch Verbindungen zu politischen Parteien aufnehmen. Das endet in der Regel im totalen
    Chaos und das kann jedem passieren. Davon möchte ich mich befreien und mit den Menschen
    über Yoga sprechen. Ich habe erkannt, dass Yoga der Menschheit noch viel mehr zu geben
    hat, als er be- reits getan hat. Yoga zu lehren ist notwendig. Da es aber von und durch
    verschiedene Institutionen gelehrt wurde, war die Wirkung begrenzt, und nun kann es von
    Vielen nicht mehr angenommen werden.

    Alle spirituell Suchenden sollten nach denselben Idealen streben, die ich jetzt zum Ausdruck
    bringe. Sie sollten frei von jeder repräsentativen Bewegung, Organisation, Sippe, Klasse oder
    Sekte sein und nicht allzu lange an einem Ort verweilen. So kann man nicht sagen, dass sie für
    eine Institution, für Namen, Ruhm, Geld oder sonst etwas arbeiten. Ab November 1983 werde
    ich den Ashram verlassen und die nächsten 20 Jahre als Bettler verbringen, sagen wir als
    „königlicher Bettler“. Ich werde einige Zeit damit verbringen, umherzuwandern und alle Tirthas
    zu besuchen. Menschenmassen stoßen mich eher ab. Ich brauche keinen Augenschmaus,
    denn ich habe erkannt, dass es nur wenige Menschen sind, die das Rückgrat einer echten
    Zivilisation bilden. Wo sich die Massen zu Zehntausenden versammeln, geht im Laufe der Zeit
    alles schief. Das hat die Geschichte gezeigt. Ich werde also einfach die Tirthas aufsuchen, und
    die Zukunft wird zeigen, wie ich danach die nächsten 20 Jahre meines Lebens verbringe.

     

    Folgende Auszüge stammen aus Satsangs, die Swami Satyananda im Februar 1983 in Manchaster und London hielt.
    Der Text ist im Buch Mere Aradhya (dt. Ausgabe Seiten 363-367)
    abgedruckt.