Bhakti Yoga

Bhakti Yoga ist der Yoga der Liebe und Hingabe. Es ist die Hingabe zum Göttlichen in jeglicher
Form oder nicht-Form in der du IHN oder SIE gerne sehen möchtest. Es kann Hingabe sein zur
Wahrheit, zu Gott, an das Höchste, Brahman, an die absolute Realität oder zu jedem anderen
Namen, den du dem Unbeschreiblichen geben möchtest. Es kann Hingabe zu Christus,
Buddha, Mohammed, Krishna, Rama, Hanuman, Mahavira, Shakti, Shiva, Vishnu, Kali, Durga,
Ahura Mazda oder sogar Zeus sein, wenn du das wünschst. Du kannst Hingabe an jeder
beliebige Form ausdrücken, die du als Inkarnation des Göttlichen betrachtest. Es kann ein
großer Heiliger sein, ob gestorben oder lebend. Es kann dein Guru sein. Die bestimmte Form
ist unwichtig. Es ist die Hingabe, die du persönlich empfindest, die unentbehrlich ist. Ohne
Hingabe, ob groß oder klein, ist Bhakti Yoga nicht möglich.

Bhakti kann leicht als blinde Glaubenslehre angesehen werden und in vielen Fällen ist es
genau dazu verkommen. In der Vergangenheit und bis zum heutigen Tag wurde Bhakti
vollkommen missverstanden und missbraucht. Das hat zu Fanatismus und Intoleranz geführt.
Darum geht es bei Bhakti aber genau nicht. Bhakti ist etwas, das der modernen intellektuellen
Welt schwer zugänglich ist. Dies ist jedoch sehr bedauerlich, denn Bhakit Yoga ist eine
unglaublich kraftvolle Methode, die zu höherem Wissen und Transzendenz führen kann. Und
nicht nur das, Bhakti Yoga kann dir helfen, dein Leben zu harmonisieren und es zur Freude zu
machen, die es sein sollte. Die Menschen haben den Missbrauch und die Verfälschung von
Bhakti gesehen und haben dies irrtümlich als die Essenz von Bhakti Yoga verstanden. Bhakti
Yoga hat umfangreiche Auswirkungen, die dein Leben transformieren können.

Wenn du skeptisch bist, dann ist daran nichts auszusetzen; es wird von dir nicht verlangt, alles
blind zu akzeptieren, was geschreiben wird. Weshalb solltest du? Aber es ist erstaunlich zu
sehen, wie Menschen sich verändern und die Veränderung kommt nicht durch blinde
Akzeptanz sondern durch besseres Verständnis und Erkennen der tieferen Bedeutung von
Bhakti Yoga.

Etwas anderes, woran es sich zu erinnern gilt ist, dass viele große Yogis, wenn nicht sogar alle,
Bhakti zum Ausdruck gebracht haben. Einige von ihnen konnten nicht aufhören, über Bhakti zu
sprechen. Waren sie alle fehlgeleitet? Das ist sehr unwahrscheinlich, da diese die Menschen
waren, die als Weise galten. Wenn Weisheit zu Bhakti führen kann, oder Bhakti zu Weisheit,
dann muss etwas am Weg von Bhakti Yoga sein, das nicht unmittelbar erkennbar ist. Des
weiteren waren diese großen Yogis deutliche Indikatoren und Vorbilder dessen, was Bhakti
herbeiführt: Toleranz, Frieden, Verständnis, Liebe gegenüber den Mitmenschen und viele
andere Eigenschaften. Zu diesen Menschen solltest du schauen, wenn du einen deutlichen
Beweis der Verdienste von Bhakti Yoga haben möchtest und nicht zu denen, die zu Eiferern
oder Fanatikern werden.

Was ist Bhakti?
Bhakti Yoga bedeutet zwei Dinge: den Weg und die Erfahrung. Eine Person kann auf dem Weg
von Bhakti Yoga sein und trotzdem keine positive Erfahrung von intensivem Bhakti haben.
Gleichzeitig kann eine Person eine intensive Bhakti Erfahrung machen und trotzdem nicht zu
erkennen geben, auf dem Weg von Bhakti Yoga zu sein. Lass uns das anhand von zwei
Beispielen besser veranschaulichen:

1. Wenn jemand zu Hingabe neigt, dann kann er dem Weg von Bhakti Yoga folgen. Das
beinhaltet intensive Konzentration des gesamten Wesens auf das Objekt der Hingabe.
Diese Methode kann schließlich zu einer transzendierenden Erfahrung von überwäl
tigendem Bhakti führen. Mit Bhakti verbunden ist transzendentes Wissen. Bhakti wird mit
der Zeit und mit mehr Erfahrung immer stärker und stärker werden.

2. Wenn jemand nicht zur Hingabe neigt, dann können stattdessen andere Wege von
Yoga verfolgt werden. Diese anderen Wege werden schließlich zu spiritueller Erfahrung
führen. Dies wiederum wird automatisch zu Bhakti führen, denn du wirst etwas erkennen,
was du vorher nicht wusstest. Die Wege von Hingabe und Nicht-Hingabe werden sich
letztlich vereinigen.

Bhakti überspannt die unendliche Kluft zwischen bloßem Glauben und göttlicher Erkenntnis. Es
umfasst ebenfalls die Phase, in dem der Bhakta versucht, diese Erkenntnis im täglichen Leben
umzusetzen und auszudrücken. Bhakti überbrückt den Abgrund zwischen dem bloßen
Glauben, der den Mangel an göttlicher Erkenntnis kompensiert, und dem wahren, persönlichen
Erleben und Erkennen des Göttlichen. Bhakti ist kein Thema für Diskussionen. Man muss es
selbst fühlen, erkennen und erfahren. Wirkliches Bhakti entsteht spontan durch höheres
Bewusstsein und Wissen, durch die Erkenntnis von etwas vorher Unbekanntem.

Der Mechanismus von Bhakti
Das Ziel von Bhakti ist es, intensive Konzentration auf ein Objekt zu entwickeln. Dies geschieht
automatisch wenn ein Gefühl von Bhakti zu diesem Objekt vorhanden ist. Alle Energie ist in
eine Richtung fokussiert. Dies wiederum führt zu erhöhter Sensibilität und Empfänglichkeit der
Körper-Geist-Einheit zu den höheren Mächten. Man wird zu einem Bhakta durch Erfahrung und
nicht durch bloßen Glauben.

Diese Methode von Bhakti wurde in vielen Religionen verwendet, insbesondere im Christentum
und im Hinduismus. In diesen Religionen ist es die Absicht, den Ausdruck von Bhakti bei den
Anhängern zu fördern. Um dies zu tun, werden konkrete Figuren als Objekt der Verehrung
bestimmt. Ist die Verehrung ausreichend, dann kann man intensives Bhakti, Glückseligkeit und
transzendente Erfahrung erleben. Der Weg und der Zweck von Bhakti ist, dich von der
Identifikation mit dem kleinen „ich“, der individuellen Körper-Geist-Einheit, wegzuführen. Es ist
das Ziel, die persönlichen Launen, Konflikte, Disharmonien etc. zu reduzieren, die dazu neigen,
das Bewusstsein gefangen zu halten und stark zu limitieren. Das Ziel ist es den Geist zu einem
perfekten Reflektor, zu einem perfekten Spiegel, von Erfahrungen zu machen.

Bhakti – Gleichgewicht für den Intellekt
Bhakti ist eine exzellente Methode, einen Ausgleich zu einer allzu strickten Bindung an den
Intellekt zu schaffen. Sie ist eine große Hilfe beim Beseitigen von intellektueller Verstopfung und
ein Weg, Gefühle und Emotionen zu befreien und ihnen eine Ausrichtung zu geben. Eines der
größten Probleme der modernen Welt ist das Unvermögen intellektueller Menschen, ihre
Gefühle auszudrücken. Die Gefühle stauen sich auf und werden unterdrückt. Die Menschen
vergessen zu lachen und ihre Gefühle auf positivem Weg und nicht in destruktiver Art und
Weise zu lösen. Emotionen werden oft in Zornausbrüchen und Gewalt ausgedrückt. Der Weg
von Bhakti bietet eine perfekte Methode, diese unbändigen Emotionen auszudrücken.
Außerdem werden Emotionen nicht nur freigelassen, sondern sie werden in eine Richtung
gelenkt, um den Geist auf einen Punkt zu konzentrieren. Das ist eine positive Nutzung
emotionaler Kräfte. Die Emotionen werden ausgerichtet und zielen so auf höheres
Bewusstseins und Erfahrung.

Nicht jeder hat eine Neigung zur Hingabe
Personen, die keine Form der Hingabe zu einer Gottheit oder Person empfinden, müssen nicht
Hingabe oder Glaube kultivieren. Warum einen Glauben, oder Hingabe ohne Gehalt, künstlich
erzwingen? Du würdest dich nur selbst betrügen und das unnötig. Alles, was du tun musst,
sind andere Formen von Yoga intensiv zu üben. Bhakti wird schließlich spontan als Ergebnis
von höherem Bewusstsein und Erfahrung entstehen. Du wirst irgendwann keine Wahl mehr
haben als die, ein Bhakta zu sein, auf Grund dessen, was du erfahren hast. Es muss und wird
passieren, so sicher wie auf die Nacht der Tag folgt. Das gilt ausnahmslos für alle. Es gilt auch
für die Menschen, die derzeit nicht einmal die leiseste Spur von Gefühlen empfinden.

Jene Menschen, die irgendeine Form von Hingabe oder Glauben erfahren, sollten definitiv dem
Weg von Bhakti folgen, um ihrer Persönlichkeit gerecht zu werden. Ihnen fehlt vielleicht die
höhere Erfahrung, aber sie spüren eine spontane Hingabe zu etwas. Wenn du eine dieser
Personen bist, dann solltest du deine Gefühle auf das Objekt der Hingabe richten. Für dich
kann Bhakti Yoga der Expresszug zu einem erweiterten Bewusstsein sein. Aber sorge dafür,
dass du ehrlich zu dir selbst bist. Wenn du dich hinsetzt und dich fragen musst: „An was soll
meine Hingabe gerichtet sein?“ Dann ist das ein sicheres Zeichen, dass du nicht wirklich ein
Objekt der Hingabe hast. Du solltest dich nicht hinsetzen und dir diese Frage stellen müssen.
Wenn du Hingabe zu etwas spürst, dann wirst du es wissen. Es wird keinen Zweifel geben,
dein Herz wird dir sofort sagen, welches Objekt dein Bhakti gewinnt. Wenn du eine starke
Hingabe zu einer Sache spürst, dann ist Bhakti zweifellos der Weg für dich. Wenn du keine
überwältigende Hingabe für etwas spürst, ist Bhakti auf dieser Stufe nichts für dich. Unter
diesen Umständen wird Bhakti wohl eher zu einem bloßen Ritual und zur Selbsttäuschung
führen, anstatt zu Transzendenz. Übe andere Formen von Yoga, und Bhakti wird in der Zukunft
kommen.

Bhakti und andere Yogawege
Alle Yogawege führen zu derselben Erfahrung. Die Verwirklichung ist dieselbe, nur das Mittel
dazu ist unterschiedlich. Alle Yogawege haben das Ziel, den zwanghaften Griff des aus dem
Geist entstanden Egos zu reduzieren und schließlich zu eliminieren. Bhakti erlangt dies durch
das Erkennen aller Impulse und deren umlenken auf das Objekt von Bhakti. Schließlich wird
das Ego dem Guru, dem Höchsten, oder wem oder was auch immer, unterworfen. Das ist nicht
einfach, aber es ist das Ziel. Gyana Yoga anderseits erzielt das gleiche Resultat durch die
intuitive Erkenntnis, dass das Ego nicht die Totalität unseres Wesens ist. Dies reduziert
automatisch den Griff des Egos und löst ihn schließlich auf.

Durch Karma Yoga erreicht man das gleiche Ziel sobald man aufhört, der Handelnde zu sein.
Raja Yoga reduziert die Kraft des Egos durch das Erforschen des Geistes. Dies führt zu einem
Verstehen des unermesslichen, unter der Oberfläche jedes menschlichen Wesens und jedes
manifestierten Objektes liegenden Urgrundes. Das scheinbar unüberwindbare Ego fällt
plötzlich weg, wenn man anfängt die Natur des Geistes zu erkennen.

Alle Pfade verschmelzen ineinander, denn sie sind wie verschiedene Blütenblätter derselben
Blume. Gyana (revolutionäres Wissen) führt zu Bhakti und Bhakti führt zu Gyana. Karma Yoga
führt zu Bhakti und vice versa. Am Anfang muss der Aspirant den Weg (oder die Wege) gehen,
der seinem Charakter entspricht.

Liebe für alles

Es gibt einen Zustand von Bhakti, der Madhura (göttliche Süße) genannt wird. Das ist die Liebe
für das Göttliche in allem. Man sieht überall Schönheit und Perfektion. Wohin man auch immer
schaut sieht man die Form des Göttlichen. Es entsteht Liebe für alles. Man schaut nach außen
und sieht nur das Schaffen und die Wesenheit des Höchsten. Das ist ein Rausch der Glück
seligkeit, denn es gibt nichts, das nicht die Essenz des Höchsten ist. Es kann verglichen
werden mit der Liebe, die ein Mann seiner Frau gegenüber empfindet, seiner Liebsten, oder
die Liebe, die eine Frau ihrem Liebsten zeigt. Diese Liebe ist an alles gerichtet. Aber, und dies
ist merkwürdig, es ist gleichzeitig Liebe, die richtungsunabhängig ist; es ist reine Liebe und
Glückseligkeit an sich. Sie ist nicht auf etwas Bestimmtes gerichtet weil dies Getrenntsein und
Verschiedenheit bedeuten würde. Es ist beides, Liebe für alles und Liebe für nichts
Bestimmtes.

Bhakti ist wie fortlaufend Liebe auf alles zu richten, von den Menschen zu den Vögeln zu den
Blumen – alles, du hast keine Wahl, weil du ihre wahre Natur und deine eigene Natur erkennst
und in dieser „unmöglichen“ Lage, wie ist es möglich, nicht Liebe für alles zu empfinden.
Heuchelei und Selbsttäuschung

Verlier dich nicht in falschen Gefühlen oder oberflächlichen prahlerischen Ausdrucksweisen
von Bhakti. Versuche nicht, andere Leute mit falscher Zurschaustellung von Hingabe zu
beeindrucken. Drücke nur das aus, und folge nur dem, was direkt aus deinem Herzen kommt.
Sei deiner eigenen Persönlichkeit treu. Wenn du derzeit kein Bhakti fühlst, mach dir keine
Sorgen, es ist etwas, das spontan entsteht, wenn du aufrichtig andere Formen von Yoga übst.
Wie Shakespeare so weise sagte: “Steh aufrichtig zu deinem eigenen Selbst.“ Das ist wichtig.
Weshalb Hingabe an irgendetwas ausdrücken, ohne dass es aus deinem Innersten kommt?
Wenn du Hingabe ohne ein dazugehöriges inneres Gefühl ausdrückst, dann ist das Heuchelei
und Selbstbetrug, was die beiden größten Hindernisse auf dem Bhakti Yoga Weg sind. Sie sind
die größten Steine auf dem Weg zu erweitertem Bewusstsein.

Die Bedeutung von Erwartungslosigkeit
Habe keine Erwartungen an das Üben von Bhakti Yoga. Das gilt auch für andere Formen von
Yoga. Wenn du Asanas, Pranayama, Meditation usw. übst, versuche nichts zu erwarten. Denn
je mehr man erwartet, desto weniger wird man erhalten. Dies ist darauf zurückzuführen, dass
Erwartungen gleichzeitig Ego bedeuten und je grösser das Ego ist, desto weniger Fortschritte
wird man mit Yoga machen. Das ist sehr wichtig.

Die Welt ist ein Spielplatz. Sie ist eine Schule, in der du etwas über dich lernen kannst, in der
du deine Schwächen und inneren Probleme erkennen und eliminieren kannst. Alle Personen
und Situationen sind deine Lehrer. Ohne die Auseinandersetzung mit anderen Personen und
Situationen wärst du niemals fähig, deine eigenen Schwierigkeiten und Einschränkungen zu
erkennen.
Keine Erwartung zu haben ist ein fundamentaler Aspekt von Bhakti Yoga. Chaitanya, der große
bengalische Bhakta, sagte dazu in prägnanten Worten: „Ich bete nicht für Reichtum, ich bete
nicht für Anerkennung, ich bete nicht für Vergnügen und nicht einmal für die Freuden der
Poesie. Ich bete nur dafür, dass ich während meines ganzen Lebens Liebe und Hingabe
habe… Dass ich reine Liebe besitze, DICH zu lieben.“

Das Ego zerschmettern
Sobald jemand den Weg von Bhakti Yoga beschreitet, beginnt das Eigeninteresse zu ver
blassen. Es findet ein Wandel statt hin zum Geben und immer mehr Geben. Diese Hingabe
vergrößert sich fortlaufend, da sich das Bewusstsein des Bhaktas ausdehnt und er seine
Beschränkungen und Unzulänglichkeiten erkennt und diese immer weiter beseitigt. Das Gefühl
von Bhakti wird dadurch verstärkt und die Bewusstheit intensiviert sich entsprechend. Je höher
die Stufe von Bhakti, desto geringer ist das Ego. Schliesslich gibt es einen Punkt der totalen
Identifikation mit dem Objekt der Verehrung. Sobald Bhakti beginnt das Herz zu beeinflussen,
wird jede Erfahrung zu einer Lehre, zu einer Methode, um Stolz und die Macht des Egos zu
verringern. Das Ego schwillt so leicht an, doch das Merkwürdige ist, dass wenn man sich
egoistisch fühlt, sehr schnell etwas geschieht, was das Ego wieder eindämmt. Das heisst, wenn
man im Gefühl von egoistischem Stolz schwelgt, geschieht üblicherweise etwas, was diesen
falschen Stolz hervorhebt. Dadurch erkennt man das Spiel des Egos und realisiert, wie es
einem überwältigt hat. Auf dem Weg von Bhakti Yoga scheint immer wieder etwas aufzu
tauchen, was das Ego vor Selbstgefälligkeit bewahrt. Das ist die Gnade, selbst wenn man nur
entfernt ein Bhakta ist. Das ist der Weg, wie die Geschehnisse zu fließen scheinen, wie sie
fortwährend dem egoistischen Geisteszustands den Boden entziehen.

In gewissem Sinne sind diese Gefühle, etwas erreicht zu haben, Stolz, Status, etc. nötig auf
dem spirituellem Weg. Durch sie werden die eigenen Unzulänglichkeiten erkannt. Das führt zu
größerer Bescheidenheit, was wiederum zu intensiverem Bhakti und tieferer Verbindung führt.
Seltsamerweise kann es während Zeiten von spirituellem Rückschritt dazu kommen, dass
Bhakti sich verstärkt. Man wird deutlich mit einem Hindernis, einer falschen Vorstellung oder
einem starken Ego, das vorher nicht klar ersichtlich war, konfrontiert. Man realisiert, dass man
einer weiteren Unzulänglichkeit begegnet, die nun beseitigt werden kann.

Selbstlose und egoistische Liebe
Es gibt unterschiedliche Formen von Liebe. Erstens gibt es die egoistische Liebe, in der man
eine andere Person, eine Gottheit oder einen Heiligen mit der Erwartung liebt, zurück geliebt zu
werden. Das ist die häufigste Form der Liebe, und eigentlich ist es Liebe für sich selbst, nicht
für jemand anderen oder etwas anderes, sei es Gott, Guru oder ein Mensch.

Zweitens kommt die selbstlose Liebe. Das ist Liebe um der Liebe willen, ohne jegliche
Erwartung von erwiderter Liebe. Diese Liebe ist Bhakti und sie wird empfunden, selbst wenn
die Liebe nicht erwidert wird. Diese Form der Liebe mag aus unerklärlichen Gründen existieren,
oder vielleicht durch die Erkenntnis der tieferen Natur der anderen Person, der anderen
Menschen, der Gottheit, etc. Im höheren Sinne kann es keine Liebe für eine Person, für andere
Menschen, für eine Gottheit, etc. geben, weil verstanden wird, dass alles und jedes im
Äusseren das eigene Selbst ist. Etwas anderes existiert nicht. Diese Liebe hat keine Richtung;
es ist Liebe, die vom Bhakta ausgeht und zu im wieder zurückkehrt.

Egoistische Liebe wird einen an das Begrenzte ketten, während Bhakti, intensive selbstlose
Liebe, einen zur Unendlichkeit führt. Bhakti sollte man fühlen, auch wenn man zurückgewiesen
wird. Dies ist ein Test, wie aufrichtig die Hingabe ist. Der große indische Bhakta Rasakhan (als
Muslim geboren, verehrte er aber Krishna) sagte: „Bhakti ist die Quelle aller Süße. Sie ist nicht
von Jugend, Tugend, Schönheit oder Reichtum abhängig, noch ist sie getrübt von Eigen
interesse oder den Gedanken an persönlichen Gewinn.“ Egoistische Liebe hat die Tendenz
sich rasch aufzulösen, während Bhakti sich steigert und mit jeder verstreichenden Minute
wächst.

Konzentrierte Bhakti
“Was ist der Weg zum Erfolg in Bhakti Yoga?” Es ist überwältigende Hingabe zu deiner Gottheit
oder zu deinem Guru. Je größer die Sehnsucht ist, desto schneller wirst du fähig sein, die
gewöhnliche Wahrnehmung zu transzendieren um eine Erfahrung zu machen, die jenseits des
Alltäglichen liegt. Swami Ramdas sagt dazu: „Ohne brennende Sehnsucht kann der Geist nicht
auf das Höchste fixiert werden. Wo deine Liebe ist, ist auch dein Geist. Genau wie ein Geizhals
an Geld denkt und an Geld alleine, genauso hat ein Bhakta ausschließlich Hingabe für das
Höchste.“ Das ist der Weg zu erweiterter Wahrnehmung. Man muss versuchen zu handeln,
fühlen und denken während man dem Göttlichen, der Gottheit oder dem Guru bewusst ist. Sei
dir immer bewusst, dass es das Göttliche ist, das dich fühlen, handeln und denken lässt. Du
bist nicht der Handelnde. Dieses Erinnern wird den Einfluss und die Macht des Egos
reduzieren. Dies wird Hingabe genannt, und es ist der Weg zu höheren Stufen des
Bewusstseins.

Es ist merkwürdig genug, dass es seelischer Schmerz ist, der zur Intensivierung von Bhakti
führen kann. Leid und Qual, die durch das Fehlen von göttlicher Vereinigung entstehen, können
zum Aufwallen von Bhakti und zu einer verfeinerten Wahrnehmung führen, doch nur wenn diese
Seelenqual vom tiefsten, innersten Selbst aufsteigt. Die Unzufriedenheit führt zu dieser
Intensivierung. Der Bhakta nimmt alles, was ihm begegnet als Gabe an, welche dazu bestimmt
ist, ihn in höhere Bereiche der Wahrnehmung zu erheben. Ob seelischer Schmerz, Freude oder
was auch immer, alles ist dazu bestimmt, die Wahrnehmungsstufe des Bhaktas anzuheben, um
seinen Weg zu höherem Wissen zu beschleunigen. Auch du musst den Schmerz der Trennung
spüren und die gleiche tiefe Sehnsucht haben.

Bhakti – das Mittel zur erhöhten Sensibilität
Emotionen verstärken jedes Erlebnis. Sie erhöhen die Kraft der Gedanken und Handlungen.
Jeder kennt das aus eigener Erfahrung. Normalerweise jedoch sind die Emotionen in alle
möglichen Richtungen zerstreut. Nur selten haben sie Kraft, außer in Fällen von starker Wut
oder großer Angst. Gewöhnlich werden sie durch viele verschiedene Interessen und Vorlieben
erschöpft. Auf dem Weg von Bhakti Yoga sind die Emotionen auf eine Sache konzentriert.
Emotionen werden in Hingabe verwandelt.

Diese konzentrierte Emotion führt zu erhöhter Sensibilität. Körper und Geist werden sehr fein
eingestimmt. Sie werden wie eine Radio-Antenne. Das führt zu einem erhöhten
Einfühlungsvermögen für andere Menschen, deren Gedanken, Gefühle und so weiter. Und es
führt auch zu Empfindsamkeit gegenüber der inneren Landschaften des Geistes und zu
höchsten Erfahrungen.

Nur eine dieser höchsten Erfahrungen reicht aus, um die ganze Einstellung und das ganze
Verständnis vom Leben zu verwandeln. Es führt zu einer Kehrtwendung von hundertachtzig
Grad. Man realisiert, dass das, was vorher so offensichtlich, richtig und akzeptabel schien,
völlig falsch war. Die Beziehung zum Leben erfährt eine totale Veränderung. Sie wird
vollkommen umorientiert. Diese herausragenden Erfahrungen leiten den Weg zur Perfektion.
Sie sind die Wegweiser auf dem Pfad.

Bhakti und Guru
Wenn du einen Guru hast, dann ist Bhakti essentiell, es ist die Grundlage der Beziehung. Ohne
Bhakti kann die Guru-Schüler Beziehung nicht existieren. Wenn du einen Guru hast und du
keine Hingabe empfindest, dann ist er nicht wirklich DEIN GURU. Es ist besser, einen anderen
zu finden. Ohne Bhakti ist der Schüler für die Anweisungen und die Schwingung des Gurus
nicht empfänglich, und dem Guru ist es nicht möglich, die rohe Natur des Schülers in eine
feinere Form zu verwandeln. Zuerst ist diese Hingabe vielleicht unbewusst, du erkennst sie
nicht, doch sie muss existieren. Es muss eine natürliche Anziehung vorhanden ein. Der Weg
hin zur Perfektion ist riskant und schwierig.

Er wurde sehr treffend als “auf Messers Schneide” beschrieben: Wenn du zu weit auf die eine
oder auf die andere Seite gehst, fällst du in den Abgrund der Täuschung. Der Weg ist direkt
und schmal. Es ist der Guru, der dem Schüler zeigt, wie man Hindernisse und Blockaden
vermeidet oder überwindet. Es ist einfach, sich in falschen, unrealistischen Gedanken und
Gefühlen zu verlieren. Das trifft nicht nur auf Bhakti Yoga zu, sondern auch auf alle anderen
Wege. Es ist einfach, in Sackgassen fehl geleitet zu werden. Der Guru muss den Weg leiten.
Wenn du bei einem weisen Menschen oder deinem Guru sitzt, dann sei still und höre zu, denn
es sind sie, die dich aus dem Sumpf der Täuschungen ziehen werden. Vielleicht bist du eine
berühmte Person, eine laute, eine sehr schlaue oder eine streitlustige Person, doch dort solltest
du ruhig sein, sei still und höre zu. Jedes Wort, das der Guru sagt, ist voller Sinn und
Bedeutung.

 

Du findest das Original im Yogamag.