Category: Artikel von Swami Niranjanananda

  • Die Koshas erfahren

    Asanas zielen nicht darauf ab, den Körper zu trainieren. Sie sind dazu da, im Körper einen Zustand, Sthiti, herzustellen, der für eine längere Zeit aufrechterhalten werden kann. Das heißt, egal welches Asana du übst, auch wenn es ein dynamisches ist, solltest du immer auf diese beiden Aspekte achten: Sthiram, Stabilität und Sukham, Wohlbefinden. Dies gilt für jedes Asana. Bemühe dich, Stille und Wohlbefinden im Asana zu erfahren.

    Darüber hinaus sind Asanas nicht nur einfache Körperübungen. Sie sind Hilfsmittel, die uns Zugang zu weiteren Dimensionen des menschlichen Wesens und der Persönlichkeit ermöglichen. Abgesehen vom Körper, schliessen die anderen Dimensionen Prana, Geist, Bewusstsein und Seele mit ein. Sie sind als Koshas bekannt: Annamaya Kosha, Pranamaya Kosha, Manomaya Kosha, Vijnanamaya Kosha und Anandamaya Kosha. Sri Swamiji lehrte uns, dass Asanas nicht bloß dazu da sind den Körper wahrzunehmen, sondern um die Erfahrung schrittweise von Annamaya, zu Pranamaya, Manomaya, Vijnanamaya und bis hin zu Anandamaya auszudehnen. Er definierte einen Prozess, eine Sequenz, für diese stufenweise Entwicklung.

    Wenn du das Asana ausführst, konzentriere dich zuerst auf den physischen Körper: auf die Bewegung und Haltung, sowie auf die Muskeln und Gelenke, welche arbeiten, Kraft halten oder gedehnt werden, usw. Richte deine ganze Achtsamkeit auf die körperliche Wahrnehmung: wie du dich bewegst, wo Spannung oder Enge entsteht, wie weit du dich beugen kannst, wo die Steifheit, der Schmerz und die Mühe sitzen. Entdecke all diese Aspekte von Annamaya Kosha.

    Sobald du im Asana die Wahrnehmung von Annamaya Kosha entwickelt hast, gehe zu Pranamaya Kosha über, indem du den Atem mit der Körperhaltung verbindest. Löse die körperliche Wahrnehmung auf, lasse sie los und verbinde dich mit dem Fliessen der Atmung. Wenn sich der Atem bewegt, nimmt der Körper die Haltung an. Die Atmung führt den Körper in die Haltung, nicht dein Bemühen und auch nicht deine Achtsamkeit. Der Fokus liegt nicht mehr auf dem Körper, während du das Asana ausführst, sondern auf der Atmung. Lasse dich durch die Atmung in den Asana Zustand führen.

    Der dritte Schritt ist die Visualisierung. Du musst dir die perfekte Haltung mental vorstellen. Es spiel keine Rolle, wenn du dich vorbeugst und nur zehn Zentimeter weit kommst. Auch wenn du noch einen Meter vom Boden entfernt bist, macht das nichts, aber stelle dir vor deinem inneren Auge die perfekte Haltung vor. Je klarer deine Vorstellung der korrekten Haltung, desto mehr wird sich der Körper angleichen und anpassen, um sich in diese korrekte Haltung zu bewegen.

    Als Erstes kommt die Wahrnehmung des Körpers: Annamaya Kosha; als Zweites die Wahrnehmung des Atems: Pranamaya Kosha; als Drittes das Visualisieren: Manomaya Kosha.

    Nachdem du durch den Vorgang der Visualisierung gegangen bist, konzentriere dich auf ein Chakra, ein subtiles Zentrum. Nimm dessen Aktivierung wahr, während du die Haltung ausführst. Die Wahrnehmung der Chakras zu vertiefen, wird dich zu Vijnanamaya Kosha führen.

    Die fünfte Komponente beim Ausführen einer Haltung ist die Mantrabewusstheit – du lenkst deine Aufmerksamkeit auf ein Mantra, während du das Asana übst. Indem du dem Mantra erlaubst in den Vordergrund zu treten, erschliesst sich dir der Zugang zu Anandamaya Kosha. Auf diese Weise kann dich eine Übung von Annamaya zu Anandamaya führen und all die unterschiedlichen Dimensionen der Persönlichkeit ausgleichen.

    Zwei Aspekte sollten klar sein. Erstens: der Ablauf, den uns Sri Swamiji gelehrt hat. Asanas sind keine körperlichen Übungen. Sie sind Haltungen, welche dir, wenn sie korrekt ausgeführt werden, die Erfahrung von Annamaya Kosha bis hin zu Anandamaya Kosha erlauben. Dazu können alle Asanas dienen, egal für wie unwichtig sie dir erscheinen mögen. Zweitens: das Üben ist nicht mechanisch. Achtsamkeit und Entspannung beim Üben der Haltungen sind unabdingbar.

    —25. Oktober 2019, Munger Yoga Symposium, Satsang von Swami Niranjanananda Saraswati

    Das Original findest du im Yoga Magazin vom September 2019 auf der Website der Bihar School of Yoga.

  • Der Fokus von Yoga

    Es war nicht das Ziel von Sri Swamiji den Leuten zwanzig Asana, Pranayama, Pratyahara oder Dharana Techniken zu lehren, sondern sicherzustellen, dass es beim Üben von Yoga einen Fokus und ein Ziel gibt. Dieser Fokus oder dieses Ziel wurde von Swami Sivananda selbst gegeben.

    Als Yoga im letzten Jahrzehnt populär wurde, dachte jeder, dass die Übungen des Yoga zu tieferen meditativen Zuständen und Selbsterkenntnis führen werden. Es wird jedoch nirgends in der yogischen Literatur erwähnt, dass Yoga zur Erleuchtung führen soll. Das Ziel von Yoga ist nicht Erleuchtung, Erkenntnis, Samadhi oder Moksha. In einem einfachen Satz ausgedrückt: Es geht um die Lebensführung selbst.

    Wie in den Yoga Traditionen erwähnt, bezieht sich das ins besondere auf zwei Dinge:
    Nasti maya samah pasho.
    Es gibt keine größere Fessel oder Schlinge als Maya.

    Maya ist die Täuschung und der Verstand befindet sich ständig im Zustand der Täuschung. Es ist diese Täuschung, die beseitigt werden muss. Das ist Punkt eins. Der zweite ist:
    Nasti ahamkarat paro ripuh.
    Es gibt keinen größeren Widersacher im Leben als dein eigenes Ego.

    Betrachte, wie die Yogis hier mit Worten gespielt haben. Mit zwei einfachen Ausdrücken haben sie die Absicht von Yoga definiert. Die Täuschungen des Verstandes müssen beseitigt werden und das egozentrische Wesen muss Harmonie erfahren. Wieso hat man eine egoistische, aggressive und reaktive Wesensart? Sie entsteht aus Verlangen und Erwartungen, welche wiederum Ausdrucksformen des Geistes sind. Damit sind diese zwei Grundgedanken – Überwindung der Täuschung und Anpassung der Wesensart – die Grundlagen von Yoga.

    Das Gegenmittel für diese zwei (Maya und Egoismus) sind Weisheit und Yoga:
    Nasti jnanat paro bandhuh.

    Es gibt keine besseren Freunde als Weisheit, Erkenntnis und Verständnis.
    Nasti yogat param balam.

    Es gibt keine größere Kraft als Yoga.

    Weisheit, Achtsamkeit und Verständnis, zusammen mit den Absichten, Übungen und Prinzipien des Yoga, werden zum Gegenmittel für Maya und Selbstsucht. Das ist eine Theorie. Dass die Absicht von Yoga sei, die Einflüsse und Auswirkungen von Maya zu überwinden und aufgeschlossener, herzlicher und friedlicher zu werden.

    — 3. Oktober 2016, Progressive Yoga Vidya Training, Satsang von Swami Niranjanananda Saraswati

    Das Original findest du im Yoga Magazin vom Oktober 2019 auf der Website der Bihar School of Yoga.

  • Das Positive ist allgegenwärtig

    In seinem Lied der 18 ITIES (Tugenden) beschreibt Swami Sivananda 18 verschiedene Eigenschaften, welche ein Mensch entwickeln und meistern sollte, um ein wahres menschliches Wesen zu sein. Für ihn bedeutete dies, in der materiellen Welt, ein spirituell gesegnetes Leben zu führen. Gelingt es uns, diese positiven Eigenschaften zu verinnerlichen, obwohl wir in der materialistischen Welt leben, und schaffen wir es, diesen positiven Qualitäten Ausdruck zu verleihen um der Aufrichtigkeit in uns und unserem Leben Kraft zu geben, dann ist das der Anfang von einem spirituell gesegneten Leben. Als Swami Sivananda seine Auffassung von Yoga formulierte und unserem Meister Sri Swami Satyananda den Auftrag erteilte, Yoga zu verbreiten, gab er nur drei Instruktionen: Yoga um die Qualitäten von Kopf, Herz und Händen – Intelligenz, Emotionen und Handlungen – zu kultivieren.

    Sri Swami Satyananda entwickelte das Yoga Chakra, das Rad des Yoga. Wenn wir ein Rad betrachten, befindet sich im Zentrum die Nabe, aus der die Speichen hervorgehen, die an ihrem äusseren Ende von der Felge, dem Rahmen, zusammengehalten werden. Die Nabe im Zentrum, aus der alle Speichen hervorgehen, versinnbildlicht den Zustand unseres Bewusst–seins, den reinen, transzendentalen Zustand unseres Seins und Lebens. Aus diesem transzendentalen Zustand treten die Speichen hervor.

    Sri Krishna definiert diese sechs Speichen folgendermassen (15:7):
    Manah shashthaaneendriyaani prakritisthaani karshati.

    Die sechs Speichen sind die fünf Sinne und der Geist. Die fünf Sinne und der Geist sind mit dieser äusseren Felge verbunden, welche unser Leben repräsentiert. In jedem Moment unseres Lebens benutzen wir unsere Sinne und unseren Geist. Die Sinne und der Geist ermöglichen uns Erfahrungen zu machen und Informationen, Erkenntnisse, Wissen und Fähigkeiten zu sammeln, die wir zum überleben benötigen. Wir sind das Rad. Wir gehen aus der Quelle der Schöpfung hervor, und wir nutzen unsere fünf Sinne und unseren Geist um unser Leben zu meistern. Entscheide selbst, ob du den Ursprung der Schöpfung, Big Bang, Satyam-Shivam-Sundaram oder Gott nennst. Yoga bezeichnet ihn als “Ishwara”, die immerwährende Realität.

    Das Leben ist der veränderliche Teil des Spektrums. Wenn das Leben ein Chakra – ein Rad – ist, dann ist unser Bemühen um Transformation und Entwicklung auch Teil dieses Rads. Dies ist die materielle Betrachtungsebene: das Bewusstsein, die Sinne, der Geist und die Erfahrung unseres Lebens. Das ist das Rad des Lebens, Jivana Chakra. Aus spiritueller Sicht betrachtet, wird das Jivana Chakra zum Yoga Chakra, denn das Rad des Yoga ist nur eine Spiegelung des Rad des Lebens, sie sind nicht voneinander getrennt. Das Rad des Yoga und das Rad des Lebens sind ein und dasselbe. Wenn wir über das Rad des Yoga sprechen, bringen wir dies mit verschiedenen Vorstellungen und Übungen in Verbindung. Sprechen wir vom Rad des Lebens, dann stehen die Sinne, der Geist und die Erfahrungen, die wir im Leben machen, im Vordergrund. Beide Räder gehen ineinander auf.

    Der Weg der Speichen zurück zur Nabe – das Rad des Yoga – repräsentiert die Rückkehr unseres nach außen gerichteten Lebensausdrucks zurück zum Ursprung. Dies entspricht auch der Theorie des Kundalini Yoga. Das Absteigen der Kundalini von höheren Ebenen zu den niederen Ebenen in Muladhara hat uns in diese Existenz gebracht. Das Aufsteigen der Kundalini entlang des gleichen Wegs schenkt uns die Erfahrung einer höheren Realität. Kundalini ermöglicht uns beides: Die Erfahrung der Welt und die der höheren Realität. Ähnlich verhält es sich mit dem Rad des Yoga; richten wir uns nach außen, verbinden wir uns mit der Welt. Wenn wir fokussiert und zentriert sind, kehren wir zum Ursprung zurück.

    Das Rad des Yoga versinnbildlicht die verschiedenen Yoga Wege, über die wir zurück zum Ursprung gelangen. Dies ist der Fokus des zweiten Kapitels von Yoga – das Vertiefen der eigenen Erfahrung. Doch bevor wir Yoga als Methode nutzen, um zum Ursprung zurückzukehren, lass uns zuerst genau verstehen, wie wir unsere Achtsamkeit und Wahrnehmung in der äußeren Dimension des Lebens erweitern müssen, bevor wir die Reise in die innere Dimension antreten. Dies ist ein zentraler Aspekt von Yoga: Zuerst wird die Achtsamkeit in der äußeren Dimension, in der Welt, erweitert. Erst danach beginnt man die Achtsamkeit nach innen zu lenken. Wenn wir uns in der äußeren Welt entfalten, verwenden wir die gleichen sechs Yoga Wege, und wir nutzen und lenken die gleichen sechs Sinne des Lebens: die fünf Sinnesorgane und den Geist.

    Während wir uns durch Hatha Yoga, Raja Yoga, Kriya Yoga, Karma Yoga, Bhakti Yoga und Jnana Yoga Schritt für Schritt entwickeln, verändert sich unsere Lebensweise. Wir werden uns der Art, wie wir leben immer mehr bewusst und erkennen wie wir unseren Lebensstil im Gleichgewicht halten können, damit mehr Zeit für Entspannung, Achtsamkeit und das Entwickeln einer spirituellen Identität entstehen kann. Wenn wir also Hatha Yoga, Karma Yoga, Raja Yoga und Jnana Yoga üben, abgesehen von den Veränderungen auf körperlicher und geistiger Ebene – d.h. mehr Flexibilität und Anpassungsfähigkeit – verändern sich auch unser inneres Wesen und unsere Verhaltensweisen.

    Diese Veränderungen in deinem Wesen und deiner Verhaltensweise, welche die äußere Felge darstellt, bringen gute oder auch schlechte Eigenschaften hervor. Du machst gute oder schlechte Erfahrungen aufgrund deiner Persönlichkeit. So wie du die Welt siehst, die Art wie du wahrnimmst und verstehst, wie du Dinge akzeptierst, wie du lernst, wie du erkennst, was richtig oder falsch ist – all dies geschieht auf der Ebene des Lebens und nicht auf der Ebene von Bewusstsein, denn Bewusstsein ist frei. Es ist der nach aussen gerichtete, durch die äußere Felge symbolisierte Geist, welcher sich zum Positiven wandeln muss.

    Um die Erfahrungen und Qualitäten des Lebens zu verbessern, brauchen wir Yamas und Niyamas und nicht Hatha Yoga oder Raja Yoga. Die im Yoga definierten Yamas und Niyamas sind nicht moralische oder ethische Prinzipien. Yoga sieht Moral und Ethik nicht als etwas vom Leben und der menschlichen Natur getrenntes. Wenn du ein ausgeglichener, harmonischer und achtsamer Mensch bist, dann sind dein Verhalten, deine Gedanken und deine Handlungen angemessen. Du brauchst nicht über Moral und Ethik nachzudenken, wenn du dein Leben im Einklang führst. Erst wenn du dich unangemessen verhältst, werden Ethik und Moral zum Thema. Im Yoga kämpfen wir nicht um Ethik und Moral. Die innere Klärung und Bewusstwerdung, das innere Wachstum, welches dein Wesen, deine Persönlichkeit und deine Psyche erfährt, bringen die positiven Qualitäten automatisch zum Vorschein.

    Der Ausdruck dieser positiven Eigenschaften wird als Yama und Niyama bezeichnet. Wenn es dir gelingt Hass zu überwinden und die Person zu lieben, die du ablehnst, ist dies ein Zustand, eine Bewusstheit, welche du entwickelt hast. Das ist mit Yama und Niyama gemeint. Yama und Niyama bedeutet, dass die von Tamas getrübte Natur des Geistes sich zum Positiven, zum Sattwischen, wandelt. Nicht Asanas werden die Qualität unserer Lebensweise steigern. Genauso wenig werden Pranayama oder Meditation deine Handlungen und Interaktionen verbessern. Es ist das Bemühen, sich mit dem Positiven im Leben zu verbinden, welche die Lebensqualität erhöht.

    – Satsang mit Swami Niranjanananda Saraswati, Yoga Symposium 2018 (Munger, Indien)

    Das Original findest du im Yoga Magazin vom Januar 2019 auf der Website der Bihar School of Yoga.

  • Notwendigkeit von Sanskrit Namen der Asanas

    In der Vergangenheit, im ursprünglichen Yoga System, spielten Sanskrit Namen eine sehr wichtige Rolle. Die Yogis waren in der Lage, das Problem im Patienten zu erkennen und es mit dem entsprechenden Chakra in Verbindung zu bringen. Zum Beispiel hängt eine Verdauungsstörung mit Manipura Chakra zusammen. Das sagt uns auch unser gesunder Menschenverstand. Der Yogi wird erkannt haben, dass ein bestimmtes Chakra von einer Krankheit beeinflusst wurde, von einem Leiden oder einem bestimmten Zustand des Körpers oder des Verstandes. Indem er Bhujangasana empfahl, hatte der Yogi das Wissen, dass die entsprechende Haltung auf das Erwachen und das Ausgleichen bestimmter kleiner und größerer feinstofflicher Zentren wirkt, augenblicklich dem Patienten und ebenso den Lehrern übertragen. Auf diese Weise spielten Sanskrit Namen eine wichtige Rolle in antiken Heilverfahren.

    Mit dem Aufkommen der Wissenschaft waren wir langsam in der Lage, das System der Diagnose und Behandlung von Krankheiten zu verfeinern, aber die Sanskrit Namen wurden weiterhin verwendet, und wir versuchen sie so gut wie möglich aufrechtzuerhalten. In diesem Sinne ist es gut, ein Verständnis von den Namen zu haben und davon, was sie bedeuten.

    Ich spreche nicht davon Chakra als ‘das Rad’ zu übersetzen oder Dhanur als ‘der Bogen’ – nicht diese Art von Übersetzung. Vielmehr spreche ich vom direkten Bezug zu den Chakras. Dieser Prozess ist sehr einfach. Alles was du brauchst, ist ein Wörterbuch über Chakras, das zeigt, welches Mantra zu welchem Chakra gehört. In sämtlichen Büchern über Kundalini kannst du die Bija Mantras der Blütenblätter, die die Chakras umgeben, finden. Du sagst also einfach: ‘bhu-jan-ga’… ‘bhu’ ist Anahatha, ‘jan’ ist Manipura, ‘ga’ ist Vishuddhi. Dann weißt du ganz selbstverständlich und spontan, dass diese bestimmte Haltung auf diese bestimmten Chakras wirkt. Deswegen benutzen wir Sanskrit Namen, auch wenn es eine tote Sprache ist.

    – Satsang mit Swami Niranjanananda Saraswati

    Das Original findest du im Yoga Magazin vom März 1992 auf der Website der Bihar School of Yoga.

  • Die Essenz von Yoga

    Der Geist wird von sechs Eigenschaften beeinflusst: Eine davon ist Kama, Lust und Begierde. Wir alle kennen Begierde. Dann Krodha, Aggression oder Wut; Lobha, Gier; Moha, Verblendung – wir alle haben sie, genauso wie Mada, Ego oder Stolz und Matsarya, Eifersucht. Diese sechs Eigenschaften definieren das Verhalten des Geistes in unser aller Leben. Die Menschen reden von Anspannung, Stress und Ängsten und versuchen damit klar zu kommen. Sie beschäftigen sich jedoch nicht mit den Ursachen, die den Anspannungen, dem Stress und den Ängsten zugrundeliegen.

    Dieses Szenario ist aus der Schulmedizin bekannt: Wenn Menschen unter Bluthochdruck leiden, werden Tabletten eingenommen, um den Blutdruck zu senken. Die Ursache des Bluthochdrucks wird dabei jedoch nicht behandelt. Gegen Diabetes werden Tabletten oder Insulinspritzen verabreicht, um das Insulin im Körper zu erhöhen. Es wird jedoch nichts unternommen, um das Ungleichgewicht im Körper zu beseitigen, so dass dieser Insulin wieder selbst produzieren kann. An diesem Punkt ist Yoga am wirksamsten, da es dem Körper ermöglicht, wieder gesund zu werden.

    Das gleiche Prinzip lässt sich auf den Geist übertragen. Wenn wir von Stress oder Anspannung sprechen, wo liegt denn die Ursache dafür begraben? Wenn unsere sehnlichsten Wünsche unerfüllt bleiben, ist dies eine Ursache für Stress. Wir verbinden Stress entweder mit der Arbeit, der Familie, dem sozialen Umfeld oder der sozialen Situation, in der wir uns befinden. Es handelt sich hierbei jedoch nur um die Trigger, welche diese Eigenschaften des Geistes hervorbringen.

    Unzufriedenheit entsteht, wenn unsere Wünsche oder Erwartungen nicht erfüllt werden und dies erzeugt Stress. Unzufriedenheit entsteht, wenn wir nicht in der Lage sind, mit unseren Aggressionen umzugehen und das wiederum wird zur Ursache für Ängste und Anspannungen. Wenn wir uns also die Frage nach der Ursache von Stress und Anspannung stellen, so entdecken wir, dass diese ihren Ursprung in einer der sechs Tendenzen unseres Geistes haben.

    Wenn wir Erwachsenen oder Kindern Yoga unterrichten, beschränken wir uns nicht einzig auf die physische Ebene. Der Unterricht ermöglicht ihnen auch Selbstbeobachtung und erlaubt ihnen, ihre unkontrollierten und ungelenken Reaktionen und Erwiderungen besser zu bewältigen. Sobald sie diese Erfahrung machen, erleben sie die Befreiung von der direkten Wirkung und dem direkten Einfluss dieser mentalen Verhaltensweisen und entdecken ihren eigenen Frieden und ihre kreativen Kräfte.

    Es ist nicht die Körperhaltung, welche das Wesen des Menschen verändert; es ist nicht die mentale Übung, welche die Natur eines Menschen verändert. Es ist das Gewahrwerden gegenüber unserer Umwelt und gegenüber unseren Verhaltensweisen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Die Essenz des Yoga liegt darin, dem Menschen die Fähigkeit zu verleihen, auf adäquate, harmonische, konstruktive und positive Art und Weise zu handeln, selbst unter destruktiven und negativen Umständen.
    –06. Juni 20014, Kathmandu, Nepal, von Swami Niranjanananda Saraswati

    Das Original findest du im Yoga Magazin vom Januar 2016 auf der Website der Bihar School of Yoga.

  • Der wahre Spiegel

    Von wem erlernen wir Yoga? In der spirituellen Tradition lernen wir von einem Guru. Im gewöhnlichen, gesellschaftlichen Gefüge lernen wir von Lehrern oder Professoren. Zwischen einem Professor, Lehrer, Dozenten und einem Guru besteht jedoch ein Unterschied. Menschen, die sich mit gesellschaftlichen Rollen identifizieren, sagen: “Ich bin Dozent für Yoga, ich bin ein Yoga Lehrer, ich bin ein Yoga Experte, ich bin dies und das für Yoga.” Dies deutet auf ihr begrenztes Verständnis hin. Worin liegt der Unterschied zwischen einem Lehrer und einem Guru? Der Lehrer, der sein Wissen aus Büchern hat, unterrichtet Yoga, aber er lebt es nicht. Ein Guru hingegen lebt Yoga und unterrichtet es nicht. Wenn es dir gelingt, die Lehren des Gurus aufzunehmen und diese in dein eigenes Leben zu integrieren, wirst du vom ganzen Prozess eine tiefer gehende Erfahrung und Erkenntnis erhalten.

    Du musst den Guru als Guru akzeptieren. Betrachte ihn nicht als Problemlöser oder Berater für Familienangelegenheiten wie Heirat, Scheidung oder für Fragen zu Beruf und Ausbildung. Die Rolle des Gurus ist klar definiert. Im einfachsten Sinne ist die Rolle des Gurus, die eines spirituellen Führers. Er ist weder Berater für Hochzeitsangelegenheiten noch für Fragen zum Studium. Frage den Guru, wie du inneren Frieden erlangen kannst, wie du Positivität und Kreativität entwickeln kannst, und du wirst eine Antwort erhalten. Wenn du den Guru als spirituellen Wegweiser annehmen kannst, wirst du im Leben wachsen und erfolgreich sein. Betrachtest du ihn hingegen als Berater und glaubst, wenn du seine Ratschläge befolgst, du im Leben glücklich sein, den richtigen Partner oder einen guten Job finden und Geld verdienen wirst, dann wird sich diese Beziehung erst gar nicht entwickeln. Du magst vielleicht glücklich sein, okay, aber es findet kein Wachstum statt; es entwickelt sich keine Verbindung.

    An die Verbindung zum Guru sollte keine Erwartung geknüpft sein. Vom Guru solltest du nichts erwarten, vielmehr solltest du von dir selbst etwas erwarten. Was erwartest du von einer Glühbirne, von einer die zehn oder hundert Watt hat? Dass sie Licht gibt. Was jedoch tust du, wenn du eigentlich fähig wärst zu sehen? Wenn es hell ist und du deine Augen schließt, hat das Licht keine Bedeutung. Ist es jedoch dunkel, und du entschließt dich, deine Augen zu öffnen, wirst du eines Tages in der Lage sein, zu sehen. Daher solltest du an dich Erwartungen stellen und nicht an den Guru.

    So wie du dich im Badezimmer im Spiegel siehst, ist im spirituellen Leben der Guru der Spiegel, in welchem dein spirituelles Selbst reflektiert wird. Du schaust in den Badezimmerspiegel, um dich schön zu machen. In der gleichen Art und Weise schaust du auf den Guru und deine Reflexion und versuchst dich selbst zu verbessern, um das schöne Selbst zur Entfaltung zu bringen. Du musst von dir selbst etwas erwarten, nicht vom Guru. Der Guru ist nur ein Spiegel, der dir in jedem Moment das reflektiert, was du gerade bist.

    Wie soll man also eine Beziehung zu einem Guru aufbauen, ohne von ihm abhängig zu werden? Menschen werden abhängig, wenn sie beginnen, zu viel von einer anderen Person zu erwarten. Wenn du jedoch von dir selbst erwartest, dich zu verbessern und zu entwickeln, dann nimmt deine Abhängigkeit ab. Dies ist das Geheimnis spiritueller Entwicklung.

    Satsang vom 18. August 2008, Ganga Darshan, Munger

    Abgedruckt in On the Wings of the Swan – Volume VIII von Swami Niranjanananda Saraswati

    Das Original findest du im Yoga Magazin vom Juli 2016 auf der Website der Bihar School of Yoga.

  • Klassischer Yoga

    Schon immer gab es unterschiedliche Herangehensweisen an den Yoga. Manche Exponenten nannten ihr System traditionellen Yoga, wissenschaftlichen Yoga, ganzheitlichen Yoga und so weiter. Swami Sivananda nannte seinen Yoga „Integralen Yoga“, der alle Aspekte für ein homogenes Wachstum der menschlichen Natur, von Körper, Geist, Gefühlen und Seele, umfasst. Sri Swami Satyananda nannte seinen Yoga ebenfalls „Integralen Yoga“ aber mit einem stärkeren Miteinbeziehen von wissenschaftlichen Erfahrungen und Experimenten.

    Zur Zeit von Swami Sivananda und Swami Satyananda waren solche Bezeichnungen notwendig. Als Swami Sivananda vor 50 Jahren Yoga lehrte, hatten die Menschen kein Konzept davon was Yoga war. Er entschloss sich, Yoga aus seinem mystischen Umfeld heraus in eine Umgebung zu bringen, die den Menschen seiner Zeit entsprach. Swami Satyananda führte dieses Konzept einen Schritt weiter. Um die Gültigkeit wertvoller yogischer Traditionen zu bestätigen, hob er den Wert von wissenschaftlicher Forschung hervor.

    Wissenschaft
    Der Begriff „klassischer Yoga“ beschreibt eine Kombination aus traditionellem und wissen-schaftlichem Yoga. Tradition und Wissenschaft rufen in der heutigen Lebensumwelt verschie-dene Vorstellungen hervor. Die heutige Wissenschaft ist definitiv nicht in der Lage, alle Behauptungen des Yogas zu bestätigen. Um diese Behauptungen zu interpretieren reichen die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht aus. Die Wissenschaft kann den feinstofflichen Prana nicht messen, nicht einmal mit Kirlianfotografie. Sie kann elektrische Strahlungen messen, die positiven und negativen Energiefelder des Körper, aber es gibt keine Instrumente, um subtile Energiezustände zu messen.

    Die Wissenschaft kann Kundalini oder Chakras nicht messen. Es wurden Versuche gemacht und sie waren auch nicht nutzlos. Allerdings haben sie nur einen Bruchteil des gesamten Bereiches erfasst. Der Wissenschaft fehlen die Ausrüstung und der Grad an Erkenntnis, um mit Yoga zu experimentieren. Man kann mit Pranayama experimentieren, weil er sich mit der Atmung befasst oder mit Asanas, weil sie die Funktion und Leistung der inneren Körperorgane und -systeme stimulieren, verändern und beeinflussen. Mit bestimmten Instrumenten kann man die Muskelspannung, den Atem, Puls, Blutdruck oder die Gehirnwellen messen.

    Dennoch wird es schwer sein, die Errungenschaften der Yogis in Bezug auf Mudras und Bandhas zu messen oder zu bestätigen, da diese die subtilen Energiefelder stimulieren. Es wird schwierig sein mit den Bewusstseinszuständen von Meditation und Samadhi zu experi-mentieren. Die moderne Psychologie ist nicht einmal in der Lage, das Bewusstsein klar zu definieren oder was die Funktionen, Attribute und Erfahrungen des Unbewussten sind.

    Klassischer Yoga
    Vor diesem Hintergrund muss sich eine Synthese zwischen traditionellem und wissenschaft-lichem Yoga entwickeln. Diese Synthese stellt den klassischen Yoga dar, indem es Konzepte, Theorien und Prinzipien hinter den Yogatechniken, Erfahrungsbereiche, Natur und Persön-lichkeit als gegeben miteinbezieht. Es wird einige Zeit beanspruchen, die Wahrheit in diesen Konzepten wissenschaftlich zu erkennen. In der Zwischenzeit soll versucht werden, mit welchem wissenschaftlichen Wissen auch immer, die traditionelle Sprache und Konzepte zu verstehen, und sie in moderner Sprache auszudrücken. So viel kann man im Moment tun. Daher wird das System, das an der Bihar School of Yoga gelehrt wird, klassischer Yoga genannt und repräsentiert Tradition und Wissenschaft.

    Du findest das Original auf: http://biharyoga.net/yoga-magazine-english-june-2013.php