Category: Satsangs von Swami Satyananda

  • Die Inspiration geht weiter

    Im Juni 1988 fand in Ganga Darshan ein einmonatiger Lehrer- und Lehrerinnen
    Ausbildungskurs (TTC Teacher Training Course) statt. Sri Swami Satyananda traf die
    Schülerinnen und Schüler im Satsang und beantwortete ihre Fragen.

    Dies war das letzte Mal, dass er in Ganga Darshan über Yoga sprach, denn am 8. August 1988
    verließ er den Ashram und begann seine Tirtha-Yatra (Pilgerreise), die ihn schließlich nach
    Rikhia führte.

    Sollte das Üben von Asanas immer mit Shavasana beginnen?
    Du kannst deine Asanas entweder mit Shavasana oder mit Kaya Sthairyam beginnen. Kaya
    Sthairyam bedeutet, in Siddhasana mit Chin Mudra zu sitzen oder in Padmasana mit Yoni
    Mudra. Halte den Körper drei Minuten lang bewegungslos. Halte deinen Geist auf die Passage
    zwischen Nabel und Kehle gerichtet und folge dem Atem auf und ab für 45 Runden. Dann
    kannst du mit den Asanas beginnen, die du magst.

    Unter welchen Bedingungen sollte man kein Yoga üben?
    Wenn du an einer akuten Krankheit leidest, wie z.B. akutem Typhus. Bei chronischen und
    konstitutionellen Krankheiten kann man üben, aber bei akuten Krankheiten sollte man das Üben
    vermeiden. Im Buch Asana Pranayama Mudra Bandha steht alles darüber und auch in der
    Hatha Yoga Pradipika, einem sehr alten Buch, das von Swatmarama, einem großen Yogi,
    geschrieben wurde.

    Wie wirkt sich Yoga auf junge und alte Menschen aus?
    Den jungen Menschen gibt er Energie, aktiver zu werden und ein erfolgreiches und nützliches
    Leben zu führen. Älteren Menschen kann er Frieden und innere Zentriertheit geben. Zudem
    kann er sie von vergangenheitsbezogenen Überlegungen wie auch von zukünftigen
    Erwartungen befreien. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988

    Welche Asanas können dem Geist helfen und welche sind für den Frieden geeignet?
    Nach der Hatha Yoga Pradipika und anderen yogischen Texten, sowie nach dem Yoga
    Darshan von Patanjali besteht der Hauptzweck von Asana darin, den Geist zu beruhigen. Die
    Menschen in Indien haben früher kein Yoga gegen Bluthochdruck praktiziert, weil sie keinen
    Bluthochdruck hatten. Sie lebten in einer reinen Atmosphäre, nahmen einfache Mahlzeiten zu
    sich, bewegten sich viel und arbeiteten den ganzen Tag. Sie setzten sich jeder strengen
    Lebenssituation aus und übten sich in Enthaltsamkeit, Tapasya. Sie praktizierten kein Yoga
    gegen Diabetes oder Herz-Kreislauf-Probleme. Wozu setzten sie dann Asanas ein?
    Die Definition von Asana lautet sthairyam sukham asanam – halte dich in einer stabilen und
    angenehmen Haltung und sitze still. Der Zweck aller Asanas, nicht nur von Padmasana oder
    Siddhasana, bestand also darin, den Geist zu beruhigen, ihn friedlich zu machen, so dass man
    sich auf spirituelle Kontemplation und philosophisches Denken einlassen konnte. Es ist sehr
    schwierig zu sagen, welche Asana Frieden und Stille des Geistes vermitteln kann – jede Asana!
    Das ist der Hauptzweck der Asana. Wenn du mehr darüber wissen willst, musst du die
    Konzepte von Patanjali im Yoga Sutra studieren, denn er sagt, dass die Asana, wenn du sie
    übst, den Einfluss der entgegengesetzten Kräfte im Körper ausgleicht (2:48):
    Tato dvandvanabhighatah
    Dadurch hört die Wirkung der Gegensatzpaare auf. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988

    Was ist der Unterschied zwischen Yoga und Sport?
    Yoga ist ein System, bei dem die Beanspruchung der Muskeln minimal ist. Im Gegensatz dazu
    ist Sport ein System, bei dem die Muskeln stark beansprucht werden. Bei allen Übungen, ob
    Aerobic oder andere Formen, werden die Verbrennungsprozesse in den Muskeln angeregt, sie
    werden trainiert. Im Yoga jedoch werden die Muskeln am wenigsten beansprucht. Yoga
    Übungen oder Asanas wirken auf die Nerven, die endokrinen Drüsen und auf die pranischen
    Kräfte im Körper. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988

    Was bedeutet es, wenn jemand im Yoga Nidra in den Tiefschlaf fällt?
    Es bedeutet, dass du voller Anspannungen bist. Deine Nerven sind erschöpft und aufgrund
    von Yoga Nidra und der intensiven Deltawellen im Gehirn sind sie in einen tiefen Zustand der
    Inaktivität übergegangen.

    Ist es ratsam, nach den Mahlzeiten irgendeine Art von Übung zu machen, wie zum
    Beispiel Bauch- oder yogische Atmung?
    Nach dem Mittag- und Abendessen, wenn der Magen voll oder halb voll ist, solltest du
    Vajrasana üben. Diejenigen, die an Rückenschmerzen leiden, können Makrasana üben, aber
    keine anderen Asanas.

    Was ist der Unterschied zwischen der Wirkung von Asana und Pranayama?
    Asanas bereiten den Körper vor und wenn er vorbereitet ist, können die Pranas jeden Nerv und
    jede Pore des Körpers durchdringen. Der Körper kann dann die pranischen Kräfte effizient
    aufnehmen. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988

    Kann Yoga Therapie die Sehkraft, insbesondere bei Weitsichtigkeit, verbessern? Wenn ja,
    wie wirksam ist sie?
    Es gibt bestimmte Erkrankungen, bei denen Yoga vielleicht nicht helfen kann. Wenn die Organe
    aber funktionieren, kann Yoga ihre Tätigkeit sicherlich verbessern. Wenn das Problem eine
    organische Ursache hat, ist es am besten sich entsprechend behandeln zu lassen.
    Auf jeden Fall kann man durch Yoga und durch Trataka die Sehkraft stärken. Zudem wirken sich
    Augenübungen, die Praxis von Neti Kriya oder manchmal sogar intensive stille Meditation,
    positive auf die Sehkraft aus. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 13. Juni 1988

    Was ist natürliche oder gewöhnliche Atmung? Bei der yogischen Atmung werden beide
    Lungenflügel vollständig mit Luft gefüllt, wie ist es bei der gewöhnlichen Atmung?
    Natürliches Atmen ist müheloses Atmen. Es geschieht dann, wenn du dem Atem einfach
    zuschaust. Wenn du dich beim Einatmen bemühst, und wenn du dich beim Ausatmen
    bemühst, nennt man es Pranayama. Übst du kein Pranayama, das heisst du bemühst dich
    nicht, nennt man es «müheloses Atmen» Sahaj Pranayama. Du hast das Gefühl zu wissen,
    dass du in der Nacht atmest. Aber bist du dir effektiv sicher, dass du atmest? Ja. Das nennt
    man gewöhnliche Atmung oder natürliche Atmung oder Sahaj Atmung. Der Punkt ist, dass du
    nur atmest aber nicht darauf achtest. Wenn du diese natürliche Atmung beobachten willst,
    bittest du abends ein Mitglied deiner Familie zu schlafen und du setzt dich hin und
    beobachtest. Du wirst feststellen, dass sie nicht die ganze Nacht über auf dieselbe monotone
    Weise atmen. Nein, sie ändern regelmässig ihr Atemmuster, nach zehn oder fünfzehn Minuten.
    Manchmal geht die Atmung rascher und manchmal bleibt sie für den Bruchteil einer Sekunde
    stehen oder für zwei, drei, vier, fünf Sekunden. Und wenn sie stehen bleibt, ist der Schlaf
    unterbrochen.
    Das automatische Aussetzen des Atmens für eine gewisse Zeit, ist einer der Gründe, weshalb
    man nachts aufwacht. Dieses Verhalten wird durch das autonome Nervensystem im Gehirn
    gesteuert. Es ist das, was wir in Ajapa Japa anstreben. Es ist das, was wir in Antar Mouna
    anstreben. Buddha hat Vipassana gelehrt, wo es um das dasselbe geht. Mahavir, der Jain
    Heilige, lehrte Preksha Dhyana und in den Upanishaden wurde Ajapa Japa gelehrt.
    Der Jiva, die individuelle Seele, wiederholt ständig So Ham, So Ham, So Ham… Du übst das So
    Ham Mantra Tag und Nacht – in vierundzwanzig Stunden 21’600 Mal. Fünfzehn Atemzüge pro
    Minute ist natürlich. Swami Goraknath hat gesagt, aisa jap japo mana layi, So Ham, So Ham
    surat gayi. Surata bedeutet «Bewusstsein», Api Ap bedeutet «Ajapa Japa». Banka nali main
    uge sur. Banka bedeutet «Lotus», Kamal und Nali bedeutet «Stamm/Lotusstamm», und Sur
    bedeutet «Sonne». Das heisst, dass sich in einem bestimmten Moment die ganze Wirbelsäule
    in eine Lichtsäule, ähnlich einer Leuchtstoffröhre, verwandelt. Der ganze Körper erzeugt einen
    melodiös-schwingenden Klang. Das geschieht, nachdem man es (Ajapa Japa) 21’600 mal
    geübt hat.
    Der Yogi versucht dies zu erlangen, weil in den Hatha Yoga Shastras beschrieben wird, dass
    die Anzahl Atemzüge begrenzt und festgelegt ist. In einem Leben wirst du nur eine bestimmte
    Anzahl Atemzüge machen. Die Anzahl dieser Atemzüge ist also festgelegt – fünfzehn pro
    Minute, 21’600 an einem Tag, zwei weitere Nullen in hundert Tagen, eine weitere Null in tausend
    Tagen, in hundert Jahren so viele Nullen.
    Wenn du die Anzahl Atemzüge pro Minute verändern willst, dann reduziere die Atemzüge von
    fünfzehn auf vierzehn auf dreizehn auf zwölf auf elf. Du kannst sie definitiv auf zehn Atemzüge
    pro Minute reduzieren. Am Anfang musst du dich anstrengen, später geschieht es natürlich.
    Alle atmen von Natur aus fünfzehn Atemzüge pro Minute, aber durch yogische Konzentration,
    yogische Übungen, kann man sie auf zehn pro Minute reduzieren. Die meisten Menschen
    können sie auf zwölf oder elf senken. Wenn du die Atemfrequenz auf zehn pro Minute
    herunterbringst, nimmt die Brillanz des Gehirns zu. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 14. Juni 1988

    Wenn wir Kindern Yoga Asanas und Pranayama beibringen wollen, was wäre das richtige
    Alter um zu beginnen?
    Kinder sind Kinder der Natur, es ist sehr wichtig, dass ihr das alle versteht. Sie folgen den
    natürlichen Gesetzen, ausser die Eltern greifen ein. Bis zum Alter von sieben Jahren nehmen
    Kinder alles in sich auf. Sie können mehr lernen als alle anderen. Wenn du Yoga übst, werden
    sie es in sich aufnehmen, du brauchst es ihnen nicht beizubringen. Nach dem siebten
    Lebensjahr beginnen die Übungen von Pranayama, Surya Namaskara und Mantra Singen – das
    sind die drei wichtigsten Übungen für ein Kind.
    Es ist wichtig zu verstehen, dass Kinder eine sehr wichtige Drüse in ihrem Körper haben,
    nämlich die Zirbeldrüse (Epiphyse). Sie befindet sich mitten im Gehirn. Diese Zirbeldrüse spielt
    eine wichtige Rolle für den adäquaten Ausdruck und die Bewältigung von Emotionen. Kurz
    gesagt, die Zirbeldrüse dient als Kontrollorgan für das ungezügelte Verhalten der
    Hirnanhangdrüse (Hypophyse). Die Hirnanhangdrüse ist eine weitere Drüse.
    Im Yoga wird die Zirbeldrüse (Epiphyse) als Ajna Chakra und die Hypophyse
    (Hirnanhangdrüse) als Sahasrara Chakra bezeichnet. Diese Hypophyse produziert wichtige
    Gruppen von Hormonen, besonders im Hinterlappen. Der Hinterlappen der Hypophyse
    produziert von Zeit zu Zeit eine Reihe von Hormonen, eigentlich chemische Sekrete, welche
    Emotionen, Leidenschaften und eine ganze Reihe von Dingen erzeugen. Werden diese
    chemischen Sekrete aus der Hypophyse nicht richtig von der Zirbeldrüse ausgeglichen, kann
    sich ein achtjähriges Kind wie ein 35-jähriger Mann fühlen. Stell dir vor, dieses acht oder zwölf
    jährige Kind denkt wie ein Erwachsener! Wird es dann in der Lage sein, das geistige
    Gleichgewicht zu halten? Nein. Ich bin sechsundsechzig. Würde ich zu fühlen beginnen, wie
    ich mit neunzehn Jahren empfand, kriegte ich einen Herzinfarkt.
    Daher hat die Natur, Prakriti, oder das Naturgesetz, ein System, das Prakriti Vidhan genannt
    wird. Dieses Naturgesetz ist unveränderlich. Gemäß dem vedischen Dharma kann man es nicht
    verändern. Gemäß dem Konzept der Wissenschaft von Mantra sind die Naturgesetze nicht
    veränderbar. Materie ändert ihre Eigenschaften nicht. Es kann eine chemische Reaktion geben,
    das ist alles. Aber davon ändern sich die Naturgesetze nicht. Deshalb steht der Körper eines
    Kindes im Alter von sieben oder acht Jahren unter der Kontrolle der Zirbeldrüse.
    Nach dem siebten Lebensjahr beginnt die Zirbeldrüse zu zerfallen und abzusterben. Wie
    zerfällt sie? Genauso wie die Geschlechtsdrüsen im Alter von fünfundvierzig bei den Männern
    und fünfzig Jahren bei Frauen zu zerfallen beginnen, wenn sie in die Wechseljahre kommen.
    Ab dem Alter von zweiundvierzig, dreiundvierzig, fünfundvierzig Jahren beginnen sie zu
    zerfallen und sterben schließlich ab. Es gibt keinen ovariellen Fluss mehr, die Eizellen reifen
    nicht mehr. Das ist vorbei. Das wird Zerfall genannt. Auf die gleiche Weise zerfällt auch die
    Zirbeldrüse. Es gibt keine Sekrete, keine Schwingungen, keine Impulse, keine Ausstrahlungen
    von der Zirbeldrüse. Wenn die Zirbeldrüse zerfällt, wird die Hypophyse unabhängig, frei,
    swatantra. Dann wird aus einem Kind ein Junge oder ein Mädchen. Solange die Zirbeldrüse
    lebt, ist ein Kind ein Kind, ob männlich oder weiblich. In dem Moment, in dem der
    Zirbeldrüsenkörper zerfällt, wird die Hypophyse, ohne jegliche Kontrolle durch den
    Zirbeldrüsenkörper, voll funktionsfähig. Die Gesundheit dieses Zirbeldrüsenkörpers sollte durch
    drei Übungen aufrechterhalten werden – Pranayama, Mantra und Surya Namaskara.
    Upanayam wurde zu einem religiösen Ritual. Was ist die Bedeutung eines Karma Kanda, eines
    Rituals, wenn es keinen Bezug zum Alltag hat und mit ihm verbunden ist? Wenn du deinem
    Kind nicht erklären kannst, was das Samskara bedeutet (Anmerk. des Übersetzer Teams: in
    diesem Kontext bedeutet Samskara “rituelle Handlung”), wird es das Samskara nicht befolgen.
    Warum sollte es sich den Kopf rasieren? Warum sollte es sich ein Chutiya, ein Haarbüschel,
    wachsen lassen? Warum sollte es die drei Fäden tragen? Dieses Upanayam bedeutet “das
    zweite oder zusätzliche Auge” – upa-Nayanam.
    Bis zum Alter von sieben Jahren sollte ein Kind vollkommen frei sein. Es kann spielen, es kann
    tun, was es will, es erhält keine Disziplinen oder Systeme. Es ist wild. Im Alter von sieben
    Jahren legt es ein Gelübde ab, ein Vrata – “jeden Morgen bringe ich der Sonne meinen Gruß
    dar”. Das ist sehr förderlich für die Gesundheit. Ich brauche das nicht zu beweisen. Zweites
    Gelübde: “Ich übe Pranayama”. Pranayama ist sehr gut für die Lunge, das Herz, das Gehirn
    und das Nervensystem. Das dritte Gelübde ist das Rezitieren von Mantra. Mantra klärt die
    Zunge, die Ohren, das Nervensystem und den Geist. Wenn man jemanden mit dem Namen
    Esel, Schwein oder Eule beschimpft, hat das seine Wirkung. Wenn du jemanden als Esel
    bezeichnest, wird weder er noch du glücklich sein. Du hast es im Zorn gesagt. Ein Wort kann
    positive, negative, abstoßende, anziehende, abscheuliche und rohe Emotionen hervorrufen,
    daran besteht kein Zweifel. Wenn du am Morgen Om Namah Shivaya wiederholst, macht das
    einen Unterschied. Das Mantra hat also eine klärende Wirkung: Mananat trayate iti mantrah.
    Mananat bedeutet “ständige Wiederholung”. Trayate bedeutet “das, was deinen Geist befreit”. Iti
    bedeutet “so ist es”.
    Wenn der Geist noch rein ist, sind dies die drei Übungen, die Kindern im Alter von sieben
    Jahren beigebracht werden sollten. Drängt sie nicht in Bhujangasana, Dhanurasana oder
    Vrishchikasana, bloss weil Kinder die Übungen schön ausführen können, da ihre Wirbelsäule
    so geschmeidig ist. Lasst ein Kind das tun, was sein Körper zulässt und was seinen Geist
    inspiriert. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988

    Bei einigen Übungen werden wir aufgefordert, uns selbst zu beobachten. Gibt es einen
    Unterschied zwischen dem Beobachtenden und dem Beobachteten? Sind sie nicht
    dasselbe?
    Letztendlich sind die beobachtende Person und das Objekt der Beobachtung dasselbe, aber
    das ist das höchste Ziel. Während der Sadhana gibt es diese Dualität zwischen der
    beobachtenden Person, Drashta, und dem Gesehenen, Drishya. Der Geist nimmt bestimmte
    Vrittis an. Wenn du dich selbst beobachtest, erschaffst du ein Muster in deinem Geist. Der
    Geist baut oder formt sich selbst in ein bestimmtes Vritti um. Das ist in Ordnung. Du solltest
    dich aber daran erinnern, dass der Geist in fünf Vrittis unterteilt ist: Pramana oder direktes
    Wissen, Viparyaya oder falsches Wissen, Vikalpa oder Fantasie und Einbildung, Nidra oder
    Schlaf und Smriti oder Erinnerung. Dies sind die fünf Vrittis gemäß dem klassischen Yoga:
    korrektes Erkennen, falsches Erkennen, Abwesenheit von Erkennen, Wissen über Vergangenes
    und verzerrtes, irrtümliches Wissen.
    Diese spezielle Vritti, die du ansprichst, wird Dhyana Vritti genannt. Um diese fünf Vrittis zu
    überwinden und zu bezwingen, musst du eine neue Vritti schaffen. In den Yoga Sutras werden
    verschiedene Wege erwähnt. Eine Möglichkeit wird im Sutra 1:35 beschrieben:
    Vishayavati pravrittihi utpanna mansaha sthiti nibandhani
    «Der Geist wird zur Ruhe gebracht, indem man ihn mit der Aktivität der Sinneserfahrung
    verbindet.»
    Diese Vritti kann alles und jedes sein. Du kannst dich auf einen großen Heiligen konzentrieren.
    Du kannst auf Licht oder über die Formen und Muster deines Geistes meditieren – es kann
    Leidenschaft, Ärger, Verlangen, Angst sein, es kann alles sein. Was machst du nun damit?
    Im Tantra geht man auf den Friedhof. Was geschieht dort? Du beobachtest, wie du Furcht
    erlebst. Furcht ist eine Vritti. Wenn dein Geist Furcht erlebt, ist das eine Vishayawati Pravritti.
    Leidenschaft und Angst sind ebenfalls Vishayawati Pavritti. Um die Aktivität des Geistes zu
    bewältigen, müssen im Tantra die Vishayawati Pavritti unter Kontrolle gebracht werden.
    Dadurch wird der Geist unter Kontrolle gebracht, was aber nicht der einzige Weg ist.
    Buddha, Mahavir und viele andere große Mahatmas lehrten andere Wege. Kabir Das und die
    Upanishaden sagten, konzentriere dich einfach auf deinen Atem, dann auf dein Mantra, dann
    auf die Passage in der Wirbelsäule, dann auf die Lotus, die Chakras, dann auf die Nadis, dann
    auf Sahasrara. Dies sind die Stufen und Schritte.
    Sich selbst während Ajapa Japa, Vipassana Meditation oder Preksha Meditation zu
    beobachten, ist eine verbreitete Übung. Es geht aber um viel mehr als das. Es geht um
    Selbstbeobachtung: Du beobachtest deine Finger, die Position deiner Arme, die Position
    deines Körpers. Du beobachtest, ob sich deine Augen bewegen, ob du dich konzentrierst oder
    nicht, ob du denkst oder nicht denkst, ob du nach Norden oder nach Süden schaust. Du
    beobachtest, ob du auf dem Boden oder auf einem Holzpodest sitzt, ob du einen Dhoti oder
    eine Hose trägst oder ein Hemd. Es gibt so viele Dinge, die du beobachten musst. Du
    beobachtest das Klopfen deines Herzens, dann beobachtest du die stille Vibration deines
    Körpers.
    Wenn du tiefer und tiefer gehst, stellst du fest, dass dein Körper nicht still ist. Du fühlst, dass er
    still ist, aber er ist es nicht. Der physische Körper vibriert mit gewaltiger Frequenz und du
    kannst es weder sehen noch fühlen. Nur durch scharfes, konstantes und tiefes Gewahrsein
    kannst du spüren, dass dein Körper vibriert. Du weisst nicht, dass sich deine Augen bewegen.
    Nur bei medizinischen Untersuchungen werden die REMs, (Rapid Eye Movements: schnelle
    Augenbewegungen) bemerkt. Nur während der tiefen Meditation in Samadhi Avastha,
    Savikalpa, haben die Augen keine REMs. Diese Augenbewegungen kontrollieren die
    Bewegung des Geistes.
    Der Geist ist nicht nur psychologisch, der Geist ist auch physiologisch – Mastishk oder Gehirn.
    Geist und Emotionen sind nicht nur psychologisch. Emotionen sind so real, wahr und greifbar
    wie eine chemische Reaktion, die Rauch oder Gas erzeugt. Ein Gedanke wird durch eine
    chemische Reaktion erzeugt. In unserem physischen Körper gibt es chemische und pranische
    Reaktionen. Wir haben zwei Energien in unserem Körper – Geist und Prana. Diese beiden
    grossartigen Kräfte hängen von der Chemie des Gehirns ab. Das gilt für alles. Man kann nicht
    einfach Elektrizität erzeugen. Es gibt chemische Reaktionen, chemische Verbindungen. Die
    Energie muss durch bestimmte chemische Strukturen oder Formationen fließen und so wird
    Energie, Elektrizität erzeugt.
    Ein Gedanke ist eine sehr komplexe Sache. Ein Gedanke wird nicht durch den Verstand allein
    erzeugt, sondern durch Verstand plus Prana plus die chemischen Reaktionen in deinem
    Körper. Um dich selbst zu beobachten, musst du dir eine Sache ganz klar vor Augen halten: du
    versuchst, jede einzelne Funktion des Körpers zu kontrollieren. Buddha pflegte seine Schüler
    zu belehren: «Bhiku, wenn deine Hand halb oben ist, solltest du es wissen. Wenn du deine
    Arme ganz hochgehoben hast, musst du es wissen. Wenn du dich an der Nase kratzt, solltest
    du es wissen. Wenn du dich zum dritten Mal gekratzt hast, ‘ja, ich habe mich zum dritten Mal
    gekratzt, zum vierten Mal, zum fünften Mal’.” Je mehr du dir deiner selbst bewusst wirst, desto
    tiefer gehst du in deinen Geist. Dein Bewusstsein erlangt dadurch Kontrolle über jede einzelne
    Emotion und chemische Reaktion. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988

    Wir sehen in der westlichen Welt vermehrt psychologische Probleme. Was ist der Grund
    für diese Frustration?
    Es ist nicht Frustration, es ist Desillusionierung. Wenn du den Gipfel erreicht hast, gibt es einen
    Prozess des Herunterkommens, eine Anti-Klimax. Die westliche Gesellschaft hat sehr hart für
    materiellen Wohlstand, industrielles Wachstum, wissenschaftliche und technische Perfektion
    und eine perfekte soziale Revolution gearbeitet. Die westliche Gesellschaft, die dem Weg des
    christlichen Glaubens gefolgt ist, hat sich genau gegen diesen Glauben aufgelehnt. Sie waren
    mit der Philosophie, der Theologie und den Systemen nicht zufrieden und auch nicht mit den
    religiösen Erklärungen über das Universum, die Seele, das Karma, die Tugend, die Beziehung
    zwischen Mensch und Gott. Sie waren ganz und gar nicht zufrieden und die Materialisten,
    zusammen mit den Wissenschaftern, schufen eine völlig neue Philosophie für ihre Gesellschaft.
    Sie wurden sehr reich und wohlhabend mit allen Annehmlichkeiten und Gelegenheiten zur
    Beschäftigung, zum Reisen, zur Forschung und zu sinnlichem Vergnügen, Bhoga.
    Wenn du mit allem vollgestopft bist, fragst du dich – was kommt als nächstes? Zuvor wolltest
    du ein Auto, jetzt hast du ein Auto. Du wolltest ein Haus, jetzt hast du ein Haus. Du wolltest
    Arbeit, jetzt hast du Arbeit. Du hattest den Wunsch mit deinem Bruder, der fünftausend Meilen
    entfernt lebt, zu sprechen, nun kannst du das tun. Verlangen ist ein Ergebnis von Knappheit.
    Verlangen erzeugt Verlangen. Trishna, Begierde, erzeugt Trishna, aber nur bis zu einem
    gewissen Grad. Es gibt einen Prozess. Begierden erzeugen Begierden, Verlangen erzeugt
    Verlangen. Nach einiger Zeit aber erzeugen Begierden Vairagya, Virakta,
    Leidenschaftslosigkeit. Das geschieht nicht gleich zu Beginn. Vielleicht dauert es während
    eines sozialen Prozesses sehr lange. Vielleicht dauert es länger als das Leben eines
    Individuums, aber es geschieht.
    Als du, ich oder irgendjemand im Alter von einundzwanzig Jahren Wünsche hatte, haben wir
    sie erfüllt. Ein anderes Verlangen kam, Verlangen erzeugte Verlangen, aber nach fünfzig ändert
    sich etwas. Es entsteht eine Art von Virakta, eine Art von Leidenschaftslosigkeit, die im Geist
    von allen erscheint. So wie es bei einem Individuum geschieht, geschieht es auch in der
    gesellschaftlichen Entwicklung. Eine Gesellschaft entwickelt sich durch die Intensität des
    Verlangens, der Begierde, der Leidenschaft und der Intensität der Vermehrung. So geht es
    weiter und weiter. Dann ändert sich die soziale Entwicklung, so wie sie sich im Westen
    geändert hat.
    Es ist nicht Frustration. Wenn ein Mensch sich um vergnügliche Dinge bemüht, was strebt er
    dann an? Worauf zielt er ab? Er strebt nach Paramsukha, nach totalem Glück. Er will nicht, dass
    das Glück endet. Param bedeutet «vollkommen», aber er stellt fest, dass dieses Sukha, das
    Glück, ihm nicht Paramananda, die vollkommene Glückseligkeit, gebracht hat. Deshalb ändert
    er sein Experiment. Wenn deine Partnerin, dein Partner, deine Kinder, dein Geld oder deine
    Möglichkeiten dir kein Paramananda geben, wirst du sie dann ständig weiter beanspruchen?
    Nein, du wirst nach einem anderen Weg suchen. So brachten die Menschen, die nach Indien,
    China, Japan und in die verschiedenen Teile der Welt reisten, die Botschaft der Spiritualität,
    Adhyatmikta, mit zurück.
    Jemand hat ein Buch geschrieben, Hindu Deva Sabha, das Pantheon des Hinduismus. Es ist
    ein sehr schönes Buch. In ähnlicher Weise wurden viele angemessene und unangemessene
    Bücher verfasst. Die Botschaft von Ramakrishna und des Vedanta wurde von Swami
    Vivekananda verbreitet. Die Botschaft des Karma Yoga wurde von Swami Sivananda verbreitet
    und die Botschaft des Kriya Yoga von Paramahamsa Yogananda. Dann wurde die Botschaft
    des Vedanta auch von Swami Ramatirtha verbreitet, um nur einige Erleuchtete zu nennen.
    Heute findet man in den westlichen Ländern, insbesondere in Amerika und Europa, alle
    Sampradayas, alle Sekten Indiens, insbesondere die hinduistischen Sampradayas des
    vedischen Dharma. Das Pantheon des vedischen Dharma ist in jedem Land durch die eine
    oder andere Person vertreten. Du wirst überall Schüler von Neem Karoli Baba und Baba
    Ramdas finden. Wenn du Paramananda erlangen willst und es dir nicht gelingt, wechselst du
    zu einer anderen Tradition, zu einem anderen Orden.
    Die christliche Religion ist eine sehr seriöse, nüchterne Religion. Es gibt viele große Heilige von
    geistiger Vollkommenheit. Diese Heiligen wurden von politischen Machthabern für ihre
    politischen Ziele ausgenutzt, sei es der Heilige Franz oder der Heilige Xaver, die Heilige Teresa
    oder der Heilige Johannes vom Kreuz. Die christliche Kirche glaubt nicht an Poonar Janma, die
    Reinkarnation, das ist ein Dogma. Die Kirche hat in Konstantinopel (Istanbul) beschlossen, die
    Seelenwanderung zum Dogma zu erklären. Zu diesem Zweck gab es einen großen Kongress.
    Aber man kann transzendentale Themen nicht durch einen Vorstand, durch Abstimmungen
    oder Wahlen entscheiden. Wenn wir alle beschließen, dass Rama kein Gott war, ist das
    Dummheit. Sie beschlossen, dass die Theorie der Seelenwanderung zum Dogma erklärt
    werden soll und deshalb spricht die Kirche nicht darüber, aber alle in den westlichen Ländern
    tun es
    Das Christentum hat den Geist der gewöhnlichen Abendländer auf gute Weise geformt und auf
    dieser geformten Persönlichkeit hat Yoga eine wunderbare Arbeit geleistet. Yoga hat sich in
    den christlichen Nationen und bei der jüdischen Bevölkerung vor allem dadurch durchgesetzt,
    weil ihre eigene Religion eine gute Wirkung auf die Persönlichkeit hat – auf das innere Leben.
    Alle Ausdrucksformen sind vorhanden. Wenn wir «inneres Leben» sagen, verstehen sie –
    Adhyatmik. Wenn wir «innere Stimme» sagen, verstehen sie, was wir damit meinen. Wenn wir
    «die Stimme der Stille» sagen, verstehen sie genau, was wir meinen, denn sie ist da, sie
    benutzen diese Worte – Stimme der Stille, innere Stimme, Paradies, Nektar, Ambrosia. Sie
    verstehen sogar die Chakras. Deshalb sollten wir niemals sagen, dass westliche Menschen
    frustriert sind. Sie sind desillusioniert. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988

    Was halten Sie von den Hippies?
    An der Hippie Bewegung ist nichts auszusetzen. Nein, das glaube ich nicht. Die Hippies waren
    die Ketzer und Ketzerinnen von Nordamerika. Wenn sich ein Kult verändern muss, eine
    Gesellschaft, eine Religion, wenn der gesamte gesellschaftliche Prozess eine totale
    Metamorphose durchlaufen muss, dann muss es eine solche Bewegung geben – jemand muss
    revoltieren. Wenn du im Smoking zum Abendessen gehst und ich sage: «Ich kann auch so in
    meinem Dhoti gehen», wenn du sagst: «Ich nehme Champagner und Scotch» und ich sage:
    «Ich rauche Ganja» und wenn du sagst: «Ich kann mit dieser jungen Frau im Nachtclub tanzen
    gehen», und ich sage: «Ich kann mit ihr Tantra üben» – dann ist das der revolutionäre Ton.
    Die Hippies haben die Erscheinung verändert, die so genannte «Show», die schicke Kleidung,
    das schicke Benehmen, die schicke Art zu reden, alles kalkuliert, alles getrimmt, ob es nun
    «Guten Morgen» oder «Hallo» oder «Danke schön» heißt. So wird es an Schulen und
    Hochschulen gelehrt, alles ist getrimmt und gestrafft. Die Hippies sagen, setz dich hin, wo
    immer du möchtest. Mach, was du wünschst und zieh dich an, wie du willst. Warum nur ein
    bestimmtes Instrument spielen, wenn man Gitarre und Sitar spielen kann.
    Die Hippie Kultur ist eine Übergangskultur. Was passiert, wenn in einer Gesellschaft, einer
    politischen Gesellschaft, eine Revolution ausbricht? Was geschah in Russland? Anhänger und
    Anhängerinnen von Nihilismus, Bolschewismus, Kommunismus. Das ist eine
    Übergangsgesellschaft und Übergangspolitik. Russland und China haben eine politische
    Übergangssituation durchlaufen, die nicht mehr lange anhalten wird, denn Kommunismus und
    Sozialismus liegen nicht in der Natur des Menschen. Der Mensch ist von Natur aus ein
    Kapitalist. In jeder religiösen Gesellschaft gibt es immer einen Übergangsmoment, und das war
    bei den Hippies der Fall. Ich denke nicht, dass das falsch ist. Ich glaube nicht einmal, dass es
    in den USA noch Hippies gibt. Das war eine bestimmte Zeit und die ist vorbei. Jetzt gibt es
    keine Hippies mehr, sondern Swamis, Schülerinnen und Schüler von Maharshi Mahesh Yogi,
    Rajneesh, Ramakrishna und von Vivekanandas Orden, Schülerinnen und Schüler von Swami
    Sivanandaji und von Sant Kripal Singh und der Bhakti Vedanta Bewegung. Es gibt so viele
    Schüler, und sie leisten eine gute Arbeit.
    Nicht wenige von ihnen sind meine Gurubhais. Swami Satchidanandaji ist mein Gurubhai. Er ist
    ein Tamilie aus Lanka. Jetzt ist er amerikanischer Staatsbürger und Dadaji, «Großvater», von
    jungen Amerikanern. Die Leute lieben ihn. Es gibt einen weiteren Yogiraj, Amrit Desai. Es gibt
    den Yogi Swami Rama, der einen Ashram hat, der wie eine Universität funktioniert, das
    Himalayan Institute, mit Fakultäten für Yoga. Es gibt dort viele Amerikaner und Amerikanerinnen
    und eine ganze Reihe von Inderinnen und Indern. Alle sind gut ausgebildetet. Sie sprechen
    über Yoga, Meditation, die Veden, Vedanta, Samkhya, Nyaya und der Ashram erstreckt sich
    über fünfhundert Hektar. Kann man in Indien einen Ashram auf fünfhundert Hektar gründen?
    Ich nehme nicht an, dass die indische Regierung dir das erlauben wird. Es wird auch in Indien
    passieren, denn Indien macht die gleiche Phase durch, die Amerika mit der Hippie Bewegung
    durchgemacht hat, einfach mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Auch da gibt es eine
    Hippie Bewegung, eine Übergangsbewegung und die meisten von euch haben einen Einblick
    in das Hippie Leben bekommen, vielleicht auch in eurem persönlichen Leben. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988

    Link zum Yogamag vom August 2022

  • Pranayama

    Was ist die wahre Bedeutung von Pranayama?
    Swami Satyananda: Pranayama ist ein oftmals missverstandener Begriff. Die Leute übersetzen
    ihn als «Atemübung». Tatsächlich verbessern die Übungen die Zufuhr von Sauerstoff im
    physischen Körper und den Ausstoß von Kohlendioxid. Daran gibt es keinen Zweifel und das
    bringt eigentlich schon wunderbare physiologische Vorteile mit sich. Aber Pranayama ist nicht
    nur einfach eine Atemübung oder Arbeit mit der Atmung. Pranayama bedeutet auch nicht, die
    Lebenskraft unter Kontrolle zu bringen.

    Was aber ist Pranayama dann? Pranayama bedeutet, die Lebenskraft in jeden Winkel und in
    jede Zelle des Körpers zu leiten. Eigentlich ist es ein Prozess, der das schlummernde Prana,
    die schlafende Lebensenergie im physischen Körper, erweckt. Es ist Teil eines Gesamtsystems
    der Reintegration, der Wiederherstellung des Gleichgewichts und der Reharmonisierung von
    Körper und Geist. Ein System, das reinigt und stärkt und dadurch körperliche und geistige
    Anspannung und Schwäche beseitigt. Gleichzeitig erweckt Pranayama die innere Bewusstheit.
    Die Übung von Pranayama lädt die Energie im Körper wieder auf, die dann durch die Nadis Ida
    und Pingala in Form von elektrischen Impulsen zu allen Teilen des Körpers, einschließlich des
    Gehirns, fließt. Wissenschaftler haben beobachtet, dass bei der Ausübung von Pranayama
    beide Gehirnhälften aktiv sind und es zu großen Veränderungen auf der Ebene der elektrischen
    Impulse im Gehirn kommt.

    Aus: “Conversations on the Science of Yoga – Hatha Yoga Book 5, Pranayama”

    Was ist die Bedeutung und was steck hinter dem Wort Pranayama?
    Swami Satyananda: Prana bedeutet viel mehr als Atem. «Prana» plus «ayama» ergibt «prana
    ayama». Ayama ist ein Sanskrit-Wort, das wie folgt definiert werden kann: Ausweiten,
    Verlängern, Zurückhalten, Ausdehnung (von Dimensionen in Zeit und Raum). Pranayama bedst
    die Bedeutung und was steck hinter dem Wort Pranayamaeigenen, herkömmlichen Grenzen
    auszudehnen und zu überwinden. Pranayama nutzt den Atemvorgang als Mittel zum Zweck um
    alle Formen von Prana, ob grob- oder feinstofflich, im menschlichen Körper zu manipulieren.
    Vor allem geht es aber um die Beeinflussung der feinstofflichen Formen von Prana. Pranayama
    ist die Methode, die es einem ermöglicht, höhere energetische Schwingungszustände zu
    erreichen. Mit anderen Worten, man ist in der Lage, das Prana im menschlichen Körper zu
    aktivieren und zu regulieren und wird dadurch sensibler für die Schwingungen des Kosmos
    und des eigenen Inneren.

    Pranayama ist eine Methode zur Verfeinerung des eigenen Pranakörpers, des physischen
    Körpers und auch des Geistes. Auf diese Weise ist es dem Yoga Übenden möglich, sich neuer
    Dimensionen der Existenz bewusst zu werden. Wenn der Geist ruhig und still wird, dann kann
    das Bewusstsein ohne Verzerrung durchscheinen.

    In der Yoga Chudamani Upanishad (V. 89) heißt es:
    Chale vaate chalo binduh nishchale bhavet;
    Yogee sthaanuttvamaapnoti tato vayum nirundhayet.
    Wenn sich das Prana bewegt, bewegt sich auch der Bindu
    (Bindu = Ursprungspunkt des individuellen Pranas und Bewusstseins).
    Wenn das Prana stabil bleibt, ist auch der Bindu stabil.
    So wird der Yogi unerschütterlich und fest.
    Deshalb sollte das Prana unter Kontrolle gebracht werden.

    Was sind die Hauptziele von Pranayama?
    Swami Satyananda: Das erste Ziel von Pranayama ist, dem Nervensystem Energie zuzuführen.
    Das Zweite ist, Kundalini zum Erwachen zu bringen. Das dritte Ziel von Pranayama besteht
    darin, die schlummernden Gehirnzentren zu erwecken. Es heißt, dass die Gedanken Prana
    beeinflussen und genauso beeinflusst Prana die Gedanken. Den yogischen Texten zufolge
    besteht der Zweck von Pranayama darin, den Geist unter Kontrolle zu bringen. Die Schriften
    über Yoga machen es deutlich – Geist und Prana stehen in Wechselwirkung. Wenn der Geist
    unruhig ist, wirkt sich das auf den Prana aus und wenn der Geist friedlich, ruhig und gelassen
    ist, herrscht automatisch auch ein Gleichgewicht auf pranischer Ebene. Umgekehrt verhält es
    sich genauso. Wenn die Pranas aufgewühlt sind, ist auch der Geist aufgewühlt. Wenn die
    Pranas unter Kontrolle stehen, steht auch der Geist unter Kontrolle.

    In den Yoga Sutras des
    Weisen Patanjali (2:53) heißt es:
    Dharanasu cha yogyata manasah.
    Und die geistige Fähigkeit zur Konzentration (entwickelt sich durch Pranayama).
    Wird Pranayama korrekt angewendet, können die höchsten Stufen des Yoga erreicht werden.

    Was haben wissenschaftliche Studien über die Auswirkungen des bewussten Atmens auf
    das Gehirn ergeben?
    Swami Satyananda: Das Gehirn besteht aus dem Frontalhirn und dem Hinterhirn. Das
    Hinterhirn ist das instinktive oder primitive Gehirn. Das Frontalhirn ist der Sitz des vollen
    Bewusstseins. Wenn man unbewusst atmet, wird der Atem im hinteren Teil des Gehirns
    registriert. Dies wird als unwillkürliche Atmung bezeichnet. Ist man sich der Atmung bewusst
    und beobachtet den ganzen Prozess aufmerksam, dann nennt man das die willkürliche
    Atmung. Diese wird vom bewussten Gehirn, dem Frontalhirn, registriert.

    Dieser Unterschied mag einfach erscheinen, aber seine Auswirkungen sind umfassend. Die
    meisten Menschen atmen ein Leben lang unbewusst, so wie es Tiere und Kinder tun. Einige
    wenige Menschen, jene die angefangen haben Yoga zu üben, sind die Ausnahme. In dem
    Moment, in dem man sich der Atmung bewusst wird und beginnt, den Atem in einer
    bestimmten Weise zu formen und zu kontrollieren, registriert das Frontalhirn unmittelbar die
    Einflussnahme. Diese Tatsache wurde durch wissenschaftliche Experimente nachgewiesen und
    hat zur Schlussfolgerung geführt, dass die bewusste Atmung eine vollkommen andere Wirkung
    auf das Gehirn hat, als die unbewusste. Durch die unbewusste Atmung wird zwar der ganze
    Körper mit Prana versorgt, aber diese Versorgung ist für seine Evolution und sein Wachstum
    unzureichend.

    Das bedeutet, dass Pranayama nicht nur eine Atemübung oder Atemkontrolle ist, sondern ein
    System, das die verschiedenen Zentren des Gehirns ausbildet. Ein Beispiel für bewusste
    Atmung ist die Wechselatmung. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass beim Atmen
    durch das linke Nasenloch, die Aktivität in der rechten Gehirnhälfte zunimmt und beim Atmen
    durch das rechte Nasenloch, die Aktivität in der linken Gehirnhälfte. Wenn der Atem angehalten
    wird, werden die beiden Gehirnhälften in Einklang gebracht.

    Ebenfalls wurde beobachtet, dass der Atem, der durch das linke Nasenloch fließt, eine etwas
    tiefere Temperatur hat, als der Atem, der durch das rechte Nasenloch fließt. Dies stimmt mit
    dem yogischen Verständnis überein, dass das linke Nasenloch mit Ida Nadi, dem Fluss der
    mentalen Energie, in Verbindung steht, während das rechte Nasenloch mit Pingala Nadi, dem
    Fluss der vitalen Energie, verbunden ist. Ida ist die lunare Kraft, die kühl ist, während Pingala
    die solare, die heisse Kraft ist.

    In wissenschaftlichen Experimenten zum Thema Stress werden EKG (Elektrokardiograph) und
    EEG (Elektroenzephalograph) zur Aufzeichnung des Herzrhythmus und der Gehirnströme
    sowie GSR (galvanische Hautreaktion) zur Messung der elektrischen Aktivität der Haut
    verwendet. Es wurde festgestellt, dass die Übung von Pranayama dazu führt, den Fluss von
    Alpha-, Delta- oder Thetawellen auszugleichen, was wiederum die Aktivität des Gehirns
    harmonisiert. Spannungen, die während Beta Aktivität aufgezeichnet wurden, nehmen ab,
    sobald Alpha, Theta oder Deltawellen, die Beta Aktivität ersetzen. Wenn sich Alphawellen im
    Gehirn manifestieren, werden Spannungen im Körper abgebaut und das Herz wird frei von
    stressbedingtem Druck.

    Artikel aus dem Yogamag (Oktober 2019) 

  • Korrekte Atmung

    Hinweis vom SYF Übersetzer-Team: Während den 20 Jahren, in denen Swami Satyananda Saraswati die Bihar School of Yoga in Munger aufbaute, reiste er auch unermüdlich um den Globus um Yoga zu verbreiten. Während unzähligen Vorträgen und Unterweisungen sprach er zu allgemeinen Themen des spirituellen Lebens und vermittelte Einsichten in die ursprünglichen Philosophien und Wissenschaften des Yoga, des Tantra und der Veden. Die folgenden Zitate stammen aus Satsangs dieser Zeit, während denen er auf direkte Fragen von Schülern, in seiner unnachahmlich, spontanen Art, antwortete. Sie werden mit freundlicher Genehmigung des Yogamagazines übersetzt und veröffentlicht.

    Folgende Zitate findest du im Yoga Magazin vom Juni 2020.

    Was ist mit korrekter Atmung gemeint?
    Swami Satyananda: Die meisten Menschen atmen falsch, denn sie nutzen nur einen kleinen Teil ihrer Lungenkapazität. Die Atmung ist dann oberflächlich und führt dem Körper den für die gute Gesundheit notwenigen Sauerstoff und Prana nicht ausreichend zu. Die ersten Übungen, die den Pranayama Schülern gelehrt werden, sind vorbereitende Techniken, die zu einem korrekten Atemverhalten führen. Darüber hinaus tragen sie dazu bei, die Achtsamkeit auf den Atemvorgang zu konzentrieren, der normalerweise unbeachtet bleibt. Obwohl das Erlernen eine gewisse Dauer beansprucht, ist es möglich, den Atemvorgang unter bewusste Kontrolle zu bringen. Sobald die Atmung korrigiert ist, fühlt man sich deutlich besser. Beim Einatmen sollte sich der Bauch ausdehnen und beim Ausatmen sollte sich der Bauch zusammenziehen. Kontraktion und Ausdehnung des Bauches sollten mit dem Atemprozess synchronisiert werden. Das ist auch bei allen Tieren zu beobachten. Schau einem Hund oder einer Katze oder irgendeinem anderen Tier zu. Der Atem ist sowohl kräftig als auch subtil. Der kräftige Atem ist spürbar und der subtile Atem kann nicht wahrgenommen werden. Wenn der Atem subtil wird, verbessert er die Qualität der Achtsamkeit. Die Ein- und Ausatmung sollte gleichmäßig sein. Sie sollte weder zu stark oder zu schwach noch unterbrochen oder unregelmässig sein.

    Warum lehrt Yoga das richtige Atemverhalten?
    Swami Satyananda: Bevor Yoga Schüler Pranayama erlernen, müssen sie ein Feingefühl für den Atemvorgang entwickeln und die Muskeln im Lungenraum neu trainieren, so dass sich ihre vitale Kraft steigert und sie auf Pranayama vorbereitet sind. Rhythmisches, tiefes und langsames Atmen stimuliert einen ruhigen und zufriedenen Geisteszustand. Gleichzeitig entspringt diesem Zustand ein langes, rhythmisches Atemmuster. Unregelmäßiges Atmen stört die Gehirnrhythmen und führt zu physischen, emotionalen und mentalen Blockaden. Diese wiederum verursachen innere Konflikte, eine unausgeglichene Persönlichkeit, bringen die Lebensweise durcheinander und führen zu Krankheiten. Pranayama sorgt für regelmäßige Atemmuster, unterbricht den erwähnten Negativzyklus und kehrt den schwächenden Prozess um. Dies geschieht mit der gewonnenen Kontrolle über den Atem und führt zur Wiederherstellung der natürlichen, entspannten Rhythmen von Körper und Geist.

    Was sind die körperlichen Vorteile einer tiefen und langsamen Atmung?
    Swami Satyananda: Tiefes Atmen ermöglicht eine maximale Sauerstoffaufnahme bei jedem Atemzug, und die langsame Atmung ermöglicht einen optimalen Sauerstoff-Kohlendioxid-Austausch. Es braucht eine gewisse Zeit, damit Sauerstoff von den Lungen in das Blut und Kohlendioxid aus dem Blut in die Lungen gelangen kann, von wo es dann in die Luft ausgestoßen wird. Bei rascher Atmung wird der optimale Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid in den Lungen nicht erreicht. Ist die Atmung langsam, dann kann der optimale Austausch stattfinden. Deshalb ist das Zusammenspiel von Tiefe und Geschwindigkeit der Atmung so bedeutend.

    Warum ist die Wissenschaft des Atmens so wichtig für das Wohlbefinden?
    Swami Satyananda: Pranayama hat eine zweifache Wirkung. Er hilft, das physische System rein und in gutem Zustand zu halten und sowohl die mentalen als auch die emotionalen Aspekte des menschlichen Wesens zu kontrollieren, zu regulieren und zu lenken. Pranayama beinhaltet kontrolliertes, rhythmisches und regelmäßiges Atmen. Prana ist die grobstoffliche Manifestation der subtilen, universellen, kosmischen Kraft im physischen Körper. Es ist diese kosmische Energie, die allen fühlenden Wesen Leben schenkt. Pranayama ist die Technik der Erhaltung und Verteilung dieser Lebenskraft. Beim Einatmen wird Sauerstoff aufgenommen und beim Ausatmen wird Kohlendioxid ausgestossen. Die Sauerstoffanreicherung des Systems macht den Körper rein, leicht und aktiv. Solange die Wissenschaft des Atmens nicht richtig verstanden und korrekt geübt wird, besteht die Wahrscheinlichkeit einer Unausgewogenheit beim Atmen, die zu verschiedenen Arten von mentalen und emotionalen Konflikten und zu Impulsivität führen kann. Die Welt mit ihren unzähligen Freuden und Leiden hat einen heftigen Einfluss auf das Individuum, und oft gelingt es nicht, einen praktischen Weg zu finden, sich an das Leben anzupassen. Die Wirkungen von Prana auf den Menschen und die Wechselbeziehung zwischen Geist und Körper werden im Yoga vollständig erkannt und verstanden.

    Wie beeinflusst die Art des Atmens die Lebenserwartung?
    Swami Satyananda: Nicht nur die Lebensqualität wird durch den Atem beeinflusst, auch die Lebensdauer ist vom Atemrhythmus abhängig. Die Yogis und Rishis des Altertums studierten die Natur sehr genau. Sie stellten fest, dass Tiere mit einer langsamen Atemfrequenz, wie Pythons, Elefanten und Schildkröten eine lange Lebensdauer haben, während Tiere mit schnellem Atemrhythmus, wie Vögel, Hunde und Hasen nur wenige Jahre leben. Sie schlussfolgerten anhand dieser Beobachtungen, dass das langsame Atmen für ein langes Leben essenziell sei. Demzufolge haben Menschen, die kurz und schnell atmen, höchstwahrscheinlich eine kürzere Lebensdauer als solche, die langsam und tief atmen. Auf physischer Ebene lässt sich das durch die enge Verbindung von Atmung und Herz erklären. Eine tiefe Atemfrequenz erhält das Herz stark, besser genährt und trägt zu einem längeren Leben bei. Tiefes Atmen erhöht auch die Aufnahme von Energie durch Pranamaya Kosha und das steigert die dynamische Kraft, die Vitalität und das allgemeine Wohlbefinden.

    Aus der “Conversations on the Science of Yoga” Serie – Hatha Yoga Book 7, Hatha Yoga and Health

  • Allgemeine Erläuterungen zu Yoga

    Hinweis vom SYF Übersetzer-Team: Während den 20 Jahren, in denen Swami Satyananda Saraswati die Bihar School of Yoga in Munger aufbaute, reiste er auch unermüdlich um den Globus um Yoga zu verbreiten. Während unzähligen Vorträgen und Unterweisungen sprach er zu allgemeinen Themen des spirituellen Lebens und vermittelte Einsichten in die ursprünglichen Philosophien und Wissenschaften des Yoga, des Tantra und der Veden. Die folgenden Zitate stammen aus Satsangs dieser Zeit, während denen er auf direkte Fragen von Schülern, in seiner unnachahmlich, spontanen Art, antwortete. Sie werden mit freundlicher Genehmigung des Yogamagazines übersetzt und veröffentlicht.

    Folgende Zitate findest du im Yoga Magazin vom Februar 1977.

    Swamiji, was ist ein Ashram und welche Funktion erfüllt er für jemanden, der in der Gesellschaft lebt?

    Ashram ist ein Sanskritwort und bedeutet Ort für spirituelle und körperliche Arbeit. Ein Ashram ist darauf ausgerichtet, dass sich Schüler und Bewohner mit grosser körperlicher und mentaler Energie darum bemühen, ihr Karma abzuarbeiten.

    Der Geist ist unruhig, und wenn du viele Yoga Übungen machst ohne durch den Prozess von Karma Yoga zu gehen, dann entstehen viele mentalen Probleme. Daher wurde vor langer Zeit das Ashramsystem entwickelt, um den Schülern und Bewohnern die Möglichkeit zu geben, mit ihrem Guru in einer Gemeinschaft zu leben und ihre mentale, intellektuelle, emotionale und körperliche Energie in Form von Arbeit auszudrücken. Natürlich besteht diese Tradition nicht mehr so wie in früheren Zeiten, aber wir versuchen, insbesondere ich selbst, sie wieder aufleben zu lassen. Ich habe meine Ashramleute auf der ganzen Welt gebeten, ihre Ashrams in einer Weise zu organisieren, damit spirituell gesinnte Menschen dorthin gehen und einige Zeit bleiben können, um die Wirrungen und Einengungen von Karma zu beruhigen.

    Ashramleben ist ein wichtiger Schritt in Richtung höhere, spirituelle Meditation. Ashramleben gibt dir die Gelegenheit, das Nicht-Anhaften zu üben. Ashramleben bietet dir ausserdem die Möglichkeit und Vorstellung davon, dass das Leben mit viel mehr Einfachheit geführt werden kann, als wir es momentan für möglich halten.

    In jedem Ashram sind die wichtigen Elemente der Guru, der Schüler (shishya) und die Beziehung zwischen den beiden. Der Guru und die Schüler bilden den Ashram. Die Schüler streben danach, den höchsten Gipfel im spirituellen Leben zu erreichen. Wenn sie mit geistiger Unruhe konfrontiert werden, kommen sie in den Ashram, bleiben eine Weile und kehren dann in ihr normales Leben zurück und praktizieren ihre spirituellen Übungen mit absoluter Regelmässigkeit, Vertrauen und Hingabe.

    Ich finde, dass die Erkundung der spirituellen Ebene leichter ist für introvertierte
    Persönlichkeiten als für extrovertierte Menschen, die dazu neigen, ihre Energie auf
    andere zu richten. Welche passenden Methoden bietet Yoga für beide Persönlichkeiten?

    Gut, soweit meine persönliche Erfahrung reicht, ist spirituelle Erkenntnis oder spirituelles Bewusstsein schnell greifbar für eine Person, die über ein extrovertiertes Naturell verfügt. Menschen, die introvertiert sind, werden es sehr schwierig finden, die Achtsamkeit aufrecht zu erhalten, diesen ununterbrochenen Fluss von Achtsamkeit, der während der Meditation benötigt wird. Daher machen wir die Menschen in Yoga und im Ashramleben extrovertiert, sogar diejenigen, die von Natur aus introvertiert sind. Wir erwecken und erweitern den Umfang ihrer sensorischen Aktivitäten. Wir geben ihnen Übungen, durch die sie alle fünf Sinne, Tastsinn, Sehsinn usw. entwickeln. Die Sinneswahrnehmungen müssen empfindsamer werden.

    Der Yogi wird an einem bestimmten Punkt in seiner Evolution sehr extrovertiert. Ich meine damit nicht, dass er sich den Sinnenfreuden hingibt, aber er wird sich allem bewusst, was sich aussenhalb befindet und durch die Sinne empfangen oder verstanden werden kann. Daher glaube ich persönlich, dass die Menschen, deren Sinne extrovertiert sind, diesen spirituellen Punkt schneller erreichen können als introvertierte Menschen. Diejenigen, die von Natur aus introvertiert sind, werden ihre sensorischen Empfindungen nach aussen verlagern, sie entwickeln und empfindsamer machen müssen um sie dann wieder nach innen zu kehren.

    Introvertiertheit ist ein spiritueller Nachteil im Yoga. Wenn ich in unserem Ashram Sannyasins oder Schüler vorfinde, die von Natur aus introvertiert sind und von sich aus viel meditieren, dann halte ich sie davon ab. Ich sage ihnen: “Mach das nicht, denn du weisst nicht wie du den Geist beeinflussen kannst, und du weisst auch nicht, wie du den Geist kontrollieren kannst. Du gelangst von Natur aus spontan in einen Zustand der Introversion. Wenn dein Geist tief in sich versinkt, während du viel meditierst oder Japa machst, hast du die Fähigkeit und kennst du die Methode, um ihn da wieder herauszuholen?” Daher sollte der Geist nicht nach innen gerichtet werden, ausser er wurde zuerst nach aussen gerichtet. Introvertiertheit ist neurotisches Verhalten.

    Sie sprachen gestern darüber, den richtigen Yoga zu finden, der zum Individuum passt.
    Wie findet man ihn?

    Charakterbezogen kann die menschliche Bevölkerung in vier Gruppen eingeteilt werden: dynamisch, gefühlsbetont, mystisch oder rational.

    Niemand von uns ist ausschliesslich dynamisch, gefühlsbetont, mystisch oder rational. Einige von uns sind zum Beispiel vorwiegend dynamisch, aber wir alle haben auch Gefühle, mystisches Bewusstsein und Vernunft. Jene, die vorwiegend dynamisch sind, sollten Karma Yoga zu ihrem hauptsächlichen Sadhana machen, aber auch Bhakti Yoga, Raja Yoga und Jnana Yoga nutzen.

    Jene, die vorwiegend gefühlsorientiert sind, sollten Bhakti Yoga, den Yoga der Hingabe und Liebe, als ihre hauptsächliche spirituelle Übung annehmen, zusammen mit ein wenig Karma Yoga, ein wenig Raja Yoga und ein wenig Jnana Yoga.

    Jene, die vorwiegend mystisch veranlagt sind, sollten Raja Yoga annehmen und praktizieren, das ist der Yoga der Meditation, Konzentration, Einkehr und Samadhi. Aber daneben sollten sie auch Karma Yoga, Bhakti Yoga und Jnana Yoga als Teil ihres Sadhanas annehmen.

    Auf diese Weise müssen wir unser eigenes Temperament analysieren und entsprechend dieser Besonderheit des Naturell sollten wir einer der vier Yogas annehmen. Karma Yoga versteht ihr.
    Bhakti Yoga ist Hingabe, Singen, Japa, Gebete und so weiter. Raja Yoga ist Meditation, Kundalini Yoga, Kriya Yoga, Laya Yoga – alle das gehört zum Kapitel Raja Yoga. Jnana Yoga ist Kontemplation, der Yoga der gründlichen Selbsterforschung.

    Wie beeinflusst Mantra den Geist?
    Mantra wirkt auf das Unterbewusstsein und entlädt die tieferliegenden Schichten des Karma,
    und bringt dadurch die Symbole deines tieferen Bewusstseins an die Oberfläche. Es reinigt den mentalen Bereich und befreit dich von psychischer Ablenkung im höheren Meditationsstadium. Darin liegt seine Wichtigkeit. Natürlich, Mantra erzeugt Konzentration, aber seine allerwichtigste Funktion ist es, den gesamten Bereich des Bewusstseins zu reinigen.

    Wenn du meditierst, wirst du von Gedanken und später von psychischen Visionen unterbrochen. Diese Unterbrechungen können durch einen kontinuierlichen Prozess von Japa und Mantra beseitigt werden. Je mehr du Mantrarezitation übst, desto mehr sicherst du dir eine absolute und ununterbrochene Meditation.

    Was ist der Unterschied zwischen Unterdrückung und Kontrolle?
    Unterdrückung steht im Widerspruch zu deiner eigenen Persönlichkeit, du bist mit dir selbst nicht im Einklang. Bei Kontrolle jedoch stimmen beide Elemente deines Geistes überein. Wenn ich mich selbst kontrollieren möchte, bin ich mit mir selbst völlig im Einklang, in Toto. Beim Unterdrücken allerdings, möchte ich etwas nicht und tue es dann trotzdem. Das ist der grundlegende Unterschied zwischen Unterdrückung und Selbstbeherrschung.

    Swamiji, ich finde, ich bin unruhig, wenn ich arbeite. Was kann ich tun?
    Ich glaube, du magst deine Arbeit nicht. Wenn du Freude an deiner Arbeit haben möchtest, musst du sie zu einem Teil deines spirituellen Lebens machen, einem Teil von Sadhana, einem Teil von Yoga.

    Wenn du die Arbeit, die du machst, nur als einen Weg betrachtest, um Geld zu verdienen, dann kann ich dir sicherlich gegen diese Unruhe helfen. Während der Zeit, in der du arbeitest, solltest du dich auf deine Arbeit konzentrieren, aber wann immer du ein wenig Zeit hast, oder eine Arbeitspause, solltest du dein Mantra wiederholen. Und jeden Morgen solltest du ein wenig mehr Pranayama machen, und mit dem Pranayama den Atem ein wenig anhalten, oder Kumbhaka.