Im Juni 1988 fand in Ganga Darshan ein einmonatiger Lehrer- und Lehrerinnen
Ausbildungskurs (TTC Teacher Training Course) statt. Sri Swami Satyananda traf die
Schülerinnen und Schüler im Satsang und beantwortete ihre Fragen.
Dies war das letzte Mal, dass er in Ganga Darshan über Yoga sprach, denn am 8. August 1988
verließ er den Ashram und begann seine Tirtha-Yatra (Pilgerreise), die ihn schließlich nach
Rikhia führte.
Sollte das Üben von Asanas immer mit Shavasana beginnen?
Du kannst deine Asanas entweder mit Shavasana oder mit Kaya Sthairyam beginnen. Kaya
Sthairyam bedeutet, in Siddhasana mit Chin Mudra zu sitzen oder in Padmasana mit Yoni
Mudra. Halte den Körper drei Minuten lang bewegungslos. Halte deinen Geist auf die Passage
zwischen Nabel und Kehle gerichtet und folge dem Atem auf und ab für 45 Runden. Dann
kannst du mit den Asanas beginnen, die du magst.
Unter welchen Bedingungen sollte man kein Yoga üben?
Wenn du an einer akuten Krankheit leidest, wie z.B. akutem Typhus. Bei chronischen und
konstitutionellen Krankheiten kann man üben, aber bei akuten Krankheiten sollte man das Üben
vermeiden. Im Buch Asana Pranayama Mudra Bandha steht alles darüber und auch in der
Hatha Yoga Pradipika, einem sehr alten Buch, das von Swatmarama, einem großen Yogi,
geschrieben wurde.
Wie wirkt sich Yoga auf junge und alte Menschen aus?
Den jungen Menschen gibt er Energie, aktiver zu werden und ein erfolgreiches und nützliches
Leben zu führen. Älteren Menschen kann er Frieden und innere Zentriertheit geben. Zudem
kann er sie von vergangenheitsbezogenen Überlegungen wie auch von zukünftigen
Erwartungen befreien. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988
Welche Asanas können dem Geist helfen und welche sind für den Frieden geeignet?
Nach der Hatha Yoga Pradipika und anderen yogischen Texten, sowie nach dem Yoga
Darshan von Patanjali besteht der Hauptzweck von Asana darin, den Geist zu beruhigen. Die
Menschen in Indien haben früher kein Yoga gegen Bluthochdruck praktiziert, weil sie keinen
Bluthochdruck hatten. Sie lebten in einer reinen Atmosphäre, nahmen einfache Mahlzeiten zu
sich, bewegten sich viel und arbeiteten den ganzen Tag. Sie setzten sich jeder strengen
Lebenssituation aus und übten sich in Enthaltsamkeit, Tapasya. Sie praktizierten kein Yoga
gegen Diabetes oder Herz-Kreislauf-Probleme. Wozu setzten sie dann Asanas ein?
Die Definition von Asana lautet sthairyam sukham asanam – halte dich in einer stabilen und
angenehmen Haltung und sitze still. Der Zweck aller Asanas, nicht nur von Padmasana oder
Siddhasana, bestand also darin, den Geist zu beruhigen, ihn friedlich zu machen, so dass man
sich auf spirituelle Kontemplation und philosophisches Denken einlassen konnte. Es ist sehr
schwierig zu sagen, welche Asana Frieden und Stille des Geistes vermitteln kann – jede Asana!
Das ist der Hauptzweck der Asana. Wenn du mehr darüber wissen willst, musst du die
Konzepte von Patanjali im Yoga Sutra studieren, denn er sagt, dass die Asana, wenn du sie
übst, den Einfluss der entgegengesetzten Kräfte im Körper ausgleicht (2:48):
Tato dvandvanabhighatah
Dadurch hört die Wirkung der Gegensatzpaare auf. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988
Was ist der Unterschied zwischen Yoga und Sport?
Yoga ist ein System, bei dem die Beanspruchung der Muskeln minimal ist. Im Gegensatz dazu
ist Sport ein System, bei dem die Muskeln stark beansprucht werden. Bei allen Übungen, ob
Aerobic oder andere Formen, werden die Verbrennungsprozesse in den Muskeln angeregt, sie
werden trainiert. Im Yoga jedoch werden die Muskeln am wenigsten beansprucht. Yoga
Übungen oder Asanas wirken auf die Nerven, die endokrinen Drüsen und auf die pranischen
Kräfte im Körper. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988
Was bedeutet es, wenn jemand im Yoga Nidra in den Tiefschlaf fällt?
Es bedeutet, dass du voller Anspannungen bist. Deine Nerven sind erschöpft und aufgrund
von Yoga Nidra und der intensiven Deltawellen im Gehirn sind sie in einen tiefen Zustand der
Inaktivität übergegangen.
Ist es ratsam, nach den Mahlzeiten irgendeine Art von Übung zu machen, wie zum
Beispiel Bauch- oder yogische Atmung?
Nach dem Mittag- und Abendessen, wenn der Magen voll oder halb voll ist, solltest du
Vajrasana üben. Diejenigen, die an Rückenschmerzen leiden, können Makrasana üben, aber
keine anderen Asanas.
Was ist der Unterschied zwischen der Wirkung von Asana und Pranayama?
Asanas bereiten den Körper vor und wenn er vorbereitet ist, können die Pranas jeden Nerv und
jede Pore des Körpers durchdringen. Der Körper kann dann die pranischen Kräfte effizient
aufnehmen. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 7. Juni 1988
Kann Yoga Therapie die Sehkraft, insbesondere bei Weitsichtigkeit, verbessern? Wenn ja,
wie wirksam ist sie?
Es gibt bestimmte Erkrankungen, bei denen Yoga vielleicht nicht helfen kann. Wenn die Organe
aber funktionieren, kann Yoga ihre Tätigkeit sicherlich verbessern. Wenn das Problem eine
organische Ursache hat, ist es am besten sich entsprechend behandeln zu lassen.
Auf jeden Fall kann man durch Yoga und durch Trataka die Sehkraft stärken. Zudem wirken sich
Augenübungen, die Praxis von Neti Kriya oder manchmal sogar intensive stille Meditation,
positive auf die Sehkraft aus. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 13. Juni 1988
Was ist natürliche oder gewöhnliche Atmung? Bei der yogischen Atmung werden beide
Lungenflügel vollständig mit Luft gefüllt, wie ist es bei der gewöhnlichen Atmung?
Natürliches Atmen ist müheloses Atmen. Es geschieht dann, wenn du dem Atem einfach
zuschaust. Wenn du dich beim Einatmen bemühst, und wenn du dich beim Ausatmen
bemühst, nennt man es Pranayama. Übst du kein Pranayama, das heisst du bemühst dich
nicht, nennt man es «müheloses Atmen» Sahaj Pranayama. Du hast das Gefühl zu wissen,
dass du in der Nacht atmest. Aber bist du dir effektiv sicher, dass du atmest? Ja. Das nennt
man gewöhnliche Atmung oder natürliche Atmung oder Sahaj Atmung. Der Punkt ist, dass du
nur atmest aber nicht darauf achtest. Wenn du diese natürliche Atmung beobachten willst,
bittest du abends ein Mitglied deiner Familie zu schlafen und du setzt dich hin und
beobachtest. Du wirst feststellen, dass sie nicht die ganze Nacht über auf dieselbe monotone
Weise atmen. Nein, sie ändern regelmässig ihr Atemmuster, nach zehn oder fünfzehn Minuten.
Manchmal geht die Atmung rascher und manchmal bleibt sie für den Bruchteil einer Sekunde
stehen oder für zwei, drei, vier, fünf Sekunden. Und wenn sie stehen bleibt, ist der Schlaf
unterbrochen.
Das automatische Aussetzen des Atmens für eine gewisse Zeit, ist einer der Gründe, weshalb
man nachts aufwacht. Dieses Verhalten wird durch das autonome Nervensystem im Gehirn
gesteuert. Es ist das, was wir in Ajapa Japa anstreben. Es ist das, was wir in Antar Mouna
anstreben. Buddha hat Vipassana gelehrt, wo es um das dasselbe geht. Mahavir, der Jain
Heilige, lehrte Preksha Dhyana und in den Upanishaden wurde Ajapa Japa gelehrt.
Der Jiva, die individuelle Seele, wiederholt ständig So Ham, So Ham, So Ham… Du übst das So
Ham Mantra Tag und Nacht – in vierundzwanzig Stunden 21’600 Mal. Fünfzehn Atemzüge pro
Minute ist natürlich. Swami Goraknath hat gesagt, aisa jap japo mana layi, So Ham, So Ham
surat gayi. Surata bedeutet «Bewusstsein», Api Ap bedeutet «Ajapa Japa». Banka nali main
uge sur. Banka bedeutet «Lotus», Kamal und Nali bedeutet «Stamm/Lotusstamm», und Sur
bedeutet «Sonne». Das heisst, dass sich in einem bestimmten Moment die ganze Wirbelsäule
in eine Lichtsäule, ähnlich einer Leuchtstoffröhre, verwandelt. Der ganze Körper erzeugt einen
melodiös-schwingenden Klang. Das geschieht, nachdem man es (Ajapa Japa) 21’600 mal
geübt hat.
Der Yogi versucht dies zu erlangen, weil in den Hatha Yoga Shastras beschrieben wird, dass
die Anzahl Atemzüge begrenzt und festgelegt ist. In einem Leben wirst du nur eine bestimmte
Anzahl Atemzüge machen. Die Anzahl dieser Atemzüge ist also festgelegt – fünfzehn pro
Minute, 21’600 an einem Tag, zwei weitere Nullen in hundert Tagen, eine weitere Null in tausend
Tagen, in hundert Jahren so viele Nullen.
Wenn du die Anzahl Atemzüge pro Minute verändern willst, dann reduziere die Atemzüge von
fünfzehn auf vierzehn auf dreizehn auf zwölf auf elf. Du kannst sie definitiv auf zehn Atemzüge
pro Minute reduzieren. Am Anfang musst du dich anstrengen, später geschieht es natürlich.
Alle atmen von Natur aus fünfzehn Atemzüge pro Minute, aber durch yogische Konzentration,
yogische Übungen, kann man sie auf zehn pro Minute reduzieren. Die meisten Menschen
können sie auf zwölf oder elf senken. Wenn du die Atemfrequenz auf zehn pro Minute
herunterbringst, nimmt die Brillanz des Gehirns zu. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 14. Juni 1988
Wenn wir Kindern Yoga Asanas und Pranayama beibringen wollen, was wäre das richtige
Alter um zu beginnen?
Kinder sind Kinder der Natur, es ist sehr wichtig, dass ihr das alle versteht. Sie folgen den
natürlichen Gesetzen, ausser die Eltern greifen ein. Bis zum Alter von sieben Jahren nehmen
Kinder alles in sich auf. Sie können mehr lernen als alle anderen. Wenn du Yoga übst, werden
sie es in sich aufnehmen, du brauchst es ihnen nicht beizubringen. Nach dem siebten
Lebensjahr beginnen die Übungen von Pranayama, Surya Namaskara und Mantra Singen – das
sind die drei wichtigsten Übungen für ein Kind.
Es ist wichtig zu verstehen, dass Kinder eine sehr wichtige Drüse in ihrem Körper haben,
nämlich die Zirbeldrüse (Epiphyse). Sie befindet sich mitten im Gehirn. Diese Zirbeldrüse spielt
eine wichtige Rolle für den adäquaten Ausdruck und die Bewältigung von Emotionen. Kurz
gesagt, die Zirbeldrüse dient als Kontrollorgan für das ungezügelte Verhalten der
Hirnanhangdrüse (Hypophyse). Die Hirnanhangdrüse ist eine weitere Drüse.
Im Yoga wird die Zirbeldrüse (Epiphyse) als Ajna Chakra und die Hypophyse
(Hirnanhangdrüse) als Sahasrara Chakra bezeichnet. Diese Hypophyse produziert wichtige
Gruppen von Hormonen, besonders im Hinterlappen. Der Hinterlappen der Hypophyse
produziert von Zeit zu Zeit eine Reihe von Hormonen, eigentlich chemische Sekrete, welche
Emotionen, Leidenschaften und eine ganze Reihe von Dingen erzeugen. Werden diese
chemischen Sekrete aus der Hypophyse nicht richtig von der Zirbeldrüse ausgeglichen, kann
sich ein achtjähriges Kind wie ein 35-jähriger Mann fühlen. Stell dir vor, dieses acht oder zwölf
jährige Kind denkt wie ein Erwachsener! Wird es dann in der Lage sein, das geistige
Gleichgewicht zu halten? Nein. Ich bin sechsundsechzig. Würde ich zu fühlen beginnen, wie
ich mit neunzehn Jahren empfand, kriegte ich einen Herzinfarkt.
Daher hat die Natur, Prakriti, oder das Naturgesetz, ein System, das Prakriti Vidhan genannt
wird. Dieses Naturgesetz ist unveränderlich. Gemäß dem vedischen Dharma kann man es nicht
verändern. Gemäß dem Konzept der Wissenschaft von Mantra sind die Naturgesetze nicht
veränderbar. Materie ändert ihre Eigenschaften nicht. Es kann eine chemische Reaktion geben,
das ist alles. Aber davon ändern sich die Naturgesetze nicht. Deshalb steht der Körper eines
Kindes im Alter von sieben oder acht Jahren unter der Kontrolle der Zirbeldrüse.
Nach dem siebten Lebensjahr beginnt die Zirbeldrüse zu zerfallen und abzusterben. Wie
zerfällt sie? Genauso wie die Geschlechtsdrüsen im Alter von fünfundvierzig bei den Männern
und fünfzig Jahren bei Frauen zu zerfallen beginnen, wenn sie in die Wechseljahre kommen.
Ab dem Alter von zweiundvierzig, dreiundvierzig, fünfundvierzig Jahren beginnen sie zu
zerfallen und sterben schließlich ab. Es gibt keinen ovariellen Fluss mehr, die Eizellen reifen
nicht mehr. Das ist vorbei. Das wird Zerfall genannt. Auf die gleiche Weise zerfällt auch die
Zirbeldrüse. Es gibt keine Sekrete, keine Schwingungen, keine Impulse, keine Ausstrahlungen
von der Zirbeldrüse. Wenn die Zirbeldrüse zerfällt, wird die Hypophyse unabhängig, frei,
swatantra. Dann wird aus einem Kind ein Junge oder ein Mädchen. Solange die Zirbeldrüse
lebt, ist ein Kind ein Kind, ob männlich oder weiblich. In dem Moment, in dem der
Zirbeldrüsenkörper zerfällt, wird die Hypophyse, ohne jegliche Kontrolle durch den
Zirbeldrüsenkörper, voll funktionsfähig. Die Gesundheit dieses Zirbeldrüsenkörpers sollte durch
drei Übungen aufrechterhalten werden – Pranayama, Mantra und Surya Namaskara.
Upanayam wurde zu einem religiösen Ritual. Was ist die Bedeutung eines Karma Kanda, eines
Rituals, wenn es keinen Bezug zum Alltag hat und mit ihm verbunden ist? Wenn du deinem
Kind nicht erklären kannst, was das Samskara bedeutet (Anmerk. des Übersetzer Teams: in
diesem Kontext bedeutet Samskara “rituelle Handlung”), wird es das Samskara nicht befolgen.
Warum sollte es sich den Kopf rasieren? Warum sollte es sich ein Chutiya, ein Haarbüschel,
wachsen lassen? Warum sollte es die drei Fäden tragen? Dieses Upanayam bedeutet “das
zweite oder zusätzliche Auge” – upa-Nayanam.
Bis zum Alter von sieben Jahren sollte ein Kind vollkommen frei sein. Es kann spielen, es kann
tun, was es will, es erhält keine Disziplinen oder Systeme. Es ist wild. Im Alter von sieben
Jahren legt es ein Gelübde ab, ein Vrata – “jeden Morgen bringe ich der Sonne meinen Gruß
dar”. Das ist sehr förderlich für die Gesundheit. Ich brauche das nicht zu beweisen. Zweites
Gelübde: “Ich übe Pranayama”. Pranayama ist sehr gut für die Lunge, das Herz, das Gehirn
und das Nervensystem. Das dritte Gelübde ist das Rezitieren von Mantra. Mantra klärt die
Zunge, die Ohren, das Nervensystem und den Geist. Wenn man jemanden mit dem Namen
Esel, Schwein oder Eule beschimpft, hat das seine Wirkung. Wenn du jemanden als Esel
bezeichnest, wird weder er noch du glücklich sein. Du hast es im Zorn gesagt. Ein Wort kann
positive, negative, abstoßende, anziehende, abscheuliche und rohe Emotionen hervorrufen,
daran besteht kein Zweifel. Wenn du am Morgen Om Namah Shivaya wiederholst, macht das
einen Unterschied. Das Mantra hat also eine klärende Wirkung: Mananat trayate iti mantrah.
Mananat bedeutet “ständige Wiederholung”. Trayate bedeutet “das, was deinen Geist befreit”. Iti
bedeutet “so ist es”.
Wenn der Geist noch rein ist, sind dies die drei Übungen, die Kindern im Alter von sieben
Jahren beigebracht werden sollten. Drängt sie nicht in Bhujangasana, Dhanurasana oder
Vrishchikasana, bloss weil Kinder die Übungen schön ausführen können, da ihre Wirbelsäule
so geschmeidig ist. Lasst ein Kind das tun, was sein Körper zulässt und was seinen Geist
inspiriert. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988
Bei einigen Übungen werden wir aufgefordert, uns selbst zu beobachten. Gibt es einen
Unterschied zwischen dem Beobachtenden und dem Beobachteten? Sind sie nicht
dasselbe?
Letztendlich sind die beobachtende Person und das Objekt der Beobachtung dasselbe, aber
das ist das höchste Ziel. Während der Sadhana gibt es diese Dualität zwischen der
beobachtenden Person, Drashta, und dem Gesehenen, Drishya. Der Geist nimmt bestimmte
Vrittis an. Wenn du dich selbst beobachtest, erschaffst du ein Muster in deinem Geist. Der
Geist baut oder formt sich selbst in ein bestimmtes Vritti um. Das ist in Ordnung. Du solltest
dich aber daran erinnern, dass der Geist in fünf Vrittis unterteilt ist: Pramana oder direktes
Wissen, Viparyaya oder falsches Wissen, Vikalpa oder Fantasie und Einbildung, Nidra oder
Schlaf und Smriti oder Erinnerung. Dies sind die fünf Vrittis gemäß dem klassischen Yoga:
korrektes Erkennen, falsches Erkennen, Abwesenheit von Erkennen, Wissen über Vergangenes
und verzerrtes, irrtümliches Wissen.
Diese spezielle Vritti, die du ansprichst, wird Dhyana Vritti genannt. Um diese fünf Vrittis zu
überwinden und zu bezwingen, musst du eine neue Vritti schaffen. In den Yoga Sutras werden
verschiedene Wege erwähnt. Eine Möglichkeit wird im Sutra 1:35 beschrieben:
Vishayavati pravrittihi utpanna mansaha sthiti nibandhani
«Der Geist wird zur Ruhe gebracht, indem man ihn mit der Aktivität der Sinneserfahrung
verbindet.»
Diese Vritti kann alles und jedes sein. Du kannst dich auf einen großen Heiligen konzentrieren.
Du kannst auf Licht oder über die Formen und Muster deines Geistes meditieren – es kann
Leidenschaft, Ärger, Verlangen, Angst sein, es kann alles sein. Was machst du nun damit?
Im Tantra geht man auf den Friedhof. Was geschieht dort? Du beobachtest, wie du Furcht
erlebst. Furcht ist eine Vritti. Wenn dein Geist Furcht erlebt, ist das eine Vishayawati Pravritti.
Leidenschaft und Angst sind ebenfalls Vishayawati Pavritti. Um die Aktivität des Geistes zu
bewältigen, müssen im Tantra die Vishayawati Pavritti unter Kontrolle gebracht werden.
Dadurch wird der Geist unter Kontrolle gebracht, was aber nicht der einzige Weg ist.
Buddha, Mahavir und viele andere große Mahatmas lehrten andere Wege. Kabir Das und die
Upanishaden sagten, konzentriere dich einfach auf deinen Atem, dann auf dein Mantra, dann
auf die Passage in der Wirbelsäule, dann auf die Lotus, die Chakras, dann auf die Nadis, dann
auf Sahasrara. Dies sind die Stufen und Schritte.
Sich selbst während Ajapa Japa, Vipassana Meditation oder Preksha Meditation zu
beobachten, ist eine verbreitete Übung. Es geht aber um viel mehr als das. Es geht um
Selbstbeobachtung: Du beobachtest deine Finger, die Position deiner Arme, die Position
deines Körpers. Du beobachtest, ob sich deine Augen bewegen, ob du dich konzentrierst oder
nicht, ob du denkst oder nicht denkst, ob du nach Norden oder nach Süden schaust. Du
beobachtest, ob du auf dem Boden oder auf einem Holzpodest sitzt, ob du einen Dhoti oder
eine Hose trägst oder ein Hemd. Es gibt so viele Dinge, die du beobachten musst. Du
beobachtest das Klopfen deines Herzens, dann beobachtest du die stille Vibration deines
Körpers.
Wenn du tiefer und tiefer gehst, stellst du fest, dass dein Körper nicht still ist. Du fühlst, dass er
still ist, aber er ist es nicht. Der physische Körper vibriert mit gewaltiger Frequenz und du
kannst es weder sehen noch fühlen. Nur durch scharfes, konstantes und tiefes Gewahrsein
kannst du spüren, dass dein Körper vibriert. Du weisst nicht, dass sich deine Augen bewegen.
Nur bei medizinischen Untersuchungen werden die REMs, (Rapid Eye Movements: schnelle
Augenbewegungen) bemerkt. Nur während der tiefen Meditation in Samadhi Avastha,
Savikalpa, haben die Augen keine REMs. Diese Augenbewegungen kontrollieren die
Bewegung des Geistes.
Der Geist ist nicht nur psychologisch, der Geist ist auch physiologisch – Mastishk oder Gehirn.
Geist und Emotionen sind nicht nur psychologisch. Emotionen sind so real, wahr und greifbar
wie eine chemische Reaktion, die Rauch oder Gas erzeugt. Ein Gedanke wird durch eine
chemische Reaktion erzeugt. In unserem physischen Körper gibt es chemische und pranische
Reaktionen. Wir haben zwei Energien in unserem Körper – Geist und Prana. Diese beiden
grossartigen Kräfte hängen von der Chemie des Gehirns ab. Das gilt für alles. Man kann nicht
einfach Elektrizität erzeugen. Es gibt chemische Reaktionen, chemische Verbindungen. Die
Energie muss durch bestimmte chemische Strukturen oder Formationen fließen und so wird
Energie, Elektrizität erzeugt.
Ein Gedanke ist eine sehr komplexe Sache. Ein Gedanke wird nicht durch den Verstand allein
erzeugt, sondern durch Verstand plus Prana plus die chemischen Reaktionen in deinem
Körper. Um dich selbst zu beobachten, musst du dir eine Sache ganz klar vor Augen halten: du
versuchst, jede einzelne Funktion des Körpers zu kontrollieren. Buddha pflegte seine Schüler
zu belehren: «Bhiku, wenn deine Hand halb oben ist, solltest du es wissen. Wenn du deine
Arme ganz hochgehoben hast, musst du es wissen. Wenn du dich an der Nase kratzt, solltest
du es wissen. Wenn du dich zum dritten Mal gekratzt hast, ‘ja, ich habe mich zum dritten Mal
gekratzt, zum vierten Mal, zum fünften Mal’.” Je mehr du dir deiner selbst bewusst wirst, desto
tiefer gehst du in deinen Geist. Dein Bewusstsein erlangt dadurch Kontrolle über jede einzelne
Emotion und chemische Reaktion. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988
Wir sehen in der westlichen Welt vermehrt psychologische Probleme. Was ist der Grund
für diese Frustration?
Es ist nicht Frustration, es ist Desillusionierung. Wenn du den Gipfel erreicht hast, gibt es einen
Prozess des Herunterkommens, eine Anti-Klimax. Die westliche Gesellschaft hat sehr hart für
materiellen Wohlstand, industrielles Wachstum, wissenschaftliche und technische Perfektion
und eine perfekte soziale Revolution gearbeitet. Die westliche Gesellschaft, die dem Weg des
christlichen Glaubens gefolgt ist, hat sich genau gegen diesen Glauben aufgelehnt. Sie waren
mit der Philosophie, der Theologie und den Systemen nicht zufrieden und auch nicht mit den
religiösen Erklärungen über das Universum, die Seele, das Karma, die Tugend, die Beziehung
zwischen Mensch und Gott. Sie waren ganz und gar nicht zufrieden und die Materialisten,
zusammen mit den Wissenschaftern, schufen eine völlig neue Philosophie für ihre Gesellschaft.
Sie wurden sehr reich und wohlhabend mit allen Annehmlichkeiten und Gelegenheiten zur
Beschäftigung, zum Reisen, zur Forschung und zu sinnlichem Vergnügen, Bhoga.
Wenn du mit allem vollgestopft bist, fragst du dich – was kommt als nächstes? Zuvor wolltest
du ein Auto, jetzt hast du ein Auto. Du wolltest ein Haus, jetzt hast du ein Haus. Du wolltest
Arbeit, jetzt hast du Arbeit. Du hattest den Wunsch mit deinem Bruder, der fünftausend Meilen
entfernt lebt, zu sprechen, nun kannst du das tun. Verlangen ist ein Ergebnis von Knappheit.
Verlangen erzeugt Verlangen. Trishna, Begierde, erzeugt Trishna, aber nur bis zu einem
gewissen Grad. Es gibt einen Prozess. Begierden erzeugen Begierden, Verlangen erzeugt
Verlangen. Nach einiger Zeit aber erzeugen Begierden Vairagya, Virakta,
Leidenschaftslosigkeit. Das geschieht nicht gleich zu Beginn. Vielleicht dauert es während
eines sozialen Prozesses sehr lange. Vielleicht dauert es länger als das Leben eines
Individuums, aber es geschieht.
Als du, ich oder irgendjemand im Alter von einundzwanzig Jahren Wünsche hatte, haben wir
sie erfüllt. Ein anderes Verlangen kam, Verlangen erzeugte Verlangen, aber nach fünfzig ändert
sich etwas. Es entsteht eine Art von Virakta, eine Art von Leidenschaftslosigkeit, die im Geist
von allen erscheint. So wie es bei einem Individuum geschieht, geschieht es auch in der
gesellschaftlichen Entwicklung. Eine Gesellschaft entwickelt sich durch die Intensität des
Verlangens, der Begierde, der Leidenschaft und der Intensität der Vermehrung. So geht es
weiter und weiter. Dann ändert sich die soziale Entwicklung, so wie sie sich im Westen
geändert hat.
Es ist nicht Frustration. Wenn ein Mensch sich um vergnügliche Dinge bemüht, was strebt er
dann an? Worauf zielt er ab? Er strebt nach Paramsukha, nach totalem Glück. Er will nicht, dass
das Glück endet. Param bedeutet «vollkommen», aber er stellt fest, dass dieses Sukha, das
Glück, ihm nicht Paramananda, die vollkommene Glückseligkeit, gebracht hat. Deshalb ändert
er sein Experiment. Wenn deine Partnerin, dein Partner, deine Kinder, dein Geld oder deine
Möglichkeiten dir kein Paramananda geben, wirst du sie dann ständig weiter beanspruchen?
Nein, du wirst nach einem anderen Weg suchen. So brachten die Menschen, die nach Indien,
China, Japan und in die verschiedenen Teile der Welt reisten, die Botschaft der Spiritualität,
Adhyatmikta, mit zurück.
Jemand hat ein Buch geschrieben, Hindu Deva Sabha, das Pantheon des Hinduismus. Es ist
ein sehr schönes Buch. In ähnlicher Weise wurden viele angemessene und unangemessene
Bücher verfasst. Die Botschaft von Ramakrishna und des Vedanta wurde von Swami
Vivekananda verbreitet. Die Botschaft des Karma Yoga wurde von Swami Sivananda verbreitet
und die Botschaft des Kriya Yoga von Paramahamsa Yogananda. Dann wurde die Botschaft
des Vedanta auch von Swami Ramatirtha verbreitet, um nur einige Erleuchtete zu nennen.
Heute findet man in den westlichen Ländern, insbesondere in Amerika und Europa, alle
Sampradayas, alle Sekten Indiens, insbesondere die hinduistischen Sampradayas des
vedischen Dharma. Das Pantheon des vedischen Dharma ist in jedem Land durch die eine
oder andere Person vertreten. Du wirst überall Schüler von Neem Karoli Baba und Baba
Ramdas finden. Wenn du Paramananda erlangen willst und es dir nicht gelingt, wechselst du
zu einer anderen Tradition, zu einem anderen Orden.
Die christliche Religion ist eine sehr seriöse, nüchterne Religion. Es gibt viele große Heilige von
geistiger Vollkommenheit. Diese Heiligen wurden von politischen Machthabern für ihre
politischen Ziele ausgenutzt, sei es der Heilige Franz oder der Heilige Xaver, die Heilige Teresa
oder der Heilige Johannes vom Kreuz. Die christliche Kirche glaubt nicht an Poonar Janma, die
Reinkarnation, das ist ein Dogma. Die Kirche hat in Konstantinopel (Istanbul) beschlossen, die
Seelenwanderung zum Dogma zu erklären. Zu diesem Zweck gab es einen großen Kongress.
Aber man kann transzendentale Themen nicht durch einen Vorstand, durch Abstimmungen
oder Wahlen entscheiden. Wenn wir alle beschließen, dass Rama kein Gott war, ist das
Dummheit. Sie beschlossen, dass die Theorie der Seelenwanderung zum Dogma erklärt
werden soll und deshalb spricht die Kirche nicht darüber, aber alle in den westlichen Ländern
tun es
Das Christentum hat den Geist der gewöhnlichen Abendländer auf gute Weise geformt und auf
dieser geformten Persönlichkeit hat Yoga eine wunderbare Arbeit geleistet. Yoga hat sich in
den christlichen Nationen und bei der jüdischen Bevölkerung vor allem dadurch durchgesetzt,
weil ihre eigene Religion eine gute Wirkung auf die Persönlichkeit hat – auf das innere Leben.
Alle Ausdrucksformen sind vorhanden. Wenn wir «inneres Leben» sagen, verstehen sie –
Adhyatmik. Wenn wir «innere Stimme» sagen, verstehen sie, was wir damit meinen. Wenn wir
«die Stimme der Stille» sagen, verstehen sie genau, was wir meinen, denn sie ist da, sie
benutzen diese Worte – Stimme der Stille, innere Stimme, Paradies, Nektar, Ambrosia. Sie
verstehen sogar die Chakras. Deshalb sollten wir niemals sagen, dass westliche Menschen
frustriert sind. Sie sind desillusioniert. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988
Was halten Sie von den Hippies?
An der Hippie Bewegung ist nichts auszusetzen. Nein, das glaube ich nicht. Die Hippies waren
die Ketzer und Ketzerinnen von Nordamerika. Wenn sich ein Kult verändern muss, eine
Gesellschaft, eine Religion, wenn der gesamte gesellschaftliche Prozess eine totale
Metamorphose durchlaufen muss, dann muss es eine solche Bewegung geben – jemand muss
revoltieren. Wenn du im Smoking zum Abendessen gehst und ich sage: «Ich kann auch so in
meinem Dhoti gehen», wenn du sagst: «Ich nehme Champagner und Scotch» und ich sage:
«Ich rauche Ganja» und wenn du sagst: «Ich kann mit dieser jungen Frau im Nachtclub tanzen
gehen», und ich sage: «Ich kann mit ihr Tantra üben» – dann ist das der revolutionäre Ton.
Die Hippies haben die Erscheinung verändert, die so genannte «Show», die schicke Kleidung,
das schicke Benehmen, die schicke Art zu reden, alles kalkuliert, alles getrimmt, ob es nun
«Guten Morgen» oder «Hallo» oder «Danke schön» heißt. So wird es an Schulen und
Hochschulen gelehrt, alles ist getrimmt und gestrafft. Die Hippies sagen, setz dich hin, wo
immer du möchtest. Mach, was du wünschst und zieh dich an, wie du willst. Warum nur ein
bestimmtes Instrument spielen, wenn man Gitarre und Sitar spielen kann.
Die Hippie Kultur ist eine Übergangskultur. Was passiert, wenn in einer Gesellschaft, einer
politischen Gesellschaft, eine Revolution ausbricht? Was geschah in Russland? Anhänger und
Anhängerinnen von Nihilismus, Bolschewismus, Kommunismus. Das ist eine
Übergangsgesellschaft und Übergangspolitik. Russland und China haben eine politische
Übergangssituation durchlaufen, die nicht mehr lange anhalten wird, denn Kommunismus und
Sozialismus liegen nicht in der Natur des Menschen. Der Mensch ist von Natur aus ein
Kapitalist. In jeder religiösen Gesellschaft gibt es immer einen Übergangsmoment, und das war
bei den Hippies der Fall. Ich denke nicht, dass das falsch ist. Ich glaube nicht einmal, dass es
in den USA noch Hippies gibt. Das war eine bestimmte Zeit und die ist vorbei. Jetzt gibt es
keine Hippies mehr, sondern Swamis, Schülerinnen und Schüler von Maharshi Mahesh Yogi,
Rajneesh, Ramakrishna und von Vivekanandas Orden, Schülerinnen und Schüler von Swami
Sivanandaji und von Sant Kripal Singh und der Bhakti Vedanta Bewegung. Es gibt so viele
Schüler, und sie leisten eine gute Arbeit.
Nicht wenige von ihnen sind meine Gurubhais. Swami Satchidanandaji ist mein Gurubhai. Er ist
ein Tamilie aus Lanka. Jetzt ist er amerikanischer Staatsbürger und Dadaji, «Großvater», von
jungen Amerikanern. Die Leute lieben ihn. Es gibt einen weiteren Yogiraj, Amrit Desai. Es gibt
den Yogi Swami Rama, der einen Ashram hat, der wie eine Universität funktioniert, das
Himalayan Institute, mit Fakultäten für Yoga. Es gibt dort viele Amerikaner und Amerikanerinnen
und eine ganze Reihe von Inderinnen und Indern. Alle sind gut ausgebildetet. Sie sprechen
über Yoga, Meditation, die Veden, Vedanta, Samkhya, Nyaya und der Ashram erstreckt sich
über fünfhundert Hektar. Kann man in Indien einen Ashram auf fünfhundert Hektar gründen?
Ich nehme nicht an, dass die indische Regierung dir das erlauben wird. Es wird auch in Indien
passieren, denn Indien macht die gleiche Phase durch, die Amerika mit der Hippie Bewegung
durchgemacht hat, einfach mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Auch da gibt es eine
Hippie Bewegung, eine Übergangsbewegung und die meisten von euch haben einen Einblick
in das Hippie Leben bekommen, vielleicht auch in eurem persönlichen Leben. – Ganga Darshan, Munger, Indien, 24. Juni 1988