Was ist die wahre Bedeutung von Pranayama?
Swami Satyananda: Pranayama ist ein oftmals missverstandener Begriff. Die Leute übersetzen
ihn als «Atemübung». Tatsächlich verbessern die Übungen die Zufuhr von Sauerstoff im
physischen Körper und den Ausstoß von Kohlendioxid. Daran gibt es keinen Zweifel und das
bringt eigentlich schon wunderbare physiologische Vorteile mit sich. Aber Pranayama ist nicht
nur einfach eine Atemübung oder Arbeit mit der Atmung. Pranayama bedeutet auch nicht, die
Lebenskraft unter Kontrolle zu bringen.
Was aber ist Pranayama dann? Pranayama bedeutet, die Lebenskraft in jeden Winkel und in
jede Zelle des Körpers zu leiten. Eigentlich ist es ein Prozess, der das schlummernde Prana,
die schlafende Lebensenergie im physischen Körper, erweckt. Es ist Teil eines Gesamtsystems
der Reintegration, der Wiederherstellung des Gleichgewichts und der Reharmonisierung von
Körper und Geist. Ein System, das reinigt und stärkt und dadurch körperliche und geistige
Anspannung und Schwäche beseitigt. Gleichzeitig erweckt Pranayama die innere Bewusstheit.
Die Übung von Pranayama lädt die Energie im Körper wieder auf, die dann durch die Nadis Ida
und Pingala in Form von elektrischen Impulsen zu allen Teilen des Körpers, einschließlich des
Gehirns, fließt. Wissenschaftler haben beobachtet, dass bei der Ausübung von Pranayama
beide Gehirnhälften aktiv sind und es zu großen Veränderungen auf der Ebene der elektrischen
Impulse im Gehirn kommt.
Aus: “Conversations on the Science of Yoga – Hatha Yoga Book 5, Pranayama”
Was ist die Bedeutung und was steck hinter dem Wort Pranayama?
Swami Satyananda: Prana bedeutet viel mehr als Atem. «Prana» plus «ayama» ergibt «prana
ayama». Ayama ist ein Sanskrit-Wort, das wie folgt definiert werden kann: Ausweiten,
Verlängern, Zurückhalten, Ausdehnung (von Dimensionen in Zeit und Raum). Pranayama bedst
die Bedeutung und was steck hinter dem Wort Pranayamaeigenen, herkömmlichen Grenzen
auszudehnen und zu überwinden. Pranayama nutzt den Atemvorgang als Mittel zum Zweck um
alle Formen von Prana, ob grob- oder feinstofflich, im menschlichen Körper zu manipulieren.
Vor allem geht es aber um die Beeinflussung der feinstofflichen Formen von Prana. Pranayama
ist die Methode, die es einem ermöglicht, höhere energetische Schwingungszustände zu
erreichen. Mit anderen Worten, man ist in der Lage, das Prana im menschlichen Körper zu
aktivieren und zu regulieren und wird dadurch sensibler für die Schwingungen des Kosmos
und des eigenen Inneren.
Pranayama ist eine Methode zur Verfeinerung des eigenen Pranakörpers, des physischen
Körpers und auch des Geistes. Auf diese Weise ist es dem Yoga Übenden möglich, sich neuer
Dimensionen der Existenz bewusst zu werden. Wenn der Geist ruhig und still wird, dann kann
das Bewusstsein ohne Verzerrung durchscheinen.
In der Yoga Chudamani Upanishad (V. 89) heißt es:
Chale vaate chalo binduh nishchale bhavet;
Yogee sthaanuttvamaapnoti tato vayum nirundhayet.
Wenn sich das Prana bewegt, bewegt sich auch der Bindu
(Bindu = Ursprungspunkt des individuellen Pranas und Bewusstseins).
Wenn das Prana stabil bleibt, ist auch der Bindu stabil.
So wird der Yogi unerschütterlich und fest.
Deshalb sollte das Prana unter Kontrolle gebracht werden.
Was sind die Hauptziele von Pranayama?
Swami Satyananda: Das erste Ziel von Pranayama ist, dem Nervensystem Energie zuzuführen.
Das Zweite ist, Kundalini zum Erwachen zu bringen. Das dritte Ziel von Pranayama besteht
darin, die schlummernden Gehirnzentren zu erwecken. Es heißt, dass die Gedanken Prana
beeinflussen und genauso beeinflusst Prana die Gedanken. Den yogischen Texten zufolge
besteht der Zweck von Pranayama darin, den Geist unter Kontrolle zu bringen. Die Schriften
über Yoga machen es deutlich – Geist und Prana stehen in Wechselwirkung. Wenn der Geist
unruhig ist, wirkt sich das auf den Prana aus und wenn der Geist friedlich, ruhig und gelassen
ist, herrscht automatisch auch ein Gleichgewicht auf pranischer Ebene. Umgekehrt verhält es
sich genauso. Wenn die Pranas aufgewühlt sind, ist auch der Geist aufgewühlt. Wenn die
Pranas unter Kontrolle stehen, steht auch der Geist unter Kontrolle.
In den Yoga Sutras des
Weisen Patanjali (2:53) heißt es:
Dharanasu cha yogyata manasah.
Und die geistige Fähigkeit zur Konzentration (entwickelt sich durch Pranayama).
Wird Pranayama korrekt angewendet, können die höchsten Stufen des Yoga erreicht werden.
Was haben wissenschaftliche Studien über die Auswirkungen des bewussten Atmens auf
das Gehirn ergeben?
Swami Satyananda: Das Gehirn besteht aus dem Frontalhirn und dem Hinterhirn. Das
Hinterhirn ist das instinktive oder primitive Gehirn. Das Frontalhirn ist der Sitz des vollen
Bewusstseins. Wenn man unbewusst atmet, wird der Atem im hinteren Teil des Gehirns
registriert. Dies wird als unwillkürliche Atmung bezeichnet. Ist man sich der Atmung bewusst
und beobachtet den ganzen Prozess aufmerksam, dann nennt man das die willkürliche
Atmung. Diese wird vom bewussten Gehirn, dem Frontalhirn, registriert.
Dieser Unterschied mag einfach erscheinen, aber seine Auswirkungen sind umfassend. Die
meisten Menschen atmen ein Leben lang unbewusst, so wie es Tiere und Kinder tun. Einige
wenige Menschen, jene die angefangen haben Yoga zu üben, sind die Ausnahme. In dem
Moment, in dem man sich der Atmung bewusst wird und beginnt, den Atem in einer
bestimmten Weise zu formen und zu kontrollieren, registriert das Frontalhirn unmittelbar die
Einflussnahme. Diese Tatsache wurde durch wissenschaftliche Experimente nachgewiesen und
hat zur Schlussfolgerung geführt, dass die bewusste Atmung eine vollkommen andere Wirkung
auf das Gehirn hat, als die unbewusste. Durch die unbewusste Atmung wird zwar der ganze
Körper mit Prana versorgt, aber diese Versorgung ist für seine Evolution und sein Wachstum
unzureichend.
Das bedeutet, dass Pranayama nicht nur eine Atemübung oder Atemkontrolle ist, sondern ein
System, das die verschiedenen Zentren des Gehirns ausbildet. Ein Beispiel für bewusste
Atmung ist die Wechselatmung. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass beim Atmen
durch das linke Nasenloch, die Aktivität in der rechten Gehirnhälfte zunimmt und beim Atmen
durch das rechte Nasenloch, die Aktivität in der linken Gehirnhälfte. Wenn der Atem angehalten
wird, werden die beiden Gehirnhälften in Einklang gebracht.
Ebenfalls wurde beobachtet, dass der Atem, der durch das linke Nasenloch fließt, eine etwas
tiefere Temperatur hat, als der Atem, der durch das rechte Nasenloch fließt. Dies stimmt mit
dem yogischen Verständnis überein, dass das linke Nasenloch mit Ida Nadi, dem Fluss der
mentalen Energie, in Verbindung steht, während das rechte Nasenloch mit Pingala Nadi, dem
Fluss der vitalen Energie, verbunden ist. Ida ist die lunare Kraft, die kühl ist, während Pingala
die solare, die heisse Kraft ist.
In wissenschaftlichen Experimenten zum Thema Stress werden EKG (Elektrokardiograph) und
EEG (Elektroenzephalograph) zur Aufzeichnung des Herzrhythmus und der Gehirnströme
sowie GSR (galvanische Hautreaktion) zur Messung der elektrischen Aktivität der Haut
verwendet. Es wurde festgestellt, dass die Übung von Pranayama dazu führt, den Fluss von
Alpha-, Delta- oder Thetawellen auszugleichen, was wiederum die Aktivität des Gehirns
harmonisiert. Spannungen, die während Beta Aktivität aufgezeichnet wurden, nehmen ab,
sobald Alpha, Theta oder Deltawellen, die Beta Aktivität ersetzen. Wenn sich Alphawellen im
Gehirn manifestieren, werden Spannungen im Körper abgebaut und das Herz wird frei von
stressbedingtem Druck.