Karma

Hinweis vom SYF Übersetzer-Team: Während den 20 Jahren, in denen Swami Satyananda
Saraswati die Bihar School of Yoga in Munger aufbaute, reiste er auch unermüdlich um den
Globus um Yoga zu verbreiten. Während unzähligen Vorträgen und Unterweisungen sprach er
zu allgemeinen Themen des spirituellen Lebens und vermittelte Einsichten in die ursprüng
lichen Philosophien und Wissenschaften des Yoga, des Tantra und der Veden. Die folgenden
Zitate stammen aus Satsangs dieser Zeit, während denen er auf direkte Fragen von Schülern,
in seiner unnachahmlich, spontanen Art, antwortete. Sie werden mit freundlicher Genehmigung
des Yogamagazines übersetzt und veröffentlicht.

Was ist Karma?
Wörtlich bedeutet Karma Handlung, aber Handlung für sich genommen hat keine Bedeutung.
Angenommen, ich muss in den Krieg ziehen und töte viele Menschen, dann ist das meine
Handlung aber nicht mein Karma. Wenn ich aber im Gegensatz dazu Menschen aus Hass töte,
dann ist das Karma, weil es meinen Geist und meine Persönlichkeit beeinflusst. Demnach
bezieht sich der Ausdruck Karma sowohl auf eine Handlung als auch auf den Eindruck, den ein
Ereignis im Leben, im Geiste eines Individuums hinterlässt.

Laut der östlichen Philosophie erzeugst du Karma, selbst wenn du nicht arbeitest, kochst, dein
Zimmer reinigst oder überhaupt gar nichts tust. Sogar in der Nacht im Tiefschlaf arbeitet der
Mensch auf den tieferen Ebenen. In erster Linie arbeitet der Mensch in seinem Unbewussten,
die bewusste Handlung ist vielmehr ein Ausdruck unbewusster Motivation. Auch die Organe im
Körper können nicht inaktiv sein, arbeiten doch mehr als 10 Körpersysteme zur gleichen Zeit.
So gibt es keinen einzigen Moment im Leben, in dem der Mensch untätig bleiben kann.

Gibt es verschiedene Arten von Karma?
Ja, es gibt verschiedene Arten von Karma. Gewisse nennen wir alltägliche Karmas. Diese
haben praktisch keine Bedeutung für das Innenleben einer Person, sie sind automatisch und
routinemässig. Wahrscheinlich ist der einzige Einfluss, den sie auf dich ausüben können,
Eintönigkeit und Ermüdung. Eine andere Form von Karma ist bekannt als motiviertes Karma. Es
wird mit einem bestimmten Beweggrund im Geist verrichtet und erzeugt Samen. Diese Samen
hinterlassen Eindrücke im Geist und beeinflussen die gesamte Persönlichkeit, den Geist, den
Körper und die Emotionen. Nehmen wir beispielsweise an, ich beginne ein Geschäft. Läuft das
Geschäft erfolgreich, bin ich glücklich, läuft es nicht gut, bin ich sehr unglücklich. Demzufolge
wird meine Gemütsverfassung nicht vom Geschäftsverlauf bestimmt, sondern durch meine
Motivation. Mit anderen Worten, aus unserer Grundmotivation ergeben sich die Konsequenzen.

Wenn ich Richter bin und einen Mann zum Tode verurteile um die Allgemeinheit vor einem
gefährlichen Kriminellen zu schützen, dann verursache ich kein Karma, das auf mich
zurückfallen wird. Wenn mein Beweggrund einen Mann hinzurichten jedoch ein persönlicher ist,
oder ich voreingenommen bin, dann werde ich die Folgen des Karmas zu erleiden haben. Das
ist ein universelles Gesetz.

Gibt es Techniken, die wir nutzen können um Karma loszuwerden oder zu kontrollieren?
Es ist nicht einfach Karma loszuwerden, denn jeder Mensch ist ihm unterworfen. Jede Aktion
erzeugt eine Reaktion, die gleich gross und entgegengesetzt ist. Das ist das erste Gesetz der
Wissenschaft, das erste Gesetz von Newton. Je mehr du das Pendel nach rechts stösst, desto
mehr wird es nach links schwingen, und dann wieder nach rechts – Aktion und Reaktion. Keine
Handlung im Leben bleibt unbeglichen, du kannst nichts vor dir selbst verstecken. Du bist dein
eigener Zeuge und Beobachter. Du weisst, was du denkst, fühlst und tust, und du kennst deine
wahren Absichten. Durch Selbstbeobachtung kannst du dein Karma kontrollieren.

Es gibt verschiedene Wege um Karma loszuwerden. Der kürzeste ist durch Busse und
Entbehrung, allerdings ist das sehr schwierig. Meditation ist eine einfache Methode, aber es
gibt einen noch einfacheren Weg. Suche dir einen spirituell verwirklichten Guru und empfange
ein Mantra von ihm. Lebe mit ihm für eine bestimmte Zeit, und allmählich werden alle Karmas
anfangen wegzufallen.

Was ist der Unterschied zwischen der eigenen Entscheidungsfreiheit und Karma?
Entscheidungsfreiheit ist auch Karma. Es gibt zwei Kräfte im Universum. Die eine wird Karma
genannt – Aktion und Reaktion und die andere freier Wille. Freier Wille ist nicht Karma, es ist
dein Wille, du bestimmst und es geschieht. Der Wille ist unabhängig von Karma. Aber das
Entstehen der Willenskraft braucht Zeit im spirituellen Leben. Wenn ein menschliches Wesen
sich weiterentwickelt und Meister seines eigenen Geistes wird, ist es fähig, seinen Willen
durchzusetzen.

Wenn der Geist kraftvoll wird, ist er manchmal fähig, die Ereignisse im Leben zu gestalten, aber
auch das ist ein Bestandteil der Kettenreaktion von Karma. Wenn du dich intensiv auf: „Ich
werde das tun“ konzentrierst und es geschieht, ist das nicht das Ergebnis einer starken
Willenskraft sondern einer kraftvollen mentalen Entscheidung, die du getroffen hast. Es gibt
einen grossen Unterschied zwischen Willenskraft und mentaler Entscheidung. Willenskraft ist
eine gewaltige Stärke und wenn du sie voll entwickelt hast, kannst du die Schwerkraft von
Karma transzendieren. Dann ist deine Evolution abgeschlossen, und dann wirst du zu einem
Mit-Schöpfer, einem Junior-Gott.

Muss jemand, der durch die Auflösung von Karma befreit wird, sein Handeln ein
schränken um zu verhindern, mehr Karma zu erzeugen?
Befreiung bedeutet nicht auf Handlungen oder Karma zu verzichten. Ein befreiter Mensch führt
seine Handlungen auf der körperlichen, geistigen, intellektuellen, emotionalen und
sensorischen Ebene fort. Er kann das Feld pflügen oder irgend eine andere Arbeit verrichten,
denn es sind nicht die Handlungen, die einen Menschen binden, sondern das Ego. Wenn Ego
an deinen Handlungen beteiligt ist, eignest du dir Karma an und musst die Verantwortung dafür
übernehmen.

Ein befreiter Mensch hat sein Ego von seinen Handlungen, seinem Karma, losgelöst. Er arbeitet
wie ein Diener oder ein Verkäufer in einem Ladengeschäft. Obgleich der Verkäufer mit seinem
Geist, Körper und Intellekt arbeitet, trägt er keine Verantwortung für das, was im Geschäft
geschieht. Andererseits ist der Geschäftsinhaber nicht fähig sein Ego von seinem Laden zu
lösen und ist dadurch verantwortlich für die guten und schlechten Karmas, die dort entstehen.
Der Gewinn gehört ihm, genauso wie der Verlust, denn seine Persönlichkeit und sein Ego sind
involviert. Wo Ego beteiligt ist, ist Karma, wo kein Ego beteiligt ist, gibt es kein Karma.

Ist es möglich, das Karma von jemand anderem zu übernehmen?
Wenn eine tiefe Kommunikation oder eine psychische Verbindung zwischen zwei Personen
besteht, findet eine Übertragung von Karma statt. Die Tiefe der Bewusstheit ist dafür
verantwortlich. Wenn du jemanden sehr liebst, sei es einen Freund, Ehemann, Ehefrau, Kind
oder Geliebten, passiert es automatisch. Du kannst sogar Karma von deinem Feind
übernehmen, wenn er dir ständig bewusst ist.

Wenn in der Meister-/Schülerbeziehung beide in Geist und Bewusstsein vereint sind, werden
die Karmas des Schülers automatisch auf den Meister übertragen und ebenso das Wissen des
Meisters automatisch zum Chela (Schüler) übermittelt. Aber wenn Meister und Schüler im
Bewusstsein nicht vereint sind, findet dies nicht statt.

Sind Tiere in gleicher Weise durch Karma gebunden wie Menschen?
Jedes einzelne Wesen in dieser Welt, einschliesslich derer des mineralischen und pflanzlichen
Reiches, bewegt sich entsprechend der klar vorgegebenen Gesetze der Natur. Solange ein
Mensch unfähig sowie geistig und körperlich schwach ist, ist auch er den Gesetzen des
Schicksals unterworfen. Doch während er mehr Bewusstheit entwickelt, überwindet er
allmählich das Diktat von Schicksal und Karma, und er wird fähig, für sich neues Recht und
Ordnung zu schaffen. Wenn ein Wesen als Mensch inkarniert, bringt es eine höhere Form von
Bewusstheit, Gyanam, mit, das kein anderes Wesen besitzt. Gyanam ist die Bewusstheit der
eigenen Existenz in Beziehung zu Raum und Zeit. “Ich weiss, dass ich bin; ich weiss, dass ich
weiss, dass ich bin”, das ist Gyanam.

Wenn ein Mensch etwas Falsches macht, wird er leiden, denn er weiss, dass er etwas Falsches
gemacht hat. Wenn er jemanden tötet, wird er dafür büssen, vielleicht nicht rechtlich, aber
definitiv mental. Wenn er etwas stiehlt oder tut von dem er weiss, dass es falsch ist, wird er
mentale Qualen leiden. Weshalb? Wegen seines Bewusstseins. Ein Hund dagegen besitzt
keine Schuldgefühle. Wenn er jemanden beisst, wird er nicht leiden oder irgendwelche
Probleme haben. Tiere können dich verletzen oder dir dienen, doch die Natur wird sie weder
belohnen noch bestrafen. Ihre Handlungen erzeugen keine Gegenwirkungen.

Bewegt sich der Mensch während seiner spirituellen Entwicklung immer vorwärts oder
zwingt ihn Karma manchmal auch rückwärts zu gehen?
Gemäss der hinduistischen Philosophie ist Evolution fortschreitend, aber manchmal musst du
aufgrund von Karma zurückgehen. Nehmen wir an, du bist eine spirituelle Person und willst
hoch hinaus, doch auf einer gewissen Stufe wird dir klar, dass du Leidenschaften in dir hast,
ein Verlangen nach sinnlichem Vergnügen oder einen rachsüchtigen Ehrgeiz. Was wirst du
tun? Das Gleiche, was du tun würdest, wenn du auf dem Weg zum Flughafen feststellst, dass
du deinen Pass zu Hause vergessen hast. Du würdest kehrtmachen, deine Angelegenheiten
regeln und dann weitergehen.

Wenn du im spirituellen Leben zurückgehen musst, wirst du körperlich nicht zu einem Tier, du
bleibst ein menschliches Wesen. Du verhältst dich vielleicht wie ein Tiger aber dein Körper hat
sich nicht verändert, es ist einfach eine Erfahrung. Wenn du wegen Karma umkehren musst, ist
das nur temporär. Und es ist nicht um des Leidens Willen, sondern um die Erfahrung zu
machen.

Existiert Schicksal oder wählen wir unser eigenes Los?
Schicksal existiert. Wenn du nach Bombay gehen willst, ist das dein Bestimmungsort, es ist
dein Schicksal. Schicksal basiert auf dem Gesetz von Handlung und Reaktion. Jede Handlung,
jedes Karma, hat eine Gegenwirkung. Genauso wie wenn du einen Stein in einen See wirfst und
dabei Wellen entstehen, so entstehen Wellen im Kosmos, wenn du Karma verursachst.
Karma ist nicht nur Handlung, ein Gedanke oder ein Gefühl sind auch Karma. Karma bedeutet
Bewegung. Wo immer Bewegung ist, da ist Karma. Jedes Karma verursacht Wellen oder
Vibrationen, und diese bewegen sich weiter in einer Kettenreaktion. Jede Handlung verursacht
eine Reaktion und diese Gegenreaktion verursacht eine nächste Aktivität. Im Laufe der Zeit
vervielfacht sich diese Kettenreaktion in millionenfache reaktive Kräfte im Leben und das
erzeugt das Schicksal. Schicksal ist ein Gesetz der Natur, und du kannst es nicht ignorieren.
Alle Tiere, genau genommen das ganze Universum, sind dem Gesetz des Schicksals
unterworfen.

Was ist die Notwendigkeit von Karma Yoga?
Als ich in meinen frühen Tagen mit meinem Meister im Sivanandashram lebte, dachte ich, dass
ich, wenn ich den Ashram verlassen würde, ruhig und in mich versunken bleiben könnte.
Jedoch, als ich 1964 den Ashram in Monghyr gründete, kamen viele Leute um mit mir zu leben,
aber niemand blieb mehr als drei oder vier Monate. Das war weil es für sie im Ashram keine
Arbeit gab. Sie lernten und übten nur viele Asanas, Pranayama, Mantra, Meditation etc. Doch
dies erzeugte keine Stabilität in ihnen, weil ihr Geist nicht geläutert war.

Nach einigen Jahren begannen wir mit etwas Arbeit im Ashram – Gärtnern, Drucken, Editieren,
Buchdruck, Maschinenschreiben oder Küchenarbeit – und seither ist die Anzahl der Bewohner
mit jeder Woche gestiegen. Jetzt bleiben Leute jahrelang. Manchmal bleiben sie fünf, zehn
oder zwölf Jahre, mit all den Schwierigkeiten des Ashramlebens. An Sonntagen weise ich die
Swamis oft an, alle Abteilungen zu schliessen. Manchmal erlaube ich ihnen an drei
aufeinanderfolgenden Tagen nicht zu arbeiten, und sie werden dermassen unruhig. Viele von
ihnen kommen immer wieder zu meinem Zimmer und bitten mich um Arbeit. Inzwischen haben
die Swamis und Gäste erkannt, dass die Natur im Menschen ein Verlangen und einen Drang
nach Arbeit erzeugt. Das ist die positive Seite von Verlangen im Leben.

Wenn der Mensch keine Sehnsüchte hätte, dann würde er sich nicht zu Arbeit verpflichtet
fühlen, und wenn er nicht arbeiten würde, würde sein Geist nicht wachsen. Eine Person, die
noch nicht Tamo Guna und Rajo Guna überwunden hat, ist gezwungen zu arbeiten. Sogar
wenn sie über grossen Reichtum verfügt und alle lebensnotwendigen Güter im Überfluss
vorhanden sind, muss sie immer noch arbeiten. Nur wenn du den Zustand von Sattwa erreicht
hast, den höchsten Punkt von Ausgeglichenheit und Gelassenheit, dann kannst du ohne Arbeit
sein, ohne Karma. Für die Läuterung des Geistes ist Karma unumgänglich, und wenn du Karma
Yoga übst, dann erreichst du Reinheit viel schneller.

 

Du findest die Zitate im Original im Yogamag.