Hatha Yoga ist nicht nur Yoga für den physischen Körper. Das zeigt schon der Name selbst:
„Ha“ und „Tha“, „Hatha“. Diese beiden Wörter, Ha und Tha, repräsentieren zwei unterschied
liche Kräfte im Körper, die solare oder vitale Kraft und die lunare oder mentale Kraft. Diese
beiden Kräfte ins Gleichgewicht zu bringen, ist das Ziel von Hatha Yoga. Die solare Kraft ist
bekannt als Prana Shakti und die lunare Kraft als Chitta Shakti. Die solare Energie wird
assoziiert mit der Aktivität des symphatischen Nervensystems und die lunare Energie mit der
des parasympathischen Nervensystems. Diese beiden Ströme kontrollieren die Vitalität, Energie
und Gesundheit des Körpers, des Geistes, der Emotionen und der Seele. Diese beiden Kräfte
zu harmonisieren, um nicht nur körperliche, sondern auch mentale, emotionale und spirituelle
Gesundheit zu erlangen, ist das Ziel von Hatha Yoga.
Shatkarmas
Aus dieser Perspektive beginnt Hatha Yoga mit den Shatkarmas – bestimmte Übungen, deren
Zweck es ist, den Körper und seine inneren Systeme zu reinigen und zu entgiften. Mit der
Entgiftung des Körpers werden die Organsysteme reguliert. Im Körper auftretende
Ungleichgewichte, die aus unregelmäßigem Lebensstil, unregelmäßiger Nahrungsaufnahme
und unregelmäßigen Gewohnheiten im Allgemeinen resultieren, werden überwunden.
Die ersten drei Shatkarmas der insgesamt sechs Übungen sind Neti, Dhauti und Basti. Sie
reinigen den Kopf, den Magen und den Darm. Die Reinigung hilft dabei, die Gifte aus dem
Körper zu entfernen. Wenn der Körper entgiftet ist, gewinnt er an Energie und Gesundheit. Die
nächsten drei Übungen heißen Nauli, Kapalbhati und Trataka. Sie helfen die Energiestruktur zu
regulieren. Nauli aktiviert das Zentrum der Energie im Solarplexus oder Manipura Chakra, die
Quelle von Prana Shakti. Die Aktivierung des Manipura Chakras geschieht durch Nauli Kriya.
Die zweite Übung ist Kapalbhati, nicht die Pranayama Technik, sondern die Übung, durch
welche die linke und rechte Hirnhemisphere ins Gleichgewicht gebracht werden.
Es gibt hierzu einen Witz in englischer Sprache: People have these two hemispheres of the
brain, the left and right hemisphere, however, the problem is that in the right hemisphere there
is nothing left and in the left hemisphere there is nothing right.
Die Übung Kapalbhati hilft, die Funktionen dieser beiden Hirnhemispheren auszugleichen. Sie
bringt dadurch Ruhe und Harmonie in die zerebrale Aktivität, wo verschiedene Gehirnwellen in
Form von Beta, Alpha, Delta und Theta Wellen generiert werden. Die sechste Übung heißt
Trataka. Sie bündelt die zerstreuten Energien und konzentriert sie in den Energiezentren des
Körpers, wodurch inaktive Energiezentren angeregt und erweckt werden.
Körperhaltung
Die zweite Technik in Hatha Yoga ist Asana. Asana heißt nicht Übung sondern Körperhaltung.
Diese Haltung des Körpers ist statisch und keine dynamische Bewegung. Wenn man liegt,
dann ist das ein Asana. Wenn jemand ruhig sitzt, dann ist das eine Haltung, ein Asana. Daher
versteht man unter Asana Haltung oder eine Bedingung im Körper, in der man die vielen
verschiedenen Funktionen der inneren Organe regulieren und ins Gleichgewicht führen kann.
Es wurde erkannt, dass durch das Ausführen von Asana viele Krankheiten, die aus
unausgeglichenem Lebensstil resultieren, beseitigt werden. Die Bihar School of Yoga hat über
die letzten fünfzig Jahre viele medizinische und wissenschaftliche Untersuchungen
durchgeführt, um den Nutzen von Asanas für den menschlichen Körper zu studieren. An der
Wirksamkeit von Asanas in der Langzeitpraxis wird noch geforscht.
Die richtige Kombination der Asanas entsprechend des Alters, der Kraft des Körper und des
Körpertyps hat sich als vorteilhaft erwiesen. Wenn die richtige Kombination von Asanas
gewählt wird, können diese in der Behandlung von vielen Krankheiten wie Diabetes, Asthma,
Arthritis, Krebs und HIV wirksam werden. Die Bihar School of Yoga ist weltweit in der Forschung
involviert. Mit Hilfe von vielen medizinischen Fachleuten, Institutionen und Krankenhäusern und
Kliniken werden regelmäßig Untersuchungen durchgeführt. Die Forschungsergebnisse wurden
von der Bihar School of Yoga veröffentlicht.
Pranayama
Die dritte Hatha Yoga Übung ist Pranayama. Pranayama wird geübt, um die Vitalität des
Körpers zu steigern. Vor fünfzig Jahren wusste noch niemand von Pranayama; nur die Weisen
wussten es. Die Bihar School of Yoga war die erste Institution, die Pranayama klassifizierte und
veröffentlichte. Pranayama kreiert drei Arten von Zuständen im Geist. Eine Gruppe von Prana
yama stimuliert den Körper, Geist, Prana und die Sinne. Es intensiviert die Empfindungen und
der Körper erlebt Stimulation. Der Körper wird durch Kapalbhati und Bhastrika Pranayama
stimuliert. Im Körper wir Hitze generiert, der Blutdruck und die Herzrate steigen. Deshalb
werden diese Übungen als stimulierende Pranayama bezeichnet.
Die zweite Gruppe von Pranayama kühlt die verschiedenen Körperbereiche, entspannt sie und
erlaubt ihnen zu ruhen. Diese Gruppe wird beruhigende Pranayamas genannt, weil sie jegliche
Stimulation des Körpers und der Sinne besänftigt. Die dritte Gruppe von Pranayama beinhaltet
das Ausgleichen der Energien und der Sinne.
Mudras
Die vierte Hatha Yoga Übung ist Mudra. Mudras werden in der indischen Tradition auf viele
verschiedene Arten benutzt – Tänzerinnen benutzen Hand Mudras, Augen Mudras und Gesicht
Mudras. Die verschiedenen Mudras des Körpers werden im Tanz ausgedrückt. Und auch in
Yoga werden Mudras angewendet.
Mudras werden eingesetzt, um einen bestimmten Zustand zu erreichen, den man in Bezug zu
Hatha Yoga verstehen kann. Man muss sich bewusst sein, dass dies mit dem Zustand der
Pranas in Verbindung steht. Aus den Körperteilen, die an der Peripherie liegen, wie die Fingern,
die Oberseite des Kopfes oder die Füße, wird ständig Energie abgeleitet und zerstreut.
Die Kirlian Fotografie wurde von dem russischen Wissenschaftler Dr. Kirlian entwickelt. In den
siebziger Jahren entwickelte er eine Kamera, die Fotos von Körperteilen macht. Darauf sind die
eigentlichen Teile des Körpers nicht sichtbar, aber die Energie, die diese Körperteile umgibt, ist
sichtbar.
Mit diesem Gerät haben wir eine Untersuchung in einem Forschungsinstitut in Australien
durchgeführt. Das Gerät hat eine spezielle Funktion. Ob es sich um eine Münze, ein Blatt oder
die Hand eines Menschen handelt, es wird auf eine Platte gehalten, ein Licht blitzt auf, und die
Kamera nimmt beispielsweise das Foto einer Hand auf. Doch auf dem Bild fand man keine
Hand. Nur ein schwarzer Umriss wurde sichtbar und um jeden Finger herum konnten
verschiedene Farben von Energien gesehen werden, welche anzeigten, wieviel Energie von
diesen Körperteilen abstrahlt.
Wenn Mudras wie Jnana Mudra geübt wurden, konnte beobachtet werden, dass die Energie
wieder zurück in den Körper fließt. Das bedeutet, dass Recycling von Energie stattfindet. Die
Energie wird nicht verschwendet, sondern die Energie, die Prana Shakti in unserem Körper,
wird zurückgewonnen. Der Nutzen in der Anwendung von Mudras ist, dass Energie, die zuvor
verschwendet wurde, resorbiert wird und erhalten bleibt.
Bandhas
Die fünfte Komponente des Hatha Yoga ist die Übung von Bandhas, Verschlüssen, durch
welche die verschiedenen Energiezentren stimuliert und erweckt werden. Es gibt drei Arten von
Bandhas: Halsverschluss – Jalandhara Bandha, Bauchverschluss – Uddiyana Bandha und der
Beckenbodenverschluss – Moola Bandha.
Bei diesen drei Bandhas gibt es einen physischen Faktor. In verschiedenen Körperbereichen
existieren grosse Nervenansammlungen. In der Sprache des Yoga ist eine Gruppe von Nerven
bekannt als Kanda. Eine Gruppe von Nerven befindet sich in der Nähe des Rektums, eine
andere Gruppe hinter dem Nabel im Bauch und eine dritte Gruppe von Nerven in der Hals
region. Alle Nerven des Körpers kommen im Halsbereich zusammen und münden ins Gehirn.
Der Austausch von Empfindungen und Informationen zwischen dem Gehirn und den Sinnen
und zwischen dem Gehirn und dem Geist findet durch diese Nerven statt.
Durch die Bandhas wird der Fluss der Empfindungen umgekehrt. Wenn das geschieht, ist der
Energiefluss auf nur einen Ort konzentriert. In Jalandhara Bandha wird der Hals verschlossen
und die Blockierung der Empfindungen findet nur im Halsbereich statt. In Uddiyana Bandha
wird der Bauch verschlossen durch ein Blockieren dieses Körperbereichs.
Auf diese Weise wird durch die Anwendung verschiedener Techniken, durch welche die
Empfindungen in bestimmten Körperteilen blockiert werden, Energie erzeugt.
Hier ist ein Beispiel: Wenn ein laufender Wasserhahn zugedreht wird, entsteht Druck, der
allmählich steigt. Wenn der Hahn dann wieder geöffnet wird, presst das Rohr das Wasser
zuerst schnell durch den Hahn und der Wasserdruck normalisiert sich wieder. Auf ähnliche
Weise vereint die Anwendung von Bandhas die Energie zuerst, indem sie sie blockiert, um
danach, beim Lösen der Bandhas, die Energie wieder zu verteilen.
Dies sind die fünf Komponenten von Hatha Yoga. Wenn man Hatha Yoga perfektioniert, wird
dadurch der Körper, die physische Struktur und das Energiesystem harmonisiert, reorganisiert
und ausgeglichen und es ermöglicht einem, in die Dimension des Geistes vorzudringen. Durch
das Ausgleichen und Harmonisieren des Körpers und der Energie gelangt man in die
Dimension des Geistes, und damit beginnt Raja Yoga.
Du findest das Original im Yogamag.