Aus „On the Wings of the Swan” – Volume VI
Jnana bedeutet zu wissen, und ein Yogi ist jemand, der danach lebt, was er weiß. Somit ist ein
Jnana Yogi jemand, der in Weisheit verankert ist, und eine solche Person wird keine dummen
Fragen stellen. Wenn du in einem Zug sitzt und von einem Ort zum andern reist, ist es unlo
gisch, dich selbst ständig zu fragen: „Wo bin ich?“, denn du weisst, dass du dich vorwärts
bewegst und deinen Bestimmungsort erreichen wirst. Auf die gleiche Weise begann der Jnana
Yogi, der in Weisheit verankert ist, seine Reise mit dem Fokus, zu erfahren: „Wer bin ich!?“
Diese Frage stellt sich nur einmal im Leben, nicht jeden Tag. Wenn sie sich jeden Tag stellt,
dann ist diese Person kein Jnana Yogi sondern steckt an einem Ort fest und kann sich nicht
vorwärts bewegen. Wenn der Prozess der Erkenntnis beginnt, lässt man diese Frage hinter sich
und jeder Tag ist eine neue Entdeckung. Dieser Prozess der Erkenntnis dauert an bis der Jnana
Yogi in Weisheit verankert ist.
Um sich in etwas zu verankern und dessen Bedeutung zu erkennen, ist es notwendig, durch
eine Krise zu gehen. Wenn jeder auf der Welt gesund wäre, würde die medizinische
Wissenschaft nicht existieren. Krankheit, Tod und Leiden haben zu Forschung und dem
Fortschritt der medizinischen Wissenschaft geführt. Wenn wir eine Idee verändern, geschieht
das, weil die vorherige Idee zerschlagen wurde. Wenn eine Veränderung im Denken stattfindet,
geschieht das, weil der vorherige Gedanke keinen Sinn mehr macht. Krisen sind ein
Katalysator für Veränderungen.
Das erste Kapitel der Bhagavad Gita handelt vom Vishada Yoga, dem Yoga des Kummers. Es
ist ein wunderbares Konzept. Wenn du trauerst und trotzdem in der Lage bist, eine Richtung für
dich selbst zu bestimmen, wird das zu Yoga. Wenn du scheiterst, dir selbst eine Richtung zu
geben und tiefer in die Verzweiflung sinkst, dann entsteht ein Ungleichgewicht. Es ist wie Aus
geglichenheit bei Stress zu entwickeln. Negativer Stress bedeutet Leid, positiver Stress ist
Eustress (guter Stress) und der Gleichgewichtspunkt ist null Stress. Wenn die Sehne eines
Bogens zu locker ist, entsteht keine Spannung, es ist keine Kraft vorhanden und der Bogen
wird nutzlos. Wenn die Sehne zu straff ist, kann sie durch die Spannung reißen und Leiden
entsteht. Es muss die richtige Spannung vorhanden sein. Ebenso ist Trauer an sich nicht
schlecht oder negativ, es ist der Umgang mit Trauer, der wichtig ist.
Wenn wir fähig sind, unseren Gedanken und Energien eine Richtung zu geben, wird das Leid
zu einem Faktor des Schaffens von positiven Veränderungen und größerem Erfolg im Leben.
Das gleiche Leid, wenn schlecht gehandhabt, wird zu Krankheit oder Ungleichgewicht führen.
Es steuert dann die Reaktionsweise des Körpers, des Gehirns und des Geistes, und es entsteht
Schwitzen, trockener Mund, vermehrter Harndrang, Schlaflosigkeit und ein
Nervenzusammenbruch.
Jeder sollte positives Leid erleben, nicht Leiden wie wir es verstehen sondern im positiven
Sinne, wenn es in uns den Wunsch nach Veränderung nährt, wenn es uns hilft, die Sinnlosigkeit
des Zustands zu erkennen, in dem wir gelebt haben. Wenn dieser Punkt erreicht ist, beginnt
der Prozess der Reinigung. Dies widerfuhr Sri Rama, Arjuna, Buddha, Christus, dem Propheten
Mohammed, es geschah so vielen Menschen, die zu außergewöhnlichen Persönlichkeiten in
der Welt wurden.
Im Wissen, dass wir mit Kummer nicht umgehen können, setzen wir uns ihm nicht aus. Unsere
intensive Bemühung, Tapasya, ist nicht Leiden, es ist Vergnügen. Wir meditieren, weil wir an
der Meditation Freude haben. Wir wiederholen unser Mantra, weil es uns Spaß macht. Wenn wir
aus Meditation keine Freude gewinnen könnten, würden wir es nicht tun. Wenn uns etwas keine
Freude macht, zieht es uns nicht an. Wir sprechen hier jedoch nicht von den Dingen, die uns
Freude bereiten und aus diesem Grund zu unserer Sadhana werden, sondern von den Dingen,
die uns die Möglichkeit geben, ein bestehendes Muster zu verändern, das der Grund war für
unsere frühere Konditionierung. Leiden ist der Katalysator für diese innere Transformation. Als
Suchende, als Aspiranten, müssen wir diesem Leiden in uns begegnen und uns damit eine
Richtung geben.
In Tantra gib es ein wunderschönes Konzept. Die Tradition sagt, dass es elf Rudras gibt,
welche die Manifestation von Shiva sind. Rudra bedeutet „einer, der weint“. Wie kann eine
Person, welche die ganze Zeit weint, eine Manifestation von Shiva sein? Shiva ist Bewusstsein,
und es gibt verschiedene Schichten und Stufen der Entwicklung in diesem Bewusstsein,
welche die verschiedenen Ebenen der Existenz und Erfahrung definieren. Auf die gleiche
Weise repräsentieren die elf Rudras elf Stufen des Bewusstseins und jede hat ein spezielles
Muster, eine spezielle Erscheinung, ein spezielles Yantra und ein spezielles Mandala. Wenn wir
uns von einem zum anderen bewegen entsteht ein Loslassen von Dingen, die uns vorher
zurückgehalten haben. Wenn wir diese Dinge hinter uns lassen, dann entsteht Trauer.
Trauer kann auf unterschiedliche Weise erlebt werden. Du kannst ein Drastha, ein Zeuge sein,
das wird in Yoga gelehrt. Du kannst einen meditativen Prozess wie z.B. Antar Mouna anwenden
und so ihren wahren Ursprung herausfinden. Oder du übst Swadhyaya um den Zustand, in
dem du dich hilflos fühlst, zu analysieren und zu sehen, welche Optionen du hast, darüber
hinauszuwachsen und dich aus der Situation hinauszubewegen. In dieser Welt sind uns immer
verschiedene Möglichkeiten gegeben. Die Weisheit, die uns die richtige Entscheidung treffen
lässt, muss die Oberhand gewinnen, um nicht der falschen Entscheidung zu folgen. Um die
richtige Entscheidung zu treffen, müssen wir in der Lage sein, das ganze Bild zu sehen.
Wenn ein Foto von dir auf dem Boden liegt und eine Ameise darüber läuft, wird sie nur
Farbkleckse sehen und nicht dein Gesicht. Wenn du willst, dass die Ameise dein Gesicht sieht,
dann musst du sie hochheben damit sie das ganze Bild sehen kann. Auf die gleiche Weise
sehen wir nicht das ganze Bild, wenn wir in eine Situation verwickelt sind, wir sehen nur
Kleckse. Wir fürchten uns vor diesen nichtssagenden Klecksen und wissen nicht, wie wir uns in
der Situation verhalten sollen. Das ist als Sogwirkung von Freude und Schmerz, von Vorlieben
und Abneigungen bekannt. Wir verwickeln uns so stark darin, dass wir uns fühlen, als seien wir
ein Teil davon. In der Lage zu sein einen Schritt zurück zu treten und uns zu betrachten, ist es
das Konzept des Drasthas. Fähig zu sein, Situationen zu bewältigen und mit einem positiven
Gemütszustand durch Veränderungen, Krisen und Leid zu gehen, das ist Viveka. Viveka
bedeutet, mit dem Geist weise umzugehen, unberührt von den verschiedenen Einflüssen.
Wenn jemand sagt, du seist hässlich oder schön, verändern diese Worte deinen Geist und du
reagierst. Dies ist nur ein unbedeutendes Beispiel dafür, was Worte bewirken können. In der
Lage zu sein, das Gleichgewicht aufrecht zu halten, ist Sanyam. Wenn wir eine ausgewogene
Beobachterhaltung bewahren können, ist das Vairagya, sachliche Gelassenheit. Wir können
von Geld umgeben sein und dennoch hat es keine Anziehungskraft auf uns. Wir können von
Menschen umgeben sein und völlig entkoppelt bleiben, in der Welt sein und doch nicht Teil von
ihr sein. Das klassische Beispiel ist die Lotusblüte. Sie ist von Wasser umgeben und kann nicht
ohne Wasser existieren. Dennoch bleiben die Blätter und die Blüte absolut unberührt vom
Wasser und sind vollständig trocken. So sollte ein Yogi sein. Ein Yogi ist wie ein Magier, der
imstande ist, das Psychische, das Unsichtbare und Spirituelle und das Physische, Materielle
und Sensorische zu meistern und darin Ausgeglichenheit zu finden.
Du findest das Original im Yogamag.