Frei von den sechs Untugenden

Die sechs Untugenden sind deine Lebenspartner, sie werden mit dir geboren. Liebe,
Sensibilität und Mitgefühl wurden nicht mit dir geboren. Die sechs Untugenden sind die
Bausteine deines Lebens. So wie ein Gebäude mit Zement, Sand, Ziegeln, Wasser und Metall
gebaut wird, nimmt dieses Leben nicht nur durch den Verstand und die Sinne Gestalt an,
sondern auch durch diese sechs Untugenden, die bei der Geburt deine Freunde waren.

Ohne diese sechs Freunde wird man in dieser Welt nicht überleben. Während der Zeit, in dem
das Kind noch nicht lesen und schreiben kann und noch auf allen Vieren geht, erlebt es bereits
Wut, Gereiztheit, Aggression und Angst in seinem Verstand. Wo hat es das gelernt? Es sind
natürliche Ausdrucksformen seines Lebens. Ein Kind hat ein Verlangen nach Schokolade und
Spielzeugen. Ein Kind erfährt Wut und Zorn in seinem Verstand und aufgrund dieses Zorns
schreit und schmollt es und erlebt Wutanfälle. Wo wurde ihm das beigebracht?

Diese sechs Zustände des Verstandes: Kama, Krodha, Lobha, Moha, Mada und Matsarya
(Leidenschaft, Zorn, Gier, Verblendung, Arroganz und Eifersucht) schlummern bereits in einem
neugeborenen Baby. Beeinflusst durch diese sechs Zustände formt es zukünftige Beziehungen
zu Geschwistern, Freunden, der Familie und der Gemeinschaft. Durch sie erntet es die Früchte
seiner Handlungen, während es sein Leben erkundet. Das Kind ist mit Spielen beschäftigt, ist
sorglos und genießt sein Leben zusammen mit den sechs Freunden.

An einem bestimmten Punkt im Leben beginnen diese sechs Freunde (Kama – Leidenschaft,
Krodha – Zorn, Lobha – Gier, Moha – Verblendung, Mada – Arroganz und Matsarya – Eifersucht)
verzerrt zu wirken. Es ist die Zeit des Grihastha Ashrama, wenn die Phase der Ausbildung und
Freiheit abgeschlossen ist und durch die Stabilität und Verantwortung des Ehelebens abgelöst
wird und man beginnt in der Gesellschaft aktiv mitzuwirken. Bildung und Freiheit gehen mit
dem Junggesellenleben einher. Mit der Stabilität und Verantwortung des Familienlebens
verwandeln sich die sechs Freunde in sechs Verzerrungen.

Im Brahmacharya Ashrama (Anmerkung des Übersetzerteams: Hier ist die Kindheit, Jugend
und Lehrzeit bis zum ca. 25 Lebensjahr gemeint) genoss man das Leben wegen der sechs
Freunde. Jetzt, der eigenen Familie zuliebe, muss man sich zurückhalten und man versucht,
alte Gewohnheiten zu kontrollieren. Alte Gewohnheiten und Konditionierungen zeigen sich in
Form von Blockaden, Abwehrhaltungen oder verzerrten Formen der Wahrnehmung. Sie werden
als Störungen bezeichnet.

Diese Verzerrungen bringen Chitta Vritti – Bewegungsmuster des Geistes – hervor. Maharshi
Patanjali sagt «Yogah chitta vritti nirodaha», was bedeutet, dass Yoga die Bewegungsmuster
des Geistes stoppt. Die chitta vritti werden durch diese sechs Verzerrungen verändert.
Manchmal ist man in einer wütenden Stimmung, zu anderen Zeiten ist man ängstlich, dann
voller Leidenschaft, neidisch, eifersüchtig oder erlebt Abneigung gegen Menschen, Orte und
Dinge. Diese sechs Verzerrungen machen den Geist aus und werden in Handlungen und
Verhalten erfahren, ausgelebt und ausgedrückt. Sie wirken als Stressfaktoren. Die Ängste und
Frustrationen im Leben sind auf einen dieser sechs Freunde zurückzuführen. Man kämpft mit
ihnen, bemüht sich, sie zu bewältigen und versucht, das geistige Gleichgewicht aufrecht zu
halten.

Gegenmaßnahme
Es kommt ein Punkt im Leben, an dem man realisiert, dass man sich bewusst mit den fünf
Freunden auseinandersetzen und sie bewältigen muss, wenn man frei werden möchte. Man
erkennt sie schließlich als die wahren Feinde im Leben. Je mehr man jedoch versucht, sich von
ihnen zu distanzieren, desto stärker werden sie. Hier kommt die Theorie von Swami Sivananda
ins Spiel. Swami Sivananda sagte, wenn man diese Untugenden in den Griff bekommen will,
sollte man bestimmte positive Eigenschaften im Leben kultivieren. Man sollte Pratipaksha
Bhavana (Anmerkung des Übersetzerteams: Das bewusste Erzeugen von entgegengesetzten
Empfindungen, Gefühlen und Gedanken) üben.

Er hat ein Lied in Englisch geschrieben, “The Song of the 18 ITIES”, das einen anweist,
achtzehn Qualitäten im Leben zu kultivieren. Wenn man diese Qualitäten verinnerlicht, erlangt
man Freiheit von den sechs Untugenden.

Gelassenheit, Regelmäßigkeit, Fehlen von Eitelkeit,
Ernsthaftigkeit, Schlichtheit, Aufrichtigkeit,
Ausgeglichenheit, Beständigkeit, Fehlen von Reizbarkeit,
Anpassungsfähigkeit, Ergebenheit, Beharrlichkeit,
Integrität, Edelmut, Großherzigkeit,
Wohltätigkeit, Großzügigkeit und Reinheit.

Wenn man sich bemüht, jeden Monat eine Qualität zu kultivieren, wird man in der Lage sein, die
sechs Feinde zu überwinden. Swami Sivananda erklärte: “Wenn man in der Lage ist, einigen
dieser achtzehn Qualitäten im Leben Platz zu geben, dann wird der Einfluss der sechs Feinde
schwinden oder sogar aufhören. Es ist nicht möglich, die sechs Untugenden fernzuhalten.
Selbst im Leben eines Heiligen erheben sie manchmal ihr Haupt. Sie beherrschen das Leben.
Sie sind die Bausteine unseres Lebens. Wenn wir uns jedoch auf die achtzehn Qualitäten
konzentrieren können, werden wir frei von ihrem Einfluss.

 

Link zum Yogamag (November 2016)