Welchen Platz nehmen Tapas und Titiksha in der modernen Welt ein?
Wir haben eine Schneidemaschine im Ashram, ihr Name ist Tapasya. Und als ich eine größere kaufte, nannten
wir sie Titiksha. Ohne Schneidemaschine erhalten die Bücher keine schöne Form. Genauso
musst du deine Persönlichkeit auf die richtige Form «zuschneiden», und das erreichst du durch
Tapasya. Als Individuum sollte man sein Karma auflösen, sonst bist du deinem Schicksal
ausgeliefert. Du musst die Verpflichtungen des Schicksals wahrnehmen, es gibt keinen
anderen Weg. Wenn du Titiksha, Ausdauer und Geduld und Tapasya, Entsagung übst, wirst du
eine Menge an Karmas erschöpfen und auflösen.
Tapasya
Oft magst du darüber nachdenken, ob du etwas loswerden kannst oder dich ihm zwingend
stellen musst. Oder ob es ein unvermeidlicher Teil deines Schicksals ist, es zu ertragen. Du
musst die Konsequenzen des Guten und des Schlechten ertragen. Das ist das erste Gesetz
von Karma. Durch das Üben von Tapasya kannst du es meistern und ein Großteil von deinem
schlechten Karma auflösen. Tapasya bedeutet, den Prozess des Leidens spontan und
willentlich zu durchlaufen. Wenn du dich diesem Prozess des Leidens nicht freiwillig
unterziehst, dann zwingt dich die Natur dazu.
Wenn du Verstopfung hast, wirst du entweder Durchfall kriegen oder aber es entstehen
Hämorrhoiden oder eine andere Krankheit. Wenn du freiwillig Shankhaprakshalana übst, wird
es für ein oder zwei Stunden anstrengend sein, aber es befreit dich von allen Folgen des
Karmas der Verstopfung. Andernfalls leidest du Monate oder Jahre, anstatt anderthalb
Stunden.
Nach der Reinkarnationstheorie ist Tapasya die Verkürzung der Leidenszeit des Menschen.
Des Leidens, welches auf sein Karma zurückzuführen ist.
—27. März 1980, Ganga Darshan
Karma
Wenn du sagst, dass Reinkarnation nicht existiert, besitzt du dennoch Karma in der Sukshma,
der subtilen Form, das du von deinen Eltern geerbt hast. In der Wissenschaft nennt man das
die molekulare Vererbung, die DNA-Moleküle. Wenn mein Vater oder Großvater eine Krankheit
hatte, erbe ich diese Voraussetzung. Karma bezeichnet nicht nur das, was du in deinem
früheren Leben geschaffen hast. Karma ist die Gesamtheit von dem, was du übernommen hast:
das Erbe aus früheren Leben, früherer Generationen und der Umwelt.
Dieses Karma beeinflusst nicht nur den Verlauf deines Schicksals, es steuert jede einzelne
Bewegung, jedes Zwinkern, Niesen und jeden Schmerz im Körper. Es ist so schwierig, diese
Wahrheit allen näher zu bringen. Jeder einzelne Gedanke, der dir in den Sinn kommt, ist dir in
den letzten zwanzig, dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren in deinen Sinn gekommen. Wie ist er
entstanden? Woher kommt er? Woher kommt elektrischer Strom? Aus meiner Steckdose? Nein.
Aus dem Elektrizitätswerk in Munger? Nein. Wer treibt den Geist an und kontrolliert den Körper?
Wer verursacht und lindert den Schmerz? Du leidest und lebst in deiner Art und Weise, weil
dich Karma dazu zwingt, und dieses Karma ist sehr schwierig zu bewältigen.
Große Denker sind verwirrt darüber, was Karma und was Akarma ist. Die Bewegung und das
Verhalten von Karma liegen vollständig jenseits des Verständnisses des Menschen. Um den
karmischen Druck in unserem Leben zu verringern, wurden zwei Methoden auf dem Pfad der
Sadhana oder Sadhana Marga vorgeschlagen. Die eine ist die Moderate für die Allgemeinheit,
genannt Tapasya und die andere ist Titiksha.
Titiksha
Titiksha bedeutet Hitze und Kälte ertragen zu können. Es bedeutet in einem ausgeglichenen
Geisteszustand zu leben, ob du nun gelobt, beleidigt oder getreten wirst. Und genauso bleibst
du ausgeglichen, wenn dich jemand in eine hohe Position erhebt. Halte deinen Geist im
Gleichgewicht, egal ob du Sukha oder Dukha, Gewinn oder Verlust, Sieg oder Niederlage
erfährst. Danach musst du zu kämpfen beginnen. Du solltest darauf vorbereitet sein, auf dem
Schlachtfeld des Lebens zu kämpfen, sobald du deinen Geist in den verschiedenen Paaren
von Gegensätzen ausgeglichen hast. Das nennt man Titiksha – widerstehen und tolerieren,
wenn der Geist in die Extreme des Lebens geworfen wird. Wenn du in den Nahen Osten reist,
ist es dermassen heiß. Wenn du in arktische Länder reist, ist es unglaublich kalt. Wenn dein
Körper extremem Klima und dein Geist extremen Situationen ausgesetzt ist, solltest du in der
Lage sein, dies irgendwie auszugleichen. Das nennt man Titiksha.
Tapasya bedeutet, jeden einzelnen Teil des Körpers durch einen bestimmten Prozess zu klären.
Wie reinigt man Gold? Man gibt es ins Feuer. Das wird Tapas genannt. Wie klärt man sich
selbst, sein Karma? Indem du dich bestimmten Situationen aussetzt. Wenn dich ein Mensch
kritisiert, halte ihn in deiner Nähe, stoss ihn nicht fort. Er klärt deine Seele, ohne Wasser oder
Seife. Jeden Tag klärt er dich. Gautama Buddha, der Erleuchtete, hatte einen Neffen,
Devadatta, der ein Schurke war. Er lebte in derselben Sangha mit Buddha und seinen Schülern
und redete die ganze Zeit schlecht über Buddha. Diejenigen, die an Buddha glaubten,
kritisierten ihn, aber Buddha behielt ihn die ganze Zeit über in der Sangha. Devadatta zettelte
sogar eine Verschwörung an, Buddha zu töten, als Buddha auf dem Höhepunkt seines Ruhmes
war und die Könige sich vor ihm verneigten. Diese Haltung Buddhas, sich dem Widersacher in
ständigem Gleichmut zu stellen, wird Tapas genannt.
In der Bhagavad Gita gibt es verschiedene Formen von Tapasya, körperliche, mentale und
emotionale Entsagungen. Eine Entsagung, die die Sprache betrifft, ist beispielsweise: «Äussere
nicht Worte, die den Geist anderer Menschen irritieren». Die verschiedenen Arten von Tapasya
zielen darauf ab, deine Gewohnheiten, deine Natur und deine gesamte Persönlichkeit zu
reinigen, bis deine Seele so weit geklärt ist, dass du frei von den karmischen Zwängen wirst.