Kirtan ist eine Form der Meditation, die deine Bewusstheit von der intellektuellen Ebene auf die
Ebene der pranischen Schwingung lenken kann. Worte stimulieren einen Aspekt unserer
Persönlichkeit. Kirtan stimuliert einen anderen Aspekt, so dass wir Energie in Bewegung
erleben können. Emotionen sind Energie in Bewegung. Das ganze Leben, der Körper, der
Kosmos, das Universum, ist nichts anderes als ein Ausdruck von Energie. Wenn du deinen
Körper durch ein Hochleistungsmikroskop betrachten würdest, durch die verschiedenen
Schichten von Haut, Muskeln und Knochen hindurch bis in die atomare Struktur dringen
könntest, würdest du in der Mitte den pulsierenden Atomkern sehen. Dieses Pulsieren ist
Energie. Wir sind diese Energie. Die Schwingungen von Musik und Mantra helfen uns, Dynamik
und Aktivität in diesem Energiefeld zu erzeugen, und so sind wir in der Lage, den Geist zu
verwandeln.
Jenseits von Genuss
Der Zweck von Kirtan ist es, den Geist vom Grobstofflichen ins Subtilere zu lenken und ihn mit
spirituellen und transzendenten Zuständen zu verbinden. Der Zweck von Kirtan ist nicht nur,
gute Musik zu genießen. Es gibt viele Arten von Vergnügen. Tanze in einer Diskothek oder
mache Party. Aber warum muss man Yoga zu einer Form von Genuss machen? Genuss und
Vergnügen binden den Geist an die eine Erfahrung, in der du gerade schwelgst. Es gibt
Systeme und Traditionen, die unsere menschliche Wahrnehmung über das Genießen
hinausführen. Yoga ist ein solches System.
Musik kann uns dazu führen, unsere Erfahrung von Yoga zu vertiefen. Jenseits des Genusses
liegt die Glückseligkeit, Ananda. Vergnügen und Genuss sind sinnlich. Glückseligkeit ist
spirituell. Wollen wir genießen oder wollen wir Glückseligkeit erfahren, die höhere Form des
Vergnügens? Lass uns nicht nur den Genuss in den Dingen suchen, die wir gerade tun.
Sondern lass uns lernen, mit dem was gerade geschieht, im Einklang zu sein. Sobald wir in der
Lage sind, diese Harmonie zu finden, dann erleben wir Glückseligkeit und Frieden. In Frieden
und Glückseligkeit liegt Dynamik und Bewegung. Es besteht die Bewegung der Bio-Energie
oder Prana Shakti. Diese Erfahrung ist weder stagnierend noch statisch.
Eine Schwingungserfahrung
Wenn wir singen, erzeugen wir eine Kraft, eine Energie. Genauso wie ein Baum an einem Ort
steht und vom Wind bewegt werden kann, musst du an einem Punkt stehen und dich von der
Energie bewegen lassen. Konzentriere dich darauf, was gesungen wird. Nimm teil und mache
mit. Beobachte, was du singst. Ob du es verstehst oder nicht, macht keinen Unterschied, aber
erlaube einem Teil des Geistes, den Singenden zu beobachten – dich selbst. Erlaube einem
Teil des Geistes, zum Lied zu werden und erlaube einem Teil von dir, mit der Musik zu fließen
und eine neue Form des Kirtans zu erleben. Kirtan ist eine Schwingungserfahrung.
Wenn du dich ganz auf die Musik, den Kirtan oder das Mantra einlassen kannst, werden sich
deine Denkweise und deine mentalen Muster verändern. Dein Körper wird sich verändern.
Jedes Atom im Körper wird zu singen und zu tanzen beginnen. Es wird nicht nur ein Gefühl
sein, auch nicht nur eine mentale oder eine emotionale Erfahrung, sondern eine
Schwingungserfahrung. Wenn du einen Draht, der unter Strom steht, berührst, wird der
elektrische Strom durch den ganzen Körper fließen. Kirtan ist dieser Energiestrom. Halte ihn
und erlaube dem Strom zu fließen. Meditation bedeutet nicht, sich zu isolieren, sondern
Harmonie zu finden. Es geht nicht darum, die Augen zu schließen und die Welt zu vergessen,
sondern sich auf eine viel dynamischere und lebendigere Weise zum Teil der Welt zu machen.
Das ist Absorption, Samadhi, die letzte Stufe der Meditation. Am Anfang müssen wir uns jedoch
darin üben, die kopflastige Natur des Geistes zu überwinden.
Schwingung und Energie
Wie kam es, dass Kirtan ein Teil der Meditationstechniken wurde? Die Tradition sagt, dass
Kirtan ein meditativer Prozess ist. Es ist ein meditativer Vorgang, weil wir auf einen anderen
Bereich unserer Natur zugreifen, den Bereich der Schwingung und Energie. Wenn Soldaten
über eine Brücke marschieren, müssen sie ihren Gleichschritt auflösen, sonst bringt die
Vibration die Brücke zum Einsturz. Egal wie viele Tonnen oder wie viele Menschen gleichzeitig
über die Brücke gehen, es ist die gleichmässig pochende Vibration, die die Brücke zum
Einsturz bringt. Das ist die Kraft der Schwingung.
Wenn du eine Saite einer Gitarre oder Sitar stimmst und diese einzelne Saite spielst, wirst du
feststellen, dass die anderen Saiten automatisch zu schwingen beginnen, obwohl du sie nicht
berührst. Allein der Klang dieser einen Saite wird die anderen zum Schwingen bringen und
nach fünf oder zehn Minuten wirst du feststellen, dass alle Saiten der Sitar oder Gitarre in
Harmonie schwingen. Diese Erfahrung kann auch mit uns geschehen. Allein das Stimmen einer
Saite, wird alle anderen in Harmonie mitschwingen lassen. Allein das Verschmelzen des
bewussten Geistes mit der Schwingung des Kirtans und des gesungenen oder gechanteten
Mantras, wird auch die Ausdrücke des Unterbewusstseins und des Unbewussten beeinflussen
und verändern. Das ist eine andere Form der Meditation, welche unsere Bewusstheit vom
Intellekt auf die Schwingungsebene lenkt.
Aktiviere die Erfahrung von Glückseligkeit
Mantra chanten ist auch ein Teil der Übungen oder Sadhanas von Swara Yoga, Nada Yoga,
Mantra Yoga und Laya Yoga. Nada Yoga, der Yoga der inneren Klangschwingung, gilt als
Meditationsmethode. Mantra chanten wird als Meditationstechnik betrachtet, weil es
ermöglicht, die Aufmerksamkeit zu fesseln. Wenn die Schwingungsdimension oder der
Schwingungsaspekt unserer Persönlichkeit aktiviert ist und Einheit in den verschiedenen
Geisteszuständen entsteht, welche sich momentan in alle Richtungen bewegen, kann
schließlich der Zustand der Ekstase eintreten, der als Samadhi bekannt ist. Samadhi ist der
Zustand, in dem die Erfahrung von Glückseligkeit oder innerem Vergnügen am aktivsten und
dominantesten ist.
Die Wirkung des Mantras kann verstärkt bzw. subtiler gemacht werden, je nachdem, wie es
gechantet wird. Wenn du das Mantra laut rezitierst, wird es eine verbale Frequenz erzeugen,
welche die Nadis beeinflusst. Wenn du dasselbe Mantra mental wiederholst, wird es eine
subtile Frequenz erzeugen. Wenn du zum Beispiel das Mantra «Om Namah Shivaya» als Kirtan
singst, wird der Klang eine Resonanz in der Umgebung erzeugen, die die physische Stimmung
beeinflussen wird. Vielleicht beginnt dein Körper, sich mit dem Kirtan zu wiegen und du verlierst
deine Hemmungen und stehst auf um zu tanzen.
Kirtan kann zu spontaner Ekstase führen. Mantra chanten kann eine Welle von Energie
erzeugen, die dich von einer Erfahrungsebene zur anderen transportiert. Das gleiche Ergebnis
geschieht in einer subtilen Form, wenn wir das Mantra in unseren Meditationsübungen mental
wiederholen. Wahrnehmung, Bewusstheit und Konzentration werden vertieft. Es wird zu einem
Anker, der dem Geist Halt gibt, wenn wir uns in tiefe Zustände der Meditation begeben.