Swami Dharmashakti Saraswati war die erste Schülerin von Swami Satyananda Saraswati. In
den mehr als 50 Jahren der Verbundenheit und Zusammenarbeit mit ihm, konnte sie miterleben
mit welchem Fokus, mit welcher Hingabe und mit welch unerschütterlichem Einsatz er die
ursprüngliche Lehre des Yoga – das Yoga Vidya – erforschte und den Menschen der heutigen
Zeit zugänglich machte.
Das Buch Mere Aradhya – Mein geliebter Guru ist ein einzigartiges Zeugnis. Swami
Satyananda hat Swami Dharmashakti, in vielen persönlichen Gesprächen, Episoden aus
seinem eigenen Leben offenbart und ihr auf diese Weise unzählige, praktische Lehren erteilt.
Das Buch gibt einen Einblick in alle Lebensphasen dieses grossen Meisters des integralen
Yogas.
Im folgenden Artikel schildert Swami Satyananda wie er als Teenager die erst Begegnung mit
einer Tantrischen Yogini hatte und von ihr in verschiedene esoterische Wissenschaften und
Erfahrungen eingeweiht wurde.
Das Buch Mere Aradhya – My Beloved Guru ist auf Satyam Yoga Prasad in Deutscher Sprache
publiziert. Du findest es bei den eBooks, unter 1st Chapter Books in der Abteilung “Spiritual
Life”.
Begegnung mit einer tantrischen Yogini 10.5.2023
Im Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren hatte ich eine zufällige Begegnung mit einer
tantrischen Yogini in Nainital. Sie war viel älter als ich. Damals hatte ich keine Ahnung, worum
es bei der Beziehung zwischen Guru und Schüler geht. Ich wollte nicht einmal ein Sannyasin
sein. Als unbekümmerter Jugendlicher, der die Schule besuchte, interessierte ich mich mehr für
die schulischen Aktivitäten und Sportarten wie Kricket, Fußball und Hockey. Da ich aus einer
Kshatriya Familie stamme, hatte ich auch ein gewisses Maß an Stolz und Eitelkeit. Ich glaubte,
alles tun zu können, was ich wollte. Aber irgendwie hat die Yogini die Oberhand über mich
gewonnen.
Eines Tages, als ich am See in Nainital spazieren ging, sah ich sie von weitem. Sie saß auf
einem Felsen und wie eine Sannyasini hatte sie ihr Chillum, ihre Tabakpfeife, neben sich. Ein
paar Leute saßen um sie herum. Ich beachtete sie nicht, schenkte ihr keine große
Aufmerksamkeit und setzte meinen Weg fort. Aber sie sah mich und rief: „He, junger Mann!
Komm her!“ Ich drehte mich um und sah in ihre Richtung. Ja, sie hatte mich tatsächlich
gerufen. Ich war es nicht gewohnt, Befehle zu erhalten. In meinem ganzen Leben hatte mich
noch nie jemand herumkommandiert.
Aber diese Frau hatte gerufen: „Hey! Komm her.“ Ich empfand dies als den Gipfel der
Unhöflichkeit. Ihre Worte und ihr Tonfall hatten meinen Stolz verletzt. Aber überraschenderweise
gehorchte ich ihr wie ein sanftes Lamm. Ruhig ging ich zu ihr hinüber. Sie reichte mir ein Gefäß
und sagte: „Geh und hol mir etwas Milch. Ich möchte gerne einen Tee trinken.“ Sie gab mir
nicht einmal Geld.
Jedenfalls ging ich zum nahen gelegenen Basar von Nainital und kaufte Milch für sie. „Setz
dich“, befahl sie, als ich mit der Milch zurückkam. Wieder gehorchte ich sanftmütig. Sie reichte
mir ihr Chillum, aber ich sagte: „Nein, ich rauche nicht.“
„Was!“, rief sie. „Wenn ich dir etwas anbiete, solltest du es besser annehmen.“ Zögernd nahm
ich einen langen, tiefen Zug. Es schmeckte mir überhaupt nicht. Ich sagte mir: „Tee ist gut,
Kaffee ist gut, sogar Schokolade ist gut. Aber dieses Chillum? Das ist nichts als
geschmackloser Rauch.“ Dennoch nahm ich gehorsam noch ein paar Züge.
Es waren auch ein paar andere Menschen da, aber keine gebildeten Leute, nur Dorfbewohner
ohne Bildung. Sie erzählte ihnen von Ajna Chakra, Kundalini, Nadis, Lokas und anderen
esoterischen Themen. Damals las ich Bücher von bedeutenden Swamis und Sannyasins wie
Swami Dayananda, Swami Vivekananda und Acharya Satyadev von der Aryasamaj. Ich las
Bücher über Kundalini und die Chakras. Während ich ihr zuhörte, erklärte sie jedes Thema sehr
genau. Ihre Beschreibungen waren äußerst verständlich und klar.
„Wovon in aller Welt redet sie?“ Ich war erstaunt. Ich hatte sie für eine rüpelhafte, törichte
Dorfbewohnerin gehalten, aber ihr Wissen über die esoterischen Wissenschaften war
erstaunlich. Ich schaute sie mir genauer an. Sie sprach über die Brahma und die Chitrini Nadis.
Nachdem ich endlich nach Hause zurückgekehrt war, gingen mir ihre Worte nicht mehr aus
dem Kopf. Sie war wirklich eine außergewöhnliche Frau.
Ich, der ich in einer Kshatriya Familie geboren und aufgewachsen war und nie von jemandem
einen Befehl angenommen hatte, begann ihr zu gehorchen wie ein Schoßhund. Bis zu diesem
Tag hatte mir niemand befohlen, ich solle dies oder jenes tun. Wenn es jemand wagte, dies zu
tun, lautete meine Antwort: „Pass auf! Wer erlaubt dir, mir zu sagen, was ich tun soll?“ Ich habe
immer wie ein König gelebt, der anderen befiehlt und sie herumkommandiert. Selbst wenn mein
Vater mir eine Anweisung gab, hörte ich nicht auf ihn. Einmal sagte er mir, ich solle die Gita
studieren. „Vergiss es, das tue ich nicht“, antwortete ich. Er versuchte mich zu zwingen. Ich
nahm eine Pistole, zielte auf ihn und sagte: „Ich werde sie nur lesen, wenn ich es will. Sprich
kein einziges Wort mehr davon.“
Doch nun folgte ich jeder einzelnen Anweisung, die mir die Yogini gab. Sie rief mich und ich
ging zu ihr. Sie sagte mir, ich solle Milch holen und ich brachte ihr die Milch. Sie bat mich,
hinzusitzen und ich setzte mich. Sie reichte mir das Chillum und ich nahm es. Alles, was ich tat,
ging gegen meine Natur. Erst als ich nach Hause zurückkehrte, wurde mir klar, wie mächtig und
beherrschend ihre Persönlichkeit war.
Am nächsten Tag suchte ich sie wieder auf und so begann eine Reihe von Begegnungen. Ich
traf sie jeden Abend und sie erzählte mir ungefähr das Gleiche über Mooladhara Chakra, Ida
und Pingala Nadis, Prana und Swara, über das viele Swamis in ihren Büchern geschrieben
hatten. Manchmal sprach sie auch über die verschiedenen Zweige des Tantras wie Vamachara,
Kaulachara und Dakshinachara. Ihrer Meinung nach war Vamachara, der linke Pfad, der beste.
Das wollte mir nicht in den Kopf. Wenn Vama Marga tatsächlich der überlegene Pfad war, dann
müsste jeder, der dem „natürlichen Lauf der Dinge“ folgte, erleuchtet werden. Aber niemand
erlebte irgendeine Art von Kundalini Erwachen, es wurden nur immer mehr Kinder gezeugt!
Ihre Argumente in diesem Punkt befriedigten mich nicht.
Einmal fragte ich sie: „Woher hast du all dieses Wissen? Welche Bücher hast du gelesen?“
„Bücher?“, erwiderte sie scharf. „Ich weiß nicht einmal, wie man ein Buch hält!“
Das stimmte tatsächlich. Sie war Analphabetin und sehr hässlich, fett wie ein Büffel und
schwarz wie Kohle. Ihr Körpergeruch war äußerst widerwärtig. Sie badete nie, wechselte ihre
Kleidung nicht und putzte sich nie die Zähne. Ihre Sprache war sehr ungehobelt und vulgär.
Jeder zweite Satz endete mit einem Kraftausdruck. Jeder und Jede in ihrer näheren Umgebung
konnte Ziel einer Standpauke werden. Dennoch sprach sie mit großartiger Kompetenz über
Tantra, Kundalini und Nadis. Sie sprach ausführlich über die verschiedenen Stufen der
Selbstverwirklichung, erklärte den Ursprung der Unwissenheit und ihre endgültige Auflösung.
Sie sprach über Dinge, die in den erhabensten Schriften erwähnt werden, ohne den Bezug zu
diesen Schriften zu kennen.
„Würdest du mir Tantra beibringen?“ fragte ich sie eines Tages.
„Ja“, antwortete sie.
„Vama Marga, der linke Pfad? “ fragte ich erneut.
„Ja.“
„Shmashan Tantra, das Tantra, das auf dem Verbrennungsplatz geübt wird?“
„Ja.“
„Kapal Tantra, das Tantra, das mit Totenschädeln geübt wird?“
„Ja.“
Ich ging zu meinem Vater und erzählte ihm, dass ich eine tantrische Yogini nach Hause
einladen und Tantra von ihr lernen wollte. „Gut“, sagte er, „wie du willst.“ Ich lud sie in unser
Dorf ein und bald kam sie. Wir hatten eine wunderschöne Höhle am Fluss, in einer Ecke
unseres Grundstücks, und sie begann dort zu leben. Sie hatte strikte Anweisungen gegeben,
dass niemand dorthin kommen sollte. Sie begann schon am frühen Abend zu trinken, rauchte,
aß Fleisch und das die ganze Nacht hindurch. Sie rauchte Tag und Nacht Ganja in ihrem
Chillum, als ob es ihr eigener Atem wäre. Tagsüber warf sie alle ihre Kleider ab und schlief im
Freien wie ein riesiger Büffel. Ich glaube, wenn jemand sie in diesem Zustand gesehen hätte,
hätte er einen Herzinfarkt bekommen. So monströs und grotesk war ihr Aussehen.
Nachdem ich alle notwendigen Vorkerungen für ihren Aufenthalt getroffen hatte, kehrte ich
nach Almora zurück. Eine Woche später besuchte ich sie und fragte: „Was ist jetzt der Plan?“
„Komm um Mitternacht hierher“, antwortete sie. „Aber bring kein Gewehr mit“, fügte sie hinzu.
Im Dschungel von Kumaon kann man nachts nicht ohne Gewehr herumlaufen. Tiger,
Leoparden, Wölfe und andere wilde Tiere streifen überall umher. In dieser dunklen Nacht
musste ich ohne mein Gewehr 2,5 Kilometer durch den Dschungel laufen. Ich weiß nicht wie,
aber ich habe es geschafft, ihre Höhle zu erreichen. Und in dieser Nacht hatte ich tiefe
spirituelle Erfahrungen. Diese Erlebnisse waren nicht von dieser Welt, sie waren aber auch
keine bloßen Träume. Sie hatten mit dem Erwachen von Shakti zu tun.
Ich lernte Vama Marga von ihr und übte es etwa sechs Monate lang. Ich besuchte sie jedes
Wochenende und während dieser Zeit hatte ich erstaunliche Erfahrungen. Ich verlor die
Bewusstheit für meinen Körper und mein Bewusstsein schwebte über die irdische Ebene
hinaus, wo weder Sonne noch Mond existieren. Ich muss sie in dieser Zeit etwa 50 mal besucht
haben. Ich blieb die ganze Nacht bei ihr und kehrte am Morgen nach Hause zurück. Jede
Nacht musste ich Schnaps trinken. Sie brauchte auch Fleisch, wofür ich sorgen musste.
Obwohl ich in dieser Zeit viele überwältigende Erlebnisse hatte, verlor ich weder mein geistiges
Gleichgewicht noch meine mentale Gesundheit. Ich behielt die Kontrolle über mich, ging zur
Schule, erschien zu meinen Prüfungen und nahm an allen anderen Schulaktivitäten teil. Auch
war ich Klassensprecher und Kapitän der Schulmannschaft und musste für vieles
Verantwortung übernehmen. Ich verhielt mich normal und erfüllte alle meine Pflichten
gewissenhaft.
Aber innerlich hatte ich die gleiche Erfahrung, wie Kaka Bhushundi in Lord Ramas Mund. Erst
nachdem ich über Kaka Bhushundi im Ramacharitamanas gelesen hatte, verstand ich meine
eigene Erfahrung. Ich hatte genau die gleiche Erfahrung wie Ma Yashoda, als der kleine
Krishna seinen Mund für sie öffnete. Ich verstand es, als ich die Beschreibung in der
Bhagavata Purana las. Die Yogini schenkte mir eine transzendentale Erfahrung, die außerhalb
der Grenzen meines Körpers, meiner Sinne, meines Verstandes und jenseits aller Definitionen
und Beschreibungen lag, die in meinem gesamten Wortschatz existierten. Diese Erfahrung wird
im Allgemeinen als Shaktipat bezeichnet, aber sie nannte es Gnade.
Sie war eine sehr kompetente Lehrerin. Ihr Name war Sukhman Giri und sie war eine Sannyasini
des Juna Akhara. Eines Tages sagte sie plötzlich: „Ich gehe.“
„Dann weihe mich bitte ein, bevor du gehst“, flehte ich sie an.
„Nein“, antwortete sie mit Nachdruck, „ich gebe niemandem eine Einweihung. Du musst
deinen eigenen Guru finden.“
Dann fügte sie hinzu: „Ich bin diejenige, die dir diese Erfahrungen geschenkt hat. Du hast sie
nicht selbst verdient. Dies ist nur ein kleiner Einblick in die übersinnlichen Reiche, die ein
Anwärter irgendwann auf seiner spirituellen Reise erfahren muss. Geh nun und erwirb dir diese
Erfahrungen selbst.“
„Wie?“ fragte ich.
„Such deinen Guru“, sagte sie und ging rasch davon.
Von diesem Zeitpunkt an suchte ich weiter nach demjenigen, der mir helfen würde, diese
schwer fassbaren Erfahrungen wieder zu erlangen …
•••••••
Im folgenden Artikel schildert Swami Satyananda, wie Swami Sivananda ihm eine Lektion zum
Thema Entsagung erteilte.
Swami Sivanandas praktische Unterrichtstechniken 22.5.2023
Eines Tages kam Swami Sivananda, um mein Zimmer zu inspizieren. Er schaute in meinen
Schrank. Er war leer. Auch das Bett war leer. „Hast du nicht einmal ein Glas zum Trinken?“,
fragte er.
„Nein, das habe ich nicht“, antwortete ich.
„Warum?“, fragte er.
„Weil ich nicht gerne viele Dinge horte und aufbewahre“, entgegnete ich ihm.
„Was! Wo hast du diesen Unsinn gelernt?“ rief Swami Sivananda. Er war ein Mann der wenigen
Worte. Er sprach nur, was nötig war. Als er am Abend in sein Kutir hinunterging, wies er an,
dass acht Matratzen, Steppdecken, Moskitonetze, acht Gläser, ein Petroleumkocher, eine
Flasche Petroleum und ein Paket mit Tee und Zucker in mein Zimmer gebracht werden sollten.
Ich konnte nicht verstehen, warum all diese Dinge in mein Zimmer geschickt worden waren. Ich
dachte, dass mein Zimmer vielleicht als Lager dienen sollte. Also stellte ich die Sachen in eine
Ecke und vergaß sie.
Viele Tage später besuchte Swamiji wieder mein Zimmer. Er schaute sich alles an und fragte
dann: „Brauchst du den Tee, den ich dir geschickt habe?“
„Nein“, sagte ich.
Swamiji hat mich so in die Enge getrieben, dass ich schon am nächsten Tag anfing, Tee zu
kochen. Und ich begann auch, mein Zimmer abzuschließen.
Eines Tages kam Swamiji wieder vorbei und fragte: „Ist der Tee aufgebraucht?“
„Nein“, antwortete ich, „Ich mache jeden Tag nur wenig.“
© Satyananda Yoga Freundeskreis. Vervielfältigung und Weiterverbreitung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung von SYF.
yoga-freundeskreis.de | admin@yoga-freundeskreis.de
„Für wen machst du ihn?“, fragte er.
„Für mich natürlich“, sagte ich.
„Ach!“, schimpfte er, „warum rufst du nicht Madhavananda, Krishnananda und die anderen und
gibst ihnen auch Tee?“
„Was für eine Qual!“ sagte ich zu mir selbst. „Hier war ich ohne ein einziges Glas und jetzt
muss ich Tee für zwei machen!“ Als Swami Sivananda schließlich erkannte, dass dieser dumme
Schüler völlig blind für seine Lehren war, rief er mich zu sich und sagte: „Schau Satyam! Es ist
nichts Falsches an Geld und Besitz, Matratzen und Decken, Tee und Zucker – du kannst alles
haben, solange du es für andere nutzt. Diejenigen, die selbst keinen Tee trinken, können ihn
trotzdem für Andere zubereiten.“
Dann fragte er: „Studierst du die Gita?“
„Ja“, antwortete ich und fügte hinzu, „regelmäßig.“
„Von heute an hörst du auf, dieses Buch zu studieren. Beginne stattdessen, reichlich Geld bei
dir zu haben. Beziehe fünf Zimmer statt eins. Behalte 30 Matratzen. Gib jedem, der in dein
Zimmer kommt, Tee. Gib den Kranken Medizin.“
„Ist dies das richtige Verhalten für einen Sannyasin?“, fragte ich skeptisch.
„Sobald du erkennst, dass andere durch ein solches Verhalten große Freude und Trost
erfahren, wird sich dein eigenes Glücklichsein vervielfachen. Deshalb sage ich zu dir, behalte
alles. Behalte Medikamente und gib sie den Kranken, behalte Decken und gib sie den
Bedürftigen.“
„Das ist alles schön und gut, Swamiji“, sagte ich, immer noch nicht überzeugt, „aber es ist sehr
heikel. Es ist sehr einfach, in die Falle von Maya zu tappen.“
„Nein“, sagte Swamiji und schüttelte den Kopf. „Wenn du die Herrlichkeit von Seva, die Größe
des Dienens, verstehen willst, dann ist dies mit Sicherheit der Weg, dem du folgen solltest.
Andere erfahren durch solche Taten Trost und Glück. Wenn du das erkennst, wirst du dich
selbst glücklich und zufrieden fühlen.“
Von da an verwandelte sich mein Zimmer in ein wahres Museum – Medizin, Briefumschläge,
Briefmarken, Bleistifte, Füller – einfach alles konnte man in meinem Zimmer erhalten. Jemand
kam in mein Zimmer und sagte: „Ich brauche diese und jene Sache.“
„Klar“, antwortete ich, „es ist in jener Ecke. Bediene dich.“
Jemand kam stöhnend: „Swamiji, ich habe furchtbare Bauchschmerzen.“
„Hier, nimm diese Medizin“, sagte ich, „Dann geht es dir bald wieder gut.“
Allmählich wurde mir klar, dass Entsagung nicht bedeutet, dass man physische Objekte
aufgibt. Vielmehr ist es der Verzicht auf Selbstsucht. Nicht für sich selbst, sondern für andere
zu arbeiten, ist wahre Entsagung. Kaamyanam karmanaam nyaasam – „Die Entsagung von
selbstsüchtigen Wünschen und Handlungen ist Sannyasa“; nun war ich in der Lage, diesen
Vers aus der Gita vollständig zu würdigen.
Im folgenden Artikel schildert Swami Satyananda, wie ihm Swami Sivananda eine Lektion zum
Thema Gehorsam erteilte.
Schlimme Folgen des Ungehorsams 12.6.2023
In Haridwar fand gerade die Kumbha Mela statt. Die Menschen kamen und gingen in großer
Zahl. Auch ich beschloss, zur Mela zu gehen und in der heiligen Ganga zu baden. Aber Guruji
sagte: „Satyam, morgen findet eine besondere Puja statt und du bist für die Zubereitung des
Prasad verantwortlich. Du wirst morgen nicht an der Mela teilnehmen können.“
Das Kind in mir rebellierte gegen diese Anweisung. „Natürlich werde ich gehen“, sagte ich mir.
„Ich werde meine Pflichten erfüllen und dann gehen, was sonst!“
Um Mitternacht fing ich an, meine Aufgaben zu erledigen. Am frühen Morgen war das Prasad
fertig und ich machte mich auf den Weg zur Mela …
Als ich mich auf dem Weg zum Bade Ghat in Haridwar befand, drängte sich eine große
Menschenmenge in meine Richtung und in dem daraus resultierenden Gedränge verlor ich
mein Oberteil. Die Menschenmenge war so groß, dass es schwierig war, sich überhaupt
umzudrehen, geschweige denn etwas zu suchen. Irgendwie schaffte ich es, das Ghat zu
erreichen. Ich stieg ins Wasser, aber auch dort wimmelte es nur so von Pilgern. Jemand trat auf
eine Ecke meines Dhotis (Anmerkung: Indisches Beinkleid, bestehend aus einem grossen
Tuch). Bevor ich das Gleichgewicht meines Körpers oder die Kontrolle über mein Dhoti
wiedererlangen konnte, strömte eine weitere große Menschenmenge herbei und siehe da, auch
mein Dhoti verschwand. Die schmachvolle Entkleidung von Draupadi kam mir in den Sinn …
Ich stand hüfttief im Wasser, ohne einen Fetzen Kleidung am Körper. Ich bedauerte mein
Schicksal und erinnerte mich an die Ermahnung meines Gurus. Ich schaute mich um, in der
Hoffnung, einen Bekannten zu finden, aber es war kein vertrautes Gesicht in der Nähe. Ich
sprang aus dem Wasser und versuchte verzweifelt, meine Scham zu verbergen, indem ich
schnell auf den nächsten Baum zusteuerte. Irgendein Pilger muss in der Nacht zuvor ein Feuer
unter dem Baum angezündet haben. Die Asche kam mir sehr gelegen. Schnell bestrich ich
meinen ganzen Körper mit der Asche und tat mit geschlossenen Augen so, als wäre ich in
tiefer Meditation versunken. „Da es so viele Naga Sadhus gibt“, sagte ich mir, „sollte einer mehr
keinen Unterschied machen …“
Meine List tat ihre Wirkung. Einige Pilger hielten mich für einen großen Siddha Naga und legten
mir Geld und Essbares zu Füßen. Bald wurde aus dem Rinnsal ein Wolkenbruch und vor mir
sammelte sich ein Haufen Geld, Früchte und Süßigkeiten. Es vergingen Stunden, aber ich
bekam keine Tücher als Spende. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass jemand vor mir stand und
mich ansah. Als ich meine Augen öffnete, fiel mein Blick auf einen Bekannten. Er war
schockiert, mich in diesem Zustand zu sehen.
„Ich habe jetzt keine Zeit zum Reden“, sagte ich ungeduldig. „Hole mir schnell ein paar
Klamotten und befreie mich aus diesem Dilemma. Ich werde dir später alles erklären.“
Als ich mich schließlich auf den Weg zurück zum Ashram machte, sah ich Swami Sivananda
am Tor stehen. Vielleicht hatte er auf mich gewartet. Sobald er mich sah, fragte er lächelnd: „So
Satyam, wie geht es dir? Du siehst aus, als könntest du einen Kleiderwechsel gebrauchen …“
Inzwischen lachte er.
Ich fiel ihm zu Füßen und sagte: „Ich habe den Preis dafür bezahlt, dass ich deine
Anweisungen nicht befolgt habe. Bitte verzeih mir. Ich werde nie wieder den Fehler begehen,
dir nicht zu gehorchen.“ Abschließend kann ich nur sagen, dass sein innerer Blick jede Minute,
jeden Augenblick auf seine Lernenden gerichtet war, sie bewachte und beschützte.
