Swami Satyananda schrieb Anfang 1954 folgenden Essay. Die Sannyasa Ideale waren sein
ganzes Leben lang die inspirierenden Kräfte seiner Persönlichkeit. Der Text ist im Buch Mere
Aradhya (dt. Ausgabe Seiten 363-367) abgedruckt.
Ich bin ein Sannyasin
Der Mensch hat den Weltraum erobert, die riesigen Ozeane durchquert, die ungeheuren
Weiten des Universums vermessen. Er hat die Tiefen der Ozeane erforscht, Myriaden von
Geheimnissen der Natur entlockt, hat verschiedenste Philosophien erdacht und Religionen
gegründet. Hat sein Leid und seinen Schmerz unterdrückt, hat die beiden Ufer von Geburt und
Tod mit dem Leben zusammengeführt, das Göttliche entdeckt und ist sich bewusst geworden,
dass es jenseits, als Urgrund von allem, ewiges Leben gibt. Er hat alles erreicht, alles verloren,
alles gesehen. Trotzdem ist der Mensch unvollständig. Sehnsüchte sind unerfüllt und ständig
wird er von dem gequält, was ihm fehlt. Der Tod ist das Ende und die Geburt der Anfang der
Entdeckungsreise, die sich Leben nennt.
Der Tod vollendet das Leben und das Leben vollendet den Tod. Weder Dharma noch Karma,
Yoga, Mantra oder Tantra können das Leben vervollständigen und abrunden. Selbst die durch
ein yogisches und spirituelles Leben gepriesene Vollkommenheit ist so echt wie der gebildete
und wohlhabende Sohn einer unfruchtbaren Frau (d.h. nicht vorhanden).
Dieses Problem besteht bis heute. Niemand hat es bislang zu lösen vermocht. Yogis, Jnanis,
Mahatmas, Asketen und Wissenschaftler – alle haben sich daran versucht und sind
gescheitert. Wir haben uns entweder in unserem individuellen Bemühen verloren, die
Bedeutung des Lebens zu erkennen, oder wir sind in den Versuchungen der materiellen Welt
versunken, oder haben alles vergessen in den flüchtigen Augenblicken spiritueller
Glückseligkeit. Der Eine hat nach Atman gesucht, der Andere nach Paramatman. Einer hat Gott
verwirklicht, ein Anderer ist im Glitzern des Weltlichen untergegangen. Einer schickte sich an,
den unendlichen Kosmos zu entdecken, ein Anderer ist tief getaucht, um die Geheimnisse der
Ozeane zu lüften und ein Weiterer griff nach den Sternen. Der Eine sehnte sich nach Frieden,
während der Andere einen Sturm entfachte. Keinem Einzigen ist es bisher gelungen, ein
umfassendes und alles einschließendes Konzept des Lebens zu realisieren.
Die Entwicklung des Lebens blieb auf einige wenige Bereiche beschränkt. Ein Hindu konnte
kein Muslim werden und genauso wenig konnte ein Muslim ein Hindu werden. Ein Grihastha
konnte kein Sannyasin sein und ein Sannyasin kein Grihastha. Der Eine hat gesagt, die Welt sei
real, ein Anderer bestand darauf, sie sei nicht real. Einer sagte „Alles ist Eins“, ein Anderer
sagte „Vieles“, während ein Dritter sagte „Am Anfang war Leere“. Je mehr wir suchten, desto
verwirrter wurden wir. Je mehr Wissen wir erlangten, desto unwissender wurden wir. Eine
Galaxie von Yogis, Jnanis, Heiligen und Mahatmas hat Jahrtausende lang gesucht – und
trotzdem konnte das Geheimnis des Lebens nicht entschlüsselt werden. Genau diese
Verwirrung aufzulösen ist heute unsere Aufgabe.
Wir haben verstanden, dass das Leben heilig ist. Es ist weder ein Fluch noch eine Sünde,
vielmehr ist es ein wunderbares Geschenk. Die Yogis und Bhaktas, die Menschen der
Wissenschaft und der Philosophie und alle Meisterinnen und Meister haben versucht, die
Lebensqualität zu verbessern. Aber was ist dabei herausgekommen? Ist es nicht so, dass bei
Allem die wahre Natur des Lebens verschleiert wurde? Wir müssen die Schleier auflösen, die
durch die religiösen Dogmen und Gebote der Schriften, der wahren Natur des Lebens
aufgedrückt wurden. Wir müssen die Farbschichten, die seit unvordenklicher Zeit dem Leben
aufgetragen worden sind, abwaschen. Das Leben ist einfach und rein, heilig und vollkommen.
Ob im Unendlichen oder im Winzigen, überall ist Leben. Es ist real und allgegenwärtig. Das
Kleid, das dem Leben umgehängt wurde, ist Prunk und Show, nichts anderes.
Lasst mein Leben weitergehen wie bisher, in die Richtung, in die es sich sehnt. Behaltet euer
Wissen, eure Philosophie, eure Spiritualität, eure Wissenschaft, euren sozialen Umgang, eure
Religion bei euch. Lasst mein Leben prächtig fließen, wie das eines Kindes. Lasst mich, frei von
Sorgen, fliegen wie die Vögel. Lasst mich unschuldig und unwissend bleiben. Ich will euer
Wissen und eure Kenntnisse nicht. Eure Bildung und eure Bücher brauche ich nicht. Ich
möchte in den Wäldern und Gebirgen umherstreifen. Lasst mich zusammen mit den Vögeln
singen, bringt mich nicht zum Schweigen. Lasst mich auf Pfaden gehen, die mit trockenen
Blättern bedeckt sind und dabei das Rascheln fühlen. Steht mir nicht im Weg. Lasst mich die
wunderbaren Naturschauspiele bestaunen, die sich bei Sonnenaufgang zeigen. Lasst mich im
Wald auf den Blättern ausruhen, in den Wassern der Flüsse baden und die himmlischen Lüfte
einatmen. Behaltet eure Zivilisation, euren Stolz, euren Ruhm und eure Religion. Steht mir nicht
im Weg. Ich will gehen, wohin ich will. Fesselt mich nicht mit euren Vorschriften und Gesetzen,
bringt mich mit eurem religiösen Glauben nicht vom Weg ab, besiegt mich nicht mit euren
wissenschaftlichen Argumenten. Führt mich nicht in die Irre.
Ich bin ein Vogel des freien Himmels
Ich bin der ständige Fluss des Nektars
Ich bin die ruhige, ewigwährende Glückseligkeit
Ich bin der leuchtende Stern der Freuden.
Vergeht, Tränen, Kummer und Sorgen
Das Gefängnis des Schmerzes wurde zerstört.
Wo jetzt noch Dornen den Pfad säumen,
Wird mein Weg mit Blumen geschmückt sein.
Ich bin ein Sannyasin, ich bin ein Sannyasin …